Musikalischer Wahlkampf Der "Boss" gegen Bush

Leise war Bruce Springsteen noch nie. Arbeitslosigkeit, Todesstrafe und Terror gehören zu den Themen, die der "Boss" schon besungen hat. Jetzt mischt sich Amerikas Vorzeige-Rocker aktiv in die Präsidentschaftswahl ein. Springsteens Botschaft: "Bush muss weg!"


Rockstar Springsteen: "Zeit für einen Wechsel"
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Rockstar Springsteen: "Zeit für einen Wechsel"

Für Georg Bushs Wahlkampfhelfer klingt das gar nicht gut: Über 20 amerikanische Rockstars machen gegen den US-Präsidenten mobil und unterstützen den demokratischen Kandidaten John Kerry. "Vote for Change" heißt die einzigartige Aktion, der sich Stars wie R.E.M., Neil Young, John Mellencamp oder die Dixie Chicks angeschlossen haben.

Die Musiker werden ab dem 1. Oktober - nur einen Monat vor der Wahl - 34 Konzerte in 28 Städten geben. Beschallt werden auf der "Vote for Change"-Tour die so genannten "Swing States", die Staaten also, wo sich Kerry und Bush ein besonders heißes Rennen liefern und wo letztlich die Wahl entschieden wird.

An die Spitze der musikalischen Kerry-Befürworter setzte sich überraschend Bruce Springsteen. Vergangenen Donnerstag meldete sich der "Boss" in der "New York Times" mit einem leitartikelähnlichen Beitrag sogar persönlich zu Wort. In dem Text betont Springsteen, er habe sich 25 Jahre lang aus der Parteipolitik herausgehalten. Bei der kommenden Wahl stünde aber zu viel auf dem Spiel, um sie tatenlos auszusitzen.

Zwar glaubt der 54-jährige Rockstar nicht, dass die Demokraten Kerry und Edwards auf alle Fragen die richtige Antwort haben, aber sie stehen seiner Meinung nach für jene Werte, die eine Regierung verkörpern sollte: Fairness, Neugier, Offenheit, Bescheidenheit, die Sorge um das Wohl aller Amerikaner, Mut und Vertrauen. Der Bush-Regierung wirft er den unnötigen Krieg im Irak, das große Defizit im Staatshaushalt sowie eine Begünstigung der Reichen zu Lasten der Armen vor. "It is time to move forward" - "Es ist Zeit für einen Wechsel" - ist Springsteens abschließende Botschaft.

Das Engagement des amerikanischen Vorzeige-Rockers ist deshalb so außergewöhnlich, weil sich Springsteen in der Vergangenheit stets gegen eine politische Instrumentalisierung gewehrt hat. Schon Ronald Reagans Wahlkampfteam hatte 1984 Springsteens Megahit "Born in the USA" benutzt. Einen gemeinsamen Auftritt mit dem Präsidenten lehnte der "Boss" aber ab. Anscheinend hatten sich Reagans Leute nicht Springsteens Album "Nebraska" angehört, bevor sie ihn um Unterstützung baten. Die Platte beschreibt ein eher trostloses Amerika, eine Republik des schnellen Geldes und der Todesstrafe.

Es ist der kritische Springsteen, der oft vergessen wird, weil viele nur an den verschwitzten Muskelmann mit empor gereckter Faust denken, der "Born in the USA" ins Mikrofon brüllt. Dabei war er nie der Bilderbuch-Patriot, der Rambo fürs Radio, der nur monoton wiederholt, wie stolz er auf sein Land ist. Springsteen war auch immer darauf bedacht, die Missstände in den USA aufzuzeigen, "unangenehme Fragen zu stellen", wie er in der "New York Times" schreibt.

Kerry (rechts) und Edwards bei ihrer Nominierung in Boston: "Nicht aufgeben"
AP

Kerry (rechts) und Edwards bei ihrer Nominierung in Boston: "Nicht aufgeben"

Wie viele Konzertbesucher am 2. November tatsächlich für Kerry stimmen werden, kann zwar niemand sagen. Doch dass "Vote for Change" ein großer Erfolg wird, zeichnet sich bereits ab. Wer bei der liberalen Organisation MoveOn, die die Tournee präsentiert, Mitglied wird, erhält ein Vorkaufsrecht für die begehrten Konzerttickets. Nachdem Springsteen seine Polit-Tour am vergangenen Mittwoch bekannt gegeben hatte, ließen sich innerhalb weniger Stunden mehr als 10.000 User im Internet registrieren.

"Vote for Change" dürfte also mehrere Millionen US-Dollar einspielen, zumal alle Musiker auf ihre Gage verzichten. Die Konzerterlöse gehen an die von Demokraten geführte Organisation "America Coming Together" und fließen so in die letzte und entscheidende Phase des Wahlkampfs ein.

John Kerry machte sich indes schon vor Bruce Springsteens Ankündigung die markigen Verse des Rock-Veteranen zunutze. Als Kerry in Boston offiziell zum Kandidaten der Demokraten gekürt wurde, hämmerte aus den Boxen der Springsteen-Klassiker "No surrender" - "Nicht aufgeben".



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