MTV Video Music Awards Dünn wie Sponsorenwasser

Schicke Outfits allerorten. Skandale? Fehlanzeige! Bei den MTV Video Music Awards waren Beyoncé und Rihanna die Königinnen der Nacht. Ansonsten: viele Werbepausen und ein Rapper im Größenwahn.

Rihanna mit Rapper Drake
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Rihanna mit Rapper Drake


Was trägt Rihanna denn da? Ein Burkini ist das nicht. Aber sieht schick aus: Die Haare hat sie unter einer Art Kufiya aus Tüll oder Mesh versteckt, darunter wackelt ein plüschbesetztes Bikinioberteil, noch tiefer unten eine glänzende schwarze Hose. Und dann "work work work work work". Ganz your casual carribean pop icon eben.

Beyoncé dagegen betritt die Madison-Square-Garden-Bühne in einem weißen bodenlangen Nerzmantel und zeigt kurz darauf den Spitzenbody in einem Spitzenbody. Und stante pede fällt ihr ein weiterer, wild bedruckter, noch nerzigerer Nerz auf die Schultern. Oh weia, wenn PETA das mitbekommt!

Geht schließlich auch um Vestimentäres, oder eigentlich hauptsächlich darum, bei den seit 1984 jährlich ausgerufenen MTV Video Music Awards, die in der Nacht zum Montag in New York vergeben wurden. Da mag manch einer behaupten, die Preise, jene "Moonmans", die in MTV-klassischen und medioker irrationalen Kategorien wie "Best new artist" und "Best Collaboration Video" verabreicht werden, spielten irgendeine Rolle.

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Fotostrecke: Die große Beyoncé-Show

Das tun sie nicht. Eine Rolle spielt nur: Wie sehen die Preisträger und Preisträgerinnen aus? Und: Gibt es einen popwelterschütternden Skandal? So wie damals, 2007, als das "fallen girl" Britney, das ein Comeback angekündigt hatte a) angeblich ihren komplizierten Text ("Gimme more") noch nicht ganz beherrschte, b) leicht stolperte und c) es abgelehnt hatte, ihren Sixpack für den unbarmherzigen Geschmack der Entertainment-Läster-Crew komplett in Form zu sit-uppen.

Oder als Kurt Cobain 1992 Elton John aufs Klavier rotzte (no harm intended, Cobain meinte eigentlich Axl Rose). Oder als Kanye West 2009 unangekündigt die Bühne enterte, weil er sauer war, dass Beyoncé nicht den Preis für das beste Video bekam. Überhaupt, dieser Kanye! In diesem Jahr redete er eine gefühlte Stunde über so unterschiedliche Themen wie Fame und Gewalt in Chicago, erwähnte Trump und Anna Wintour in einem Satz, und erklärte seine und die Bedeutung anderer Menschen als "Role Models", (vielleicht anknüpfend an seine Ankündigung vom letzten Jahr, 2020 als Präsident kandidieren zu wollen) mit der ulkigen Reihe "Truman. Ford. Hughes. Disney. Jobs. West".

Dann zeigte er sein neues Video "Fade", in dem eine hübsche Frau im Flashdance-Outfit eine Weile vor sich hin tanzt. Am Ende, beim Schmusen mit ihrem Freund, offenbart sie aber ein echtes Katzengesicht und einen echten, haarigen, schwingenden Katzenschwanz. Wo hatte sie den denn beim Tanzen gelassen!? Jedenfalls nicht im Stringtanga. Vielleicht wollte Kanye damit eine esoterische Wir-sind-doch-alle-Wesen-Haltung postulieren, vielleicht steht er schlichtweg auf Pussycats.

Immerhin konnte er den Rest der vielen, vielen Werbepausen mit den wenigen Showschnipseln dazwischen ganz ruhig unten im Publikum sitzen bleiben und Schnuten-Selfies mit seiner Ehefrau Kim machen: Beyoncé wurde nämlich tatsächlich mit dem Award für ihr "Video of the Year" namens "Formation" ausgezeichnet, übergeben wurde er von den fünf aufgeregten US-Goldmedaillengewinnerinnen im Turnen, die halb so groß wie Beyoncé sind. Immerhin sorgte Beyoncé für eines der wenigen politischen Statements des Abends, als sie sich auf dem roten Teppich mit den Müttern von vier in der jüngsten Vergangenheit durch Polizeigewalt umgekommenen Schwarzen präsentierte.

Alle Kameras richteten sich auf Beyoncé
AFP

Alle Kameras richteten sich auf Beyoncé

Handfeste Skandale, die einen eigenen Wikipedia-Eintrag rechtfertigen würden, gab es jedoch nicht. Jimmy Fallon zeigte eine hübsche Ryan Lochte-Parodie. Und Ex-Boygroup-Boy Nick Jonas, der als Schauspieler mit einem beeindruckenden Film über Männergewalt namens "Goat" auf der diesjährigen Berlinale vertreten war, ließ seinen Song aus einem Diner live in den Garden rüberschalten.

