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Modfather Paul Weller: "Unbequem und ungewöhnlich klingen"

Foto: Chris Jackson/ Getty Images

Modfather Paul Weller "Stop, fuck you, da mache ich nicht mit!"

Castingshows will er verbieten, die britische Demokratie findet er armselig: Britpop-Übervater Paul Weller gibt sich politisch und wütend wie lange nicht. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Polit-Frust, sein neues Album "Wake Up The Nation" und die Ethik der Arbeiterklasse.

SPIEGEL ONLINE: Ihr letztes Album "22 Dreams" galt als Meisterwerk des Folkrock. Jetzt erscheint Ihre neue Platte, die vollkommen anders klingt. Was ist passiert?

Weller: Wir waren wahnsinnig erfolgreich mit "22 Dreams", obwohl es eine Art Konzeptalbum war, damit hätte ich gar nicht gerechnet. Andererseits wollte ich auch keinen zweiten Teil davon machen. Ich hatte ohnehin keine Songs mehr übrig. Es gab auch überhaupt keine Pläne, in nächster Zeit eine neue Platte zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

Weller: Dann schickte mir Simon Dine, der "22 Dreams" produziert hatte, zehn kleine Skizzen, eigentlich waren es nur ein paar Loops. Damit sind wir ins Studio gegangen - und innerhalb einer Woche hatten wir sechs neue Songs, die alle sehr urban und aufregend klangen, sehr metallisch und rockig. Für mich eine völlig neue Art zu arbeiten: Ich hatte keine vorgeschriebenen Texte, nur diese Sound-Splitter, auf denen wir alles andere aufgebaut haben. Es war, als würde man ohne Sicherheitsnetz arbeiten, sehr irritierend. Aber eben auch gut, nach all den Jahren zu entdecken, dass es noch andere Herangehensweisen ans Songwriting für mich gibt.

SPIEGEL ONLINE: Alles neu, alles frisch - hat das auch etwas damit zu tun, dass Sie vor zwei Jahren 50 geworden sind?

Weller: Ach, ich weiß nicht. Viele Leute, die 50 werden, sind total verankert in ihrem Leben, und das ist wahrscheinlich gut so. Aber für mich gilt das nicht, mein Leben ist viel zu sehr darauf ausgerichtet, sich zu verändern und weiterzuentwickeln, das war schon immer so. Von daher geht es für mich nur darum, was als nächstes kommt. Und damit dann umzugehen. Wer weiß, was noch so passiert?

SPIEGEL ONLINE: Es gab jede Menge Veränderungen in den letzten beiden Jahren: Ihr Vater, gleichzeitig Freund und langjähriger Manager, ist gestorben. Und dann haben Sie sich von Ihrer Lebensgefährtin getrennt, mit der Sie seit den Neunzigern zusammen waren. Hatten diese privaten Dinge mit Ihrer musikalischen Neu-Orientierung zu tun?

Weller: Ich vermisse meinen Dad, weil ich meinen Kumpel vermisse. Aber ich glaube, ich komme damit ganz gut klar. Sein Tod kam ja nicht überraschend, er war die letzten vier Jahre sehr krank. Natürlich bin ich traurig: Wir hatten ein großartiges Leben zusammen. Und wir waren wirklich mehr Freunde als alles andere. Ich konnte mit ihm über alles reden, das ist sehr, sehr selten. Das muss man sich vor Augen führen und sich darüber freuen. Davon abgesehen fühle mich wohl in meiner Haut und mit mir selbst. Ich habe mich in eine andere Frau verliebt, ich habe Spaß an dem, was ich mache, und ich habe auch ganz schön viel um die Ohren. Und bin sehr froh darüber, dass ich immer noch etwas zu sagen habe.

Castingshows? Verbieten!

SPIEGEL ONLINE: Auf dem neuen Album ist von den Verlusten, die Sie erlebt haben, nichts zu hören. Man hätte ja erwarten können, dass Sie die privaten Erschütterungen in Songs umwandeln, um besser damit umzugehen.

Weller: Himmel, nein, dafür bin ich wirklich zu alt. Außerdem wäre das viel zu früh, so etwas braucht Zeit. Und dann bin ich nicht sicher, ob sich die Leute nicht langweilen, wenn ich meinen Privatkram ausbreite und verarbeite. Ich glaube, das kann ich nicht machen. Ernsthaft nicht.

SPIEGEL ONLINE: Stattdessen wollen Sie die Nation wachrütteln mit ihrem schroffen, lauten Album "Wake Up The Nation". Sie nennen die Platte "politisch mit einem sehr kleinen p". Woher kommt Ihr neues Sendungsbewusstsein? Sie hatten sich doch in den Achtzigern davon verabschiedet, sich politisch zu äußern.

