Album der Woche mit Mine Don't walk away, Problemgespräch

Mit klugen Pop-Chansons über Eiscreme und Elefanten bringt uns die Sängerin Mine über die letzten Meter der Lockdown-Lethargie. »Hinüber« ist unser Album der Woche. Und: Neues von Girl in Red und Ja, Panik.
Sängerin Mine

Sängerin Mine

Foto: Simon Hegenberg / Virgin Music

Album der Woche:

Mine – »Hinüber«

Wenn der Tag am nächsten, ist die Nacht am tiefsten: So kann man die alte, in eine hellere Zukunft weisende Ton-Steine-Scherben-Losung auch ins Finstere wenden. Wir haben es fast geschafft. Der Impfturbo scheint zu laufen, die Inzidenzen steigen nicht mehr, der Sommer könnte Erleichterungen bringen. Aber jetzt, im Moment, scheint die Nacht noch tief zu sein, sind die Temperaturen niedrig, macht uns der lange Lockdown fertiger und fertiger. Wir sind einfach alle komplett hinüber.

»Hinüber«, so heißt auch das neue, sechste Album der Berliner Sängerin und Produzentin Mine, und es bringt diesen Zustand gerade noch zur rechten Zeit auf den Punkt. Gleich in den ersten Versen des Titelsongs, den Mine zusammen mit Sophie Hunger, einer musikalischen Verwandten, bestreitet: »Mein Kopf ist voll, die Füße kalt. Die ganze Welt hat sich auf meine Brust gesetzt.« Uff, ja. Aber die Musik, ein aggressives, drückendes Cello-Riff, zerrt einen aus der Lethargie: »So lang du nicht matt bist, lass ich dich nicht los. Ha!«, singt die 35-Jährige – und nimmt uns dann mit in ein melancholisches, zweifelndes, aber auch sehr wohltuendes Popalbum.

Diese Art von Zeitgeist-Pop macht Mine schon eine ganze Weile und ist damit auch immer erfolgreicher geworden, nicht zuletzt dank ihrer wiederholten Kollabos mit Rappern wie Danger Dan oder Fatoni. Ihr Sound ist oft so gefällig und scheint vordergründig manchmal so banal wie die Popschlager von Lea oder anderen Erbauungskünstlerinnen, aber Mine hat ähnlich wie Balbina, noch so eine Verwandte, ein Gespür für Musik und Sprache, das selten ist im deutschen Pop. Es ist ein Talent, aus Stanzen und Phrasen Wahrheiten herauszudrehen, aus dem Alltäglichen neue Bilder und Perspektiven zu formen. Auf »Hinüber« gelingt ihr das bisher am besten.

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»Bitte bleib« ist so ein Song, der einfach nur ein hüpfender Herzschmerz-Hit sein könnte, der Refrain aber geht so weiter: »Bitte bleib nicht, wie du bist« – und wendet sich damit gegen das trendige Achtsamkeitsmantra, sich immer treu zu bleiben. Aber nichts ist ja langweiliger und ignoranter als die gerade allgegenwärtige Abschottungsfloskel: »Das bin irgendwie nicht ich.«

So geht es weiter. »KDMH« erfindet eine Kurzformel für die Kommunikationskrise im Zoom-Zeitalter: »Kannst du mich hören?«, »Audiot« ist ein lässiger Diss-Track mit Crack Ignaz und Dexter über das Einerlei in den Charts (»Du magst Scheiße, aber es ist schon okay/ Es tut niemandem weh, nur ich kann’s nicht verstehn«).

Geht nämlich auch gewitzter: »Eiscreme« ist ein kommender Sommerhit mit lustig gniedelnden Gitarren über Hip-Hop- und Dance-Beats: »Ich brauche dich, wenn der Weltschmerz kickt«, flötet sie einem Lover zu, der natürlich aus zwei Kugeln und einer Waffel besteht. Und das Eis so im Off: »Ich schmelze, ich schmelze!« Es ist toll, und am Ende werden sogar noch Eisdielen im ganzen Land empfohlen, natürlich auch das »Duo« in ihrer Kreuzberger Nachbarschaft. Davor tanzt man dann den »Lambadaimlimbo«, aber müder hat man wohl noch nie die Hüften zu spanischen Gitarren geschwungen. Der Körper will schon zucken, aber das Gemüt ist noch zu träge.

Zum Glück kommt danach gleich »Elefant«, eine Elektro-Dance-Hymne wie von Roísín Murphy, in der sich die Protagonistin fragt, was eigentlich passiert, wenn man dem sprichwörtlichen Elefanten keinen Raum gibt, weil man ihm gar nicht erst die Tür aufmacht. Don’t walk away, Problemgespräch!

Aber es ist nicht alles nur Spaß auf diesem mit somnambuler Sinnlichkeit dahinflirrenden Album. Am Ende, in »Tier« und »Unfall« wird die Weltuntergangsstimmung von »Hinüber« wieder dringlicher, Mine hängt in der großen Vereinzelung dieser Zeit an den letzten Fäden vom Klebstoff (so hieß ihr letztes Album), der das Leben zusammenhält. Sie hinterfragt Privilegien und Wohlstand, Freiheit und Arbeit: »Alles nur geliehen, alles Geld, alles Glück?« Am Ende seufzen wieder Streicher, diesmal melodramatisch, und Mine ruft ins Schluss-Crescendo: »Die Welt brennt, die Welt ist ein Unfall« hinein. Aber dieses Album ist es nicht. Los, aufrappeln, Mine bringt uns über die letzten Meter. (8.0)

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Kurz abgehört:

Cro – »Trip«

Wenn man seit Monaten auf Bali in der Sonne sitzt wie Schlager-Rapper Cro , kann man natürlich alles gerade »Nice!« finden: fair enough, aber auch krass privilegiert. Am besten man überspringt den banalen, bei Daft Punk bis Harry Styles geklauten funky »Solo«-Part dieses Doppelalbums und widmet sich dem zumindest musikalisch interessanteren Sixties-Psychedelik-»Trip«. Ist aber leider auch nur eine weitere Maske, um das künstlerische Vakuum zu verbergen. Das Ganze ist so tolldreist epigonal und leichtgewichtig, dass es schlicht der Pop-Blockbuster des Sommers werden muss. Pfffff. (2.0)

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Girl in Red – »If I Could Make It Go Quiet«

Die Frage »Are you listening to Girl in Red?« gilt in queeren Kreisen bereits als Erkennungs-Chiffre, jetzt veröffentlicht die junge Norwegerin Marie Ulven ihr Debütalbum. Musikalisch überrascht es mit einem Revival des nervösen Emo-Indierocks der frühen Nullerjahre. In ihrer stürmischen, sympathisch rabiaten Lyrik taumelt Ulven zwischen Depression, Verknalltheit und Sex-Drive – und hat mit dem von Finneas produzierten »Serotonin« mindestens einen Hit. Leise wird’s hier nicht. (7.5)

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Ja, Panik – »Die Gruppe«

Die Texte des seit sieben Jahren ersten neuen Albums der zwischen Wien und Berlin, Deutsch und Englisch oszillierenden Band Ja, Panik, sind größtenteils vor Corona entstanden. Aber sie klingen wie gemacht für den aktuellen Gemüts-Lockdown: Sänger Andreas Spechtl fühlt sich wie ein »Kopf ohne Körper«, das Leben ist nur ein Traum »on Livestream«. Die Musik, traditionell Indierock, löst sich in elektronischem Zischen und verwehenden Saxofon-Sounds auf wie das neoliberal vereinzelte Individuum in der solidarischen Gruppe dieser Pop-Utopie. Klug und klassenkämpferisch. (8.2)

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Dawn Richard – »Second Line«

Die »Second Line« ist bei der Mardi-Gras-Parade in Dawn Richards Heimatstadt New Orleans die oft etwas disparate, aber sehr ausgelassen tanzende zweite Reihe. Im Hintergrund war die US-Musikerin aber lange genug, als Cheerleaderin, Cartoon-Animateurin und Mitglied der Casting-Band Danity Kane. Ihr neues Album soll ein »Electro Revival« sein und wirft R&B, House, Trap, Cajun-Tradition und Beethoven (!) in einen afrofuturistischen, elektrisierenden Mix. Vielleicht ein bisschen ungeordnet, aber toll. (8.0)

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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

Abgehört im Radio

Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Webradio ByteFM  ein »Abgehört«-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte. Seit 1. Januar 2022 sendet ByteFM in Hamburg auch auf UKW (91,7 und 104,0 MHz).

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