Musik und Globalisierung Wie Bachs Orgel in ein polnisches Seebad kam

Die Globalisierung zieht alle Register: Aus der Hamburger St.-Katharinen-Kirche, in der schon Johann Sebastian Bach vorspielte, wurde eine reparaturbedürftige Großorgel nach Polen verkauft. Vom ungewöhnlichen Instrument-Recycling im Osten profitiert sogar die Ukraine.

Von Sebastian Knauer


Im geräumigen Innenraum der Kirche des Heiligen Ignatius von Loyola im polnischen Ostseebad Jastrzebia Góra geht es zu wie in einer Werkstatt. Auf den Kirchenbänken liegen ordentlich angeordnet, wie die Bordwaffen eines Kampfjets, die mächtigen Metallpfeifen der zukünftigen Orgel.

Vor einem Porträt des verstorbenen polnischen Papstes Johannes Paul II. mit der Aufschrift "Ave Maria" lagern die kleineren Pfeifen gut verpackt in Transportfolie und Zeitungspapier des "Hamburger Abendblattes" vom April 2007, das auf den Absender hindeutet. Im Mittelschiff steht eine Kreissäge für die hölzernen Bauteile des Großinstruments.

War Polen bislang vorwiegend Zielland für gebrauchte Automobile, Computertechnik oder Sondermüll zur kostengünstigen Entsorgung, ist hier ein wohl europaweit einmaliges Recyclingprojekt zwischen Deutschland und Polen zu besichtigen: Erstmals wurde ein Musikinstrument in das EU-Nachbarland verschoben. Eine komplette Großorgel mit immerhin 74 Registern, eine Art Jumbo der Kirchenmusik, wurde vergangenes Jahr - in vier Container verpackt - via Laster aus Hamburg in den kleinen Küstenort geschafft.

Auf rund 10.000 Einzelteile, einschließlich der 6000 Pfeifen, schätzt der polnische Orgelbauer Andre Ragan, 56, die Lieferung. "Wird alles wieder zusammengebaut", sagt Ragan, "da machen wir ein schönes neues Instrument draus."

Und so dröhnen von der Empore statt frommer Choräle schon früh morgens die Hammerschläge der Orgelbauer. Statt Opferkerzen erleuchten die gleißend hellen Lichtbögen des Schweißbrenners das ungeheizte Gotteshaus.

In den angrenzenden Gemeinderäumen bedeckt dicker Holzstaub und Bauschutt den Boden. Vorübergehend werden die täglich bis zu zehn Gottesdienste und Rosenkranzgebete für die tief religiöse Gemeinde im äußersten Norden Polens im unteren Andachtsraum abgehalten. "Unsere ganze Kirche ist eine einzige Baustelle", klagt Pfarrer Jozef Lagwa und schüttelt sich Staub aus der Soutane.

Rund 30 Tonnen Stahl sind zu verbauen, 24 Kubikmeter Eichenholz werden für die schwingungsoptimale Lagerung des Instruments eingezogen.

Alles echte Handarbeit

Oben auf dem Stahlgerüst steht schon der Spieltisch mit den Tastaturen der neobarocken Orgel. Die veraltete Elektrik des mechanischen Instruments wird mit Hilfe einer elektronischen Steuerung eines zweiten Spieltischs im Altarraum völlig erneuert. In Deutschland würden Experten solche technischen Krücken aus künstlerischen Gründen ablehnen. Man will hier das Instrument über den Anschlag der Tasten spüren. In Polen ist man nicht so zimperlich.

Stolz zeigt Ragan, wie die Bälge, die quadratischen Holzkonstruktionen zur Erzeugung eines kräftigen Luftstroms, neu mit weiß gegerbten Schafsleder ausgelegt wurden. Alles Handarbeit. Die Orgel werde einen "sehr guten Klang" bekommen, meint Ragan, der bei den Großmeistern des polnischen Orgelbaus wie Wlodzimierz Truszczyuski gelernt hat. Ragan hat auch schon ein Instrument der Hamburger Firma Beckerath renoviert, die weltweit Qualitätsorgeln liefert.

Geschöpft, entworfen und gebaut hatte das besondere Instrument zu Beginn der sechziger Jahre die Lübecker Orgelbaufirma E. Kemper. Aus der kriegszerstörten St.-Katharinen-Orgel, die einst von Johann Sebastian Bach nach seinem legendären Hamburger Vorspiel im Jahre 1720 wegen der "Schönheit und Verschiedenheit des Klanges dieses in allen Stücken vortrefflichen Werkes" gelobt worden war, gab es noch Pfeifen aus Blei- und Zinklegierungen mit dem besonderen Sound der Barockzeit. Die inzwischen insolvente Firma Kemper verbaute dieses wertvolle Bach-Erbe mit minderwertigen Materialen der Nachkriegszeit in eine damals zeitgenössische Orgel.

