SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

06. Juli 2001, 12:01 Uhr

Muse

"Wir sind keine britische Popgruppe"

Von Edgar Klüsener

Drei junge Männer aus der englischen Provinz feiern mit ihrem wuchtig-melodischen Rock-Sound vor allem diesseits des Ärmelkanals Erfolge. Die britische Musikpresse ist irritiert: Hat sie mit Muse das "Next big Thing" verpasst?

Popband Muse: "...wie Queen oder The Police"

Popband Muse: "...wie Queen oder The Police"

Sie sind amüsant, die Briten. Immer auf der Suche nach dem nächsten großen Ding. Alles muss Weltklasse sein, mindestens. Vor allem in der Popmusik, schließlich hat man einen Ruf zu verteidigen. Also wird seit drei Jahrzehnten nach den neuen Beatles, den neuen Rolling Stones, den neuen Who, dem "nächsten großen Ding" gesucht.

Denn wer suchet, der wird finden, heißt es schon in der Bibel. Die selbst ernannte britische Bibel der Popmusik ist der "New Musical Express". Der wird seinem eigenen Anspruch gerecht und immer wieder fündig, wenigstens einmal pro wöchentlicher Ausgabe. Dumm nur, dass die meisten "Next big Things" nach einer Woche schon wieder vergessen sind. Aber was soll's, irgendwo in den Hügeln von Nord-Wales wartet sicher bereits das nächste interstellare Ding, und das wird dann garantiert größer als Beethoven, Beatles und Bacharach zusammen.

Muse sind allerdings nicht aus Nord-Wales, sondern aus dem ländlichen Devon, wo die Kanalwogen besonders heftig gegen schroffe Klippen anbrausen und das benachbarte Cornwall und seine sagenhaften Geister, Feen und Magier nur einen Zauberspruch weit weg sind. Zum "Next big Thing" hat's bei dem Trio in Britannien irgendwie nie so recht gereicht. Dafür ist die Band aber noch lebendig, schreibt weiterhin ganz ordentliche Rockmusik und irritiert "NME" und mächtige "Radio One"-DJs gleichermaßen mit der strikten Weigerung, einfach wieder vom Erdboden zu verschwinden.

Reifer und älter: Zweites Album "Origin Of Symmetry"

Reifer und älter: Zweites Album "Origin Of Symmetry"

Noch irritierender aber ist, dass Sänger Matt Bellamy und seine beiden Bandkollegen mit der britischen Popgegenwart möglichst gar nichts zu tun haben wollen. Da müht man sich nach Kräften, ständig neue Trends und Moden zu erfinden und zu propagieren, und dann kommen drei Jungspunde aus der Provinz und sagen einfach: Das interessiert uns nicht. Die britische Musikpresse schweigt konsterniert.

"Wir sind keine britische Popgruppe", sagt Matt Bellamy und schaut so ernst, wie ein gerade den Teenagerjahren entwachsener Jüngling nur schauen kann. "Oder, besser gesagt, wir haben nichts mit all diesen Hypes zu tun und mit diesen schnelllebigen Moden, die heutzutage ein Charakteristikum für britische Popmusik zu sein scheinen. Wir sehen Muse in einer viel älteren Tradition. Muse ist mehr wie die großen Bands der Sechziger und Siebziger, wie Queen oder The Police."

Wenn Matt Bellamy "wir" sagt, dann meint er eigentlich "ich". Denn das schmächtige und unscheinbare Bengelchen, das beim Interview-Termin vom Ledersofa der Londoner Hotellobby fast verschluckt wird, ist der eigentliche Kopf der Band, die vor zwei Jahren mit ihrem Debüt "Showbiz" vor allem diesseits des Ärmelkanals beeindrucken konnte.

Muse, Sänger Bellamy (M.): "Eine Art quälender Suche"

Muse, Sänger Bellamy (M.): "Eine Art quälender Suche"

Bellamy schreibt die Texte, spielt Gitarre und gibt die musikalische Marschrichtung vor. Die wird auf dem neuen Album "Origin Of Symmetry" noch deutlicher als auf dem Erstling: Schnörkellose Rocksongs harmonieren mit versponnenen Piano-Balladen, gewagten Melodiebögen, viel Atmosphäre, Grunge und Düster-Rock. Ein Schuss Bach hier, ein Tüpfelchen Mahler da und ein ausgeprägtes Talent, Melodien zu schreiben, die sich im Ohr festsetzen - Bellamy beweist, dass in ihm ein Rockkomponist steckt, der einmal ganz groß werden könnte.

Auch seine Texte sind mittlerweile beachtenswert. Erinnerten auf dem Debüt logischerweise noch viele Textzeilen an die lyrischen Gehversuche eines pubertierenden Provinz-Bürschchens, beweisen Stücke wie das bittersüß-depressive "Feeling Good" jetzt eine Tiefe, die aufmerken lässt. "Ich thematisiere in meinen Texten einen persönlichen Konflikt, eine Art quälender Suche. Ich bin ein Atheist, der glauben möchte. Ich will an etwas glauben können, das mir Ruhe schenkt, Frieden und Zufriedenheit, kann es aber nicht, weil ich zu skeptisch bin. Allein das Nachdenken, die Suche, führt zu eigenartigen, verstörenden Gedanken, Ideen und Möglichkeiten," erklärt Bellamy fast kafkaesk und klingt plötzlich gar nicht mehr so jung wie er doch eigentlich noch ist.

Drummer Dominic Howard und Bassist Chris Wolstenholme knabbern derweil an ihrem späten Frühstück und nicken beipflichtend. Und weil sie ja schließlich auch zur Band gehören, will Wolstenholme jetzt ebenfalls etwas sagen. "Das Trio", erklärt er, "ist die ideale Bandform für uns. Wir haben uns viele Alben klassischer Rock-Trios angehört, von The Jimi Hendrix-Experience über The Police bis hin zu Nirvana - das ist der Weg, den wir gehen wollen." Diesmal nickt Matt Bellamy. Gut gesagt, Chris.

Muse: "Origin Of Symmetry" (Motor/Universal Music), veröffentlicht am 18. Juni 2001

URL:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung