North Sea Jazz Festival Die Leiche zuckt und zuckt

Jazz ist tot? Nicht im Geringsten. Ob in Perugia, Montreux, Nizza oder gerade in Rotterdam - die Massen strömen zu den großen Jazzfestivals wie dem North Sea Jazz. Dort zeigten sich tausend Musiker ziemlich lebendig. Und ein Stargast überraschte sogar den Veranstalter.

Janko Tietz

Aus Rotterdam berichtet


Dafür, dass der Jazz schon seit Jahren für tot erklärt wird, versammeln sich ziemlich viele Menschen um die Leiche. Jedes Jahr um diese Zeit finden in ganz Europa die großen Jazzfestivals statt - und egal, ob in Perugia, Montreux oder Nizza - die Massen strömen. Um den Kadaver zu bestaunen? Oder vielleicht doch, um zu sehen, dass er noch zuckt.

Am eindrucksvollsten lässt sich das wohl in den Niederlanden besichtigen. Seit 1976 findet dort immer am zweiten Juliwochenende das North Sea Jazz Festival statt, erst in Den Haag, seit sieben Jahren im Messezentrum Ahoy in Rotterdam.

Auch am vergangenen Wochenende kamen wieder 70.000 Menschen. Und man konnte den Eindruck gewinnen, im Rest der Welt musste das musikalische und kulturelle Leben weitgehend zum Erliegen gekommen sein, so viele Stars lockte der musikalische Direktor Jan Willem Luyken auch in diesem Jahr wieder an.

Mehr als tausend Musiker spielten 150 Auftritte auf 13 verschiedenen Bühnen. Santana waren da, der Kanye-West-Zögling John Legend, Sting, Anthony Hamilton, die HipHop-Neo-Soul-Truppe The Roots, das niederländische Eigengewächs Caro Emerald, die kanadische Piano-Schönheit Diana Krall, Cody ChesnuTT, Bobby Womack, die Soul-Legende Dionne Warwick genauso wie der junge Piano- und Gesangsstar Jamie Cullum.

Konstellationen wie sonst nirgends

Das sind natürlich die Namen, die vor allem Leute anziehen, die sonst nicht so viel mit Jazz am Hut haben. Doch erstaunlicherweise waren vor allem auch jene Säle wegen Überfüllung geschlossen, in denen der reine Jazz dargeboten wurde.

Dabei war dieses Jahr eine Zäsur für das North Sea Jazz Festival: Zum ersten Mal in seiner fast 40-jährigen Geschichte konnte der Festivalleiter keinen Jazzmusiker der ersten Stunde präsentieren. In den vergangenen Jahren waren Altstars wie Benny Golson, Johnny Griffin oder Hank Jones nach Rotterdam gekommen. Doch viele Künstler aus dieser Generation sind inzwischen tatsächlich nicht mehr am Leben. Der fast 83-jährige Sonny Rollins, der von seinen Fans liebevoll Saxophone-Colossus genannte Tenorsaxofonist musste ebenso absagen wie der frühere John-Coltrane-Pianist McCoy Tyner.

Dem Jazz tat das aber keinen Abbruch. Im Gegenteil. Längst ist die dritte und vierte Generation am Start - und das nicht minder engagiert als ihre großen Vorbilder von einst. Gerade solche Festivals bieten die Gelegenheit, Konstellationen zu erleben, die weder auf einem Tonträger, noch auf regulären Tourneen zu hören sind.

Jazzhits im Reggae-Gewand

So spielte in Rotterdam das Metropol Orkest auf, ein opulentes 70-Mann-und-Frau-Orchester mit Streichern und Bläsern, dass in bester Quincy-Jones-Manier erst die 37-jährige amerikanische Sängerin Gretchen Parlato begleitete, dann die neue männliche Jazzsängerentdeckung Gregory Porter. Später spielte das Orchester unter der Leitung von Vince Mendoza mit dem Pianisten Herbie Hancock atemraubende Arrangements, die selbst funky Kompositionen aus Hancocks Headhunter-Zeit nicht aussparten.

Ein Konzert später gesellte sich der Saxophonist Joe Lovano zum Metropol-Orchester, um Balladen von John Coltrane zu interpretieren. Auch die Musik des Esbjörn-Svensson-Trio wurde symphonisch aufgeführt, allerdings ohne den Pianisten Svensson selbst, der 2008 bei einem Tauchunfall ums Leben kam. An seiner Stelle saß Martin Tingvall, der gemeinsam mit Bassist Dan Berglund und Schlagzeuger Magnus Öström mit der symphonischen Interpretation eine alte Idee ihres langjährigen Weggefährten umsetzte - exklusiv für das North Sea.

Das ist das Schöne an Festivals wie diesen, dass die Spontaneität lebt und jenseits all der choreografierten Auftritte Raum für zufällige Begegnungen bleibt. So traf der Saxophonist David Sanborn wieder auf den Keyborder Bob James, mit dem er vor 25 Jahren die mehrfach prämierte Platte "Double Vision" aufgenommen hatte. Die Sängerin Dee Dee Bridgewater ließ sich vom Pianisten Ramsey Lewis begleiten, eine Konstellation, die man zuvor nicht für möglich gehalten hätte. Der jamaikanische Pianist Monty Alexander vollzog in Rotterdam eine Zeitreise durch seine musikalische Karriere, angefangen von den Wurzeln in Kingston bis hin zu den Jazzclubs in New York - mit der Folge, dass Jazzhits wie "Battle Hymn of the Republic" im Reggae-Gewand daherkamen.

Prince für lau

Auch zwischen Sting und dem Saxofonisten Branford Marsalis kam es zu einem Wiedersehen. 1986 bestritt der Ex-Police-Sänger mit Marsalis die "Bring-on-the-Night"-Tournee. Das markante Saxofon auf Stings Superhit "Englishman in New York" stammt vom Sprössling der berühmten Marsalis-Familie aus New Orleans. Am Sonntag kam es zum Revival in Rotterdam.

Und ein illustrer Gast des Festivals lud sich auch noch selbst ein. Kurz bevor der Musikmarathon beginnen sollte, bekam der künstlerische Direktor Luyken einen Anruf. Ob er nicht vorbeikommen dürfe, er sei gerade auf dem Weg nach Europa, fragte der Anrufer. Alle seine Freunde seinen in Rotterdam, und er würde sie gerne mal wiedersehen.

Der unerwartete Gast war Prince. Und während der Pop-Pfau in Montreux für über hundert Euro pro Ticket zu sehen war, bekam das verzückte Rotterdamer Publikum ihn als Überraschungsgast der Soul-Band Larry Graham and the Graham Central Station zu hören. Für lau.



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