Analyse von Musikstreaming Sie sind Schwabe? Dann hören Sie bestimmt Hip-Hop

Deutschrap dominiert die Charts. Aber was wird in Ihrer Heimat tatsächlich gehört? Unsere Datenanalyse zeigt Deutschlands Genre-Hauptstädte. Besonders tief im Mainstream: Remscheid, Ulm und Villingen-Schwenningen.

Rapper Cro stammt aus Mutlangen in Baden-Württemberg, Sie vielleicht auch?
Florian Ebener/ Getty Images

Rapper Cro stammt aus Mutlangen in Baden-Württemberg, Sie vielleicht auch?


"Neunmilli, keine Schreckschuss, Crack-Luft. Die Gegend gesetzlos, Ghettos." An welche Stadt denken Sie bei dieser Songzeile? Wahrscheinlich nicht an Fellbach in Baden-Württemberg. Trotzdem stammt die Zeile aus einem der Lieder, die dort auffallend häufig gestreamt werden.

Denn auch wenn Künstler über Großstädte rappen - gehört werden sie genauso in Kleinstädten und Dörfern. Und Schlager laufen vielerorts auch abseits von Après-Ski und Mallorca-Urlaub. Wo hört man aber wirklich ungewöhnlich viel Schlager? Wo Pop? Wo Deutschrap?

Antworten bietet der Musikstreamingdienst Spotify. Das Unternehmen veröffentlicht wöchentlich für zahlreiche deutsche Städte automatisch generierte Playlists mit den charakteristischsten Songs - also den Liedern, die in bestimmten Orten im relativen Vergleich auffallend häufig gestreamt werden. Der SPIEGEL hat diese Playlists untersucht. Sie zeigen: In drei Viertel der Städte liegt Hip-Hop vorne - den Rest teilen sich Popmusik und Schlager untereinander auf.

Früher Pur, heute RIN

Auch wenn Capital Bra aus Berlin gerade Hits am Fließband produziert - zumindest auf Hörerseite zählt die Hauptstadt nicht zu den Rap-Hochburgen. Stattdessen hört der Südwesten Deutschlands ungewöhnlich viel Hip-Hop. Da keine genaue demografische Verteilung der Spotify-Nutzer vorliegt, kann es durchaus sein, dass hier die Nutzer schlicht viel jünger und dadurch Hip-Hop-affiner sind. Ein anderer Erklärungsansatz wäre aber die zuletzt besonders aktive Deutschrap-Szene in der Region mit dem Zentrum Stuttgart.

Auch Stuttgarts Nachbarort Bietigheim-Bissingen entwickelte sich zuletzt zu einem Brutkasten für Rapstars. War die Stadt für frühere Generationen noch die Heimat von Pur, ist sie Rap-Fans eher wegen Shindy, Bausa und RIN bekannt. Immerhin drei der erfolgreichsten Rapper dieses Jahrzehnts kommen aus dieser Stadt mit gerade einmal 43.000 Einwohnern.

Frankfurter Rapnachwuchs

Auch in Hessen dominiert Deutschrap - hier allerdings mit einem Sound zwischen Shishabar und Straße. Früher waren es Moses Pelham und Schwesta Ewa, die die Szene prägten - heute kommen aus dem Rhein-Main-Gebiet alle paar Monate neue Künstler mit Charterfolgen. Haftbefehl und Olexesh gehören neben den vielen jungen Talenten wie Capo, Mero oder Eno schon fast zum alten Eisen. Dass in der Frankfurt-Playlist trotzdem nur 77 Prozent Hip-Hop-Künstler vorkommen, liegt am Fußball. Knapp ein Zehntel der Playlist besteht aus Fansongs für Eintracht Frankfurt, allesamt irgendwo zwischen Rock und Schlager.

Was sind die typischsten Songs?

Am anderen Ende des Deutschrap-Spektrums steht die Studentenstadt Münster. In keiner Stadt wird im relativen Vergleich weniger Hip-Hop gehört - einzig der Münsteraner Zako159 sowie Dendemann, Fettes Brot und Die Firma kommen hier unter den 100 typischsten Künstlern vor. Insgesamt lag das Genre nur in acht der untersuchten Städte nicht auf einem der beiden ersten Plätze. Unter anderem auch in Bonn - einer der Hauptstädte des Schlagers.