Weller: Ich bin sehr zögerlich, es wirklich politisch zu nennen, aber ich bin schon sehr frustriert über die Zustände, vor allem natürlich in England. Der demokratische Prozess ist komplett zum Erliegen gekommen! Wir trotten nur noch den Politikern hinterher und folgen bereitwillig dahin, wo man uns hinführt, obwohl wir eigentlich sagen sollten: "Stop, fuck you, da mache ich nicht mit!" Wenn man uns sagt, wir sollen aufhören zu rauchen, hören wir auf zu rauchen. Wenn die sagen, wir marschieren im Mittleren Osten ein, marschieren wir ein. Es gibt keine öffentliche Diskussion mehr.

SPIEGEL ONLINE: Gegen den Krieg im Irak sind allein in England Tausende auf die Straße gegangen.

Weller: Ja, aber das war doch nur eine armselige Inszenierung von Demokratie! Millionen haben demonstriert, aber hat es irgendwas bewirkt? Nein, sie sind trotzdem in den Krieg gezogen. Und sie hatten sich ohnehin lange vorher darauf geeinigt, dass sie es tun würden. Selbst wenn sich das Volk erhebt, hört man ihm nicht mehr zu. Ich finde das, wie viele andere Leute auch, sehr frustrierend. Es gibt in England eine große Unzufriedenheit mit der politischen Klasse, sehr viel Unmut und Frust, aber keiner weiß, wohin damit.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie damals, Ende der Siebziger, The Jam gründeten, hatten Sie zumindest die Musik, um Ihrem Frust Ausdruck zu verleihen. Hat wütende, laute Rockmusik heute noch diese Funktion?

Weller: Neue Musik, die im Radio läuft, ist oft wahnsinnig langweilig und auf Nummer sicher produziert. Wir wollten mit unserer neuen Platte versuchen, dazu einen Gegensatz zu erzeugen. Ob wir das geschafft haben? Keine Ahnung. Auf dem Album sind viele Referenzen an das, was mich über die Jahre beeinflusst hat; ich zitiere Marvin Gaye an einer Stelle, und der Song "Not Tears No Cry" ist eine Hommage an die Walker Brothers. Aber ansonsten hoffe ich, dass wir frisch, unbequem und ungewöhnlich klingen. Ein Rap-Album hätte ich nicht gemacht, um möglichst viele junge Leute zu erreichen, so viel ist mal klar. Zum Glück kommen sie trotzdem in unsere Konzerte. Und ja, sie finden etwas in unserer Musik, was ihnen wichtig und relevant erscheint.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben insgesamt fünf Kinder. Wissen Sie, was für Musik die hören?

Weller: Ja, sicher. Und es erstaunt mich immer wieder, was für krude Sachen vor allem meine ältesten Söhne hören: alles von japanischer Elektromusik bis zu Guns N'Roses! Es gibt keine musikalischen Szenen mehr, denen sie sich zugehörig fühlen, alle hören alles, und das Internet macht es ihnen viel einfacher als uns früher, sich alles zu besorgen. Wir waren da früher viel enger und intoleranter: Wer zu einer bestimmten Gruppe gehören wollte, hat eben nur schwarze Musik und Soul gehört, alles andere war verpönt. Das gibt es heute nicht mehr. Andererseits können die Kids heute auf 40 Jahre Popgeschichte und viel mehr unterschiedliche Stilrichtungen zurückgreifen als wir.

SPIEGEL ONLINE: Musik spielt eine große Rolle bei den Jugendlichen, das erklärt vielleicht auch den Erfolg von Castingshows wie "Pop Idol" im Fernsehen, gegen die Sie in der Vergangenheit immer wieder geschimpft haben. Was stört Sie eigentlich so daran, wenn Kids versuchen, auf diesem Wege Karriere als Musiker zu machen?

Weller: Das Phänomen ist ja nicht neu, fabrizierte oder gecastete Popbands gibt es schon so lange wie die Popmusik selbst. Was ich wirklich grauenhaft finde, ist, dass sich Leute mit dem Zweitbesten zufriedengeben: Ich komme aus einer Zeit, in der man sich wirklich anstrengen musste, um etwas zu erreichen. Man musste nicht nur Talent haben, sondern jahrelang hart dafür arbeiten, als Sänger, Musiker oder Schauspieler ernst genommen zu werden. Heute reicht es, wenn man ganz passabel singen kann, um durch eine dieser Shows berühmt zu werden. Und der Ehrgeiz vieler dieser Kids beschränkt sich darauf, schnell das eigene Gesicht in der Zeitung zu sehen. Die haben gar keine Lust, sich für ihren Ruhm anzustrengen. Das ist ein großes Problem unserer Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Und was kann man dagegen tun?

Weller: Ich weiß auch nicht. Am besten diese Shows verbieten! Es gibt einfach diese Arbeiterklassenethik nicht mehr, mit der ich aufgewachsen bin. Und das war gar nicht schlecht, wissen Sie? Heutzutage ist alles jederzeit auf Knopfdruck erhältlich, also ist auch nichts mehr etwas wert. Aber nur, wenn man sich über Jahre hinweg etwas erarbeitet hat, kennt man auch den Wert dessen, was man erreicht hat - und ist insgesamt vielleicht zufriedener mit sich und der Welt.

Das Interview führte Andreas Borcholte

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