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Musical: Freiheit, Wahrheit, Liebe

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Broadway-Musical "Moulin Rouge!" Bunt-pompöse Absage an Trump

Ein neues Mammut-Musical erobert den Broadway: 18 Jahre nach dem Film "Moulin Rouge!" ist die aufgemotzte Bühnenversion aktueller denn je - als Fanal gegen die Trump-Ära. Ein Blick hinter die Kulissen.

Sonya Tayeh war eine junge Tanzstudentin in Detroit, als sie "Moulin Rouge!" 2001 im Kino sah. "Ich traute meinen Augen nicht", erinnert sich die heute 42-Jährige an den Sinnesrausch des Kultfilms, der das Hollywood-Musical wiederbelebte. "Er wurde zu einer Inspiration für meine gesamte Karriere."

18 Jahre später ist die fiktive Show über den echten Pariser Showpalast nun am Broadway gelandet - und mit ihr Tayeh: Die Choreografin ist einer der kreativen Köpfe hinter diesem 28-Millionen-Dollar-Projekt, das vorige Woche Premiere hatte und schon als neue Sensation der Theatersaison gilt.

"Die Premiere war ein unvergleichbares Erlebnis", sagt Tayeh, die Tourneen für Madonna und Kylie Minogue choreografiert hat und vor drei Jahren wegen "Moulin Rouge! The Musical" nach New York zurückzog, wo sie geboren ist. "So viel Liebe!" Über den roten Teppich schritt sie mit ihrer Freundin, der Sängerin Jo Lambert.

Denn noch etwas anderes geschah bei der langen Odyssee von der Leinwand zur Bühne: Aus der tragischen Lovestory im Paris des Fin de siècle wurde ein aktuelles Fanal gegen Donald Trump.

Die Ideale der Bohème

Natürlich gerät im Kulturbetrieb gerade vieles automatisch zur Trump-Kritik, so sehr polarisiert der US-Präsident. Das gilt auch für den Broadway - von den Reden bei den Tony Awards bis zu jener Aufführung des Musicals "Frozen", bei der ein Sänger einem Zuschauer ein "Trump 2020"-Plakat aus der Hand riss.

L'amour in Paris: Karen Olivo und Aaron Tveit im Broadway-Musical "Moulin Rouge!"

L'amour in Paris: Karen Olivo und Aaron Tveit im Broadway-Musical "Moulin Rouge!"

Foto: Matthew Murphy

Auch die Ideale der Bohème, die "Moulin Rouge!" treiben, sind auf einmal wieder akut: "Freiheit, Schönheit, Wahrheit, Liebe."

Präsentiert von einem multiethnischem Gender-Bending-Ensemble, ist die Show eine vitale Absage an Ausgrenzung und Rassismus. "Es wird immer wichtiger, Diversität zu feiern", sagt Tayeh, die selbst heraussticht mit ihrem an der Seite kahlrasierten Kopf und ihren zahlreichen Tattoos. "Bei uns ist jeder willkommen."

Das betont gleich zu Beginn auch der Broadway-Veteran Danny Burstein als Conférencier Harold Zidler: "Egal, was für Sünden - willkommen!", ruft er in den Saal des Al Hirschfeld Theatres, das von Stardesigner Derek McLane zum Edelpuff veredelt ist, samt Windmühle und blauem Pappmaché-Elefanten. "Gestrauchelte und Gauner, Artisten und Arrivisten, Soubretten und Sodomiten!"

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Musical: Freiheit, Wahrheit, Liebe

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Dieses Milieu prägte bereits 2001 das Ur-"Moulin Rouge!". Der Film des Australiers Baz Luhrmann sprengte alle Konventionen - ein Tornado aus Kitsch und Kinetik, hektischen Schnitten und Dutzenden modernen Hits.

Lange scheiterten alle Versuche, diese ästhetische Achterbahnfahrt auf die Bühne zu übertragen. Bis Luhrmann die Kontrolle einem jüngeren Team überließ, das dann noch mal Jahre brauchte, um die Geschichte der Kurtisane Satine und ihres naiven Lovers Christian fürs 21. Jahrhundert aufzumotzen.

"Wir wollten unsere eigene DNA finden, ohne die Idee des Films aufzugeben", sagt Autor John Logan. Dazu kramte der dreifache Oscarkandidat ("Gladiator", "Aviator", "Hugo"), der auch die vergangenen beiden James-Bond-Abenteuer schrieb, das alte Drehbuch aus dem Archiv und markierte, was im Theater funktioniert und was nicht - Cancan-Tänzerinnen: ja; Kameraflug über Paris: nein.

Aggressive Choreografie: Das Ensemble von "Moulin Rouge!"

Aggressive Choreografie: Das Ensemble von "Moulin Rouge!"

Foto: Matthew Murphy

Diese Fleißarbeit begann zur gleichen Zeit wie Trumps Aufstieg. Das war Zufall, trotzdem passt die anachronistische Seifenoper - "Moulin Rouge!" spielt anno 1899, doch die Songs sind allesamt Hits der vergangenen Jahrzehnte - prima ins Politjahr 2019, in dem schrille Show mehr zählt als die Realität.

Doch jene Songs waren ein Problem. Die ursprüngliche Playlist ist veraltet. Drei Tage lang verbunkerten sich Logan, Regisseur Alex Timbers und Musikchef Justin Levine in einem Hotelzimmer und grübelten, welche Hits sie ergänzen könnten, ohne die ikonischen Medleys des Films aufzugeben.

Jetzt hat das Musical sage und schreibe 78 Tracks, für jeden mussten sie die Rechte einzeln erfragen - bei 161 Songwritern, Komponisten und Textern. Die meisten sagten zu. Neben "Lady Marmalade" findet sich da nun Lady Gaga, außerdem Katy Perry, Adele, Sia, Lorde. Die Rolling Stones - die sich dem Film verweigert hatten - sind dank aufwendiger Verhandlungen auch vertreten.

Ideale der Bohème: Karen Olivo und Aaron Tveit als Satine und Christian

Ideale der Bohème: Karen Olivo und Aaron Tveit als Satine und Christian

Foto: Matthew Murphy

Wie im Film Nicole Kidman sinkt jetzt Broadway-Star Karen Olivo als Satine am Trapez von der Saaldecke herab und gurrt "Diamonds Are a Girl's Best Friend" - diesmal aber grandios veredelt mit Shirley Basseys "Diamonds Are Forever", Beyoncés "Single Ladies (Put a Ring on It)" und Rihannas "Diamonds".

Flankiert von Tayehs sportlich-aggressiver Choreografie, übertönt der Bombast, dass die Story dünner ist als der Soundtrack. Die Kritiker lieben es trotzdem: Ben Brantley von der "New York Times", sonst sehr mürrisch, war ganz außer sich.

Sie brauchen das Lob. Mindestens 16 Musicals werden den Sommer nicht überleben, auch aufgrund miserabler Kritiken. Etwa "King Kong", produziert vom selben Entertainmentkonzern wie "Moulin Rouge!": Das mit 37 Millionen Dollar teuerste Spektakel der Broadway-Saison schließt im August nach nicht mal einem Jahr.

"Moulin Rouge!" hat dagegen gute Chancen zu bestehen. Schon die vier Preview-Wochen vor der Premiere waren ausverkauft und fuhren fast 5,2 Millionen Dollar ein. Eine australische Produktion ist in Planung, und vielleicht kommt die Show auch nach Deutschland.

Was den Broadway angeht: "Ich hoffe", sagt John Logan und schmunzelt, "dass wir noch laufen werden, wenn die Amerikaner im November 2020 wählen gehen."

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