Pott-Schlager und Studentenpop

Insgesamt können neun Städte mit Spotify als Schlagerhochburgen charakterisiert werden - und sechs davon liegen in Nordrhein-Westfalen. Auch hier lässt sich vieles mit der Herkunft großer Stars erklären. Ob Wolfang Petry, Andrea Berg, Michael Wendler und Olaf Henning - viele der wichtigsten Künstler des Genres kommen aus der Region. Aber auch der Karneval sorgt hier für mehr Schlager in den Hitlisten. Hinter Dortmund und Bonn hat Köln mit 43 Prozent den drittgrößten Anteil.

Die Genre-Hochburgen Deutschlands
Anteil eines Genres an den Städte-Playlists der typischsten Songs

Während sich die Schlager- und Hip-Hop-Zentren ballen, sind die Pophochburgen über das ganze Land verteilt. In sieben Städten gehören über die Hälfte der Künstler zum Genre Pop. Ihre Gemeinsamkeit? Jede dieser Städte hat eine eigene Universität. In Studentenstädten wie Braunschweig, Münster oder Freiburg wird deutlich weniger Hip-Hop oder Schlager gehört. Dass Popmusik die Ranglisten anführt, heißt dabei nicht automatisch, dass hier nur die großen Charthits gehört werden - es sind eher der Indie-Pop und die kleinen Künstler, die diese Musikszenen bestimmen.

Die eigene musikalische Identität

Andere Genres als Pop, Hip-Hop oder Schlager haben es in keiner Stadt auf den Spitzenplatz geschafft - allerdings gelegentlich auf den zweiten Platz. Wie in Leipzig und Dresden, wo über 20 Prozent der Playlist zur Rockmusik gehören. Oder in Bremen, wo 22 Prozent aus Hörspielen für Kinder und Erwachsene bestehen. Die gleichmäßigste Mischung zwischen den verschiedenen Genres haben Großstädte wie Hamburg, Berlin oder München. Klar, schließlich gibt es hier auch die lebendigsten Musikszenen. Gleichzeitig machen die lokalen Künstler diese Playlists auch sehr nischig.

Wer nach unbekannten Perlen sucht, sollte also die Großstadt-Playlists verfolgen oder auf Studentenstädte blicken. Besonders tief im Mainstream stecken dagegen Remscheid, Ulm und Villingen-Schwenningen. Hier werden im Schnitt die bekanntesten Künstler gehört.

SPIEGEL ONLINE

Mainstream heißt wiederum Hip-Hop. Neben den Städte-Playlists stellt Spotify auch eigene Listen für ganze Länder bereit - die deutsche besteht zu drei Vierteln aus Rapmusik. Schlager scheint hingegen ein stark regionales Phänomen zu sein. Einzig Kerstin Ott, die irgendwo auf der Grenze zwischen Pop und Schlager steht, tauchte im Mai in der deutschlandweiten Liste auf. Mit dem Mix aus Hip-Hop und Pop liegt die Auswahl sehr nah an den Charts - fast 90 Prozent der Songs sind jünger als ein Jahr. In der Playlist gibt es insgesamt nur zwei zeitlose Klassiker: die Titelmelodien von "Bibi Blocksberg" und von "Bibi und Tina".

So haben wir gearbeitet
Wie wurden die Daten ermittelt?
Spotify stellt wöchentlich aktualisiert "Sound of"-Playlisten zu über 170 deutschen Städten bereit. Laut eigener Beschreibung werden in diesen die Songs gesammelt, die in einer Stadt auffallend häufig gestreamt werden, im Vergleich zum Rest der Welt. Dabei geht es also nicht um die absolut höchsten Abrufzahlen der Stadt, sondern um auffallend hohe Zahlen. Die Playlists zu jeder Stadt entsprechen dem Stand vom 23.05.2019.

