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Michael Rother: Magische Katzenmusik

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Krautrock-Pionier Michael Rother "Grönemeyer war unser Psychotherapeut"

Verehrt von Bowie, Eno und den Chili Peppers, in Deutschland lange verkannt: Krautrock-Pionier Michael Rother über das Neue an seiner Band NEU!, suspekte Gitarrenfinger und einen überraschenden Retter.
Zur Person
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Michael Rother, 1950 in Hamburg geboren, ist einer der prägenden Musiker der Krautrock-Ära. Schon ab Mitte der Sechziger spielte der Gitarrist in der Düsseldorfer Band Spirits of Sound; 1971 war er kurzzeitig Mitglied bei Kraftwerk. Zusammen mit Klaus Dinger gründete er danach die einflussreiche Band NEU!, später mit Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius die Gruppe Harmonia. Vier frühe Solo-Alben Rothers werden jetzt neu veröffentlicht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rother, stimmt es, dass David Bowie Sie damals zu den Aufnahmen zu seinem Album "Heroes" eingeladen hat?

Rother: Ja, das ist wahr. Im Sommer 1977 haben wir am Telefon lange geredet. Und es war sonnenklar für uns, dass ich nach Berlin kommen würde. Irgendwann wurde mir dann vom Management mitgeteilt, dass ich nicht gebraucht würde. Ich habe das hingenommen. Bowie erzählte 2000 in einem Interview, ich hätte ihm eine Absage erteilt. Seitdem glaube ich, sie haben ihn damals reingelegt.

SPIEGEL ONLINE: Wieso denn das?

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Michael Rother: Magische Katzenmusik

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Rother: Seine musikalische Entwicklung wurde damals von den Fans nicht nachvollzogen, die Verkaufszahlen gingen runter. Ein Manager, der die Karriere eines solchen Künstlers betreut, wird sich wohl gesagt haben: "Jetzt soll da noch so ein verrückter, unkommerzieller Musiker aus Deutschland kommen, der ihn weiter darin bestärkt, experimentelle Sachen zu machen?" Mir erscheint das plausibel.

SPIEGEL ONLINE: Brian Eno, der mit Bowie dessen Berlin-Trilogie produzierte, hatte da weniger Berührungsängste. Er besuchte Sie sogar im Weserbergland.

Rother: Er war 1976 bei Harmonia und mir zuhause. Wir haben ihn in Hannover vom Flughafen abgeholt und nach Forst gefahren, ein warmer Septembertag war das. Die Weser fließt direkt am Haus vorbei, jeden Morgen gibt es andere Lichtverhältnisse und Nebelschwaden. Ich glaube, das hat er sehr genossen. Wir haben zwölf Tage lang gespielt, ohne Druck, ohne Anstrengung. Ein bisschen eigenartig war nur, dass ich mit ihm seine Komposition "By This River" gespielt habe, die dann später als Kollaboration mit Cluster ausgewiesen wurde.

SPIEGEL ONLINE: "By This River" ist eines der schönsten Lieder, die es gibt.

Rother: Ja, oder? Das hat Eno bei mir komponiert, unter dem Eindruck der Weser neben dem Grundstück. Schade, denn meine Gitarre hätte da auch gut reingepasst.

SPIEGEL ONLINE: Apropos Gitarre: Ein weiterer Verehrer Ihrer Kunst ist John Frusciante, der viele Hits für die Red Hot Chili Peppers geschrieben hat.

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Rother: Genau, mit denen stand ich auch schon auf der Bühne. Starker Tobak. 2004 hatte Frusciante mich nach Los Angeles eingeladen, um Michael-Rother-Musik zu spielen. Ich dachte, wir improvisieren, aber nein: Der hatte eine richtige Setlist, die wollte er gerne abarbeiten. Ein Stück, "Palmengarten", hatte ich nie live gespielt und wusste gar nicht mehr, wie das geht. John zeigte es mir: "Michael, this is how you played it!" Das war sehr niedlich.

SPIEGEL ONLINE: Fanden Sie diese vereinnahmende Liebe der Engländer und Amerikaner zum Krautrock eigentlich nie seltsam?

Rother: Ach, Musiker wie Bowie und Eno waren auf ihre britische Tradition nicht so fixiert. Die hatten Kunst im Sinn und offene Ohren. Jeder Kreative holt sich Anregung oder erfährt Anregung. Und dann kommt es darauf an, wie weit er sich vom Objekt oder Original seiner Anregung entfernt.

SPIEGEL ONLINE: Die Musik von NEU! hingegen war seinerzeit genau das: neu. Wie war das möglich?