Oder dass Rihanna sogar gleich vier Mal "performen" durfte - als ob es in der unüberschaubaren, von Professionalität und Vermarktbarkeit gelenkten US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie nicht genug frisches "Showbiz-Material" gäbe. "You're watching an expensive Rihanna concert featuring the VMAs", kommentierten das die beiden Comedians Lizard Sheeple und The Shamester, die - anstatt eines Hosts - zwischendurch vom Rande des Geschehens ihre Tweets vorlasen, und Kritikern mal wieder mit dem ältesten Hut der Welt den Wind aus den Segeln nahmen: Wer die ätzende Show-Parodie clever schon in die Show integriert, braucht den Spott nicht zu fürchten.

Britney Spears gibt es auch noch. Sie trat in schicken Stiefeln auf
AFP

Britney Spears gibt es auch noch. Sie trat in schicken Stiefeln auf

Selbst Britney-Bitch strauchelte nicht in ihren wunderschönen gelben Glitzerstiefeln, sondern schwang die immer etwas ungesund aussehenden Haare selbstbewusst zu einem langweiligen, kleinen Popsong, dessen auffälligstes Merkmal seine durchsichtige Piepsigkeit gegenüber epischen, ausgeschlafenen Auftritten wie von Beyoncé war. Bei ihr gab es dagegen sogar ein paar "Language!"-Issues: In dem opulent dargebotenen Medley aus fünf Songs piepte ein Securitywächter die "fucks" heraus, wie es eben üblich ist bei der großen Live-and-Stream-MTV-Show, die zwar seit Jahren mit dramatisch fallenden Zuschauerzahlen kämpft, aber immerhin - auch dank Ideen wie den beiden Twitterkritikern - Twitterrekorde bricht.

Aber richtig etwas passiert ist in der Nacht nicht. In den Werbepausen die "Behind the Scenes"-Kameras aufzurufen, war ebenfalls enttäuschend safe: Da stand nur Sponsorenwasser. Vielleicht sollte das beim nächsten Mal einfach mal jemand mit Absinth pimpen.

Die Gewinner im Überblick:

Michael Jackson Video Vanguard Award: Rihanna

Song of Summer: Fifth Harmony ft. Fetty Wap, "All in My Head (Flex)"

Best Hip-Hop Video: Drake, "Hotline Bling"

Best Male Video: Calvin Harris ft. Rihanna, "This Is What You Came For"

Best Collaboration: Fifth Harmony ft. Ty Dolla $ign, "Work From Home"

Best Female Video: Beyoncé, "Hold Up"

Best Pop Video: Beyoncé, "Formation"

Best Rock Video: Twenty One Pilots, "Heathens"

Best Electronic Video: Calvin Harris & Disciples, "How Deep Is Your Love"

Best Art Direction: David Bowie, "Blackstar"

Best Visual Effects: Coldplay, "Up&Up" (Vania Heymann, Gloria F X)

Best New Artist: DNCE

Video of the Year: Beyoncé, "Formation"

Breakthrough Long Form Video: Beyoncé, "Lemonade"

Best Choreography: Beyoncé, "Formation" (Chris Grant, Jaquel Knight, Dana Foglia)

Best Direction: Beyoncé, "Formation" (Melina Matsoukas)

Best Cinematorgraphy: Beyoncé, "Formation" (Malik Sayeed)

Best Editing: Beyoncé, "Formation" (Jeff Selis)



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
romeov 29.08.2016
1. ...schnarch
hat das nicht schon alles genau so 2015 stattgefunden? Wahrscheinlich waren die Werbeblöcke diesmal anders.
Bueckstueck 29.08.2016
2. Ja verdammt, damals...
Als ich und MTV noch jung waren, also Anfang der Neunziger, da waren die MTV Video und Movie Awards noch was besonderes... Kein Wunder, schaue ich mir den Rotz seit bald zwei Jahrzehnten nicht mehr an. Liegt sicherlich auch daran, dass die ganze Musik Szene immer beliebiger geworden ist. Ich hör ja nicht mal mehr Radio... Playlist zusammenstellen und gut ist.
sonntag500 29.08.2016
3.
Vielleicht sollte man keine Platten mehr von Kanye West kaufen, dann endet sein Größenwahn? Letztlich ist der MTV Video Music Awards ein absoluter Hingucker. Daran könnte sich die Dorffestveranstaltung ECHO mit der Dauerpreisträgerin Fischer ein Beispiel nehmen.
pauschaltourist 29.08.2016
4.
Britney Spears war ja auch da. Ich höre momentan ihre neue CD und frage mich, warum in Dreiteufelsnamen ALLE Songs dermaßen langweilig sind... Öde, blutleer und nicht einmal ansatzweise das Niveau von "Blackout". Was bin ich enttäuscht...
murksdoc 29.08.2016
5. ...gähn
Ich dachte MTV wäre erst Bezahlkanal und dann diskret entsorgt worden. Das letzte, was ich von denen mal gesehen hatte, waren ein paar Minuten "Jackass". Seitdem wird mir schon schlecht, wenn einer nur "MTV" sagt. Was den Artikel über Beyoncé und Co, betrifft: ich dachte, man solle die anspruchsvollen Künstlerinnen nicht auf ihr Äusseres reduzieren? Darf man das jetzt doch?
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