Musikstars von morgen Top of the Blogs

Wenn es 2006 einen Musik-Trend gab, dann könnte man ihn als "MySpace"-Wunder bezeichnen: Künstler wie Arctic Monkeys, Gnarls Barkley oder Lily Allen wurden durchs Internet bekannt. Ab heute durchsucht SPIEGEL ONLINE die Musik-Communitys auf der Suche nach den künftigen Popstars: Top of the Blogs.

Von Heiko Behr


MENOMENA

Oft reicht eine schlichte Ankündigung neuer Musik, um in der Welt der Blogs Wellen der Begeisterung auszulösen. Deshalb kann momentan ein aufstrebender Act wie Menomena aus Portland, Oregon, allein mit einer Handvoll Songs von 2003/4 für einen Sturm der Begeisterung sorgen. Damals entstand ihr Debüt "I Am The Fun Blame Monster", ein spielerisches Anagramm für "The First Menomena Album". Mit "Under an Hour" schoben sie dann ein verblüffendes Instrumentalwerk nach, für Januar nächsten Jahres ist das neue Album "Friend and Foe" geplant.

Im Zentrum des unvorhersehbaren Menomena-Sounds schlägt ein elektronisches Herz: Ein eigens erstelltes Computerprogramm fasst die Improvisationen der Band in rotierend-wackelige Loops, die zur Basis ihrer ständig mutierenden Pop-Experimente werden. Deswegen sind Referenzen zu anderen, bekannteren Acts bei Menomena im Grunde auch zwecklos: Sie sind mittlerweile mit Sicherheit schon wieder ganz woanders, selbst innerhalb eines einzelnen Songs schwanken die Stimmungen beständig. Man muss sich beeilen, um hinterherzukommen, aber es lohnt sich.

http://menomena.com
http://myspace.com/menomena
http://mog.com/Menomena

CLIPSE

Die Karriere des Brüderpaars Malice und Pusha-T aka Clipse hat im Laufe der Jahre dramatische Wendungen genommen: Die beiden hochbegabten MCs treffen 1993 auf das Produzententeam The Neptunes, die gemeinsamen Bemühungen werden entweder im Giftschrank der Plattenfirma verschlossen (beim ersten, inoffiziellen Album) oder entwickeln sich zu Multi-Sellern (beim zweiten Album). Danach werden sie in den gierigen Schlund undurchschaubarer Labelpolitik gesogen, ihr drittes Album "Hell Hath No Fury" entwickelt sich mit den zahllosen Veröffentlichungsverschiebungen zum bösartigen Running Gag der HipHop-Industrie. Allein diese Historie ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Blogosphäre, die sich momentan entweder in obskuren Verschwörungstheorien verstrickt oder ihren geballten Hass auf die Labels niederregnen lässt. Tatsächlich ist Clipse mit "Hell Hath No Fury" eines der härtesten und kompromisslosesten HipHop-Alben der vergangenen Jahre gelungen, vergleichbar mit den ersten Platten von Mobb Deep. Die mittlerweile behäbig-etablierten Neptunes haben ihrem Trademark-Sound die glitzernden Oberflächen in Fetzen abgezogen, übrig bleibt eine düstere, skelettierte Rhythmik, auf dessen Oberfläche die beiden MCs stets zwischen ohnmächtiger Wut und komplexen Moralbegriffen tänzeln. Grandios.

http://www.clipseonline.com
http://myspace.com/clipse

EXPLOSIONS IN THE SKY

Ein Teenager-Footballfilm zieht wohl eher nicht die zartbesaiteten Feingeister, die sensiblen Freidenker an. Und vielleicht war es gerade diese Diskrepanz zwischen visueller Offensichtlichkeit und musikalischer Zurückhaltung, die die Welt der Blogs aufhorchen ließ. Für Explosions in the Sky aus Austin (Texas) zumindest war ihr Score zu "Friday Night Lights" der Durchbruch in virtuellen Kreisen. Tatsächlich bieten sich die epischen, weitestgehend instrumentalen Sounds des Quartetts zwar durchaus als Soundtrackbegleitung an, stehen dabei aber stets auch für sich selbst. Mit ihrer klassischen Postrock-Besetzung konstruieren Explosions in the Sky dynamische Arrangements, die durch das an- und abschwellende, marschierende Schlagzeug nie in die klassische Falle wabernder Eso-Hintergrundbeschallung tappen. Die formale Strenge drückt sich exemplarisch auf dem Album "The Rescue" aus, dessen Songs momentan als freie mp3s auf der Band-Homepage bereitstehen. Die in nur acht Tagen aufgenommenen acht Stücke widmen sich ganz dem Spannungsaufbau. Dass es dabei nur selten zur - nun ja - Explosion kommt, scheint bewusst so konstruiert zu sein. Nicht nur Mogwai und Godspeed You Black Emperor, die Paten dieses Sounds, dürften beeindruckt sein.

http://www.explosionsinthesky.com http://www.myspace.com/texasband http://www.explosionsinthesky.de

