Album der Woche mit Mitski Flashdance im Irrgarten der Seele

Die gefeierte US-Sängerin Mitski hatte der Musik bereits den Rücken gekehrt, jetzt wagt sie sich mit bittersüßem Pop zurück: »Laurel Hell« ist unser Album der Woche. Und: Neues von Black Country, New Road.
Musikerin Mitski: Die grausame Schönheit der Lorbeerrose

Musikerin Mitski: Die grausame Schönheit der Lorbeerrose

Foto:

Ebru Yildiz

Album der Woche:

Mitski – »Laurel Hell«

Die im Osten der USA heimische Lorbeerrose hat schöne Blüten und sattgrüne Blätter, doch hinter all der prächtigen Lieblichkeit lauern Toxine und ein Dickicht, aus dem Wandernde sich manchmal nur schwer wieder lösen können. »Laurel Hell«, Lorbeerhölle, nennen die Einheimischen dieses giftige, oft weitverzweigte Gewächs. Ein passender Name für das neue, sechste Album der Musikerin Mitski Miyawaki, 31, das es eigentlich gar nicht geben sollte.

Denn im Herbst 2019, auf dem Höhepunkt ihres Ruhms als gefeierte Indiepop-Heldin, kündigte Mitski ihren Rückzug aus der Branche an. »Als die Welt mich in diese Position hob, war mir nicht klar, dass ich diesen Deal einging, bei dem ich mich im Gegenzug für die Aufmerksamkeit selbst opfern sollte«, sagte die US-Amerikanerin mit japanischen Wurzeln kürzlich in einem Interview  mit dem US-»Rolling Stone«.

Sie sagt, sie habe das Gefühl gehabt, die Fans wollten zu viel Privates von ihr wissen. Aber hatte sie mit ihren Songs, die unter glitzerndem Pop immer auch dunkle Abgründe offenbarten, nicht schon genug vom eigenen Seelenirrgarten preisgegeben, zuletzt auf ihrem um Resilienz ringenden Album »Be the Cowboy«?

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Mitski stellte bald fest, dass sie ohne ihre Musik doch nicht weiterleben will. Zudem schuldete sie ihrer Indie-Plattenfirma Dead Oceans noch ein weiteres Album. Ihr neuer Song »Working for the Knife«, der sich in grandioser Schönheit dahinschleppt, thematisiert mit melancholischer Melodie dieses Dilemma, sich ans Messer ihrer Karriere liefern zu müssen, auch wenn es schmerzt.

In mitreißenden Synthiepop-Hymnen wie »There’s Nothing Left for You« oder »Love Me More«, das auch im Videoclip den Soundtrack des Achtzigerjahre-Ermächtigungsklassikers »Flashdance« und Michael Sembellos Hit »Maniac« zitiert, erzählt sie den Konflikt zwischen Performance-Scheu und Publikumsgier als Beziehungsdrama.

Wo früher oft noch Echos jener beschwerenden Gitarren aus den frühen Tagen ihrer Karriere durch die Lieder sägten, herrscht jetzt selbstbewusste, wenn auch bittersüße Pop-Leichtigkeit. Befreit hat sich Mitski noch nicht, aber immerhin tanzt sie jetzt freiwillig durchs Gestrüpp ihrer Karriere. Aus der verbliebenen Anspannung zieht die kurze halbe Stunde von »Laurel Hell« ihre Kraft für ein sehr gutes Popalbum über die Seelennöte eines Stars. (7.9)

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Kurz abgehört:

Black Country, New Road – »Ants From Up There«

Mit Sängern haben die Musiker:innen von Black Country, New Road wenig Glück: Der Frontmann der Vorgängerband Nervous Conditions musste nach Vorwürfen sexueller Belästigung gehen, Gitarrist Isaac Wood übernahm und entpuppte sich zunächst als sensibler, assoziativer Vokalist für die emotionalen Zustandsskizzen der Band. Doch das Debütalbum, vollgestopft mit halsbrecherischen Highspeed-Stilcollagen aus Klezmer, Free Jazz und experimentellem Post-Punk, erschuf 2021 einen Hype um die Band als Rock-’n’-Roll-Manifestation der Generation Z, dem Wood offenbar nicht standhielt.

