Mozart-Inszenierung Heißer Wüstenfahrer aus Ostdeutschland

Sein strenges Motto lautet: "Was gut ist, war anstrengend." Mit Mozarts "Requiem" an der Komischen Oper Berlin inszeniert der ostdeutsche Wüstenfan Sebastian Baumgarten eine der heißesten Opern-Premieren dieser Saison – über den Tod.

Von Kai Luehrs-Kaiser


Sebastian Baumgarten ist Wüstenfan. Mit dem Jeep zum Akakus-Gebirge. Urlaub im Sand. Wann immer er kann, besucht er die Kargheit der nordafrikanischen Sahara. "Ich genieße den Stillstand", sagt er. Und findet hier das, was zu Hause das Seltenste und Geheimnisvollste überhaupt ist: nichts.

Dem Nichts unseres Daseins, dem Tod, hat Baumgarten auch sein neuestes Musiktheater-Projekt an der Komischen Oper Berlin gewidmet. "Requiem", das letzte Werk Mozarts, kombiniert er mit einem Sterbe-Stück seines Theater-Kollegen Armin Petras. Die Volksbühnen- und Fassbinder-Überlebende Irm Hermann spricht – gemeinsam mit Volksbühnen-Ehemaligen wie Hendrik Arnst und Herbert Fritsch – Berichte von Hospiz-Bewohnern.

Einer der letzten ostdeutschen Innovatoren

Baumgartens Lebenspartnerin, die Schauspielerin Katrin Angerer (die beiden haben eben ihr erstes gemeinsames Kind bekommen), vervollständigt ein Mimen-Quartett, das wie ein Überbleibsel des ostdeutschen Kulttheaters der letzten Jahre wirkt. Von diesem fragt man sich gleichfalls, ob es noch am Leben ist.

Vor zwei Jahren versetzte er an der Komischen Oper Händels "Orest" an die Krim zurück. Damit glückte ihm die Aufführung des Jahres. Baumgarten ist einer der letzten Innovatoren ostdeutscher Theaterkunst. Gibt es die überhaupt noch? Und ob! Nur liegt sie (von wenigen Ausnahmen abgesehen) im Allgemeinen beinahe in den letzten Zügen.

Kleine Historie: Vom westdeutschen Theater der Vorwendezeit blieb nach dem Fall der Mauer wenig übrig. Der Generation Peymann war nichts Gleichwertiges gefolgt. Die alte Garde um Peter Stein, Peter Zadek, Klaus Michael Grüber und Luc Bondy wirkte bald zahnlos. Ein einziger Sieger, der als Erbe der in den Westen gegangenen Ost-Regisseure jetzt seine große Zeit feierte, symbolisiert die Nachwendezeit des (ost)deutschen Theaters schlechthin. Sein Name: Frank Castorf.

Auch Castorfs Arbeiten indes gelten mittlerweile als so heruntergekommen, dass sie selbst in Berlin nur noch in Sammelrezensionen betrachtet werden. Von heutigen Regie-Tonangebern wie Michael Thalheimer, Stefan Pucher, Jan Bosse oder Thomas Ostermeier weiß kaum jemand, ob sie nun aus den neuen oder aus den alten Bundesländern stammen. Übrigens: Sie kommen allesamt aus dem Westen.

Auch daraus freilich sind keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Baumgartens Prinzip jedenfalls ist noch echt ostdeutsch. Stücke zu Schlachtfeldern! – so könnte man das von Bert Brecht und Heiner Müller geprägte Modell beschreiben. Die Texte werden als Material benutzt. Das Wesen der Stücke kommt nicht durch Rekonstruieren, sondern durchs synthetische "Dekonstruieren" und Hinzuerfinden an den Tag – zumindest dann, wenn man Glück hat. Zu diesem Prinzip bekennt sich Baumgarten "patriotisch", wie er sagt. Und gehört damit zu den, wie es scheint, letzten Nachfahren einer lebendigen ostdeutschen Theatertradition.

Genetischer Sprechianismus

Der Mann redet wie ein Buch, wie er da im Café Einstein Unter den Linden sein Wasser trinkt. "Ich arbeite über das Reden", definiert er sein (von Castorf inspiriertes) Probenprinzip. "Was gut ist, war anstrengend mit dem Regisseur", sagt er über gelungene Arbeiten. Vom "Regie-Wahn" mit persönlicher Überfrachtung hält der Wüstenfahrer wenig. Dass sein Sprechianismus genetisch ist, mag er nicht abstreiten.

Sein Großvater war der langjährige Intendant der Staatsoper Unter den Linden, Hans Pischner. Die Mutter, deren Tod vor einem Jahr dem Projekt private Brisanz verlieh, war Sängerin im Berliner Rundfunkchor. Baumgarten hat tatsächlich in der Familie ständig über die eigene Arbeit geredet.

Geboren 1969 in Berlin, kam er über Ruth Berghaus, Einar Schleef und Robert Wilson zum Theater. Nach Opern-Erfolgen in Kassel, Meiningen und Dresden kann er sich die Projekte inzwischen aussuchen. Sein Ziel ist – ganz linientreu –, die Bedingungen von Theatertexten in ihrem sozialen Kontext zu reflektieren.

Das klingt vielleicht nicht sehr saftig. Wer jedoch erlebt hat, wie Baumgarten Händels Atriden-Oper "Orest" mit Balalaika-Musik jener Gegend auffüllte und konfrontierte, die heute am Ort des Geschehens gespielt wird, zieht vor derartiger Konsequenz den Hut.

Heute, da sich kulturelle Unterschiede zwischen Ost und West verwischen, mag solche Differenz schon wieder als ein Gut angesehen werden. Im Opernbetrieb immerhin wird die Pole-Position unter den Regisseuren nach wie vor von einem Altmeister besetzt, der gemessen an westlichen Edel-Maßstäben inkompatibel scheint: Peter Konwitschny. Noch immer ist im Musiktheater an die Stelle ostdeutscher Verfremdungskunst kein neuer Maßstab getreten.

Und so gehört Sebastian Baumgartens Todesarten-"Requiem" zu einer der heißesten Musiktheater-Premieren dieser Saison.


"Requiem". Regie: Sebastian Baumgarten. Komische Oper Berlin, Premiere: 28.9., weitere Aufführungen: 1., 5., 8., 13., 17.10., 1., 4., 16., 22.11., 4., 12., 14.12., Karten: Tel. 030/47 99 74 00.



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