JOSEF K

Auch für die Stars von gestern ist Platz in der Blogosphäre: Eine Zeitlang schwärmten Franz Ferdinand in jedem Interview ungefragt von ihren älteren Brüdern im Geiste, hin und wieder nuschelte auch Strokes-Sänger Julian Casablancas Gedankenschweres von den schottischen Post-Punk-Heroen Josef K. Der Weg war also geebnet, mittlerweile wird die neue, alte Referenzgröße auch in den Blogs als unabdingbares Geheimwissen weitergereicht. Bis jetzt. Denn nun füllt dankbarerweise das Franz-Ferdinand-Label Domino Records mit einem munteren schottischen Wiederveröffentlichungsreigen die Lücken der Zuspätgeborenen: Nach Orange Juice und den Fire Engines erhält nun auch Josef K mit "Entomology" eine Anthology. Die beiden auf der Label-Website bereitgestellten MP3s geben erste Aufschlüsse: Sänger Paul Haig verdichtet mit stoischer Ernsthaftigkeit die splitternd-schrägen Gitarren und die hektische Hyperaktivität des Schlagzeuges. Gerade dieser Gestus ist es, den sich Bands wie Interpol, die Editors oder eben auch Franz Ferdinand zu Eigen gemacht haben. Der Band selbst war nur ein kurzes Aufflackern vergönnt - Josef K, gegründet 1979, trennten sich bereits zu Beginn der Achtziger Jahre.

http://www.josefk.net http://www.dominorecordco.us/downloads/josefk



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Seite 1
busyfolks, 21.12.2006
1.
---Zitat von sysop--- Neue Popmusik kommt heute aus dem Internet, Informationen laufen über Blogs und andere Kommunikationsmöglichkeiten. Haben sich dadurch die Chancen für Newcomer verbessert, oder verlieren sich die Talente in den Weiten des Cyberspace? Wie entdecken Sie Ihre Favoriten? ---Zitatende--- Als Betreiber eines Musiklabels kann ich davon aus Erfahrungen berichten. Wie Sie schon erkannt haben, sind die endlosen Weiten des Internets ein Problem, aber gleichzeitig auch eine Chance. Sozusagen Gabe und Fluch. Wenn man sich in sehr kleinen Musikszenen bewegt funktioniert das noch in begrenztem Maß mit der Onlinepromotion. Bei allgemeiner Popmusik ist die Szene bzw. Hörerschaft sehr riesig. Alleine schon durch die unglaublich große Radiolandschaft ("klassische" Radios gleichermaßen wie Onlineradios). Da ist die Chance in der Masse unterzugehen um ein vielfaches größer als es zu schaffen.
Garrancho, 21.12.2006
2. auf jeden Fall eine Chance!
Als unbekannter Künstler kann ich sagen: Platformen wie MySpace eigenen sich hervorragend um Kontakte zu anderen Bands, Veranstaltern und potentiellen Fans zu knüpfen. gerade wenn es um den Erfahrungsaustausch unter Musikern geht ("Wo kann man in sonstwo spielen?", bzw. "Ihr habt daundda gespielt - lohnt das?") bring das Netz weit nach vorne! Ach ja: www.myspace.com/qbicsoulfunk Dort gibt es gar einen Song geschenkt zum Fest und: Ihr sollt alle unsere Freunde sein ;-) (ich hoffe jetzt werden wir entdeckt!) Viele Grüße, Gerrit
neon.apocalypse, 21.12.2006
3.
Ist ja alles schön und gut, aber eine Band fehlt in der Aufzählung, http://www.myspace.com/tyskerhar Der beste Beweis dafür, daß Chinesisch-Deutsche Kooperation im Elektroniksektor nicht immer auch gleich Arbeitsplatzabbau bedeutet.
zwulk, 21.12.2006
4.
Diese Online Portale sind heutzutage nicht mehr wegzudenken. Jedoch mag ich bezweifeln ob man es mittlerweile noch schafft in dieser "Flut" von Künstlern aufzufallen. Ich denke das dieser zug leider abgefahren ist. Am Anfang wo Myspace und CO neue waren mag das funktioniert haben, aber jetzt? Jede Band egal ob Gut, Sehr gut, Fantastisch oder Grauenvoll, hat ein Profil bei Myspace liegen. Wenn einer einen Weg gefunden hat wie man die besten aus den millionen von Profilen raussucht soll er ihn doch mal nennen. Dies würde mich sehr interessieren. Mein Fazit also: Dabei sein ja, aber bringen tut es meiner Meinung nach nichts mehr, dafür gibt es zuviele. Viele Grüße Zwulk By the way: http://www.myspace.com/leberschadencrew
nordisch1976, 21.12.2006
5.
Wieviele Promo-CDs werden denn ungehört bei den Labels entsorgt und welcher Radiosender spielt Bands ohne Plattenvertrag? Youtube und Co bieten da die Plattform für weltweite Aufmerksamkeit. Ich finds super. ;) 20150 Besucher können nicht irren: http://www.youtube.com/watch?v=pUHOfaVg23Q http://profile.myspace.com/bueroamstrand
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