Rother: Ich habe damals keine andere Musik mehr gehört.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Rother: Als Gitarrist hatte ich alle Helden verinnerlicht, alle Klischees übernommen. Ich hatte versucht zu klingen wie Jimi Hendrix, wie George Harrison, wie Eric Clapton und alle zusammen. Irgendwann wusste ich aber, dass das nicht zu einer eigenen Identität führt. Da habe ich mir dann gesagt: "Jetzt hörst du dir nichts mehr an!" Bei diesen schnellen Gitarrenfingern weiß man ja gar nicht mehr, welchen Wert die einzelne Note hat. Das war mir alles suspekt. Ich wusste, ich will alles Gewohnte und Gelernte unterlassen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

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Rother: Ich ging stattdessen in die einzelnen Bauteile und versuchte, die Ausdrucksvielfalt auszuloten. Was ist mit einem Ton, auf nur einer Saite möglich? Die Dynamik, das primitive Moment der Musik. Rückblickend kann man es leicht verklären, aber damals war auch Unsicherheit im Spiel. Beim Harmoniewechsel im NEU!-Stück "Weißensee" hatte ich 1972 lange abgewogen, ob das nicht ein Rückfall war in alte Bombast-Klamotten. Aber es entsprach der Logik des Stückes, es ist ein Einatmen und Ausatmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wussten also genau, was sie taten?

Rother: Nicht immer. "Hallogallo" ist für mich das größte Mysterium von allen Stücken. Ich weiß nicht, wie das gekommen ist. Conny Plank hat das so außerordentlich gemischt, vielleicht war es das? Aber es stimmt, nach ein paar Jahren hatte ich die Sicherheit. Wenn man in ein offenes Feld tritt und weiß, da gibt es Sümpfe, ist man erst einmal vorsichtig. Dann aber kannte ich die Pfade, die hindurchführten.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Popularität im Ausland war Ihnen damals noch nicht bewusst?

Rother: Es muss 1994 oder 1995 gewesen sein, ein Freund in Hamburg hatte mich zu einem Konzert eingeladen. Ich kannte die Band nicht. Und ich dachte wirklich, ich höre mich selbst.

SPIEGEL ONLINE: Es spielte die britisch-französische Avantgarde-Popband Stereolab.

Rother: Genau, Stereolab waren das. Sehr nette Leute, mit der Sängerin Laetitia Sadier habe ich später auch gespielt. Sonic Youth, Two Cool Chicks Listenting To Neu, noch ein wenig später dann Radiohead: Die Musik wurde anderswo aufgegriffen, als hierzulande noch Düsternis herrschte.

SPIEGEL ONLINE: Düsternis?

Rother: Aus meiner Sicht schon. Meine Soloplatten liefen noch eine ganze Weile. Neu! aber waren in den frühen Achtzigerjahren aus den Läden verschwunden. Da veränderte sich auch die musikalische Landschaft. Irgendwann waren wir alle draußen. Ich war in New York, und mein Herz blutete, wie da stapelweise und tiefgestaffelt Massen von Neu!-Raubkopien angeboten wurden. In Sydney auch! Davon haben wir nie einen Pfennig an Lizenz gesehen. Die haben keine Gema gezahlt, nichts.

SPIEGEL ONLINE: Hinzu kamen Probleme mit Ihrem NEU!-Partner Klaus Dinger …

Rother: Er verhinderte damals, dass größere Labels uns veröffentlicht hätten. Da Klaus Dinger nicht mehr unter uns weilt, um sich zu verteidigen, bin ich vorsichtig mit einem Urteil. Aber Klaus war ziemlich verzweifelt damals, er brauchte Geld. Er hat ein bisschen anders gelebt als ich und war darin auch sehr öffentlich. Auf seiner Website schrieb er stolz, "more than 1000 LSD trips" eingeworfen zu haben. Auch veröffentlichte er einige Aufnahmen alter Sessions als NEU!-Musik, ohne mich zu fragen. Er war einfach ein sehr schwieriger Zeitgenosse. Und es war eine dunkle Phase.

SPIEGEL ONLINE: Bis Herbert Grönemeyer sich meldete?

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Rother: Quasi. Mit dem hatte niemand gerechnet. Der hat uns anderthalb Jahre förmlich verfolgt, auch als Psychotherapeut, in Einzelgesprächen und gemeinsamen Gesprächen. Um herauszufinden, wo es hakt. Herbert hat das mit seiner westfälischen Sturheit und seiner Energie hinbekommen, in einem ganz knappen Rennen …

SPIEGEL ONLINE: Und am Ende wurden die NEU!-Platten auf seinem Label Grönland wiederveröffentlicht.

Rother: Sie waren legal, sie waren wunderschön, sie waren bestens gemastert: Es war herrlich. Die Musik ging in die Welt hinaus und wurde innerhalb weniger Jahre deutlich besser verkauft als in den drei Jahrzehnten vorher.

SPIEGEL ONLINE: Wird es noch einmal neue Musik von Michael Rother geben?

Rother: Ich habe ein musikalisches Fundament gelegt. Ein Gerüst, in dem ich mich mit einiger Sicherheit bewegen kann. Ob ich in der Lage bin, mich davon zu lösen, um ein weiteres Plateau zu erreichen? Das ist vielleicht ein Auftrag. Derzeit erfreue ich mich daran, mit wie viel Freude meine Musik auf der ganzen Welt aufgenommen wird. Da lacht mein Herz, das mag man mir nachsehen.

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