Musik Der große Milde

Dass aus Antony Hegarty je ein Star würde, war nicht zu erwarten. Aber mit seiner Stimme becirct er die Welt.


Auf dem Hotelflur bleibt Antony Hegarty irritiert vor einem Bild stehen. Es ist abstrakt, irgendwie anspruchheischend, vor allem aber ist es hässlich, so wie die meisten Bilder, die in den Design-Hotels dieser Welt an den Wänden herumhängen. Nach einigen Augenblicken des stillen Verharrens fragt Hegarty mit seiner sehr sanften, sehr leisen Stimme, ob es wirklich Menschen geben könne, denen so etwas gefällt. Dann geht er, ohne eine Antwort abzuwarten, behutsamen Schrittes weiter.

Hegarty ist ein detailvernarrter Ästhet und selbst eine Art Gesamtkunstwerk. Schulterlanges schwarzes Haar umrahmt sein blasses, stark geschminktes Mondgesicht, und seinen massigen Körper hüllt der Hüne gern in selbstgeschneiderte Sack-Pullover und Schlabberhosen. Ein Exot von der Sorte, die man bevorzugt in New York, London oder Berlin erlebt und die sich wie Stars gebärden, ohne es im Regelfall wirklich zu nennenswertem Ruhm zu bringen, weil sie eben doch einen Tick zu ungewöhnlich für die Massen sind.

Eine Ausnahme von dieser Regel ist der Sänger Hegarty, 38, der in den letzten Jahren tatsächlich zu einem Star geworden ist. Natürlich nicht im gewöhnlichen Glamourkosmos von Angelina, Brad und Konsorten, aber wer als Kenner der aktuellen Musikszene etwas auf sich hält, sollte mittlerweile von diesem großen Milden gehört haben.

Ein Szene-Phänomen ist der in New York lebende Brite schon länger, wirklich groß kam er 2005 mit seinem zweiten Album "I Am a Bird Now" heraus, das weltweit erstaunliche 500.000mal verkauft wurde und den wichtigen britischen Mercury Prize für das Album des Jahres abräumte.

Wie bemerkenswert das ist, begreift man erst, wenn man die merkwürdigen Songs des wild beklatschten Albums hört und insbesondere Hegartys einzigartige Stimme, denn die ist seine Wunderwaffe. So wie er spricht, singt er: sanft und leise, schmachtend, androgyn.

Seine Stimme klingt nach Mann und Frau, nach Schwarz und Weiß, nach einem Zwischenreich, in dem es ungewöhnliche Antworten auf gewöhnliche Fragen gibt, auf jeden Fall klingt sie hypnotisch und geheimnisvoll. Kein Wunder, dass bei den Konzerten von Antony und seiner Begleitband The Johnsons, die meist mit einem Fingerschnippen ausverkauft sind, oft eine atemlose Stille herrscht. Verglichen wird Hegartys Gesang in schöner Regelmäßigkeit mit Nina Simone, Billie Holiday und Otis Redding.

Zehn neue Songs sind auf der mit Spannung erwarteten neuen Platte "The Crying Light" zu bestaunen, die wieder erstklassig gelungen ist. Stolz verkündet Hegarty, dass er trotz der gestiegenen Erwartungen keine Kompromisse eingegangen sei. "Natürlich setzt mir der Druck zu, das ist eine neue Erfahrung für mich, aber letztendlich bin ich mit einer Platte erfolgreich geworden, die ohne Erwartungen und Kompromisse entstand. Warum sollte ich also etwas ändern?", fragt er lächelnd und schenkt sich eine Tasse grünen Tee ein.

Zu seinem gesunden Selbstbewusstsein dürfte beitragen, dass Hegarty von vielen etablierten Kollegen geschätzt wird. "Lange bevor ich Journalisten auffiel, wurde ich von bekannten Musikern unterstützt. Der Medienrummel kam später." So schnurrte Hegarty bereits an der Seite von Björk, Boy George, Marianne Faithfull, Marc Almond, Rufus Wainwright und Bryan Ferry. Ja sogar mit Herbert Grönemeyer - "so ein Darling!" - hat er jüngst ein Duett eingespielt. Als frühester und innigster Förderer erwies sich der legendär zickige Lou Reed, mit dem Hegarty ausgiebig musizierte. Vielleicht erinnert er Reed ja an dessen eigene unglückliche Jugend, als seine Eltern ihn mittels Elektroschocktherapie in einen "normalen" Jungen verwandeln wollten.

Auch Hegarty hat eine turbulente Jugend hinter sich. Nach zehn Jahren in England landete er mit seiner Familie erst in Amsterdam, dann in der kalifornischen Einöde der Bungalows und Shopping-Malls. Ein "Kulturschock" für den Zwölfjährigen. In dem Alter habe er bereits begriffen, dass er anders sei, sagt Hegarty. "Anders" bezieht sich hier auch auf die geschlechtliche Orientierung. Als "Transgender" bezeichnet Hegarty sich, eine Art Schwebezustand zwischen den Geschlechtern. "Es war manchmal anstrengend, aber ich habe nie darunter gelitten, im Gegenteil, ich war immer ein begeisterter Außenseiter."

Endlose Nachmittage verbrachte er allein in seinem abgedunkelten Zimmer, spielte auf dem Keyboard englische Pop-Hits nach und träumte von einem glitzernden Leben, wie es seine Idole Boy George und Marc Almond zu führen schienen. "Das Tolle an der Provinz ist ja, dass sie voll ist mit merkwürdigen Typen, die irgendwann alle in eine Großstadt fliehen." Antony Hegarty kam 1990 in New York an und stürzte sich mit Begeisterung in die Underground-Szene. "New York ist ein Traum, dort geht es immer nur um den Augenblick, Vergangenheit und Zukunft zählen nicht."

In diesem Frühjahr geht Hegarty mit seiner neuen Platte im Gepäck auch in Deutschland auf Konzertreise. "Ich liebe Auftritte, sie sind mir wichtiger als alle Platten, nur da kann ich frei singen", sagt er und nimmt einen letzten Schluck Tee. "Aber wenn das vorbei ist, werde ich mal wieder einige Monate gar nicht singen, denn auf die Dauer macht mich meine Stimme wahnsinnig!"


CD: The Crying Light.
Tournee: 23.4. München, 24.4. Berlin, 27.4. Frankfurt/M.
Karten: www.x-why-z.eu



© KulturSPIEGEL 2/2009
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