Kurz vor der Veröffentlichung von »Ants From Up There« kündigte er diese Woche  seinen Abschied von der Band an. Was nun? Nimmt man das neue Album als Maßstab, ist immer noch alles offen für die Zukunft: Auch wenn die Geschwindigkeit zugunsten eines fiebrig-feierlichen, anschmiegsameren Arcade-Fire-Sounds gedrosselt wurde, spielen die sieben Mitglieder ihre Musikalität immer noch bis zur Erschöpfung aus, als ginge es bei jedem Akkord, jedem Ton ums nackte Überleben.

Im nervösen »Bread Song« zum Beispiel, der inspiriert ist von Steve Reichs Technik des Takthaltens, bis einer nicht mehr kann, und so atemraubende Intensität erlangt. Gesang braucht diese Gruppe nicht zwingend, wie die fast kitschige Saxofonetüde »Mark’s Theme« beweist, die an einen an Covid-19 verstorbenen Onkel gerichtet ist. Vielleicht ist das das Lockdown-Album, das alle anderen Lockdown-Alben mit seiner Komplexität und Emo-Wucht ins Regal drückt. (8.2)

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Los Bitchos – »Let The Festivities Begin!«

Aber wer sagt, dass aus London dieser Tage nur interessanter, komplexer Post-Post-Punk kommt? Es gibt auch weirde britische Weltmusik: Los Bitchos sollten klingen wie ein Clash aus Van Halen und den Cocteau Twins – aber aus der Türkei, sagt die aus Australien stammende Frontfrau und Gitarristin Serra Petale über ihre angeblich sehr trinkfeste all-female Partyband. Das Ergebnis ist ein gutmütig übergriffiger Disco-Retro-Funk mit anatolischen, lateinamerikanischen und Afrobeat-Einflüssen – eine Art multiethnischer Western-Soundtrack mit Twang und Tschiggeding, in Cinemascope produziert von Franz Ferdinands Alex Kapranos. So albern, dass es cool sein könnte. (7.1)

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The Jazz Butcher – »The Highest in the Land«

Ein notorischer Pirat, der sogar nach seinem Untergang noch die Weltmeere des Pop unsicher macht – so sah sich vielleicht der im vergangenen Oktober zu früh an Krebs verstorbene Pat Fish. Die Zeile »One more shot for Davy Jones, better make it fast« aus seinem trotzig-todesahnenden Song »Time« könnte man jedenfalls so lesen. In den Achtzigerjahren erlangte Fish alias The Jazz Butcher mit idiosynkratischem Indie-Pop bescheidenen Ruhm auf dem Creation-Label von Alan McGee. Mit dem nun posthum erscheinenden Album »The Highest in the Land« hinterlässt er eine Schatztruhe voller Brexit-Blues und sentimentaler, sardonischer Existenzialismushymnen. Möge er in himmlischer »Soul Happy Hour« ruhen. (7.5)

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Yeule – »Glitch Princess«

Noch ist es diesem Multiverse, in das uns Meta-Chef Mark Zuckerberg alle schicken will, ziemlich einsam. Nat Ćmiel, eine junge aus Singapur stammende, jetzt in London lebende Frau, geistert wahlweise als selbst ernannter Cyborg oder entkörperlichter Avatar schon seit einigen Jahren in dem digitalen Wasteland herum – sehr traurig, schwer depressiv und manisch sehnsüchtig auf ihrem zweiten Album »Glitch Princess«.

»Take me somewhere pretty / Pretty enough to fill this empty«, flüstert sie mit Hentai-Mädchenstimme in »Too Dead Inside«. Aber in der grenzen- und genderlosen Virtual Reality, offenbar ein schrecklich unbehauster Ort, findet sie wenig Connection und Trost. Die zischende, fiepende, oft stumpf pochende Elektronik, die zu ihren Gesängen durch allerlei Stile und Genres hibbelt und hallt, produzierte Yeule zusammen mit Danny L. Harle vom Label PC Music, das für diese Art Zukunftspop berüchtigt ist. Festhalten kann man sich immerhin an der schönen Akustikballade »Don’t Be so Hard on Your Own Beauty«. Ganz far out im 21. Jahrhundert. (8.0)

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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

Abgehört im Radio

Mittwochs um Mitternacht (0.00 Uhr) gibt es beim Hamburger Webradio ByteFM  ein »Abgehört«-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte. Seit 1. Januar 2022 sendet ByteFM in Hamburg auch auf UKW (91,7 und 104,0 MHz).

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