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Jazz und Flamenco: "Miteinander Liebe machen"

Foto: Termidor/ Mary Guillen

Fusion aus Jazz und Flamenco "Miteinander Liebe machen"

Was verbindet den oft als "iberischen Blues" bezeichneten Flamenco mit dem von Afroamerikanern geprägten Jazz? Neue Alben zeigen, wie sich die beiden Musikarten gelungen mischen lassen.

El rubio con barba - der Blonde mit dem Bart, so nannten die Mitglieder des Ensembles Festival Flamenco Gitano den begeisterten jungen Mann, der sie am 15. November 1965 nach ihrem Konzert im Berliner Titania Palast zu Aufnahmen in ein Tonstudio direkt an der Mauer brachte. Siggi Loch wollte die durch Europa tourende Truppe unbedingt auf Platte herausbringen.

"Es ging um authentischen Flamenco, Pläne für eine Flamenco-Jazz-Fusion gab es damals nicht", erinnert sich Loch, der drei Jahrzehnte später Initiator weltweit beachteter Jazz-Flamenco-Einspielungen werden sollte. Seine Produktionen des Original Festival Flamenco Gitano von 1965/66 erscheinen am Monatsende als Doppel-CD.

Jazz und Flamenco: Vitale Rhythmen und Improvisation bestimmen die zwei Musikgenres. Beide sind Hybride aus etlichen Einflüssen. Ihre Protagonisten - Schwarze in Amerika und Gitanos (wörtlich übersetzt "Zigeuner") in Spanien - entstammen benachteiligten Minderheiten. Da war naheliegend, den Flamenco als "iberischen Blues" zu bezeichnen.

Mit "Sketches of Spain" spielten 1960 zwei Amerikaner die erste erfolgreiche Jazz-Flamenco-Platte ein: Miles Davis und Gil Evans. Für Spaniens Jazzmusiker war Flamenco kein Thema; sie eiferten damals - wie ihre Kollegen überall in Europa - US-Vorbildern nach. Jazz stand für Weltoffenheit; nationale Folklore galt als zickig.

Als der deutsche Jazzpromoter Joachim Ernst Berendt 1967 für "Jazz meets the World" bei den Berliner Jazztagen spanische Flamenco-Jazzer suchte, gab es nur den Saxofonisten Pedro Iturralde. Auf besonderen Wunsch ("ein Gitarrist muss dabei sein") brachte Iturralde Paco de Lucia mit. Der damals gerade 20-Jährige gehörte zu den ersten Aufgeschlossenen aus dem Flamenco-Lager. Grenzgänger mussten Mut haben: Denn auf die "Reinheit" des jeweiligen Genres achteten neben der legendären "Jazz-Polizei" auch eine "Flamenco-Polizei".

Stolze Kunst in üblen Kneipen

Wahr ist, dass Flamenco schon lange in verkitschter Form dargeboten wurde. So beklagte der Dichter Garcia Lorca 1922, dass die stolze Kunst des tiefinneren Gesangs (cante jondo) in üblen Kneipen und Bordellen zu hören sei. Anfang der Sechzigerjahre schrieb der deutsche Spanien- und Jazzexperte Olaf Hudtwalcker über die Verwandlung der "rituellen Substanz der Flamenco-Tänze in einen Striptease-Ersatz". Flamenco als platte Nachtklub-Unterhaltung für Touristen.

Aber auch die ernsthafte Beschäftigung mit dem Flamenco war umstritten. So wurde amerikanischen Musikern wie Miles Davis und John Coltrane vorgehalten, dass sie diese Musik aus dominierender Jazz-Perspektive sahen und nur Jazz mit exotischen Elementen anreicherten. An Flamenco-Jazz-Projekten Beteiligte würden musikalisch "nicht wirklich Liebe miteinander machen", fand der spanische Schlagzeuger Marc Miralta. Der Pianist Chano Dominguez träumte von einer "gleichberechtigten Ehe von Flamenco und Jazz".

Dominguez (55) aus dem andalusischen Cadiz ist im Jazz so zu Hause wie im Flamenco. Dass ihm die Symbiose absolut gelingt, dokumentiert sein aktuelles Album mit der WDR Bigband "Soleando". Mit Dominguez stießen zwei spanische Perkussionisten und der Flamenco-Sänger Blas Córdoba zu dem Orchester, das 1992 unter dem gleichen Gastdirigenten Vince Mendoza und mit spanischen und amerikanischen Solisten "Jazzpana" aufgenommen hatte. Das Projekt wurde 2000 und 2015 mit Dominguez weitergeführt. Es ist ein Meilenstein in der Geschichte des Nuevo Flamenco.

Kennzeichen dieser zeitgenössischen Musik sind Instrumente, die im traditionellen Flamenco nicht vorkommen - wie Piano oder Saxofon. Und die seit je zum Flamenco gehörenden Gitarren bereichern die Musik mit unerhörten Harmonien. Raffinierte Rhythmen werden auch mit Händeklatschen und Fingerschnippen erzeugt. Dazu wirken die Steppschritte von Tänzerinnen und Tänzern wie Percussions-Soli. So ist das etwa bei der neuen CD von Maria Serrano, die als "Königin des Flamenco" gefeiert wird. Tanz als akustisch wahrnehmbare Kunst - das gibt es nur im Flamenco.


Aktuelle Flamenco-CDs:

"The Original Festival Flamenco Gitano & Da Capo" (ACT), 2 CD-Set, ab 30.10. im Handel

Chano Dominguez & WDR Bigband: "Soleando" (Delta Music / WDR)

Maria Serrano: "Flamenco Por Derecho" (Connector Records / Inakustik)

Gerardo Nunez, Ulf Wakenius, Chano Dominguez: "Jazzpana Live" (ACT)


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V.A.:
The Original Festival Flamenco Gitano & Da Capo

ACT Music; 9,99 Euro; ab 30.10. (MP3)

CD bei Amazon: "The Original Festival Flamenco Gitano & Da Capo" von V.A. 

Chano Dominguez & WDR Bigband:
Soleando

Delta Music/ WDR; 7,99 Euro. (MP3)

CD bei Amazon: Chano Dominguez & WDR Bigband: "Soleando" 

Maria Serrano:
Flamenco Por Derecho

Connector Records / Inakustik; 22,99 Euro. (CD)

CD bei Amazon: Maria Serrano - "Flamenco Por Derecho" 

Gerardo Nunez, Ulf Wakenius, Chano Dominguez:
Jazzpana Live

ACT Music; 8,79 Euro. (MP3)

CD bei Amazon: Gerardo Nunez, Ulf Wakenius, Chano Dominguez: "Jazzpana Live" 

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