Da jeder Künstler mit höchstens einem Titel in einer Playlist vorkommen kann, enthält die Auswahl die 100 typischsten Künstler für eine Stadt. In die Wertung wurden insgesamt 124 Städte aufgenommen. Ausgeschlossen wurden Playlists mit weniger als 100 verschiedenen Liedern sowie Listen, die nicht innerhalb der jüngsten sieben Tage aktualisiert wurden.
Wie wurden die Genres zugeordnet?
Spotify ordnet jedem Lied automatisch eines oder mehrere seiner mehr als 3000 Genres und Subgenres zu. Für die Analyse wurden diese Subgenres jeweils einem der sechs großen Obergenres zugeordnet: Pop, Rock, Elektro, Hip-Hop, Schlager und Sonstiges. War bei Spotify kein Genre hinterlegt, wurde es händisch nachgetragen. Da Genregrenzen häufig fließend sind, ließe sich über die Einteilung einzelner Lieder sicher diskutieren. Gerade die Trennung zwischen Pop, Schlager und Hip-Hop ist meist jedoch eindeutig.
Wie werden die Hörer einem Ort zugeordnet?
Spotify beschreibt sein Vorgehen so: "Bei der Registrierung für Spotify Premium Family wird eine aktuelle Angabe des Ortes bzw. der Postleitzahl benötigt. Melden sich Spotify-Nutzer über ihr Facebook-Konto an, wird ebenso die darin angegebene Postleitzahl geprüft. In der Vergangenheit wurde über einige Jahre bei der Registrierung für Spotify eine Ortsangabe benötigt. Daher ist diese Information noch in vielen Nutzerkonten enthalten. Ist ein Spotify-Nutzer im Urlaub, erfolgt auch hier die Wertung über die Account-ID. Hört also zum Beispiel ein Berliner im Italienurlaub Musik, dann gilt er als Spotify-Hörer aus Berlin."
Wieso werden viel mehr Städte aus dem Westen Deutschlands im Vergleich zum Osten abgebildet?
Leider ist die Datenlage bei Spotify sehr unausgewogen. Während in Nordrhein-Westfalen allein 38 verschiedene Städte aufgeschlüsselt werden, hat Spotify für Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt zusammen nur neun Städte-Playlists veröffentlicht.

Spotify sagt dazu: "Die Liste wird schrittweise erweitert, und es werden weitere Städte ergänzt. Primär geht es dabei nach der Größe der Stadt und der Anzahl der Einwohner mit Spotify Accounts. Sprich: je größer die Stadt, desto mehr Spotify-Nutzer, desto mehr Musik. Ordnet man die Bundesländer nach einwohnerstarken Städten, so finden sich in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt einfach weniger Ballungsgebiete."
Nach welchen Kriterien funktioniert der Song-Generator?
Der Song-Generator gibt für jede Stadt die am höchsten platzierten Songs der Genres Pop, Hip-Hop und Schlager/Volksmusik aus. Dabei wurden alle von Spotify bereitgestellten "Sound of"-Playlists in die Wertung aufgenommen. Somit kommen auch Städte wie beispielsweise Rostock hier vor, obwohl ihre Playlists weniger als 100 Songs enthalten.


insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
dolfi 28.07.2019
1. München
... sticht eindeutig heraus. Das liegt an der sehr lebendigen Musikszene, aber auch an den Musiksendern Zündfunk und FM4, die sehr viel alternative Musik spielen. Hauptsache kein Deutsch-Räpp!
Iggy Rock 28.07.2019
2. Was hört Deutschland mit Spotify
..wäre wohl die passendere Überschrift gewesen. Ich weiß ja nicht wie es andere handhaben, aber als Liebhaber gitarrenlastiger Musik greife ich noch immer zu EPs, LPs und manchmal sogar zur CD. Wenn ich im Internet Rockmusik hören will, benutze ich primär Youtube und kein Spotify, greife dabei auch gerne auf Konzertaufnahmen zurück. Allgemeingültig sind meine Hörgewohnheiten gewiss nicht, aber zu suggerieren, als würde die Spotifynutzung den Hörgeschmack der Leute in Deutschland wiederspiegeln, greift dann doch zu kurz. Wie sehen die typischen Spotifynutzer überhaupt aus, welches Alter und welches Einkommen haben sie?
danmage 28.07.2019
3.
Zitat von dolfi... sticht eindeutig heraus. Das liegt an der sehr lebendigen Musikszene, aber auch an den Musiksendern Zündfunk und FM4, die sehr viel alternative Musik spielen. Hauptsache kein Deutsch-Räpp!
Da stimme ich Ihnen zu. Ich kann mich mit Deutsch-Rap oder wie hier beschrieben Ghetto-Rap ("Neunmilli, keine Schreckschuss, Crack-Luft. Die Gegend gesetzlos, Ghettos.") nicht identifizieren. Es gibt so viele gute Musik jenseits den Charts und dem Radiogedudel.
Misanthrop 28.07.2019
4. Streaming...
Spottifei bzw. Streaming ist nicht bei allen Musikgenres bzw. deren Hörern gleich beliebt. Metal bspw. kommt häufig von Vinyl oder Red Book Compact Disc Digital Audio, letzteres dann auch als MP3 VBR0 oder FLAC vom eigenen NAS. Diese Statistik über den Geschmack einzelner Orte ist daher nicht reprensentativ.
peho65 28.07.2019
5. Ein Grund mehr für mich, ...
... mich mit diesem gestreame nicht abzugeben. HipRapPop ist nichts für mich und gequälte Gitarren gibt's da ja nicht. Zudem halte ich immer noch gerne was physisches so richtig echt in der Hand.
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