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20. Januar 2010, 08:41 Uhr

Musik für einen guten Zweck

Neue Töne im Slum

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Der Posaunist Nils Landgren ist mit seiner Funk Unit nach Kenia gereist. Zusammen mit der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" unterstützt die Band Kinder im größten Slum von Nairobi - mit Geld, aber auch mit jeder Menge Musik.

Afrika-Korrespondent Gerd Meuer erlebte 1985, wie Bob Geldof mit einem Privatflugzeug in Wagadugu landete. In der Hauptstadt von Burkina Faso, das damals noch Obervolta hieß, wollte der Initiator des weltweit übertragenen "Live Aid Concert" Spendengelder für Hungeropfer verteilen. Die Mission floppte, weil dem engagierten Musiker Partner vor Ort fehlten. Zudem wusste er nicht, dass in dem westafrikanischen Land in jenem Jahr - anders als in Äthiopien - keine außergewöhnliche Not herrschte. Geldof flog weiter.

Solche Fehler dürften Nils Landgren nicht unterlaufen. Denn der schwedische Musiker organisiert ein Afrika-Projekt zusammen mit einer erfahrenen Hilfsorganisation. Erlöse aus Veranstaltungen und dem Verkauf einer neuen CD leitet er über die "Médecins Sans Frontières" (MSF) an Bedürftige; die "Ärzte ohne Grenzen" organisieren auch die Verteilung von Musikinstrumenten, die Landgren in Europa für afrikanische Schulkinder beschafft.

Der 53-jährige Musiker und Organisator des "Jazzfest Berlin" hat MSF über seinen Patensohn kennen gelernt. Anders Giesecke arbeitete bei den "Ärzten ohne Grenzen" in Afrika. Er berichtete seinem Patenonkel über die Zustände in Kibera, dem größten Slum der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Dort würden rund eine Million Menschen nicht nur an Armut, Krankheiten, Kriminalität und Arbeitslosigkeit leiden - schlimm seien auch die Langeweile und Perspektivlosigkeit der Kinder und Jugendlichen. Könnte man nicht versuchen, ihr Leben mit Musik aufzuhellen?

Platzkonzert im größten Slum

Landgren war sofort Feuer und Flamme. Im Oktober 2008 gab er mit seiner Funk Unit in Schweden ein Benefizkonzert - Geld für MSF, Instrumente für Kibera. Dann begann er in Berlin, Stücke für ein Album mit dem Titel "Funk for Life" einzuspielen. Den jungen Musikern seiner Funk Unit konnte Landgren ein Erlebnis fürs Leben bieten: Im vergangenen September flog die Band nach Nairobi. Sie lebte eng zusammen im Gästehaus der "Ärzte ohne Grenzen". Im Konvoi ging es mehrmals nach Kibera, wo MSF in drei Tageskliniken Menschen unentgeltlich behandelt. "In einem Slum in Afrika erwartete ich Musik - Trommeln, dröhnende Lautsprecherboxen. Aber das gab es nicht", berichtet Sebastian Studnitzky. Der Funk-Unit-Keyboarder hatte die Arbeit an einem eigenen Album unterbrochen, um in Kenia dabei zu sein.

Immerhin strömten die Leute in Kibera innerhalb von Minuten zusammen, als die Funk Unit ein unangekündigtes Platzkonzert gab. Und bei der Verteilung von mitgebrachten Instrumenten an die Kinder aus drei Schulen brach Jubel aus, den die Musiker nie vergessen werden. "Alle wollten aus einer Trompete, Flöte, Posaune, aus einem Saxophon Töne herauskriegen", erzählt Landgren und verspricht: "Diese Kinder lassen wir nicht mehr alleine."

Von jeder verkauften CD des nun fertig gestellten Albums "Funk for Life" geht ein Euro über die "Ärzte ohne Grenzen" an die Kinder von Kibera.


CDs: Nils Landgren Funk Unit: "Funk for Life" (ACT, ab 22.1.); Studnitzky: "Egis" (Herzog Records, ab 29.1.).

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