Morrissey in Hamburg Liebt ihn draußen weiter

Pop-Ikone Morrissey gab in Hamburg ein Konzert - und zeigte sich als sensibles Kraftpaket, das gute alte Rock'n'Roll-Tugenden zelebriert. Ein Konzertgast spürte das besonders - er wurde von dem britischen Sänger des Saales verwiesen.
Rockstar Morrissey (im April 2009): Keine Majestätsbeleidigung, bitte!

Rockstar Morrissey (im April 2009): Keine Majestätsbeleidigung, bitte!

Foto: Kevin Winter/ Getty Images

Lautstärke ist wichtig für Morrissey in seiner aktuellen Lebensphase, so viel ist mal klar. Schon für sein jüngstes Album "Years Of Refusal" hatte er die Parole "Play very loud!" ausgegeben, und folglich begrüßte der britische Sänger das Publikum bei seinem Hamburger Konzert am Dienstagabend mit einer veritablen Rockband und einer kraftvoll wummernden Version des Smiths-Klassikers "This Charming Man". Die Sitzreihen im biederen CCH waren augenblicklich halb geleert, viele Fans ignorierten das zaghafte Aufbegehren der Ordner und strömten zum Bühnenrand, wo sie dem seit den achtziger Jahren zur Ikone erhobenen Über-Sensibelchen des britischen Rocks so nahe wie lange nicht mehr sein konnten.

Man konnte diesen Opener als metaphorisches Aufstampfen verstehen: Ich bin noch da! Ich bin noch laut! Ich bin mehr als der Ex-Sänger einer legendären Band! Vor knapp einem Monat war Morrissey im englischen Swindon bei "This Charming Man" auf der Bühne zusammengebrochen. Atemnot, Schwächeanfall. Das kommt schon mal vor. Der Mann ist unlängst 50 geworden, soll gerade keinen festen Wohnsitz haben - Rock'n'Roll-Lifestyle fordert seinen Preis.

In Hamburg war von körperlicher Schwäche erstmal nichts zu spüren, im Gegenteil: Morrissey, schwarzes Hemd, ordentlich toupierte Tolle, war stimmlich in guter Form und schien zunächst bester Laune zu sein. Eifrig schüttelte er die ihm vom Bühnenrand dargebotenen Hände, genoss jede Liebesbezeugung seiner treuen Anhänger. Der eingefleischte Vegetarier ließ sich nach dem zweiten Song sogar zu einem - wenn auch platten - Witzchen hinreißen: Er würde das Publikum der Hansestadt ja nur äußerst ungern als "Hamburger" bezeichnen, ob man sich nicht für diesen Abend etwas anderes ausdenken könnte: "Hamburgists" etwa. Haha.

Der Narziss brach sich Bahn

Haha, das dachte sich wohl auch ein Fan ganz vorne, der dem Sänger ganz nordisch unterkühlt ein "Go fuck yourself" entgegnete. Da war es vorbei mit der Höflichkeit, der berüchtigte Narziss Morrissey brach sich Bahn, die Majestät fühlte sich beleidigt. "Ich denke, es ist besser, wenn du einfach raus gehst", herrschte er den Zwischenrufer von der Bühne aus an, während der massige Gitarrist Boz Boorer schon auf Sprung schien, dem unflätigen Fan eine verpassen zu wollen. Irritiertes Raunen im Saal, die selige Aufgekratztheit der ersten zehn Minuten wich einem Gefühl leichter Beklemmung. "Aber ich liebe dich doch", barmte der Fan noch, doch Morrissey war unerbittlich: "Lieb mich draußen weiter", fegte er ihn mit einer herrlich zickigen Handbewegung zum Hallen-Ausgang. Und schon brachten die Ordner den armen Kerl aus dem Saal. Knapp 70 Euro Eintritt für zehn Minuten Konzert? Ein übles Geschäft. Aber was für ein großer Rock'n'Roll-Moment!

Es ging dann noch eine gute Stunde lang in dieser etwas angespannten Stimmung weiter, unter anderem mit einer donnernden Version von "How Soon Is Now" sowie Kraftfutter-Interpretationen von "Cemetry Gates" oder "When Last I Spoke To Carol". Es war ein gutes, wenn nicht hervorragendes Konzert, das Morrissey immer wieder auf Spannung hielt, in dem er bei den hohen Tönen manchmal vorzeitig abbrach und sich, vermeintlich theatralisch, an den Hals fasste oder sich die Schulter massierte. Die Sorge um den Gesundheitszustand des Sängers wuchs mit jedem Song. Doch am Ende, nach fast 75 Minuten lauter Rockmusik, riss sich Morrissey das durchgeschwitzte Hemd vom ansehnlichen, wenn auch nicht mehr ganz durchtrainierten Oberkörper - und schleuderte es in die Menge. Das ist ein uraltes Rocker-Klischee, aber an diesem Abend war es eine fast schon trotzige Geste: Ihr könnt ein Stück von mir haben - aber beschimpfen lasse ich mich nicht. Laut, unterschwellig bedrohlich, unbequem, größenwahnsinnig - Morrisseys Hamburger Auftritt war eines der aufregenderen Rock'n'Roll-Konzerte der letzten Monate. Oder, in Abwandlung eines Mozzer-Songs: The last of the gang to die.

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