Dreißig Jahre später zeigte die Kemper-Orgel gravierende Ermüdungserscheinungen. Die Luftgebläse verloren den notwendigen Druck, die Pfeifen klangen schräg, die Mechanik holperte. Die Katharinen-Orgel hätte den nächsten TÜV kaum geschafft. "Es machte kein Spaß mehr, dieses Instrument zu spielen", sagt Katharinen-Kantor Andreas Fischer.

Wohin mit der maroden Orgel?

Und so wurde die Idee geboren, für Hamburg ein ganz neues Instrument nach barockem Vorbild in Auftrag zu geben.

Schließlich bekam die holländische Orgelbaufirma Flentrop den Auftrag, für rund 2,5 Millionen Euro eine "Orgel für Bach in St. Katharinen" wieder auferstehen zu lassen. Mehr als ein Drittel der benötigten Finanzen sammelte die Stiftung Johann Sebastian, SJS, die auch von der SPIEGEL-Gruppe unterstützt wird. Im Kuratorium sitzen unter anderem der Amsterdamer Dirigent Tonm Koopmann oder der Leipziger Bachexperte und Harvard-Emeritus Christoph Wolff.

Doch wohin mit der maroden Kemper-Orgel? Zum Wegwerfen zu schade, zum Weiterspielen zu dissonant, für den Hausgebrauch mit rund zehn Meter Höhe etwas zu unhandlich. So startete der Katharinen-Kantor Fischer eine europaweite Suche nach Interessenten. Und zwar auf moderne Art und Weise: Er stellte eine genaue Beschreibung der Kemper-Orgel aus Hamburg ins Internet.

Es sollte ein Jahr dauern, bis 560 Kilometer weiter östlich in der alten Handelstadt Danzig der Dirigent und Komponist zeitgenössischer Musik, Krzysztof Penderecki, 69, bei dem deutschen Orgelangebot vorbeisurfte. Penderecki, der in Krakau und auch an der Essener Folkwangschule zeitgenössische Musik unterrichtet, war sofort elektrisiert.

Durch jahrzehntelangen Sommeraufenthalte der Kirchengemeinde in dem Küstenort Jastrzebia Góra verbunden, rief er sofort seinen guten Bekannten, den örtlichen Pfarrer, an. "Jozef, ich habe ein Instrument für Euch", meldete sich der Professor, und gab die Empfehlung ab: "Sofort kaufen".

Musikalische Osterweiterung

Wenig später wurde ein polnischer Orgelsachverständiger nach Hamburg geschickt, der sich die alte Kemper von Innen anschaute. Dann war der Deal perfekt: für 25.000 Euro verkaufte die Hamburger Protestanten ihr gutes Stück an die katholischen Jesuiten von Jastrzebia Góra - klingende Ökumene der deutsch-polnischen Freundschaft.

"Das war schon ein Schnäppchen", freut sich der polnische Orgelbauer Ragan. Zwar müssen die polnischen Aufkäufer für die Kemper-Orgel aus St. Katharinen weitere rund 350.000 Euro in die Restaurierung stecken. Aber im Vergleich zu dem Neubau der Bach-Orgel, die mehr als das Fünffache kosten wird, ist das Instrument tatsächlich ein gutes Angebot.

Die Hamburger Orgelfreunde müssen dagegen noch weiter Spenden eintreiben, um ihr neues Superinstrument finanziert zu bekommen. Denn der erste bespielbare Bauabschnitt des sogenannten Rückpositivs soll bis Ende 2008 in St. Katharinen eingebaut sein. Zwar haben verschiedene Spender Beträge zwischen 50.000 und 250.000 in die Stiftungskasse eingezahlt. Und rund hundert Orgelpaten – von der Rudolf Augstein GmbH bis zum ZDF - unterstützen mit jeweils 1000 Euro pro Pfeife das Projekt. Aber trotzdem fehlen noch rund eineinhalb Millionen für die komplette Kirchenorgel. Die benachbarte Elbphilharmonie hat diese Sorgen nicht: Sie bekam bereits eine nagelneue Orgel von einer Hamburger Familie gesponsert.

Im polnischen Badeort Jastrzebia Góra wird am 5. Juli die große Kirche, deren Empore allein Platz für bis zu 500 Sänger bietet, mit tausend Besuchern gerammelt voll sein. Größen der polnische Orgelkunst und Kirchenmusik wie der Danziger Musiker Roman Pérucki werden die Hamburger Import-Orgel mit einer musikalischen Festwoche einweihen.

Das historische Orgelrecycling macht außerdem noch jemand anderen glücklich. Denn die polnische Kirche spendete wiederum ihre überflüssig gewordene 35-Register Orgel weiter in den Osten. In der Ukraine wird das Instrument in einer kleinen bislang orgellosen Kirche aufgebaut. "Wir haben sie verschenkt", sagt Pfarrer Jozef, "denn Geben ist seliger denn Nehmen."



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