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Satirisches Musikvideo von Ai Weiwei Haft in China? Nur ein erotisches Rollenspiel!

Schlafen, essen, auf Klo gehen: Der chinesische Regimekritiker persifliert in einem Musikvideo seine Zeit in der Haft im Jahr 2011. Der obszöne Clip ist eine Satire auf den chinesischen Überwachungsstaat - in dem sogar Wachmänner um tröstende Songs bitten.

Hamburg - Ai Weiwei liegt auf seiner Pritsche, geht in der Zelle hin und her, steht unter der Dusche, sitzt auf Toilette. Und immer sehen ihm zwei emotionslose Gefängniswärter dabei zu. Bis Ai die Situation umdreht und eine Art erotisches Rollenspiel daraus macht: In einer Polizistenuniform peitscht er die nun halbnackten Aufpasser mit einem Lächeln im Gesicht aus, trinkt mit ihnen Sekt. Schließlich begleiten ihn statt der Wächter leicht bekleidete Frauen. Am Ende rasiert sein Sohn ihm Haare und Bart ab, Ai Weiwei schminkt sich, trägt ein Kleid. So will Ai Weiwei zeigen, wie es sich anfühlt, in der Haft ständig unter Beobachtung zu stehen.

Die Szenen veröffentlicht der chinesische Regimekritiker jetzt auf der Internet-Plattform YouTube in einem Video zu seiner neuen Metal-Single "Dumbass".

"Dieses Video wurde nicht für mich gedreht, und ich singe diesen Song nicht für mich", sagte Ai. "Er ist all jenen Menschen gewidmet, die nicht die Möglichkeit haben, ihre Stimme zu erheben. Dabei handelt es sich nicht nur um eine Generation. In den vergangenen 60 Jahren sind unzählige Menschen getötet, ihrer Heimat verwiesen oder sogar zu Tode gefoltert worden."

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Chinesischer Regimekritiker Ai Weiwei: "Sie wollen mich einfach nur vernichten"

Foto: DAVID GRAY/ REUTERS

In dem Clip verarbeitet Ai Weiwei seine 81-tägige Haft im Jahr 2011. "Da gab es eine Sache, die ich interessant fand", sagte der Künstler laut Nachrichtenagentur Reuters. "Als ich inhaftiert war, bewachte mich ein sehr ernst dreinschauender Offizier, der mich dann leise fragte, ob ich ein Lied für ihn singen könnte", erklärte Ai. "Damals war ich extrem entmutigt, weil ich mich schrecklich fühlte", fügte er hinzu. Doch dann sei ihm klar geworden, "dass sich die Wärter in dieser Situation genauso fühlten wie ich - und dass sie Lieder hören wollten."

"Ich habe kein wirkliches Talent"

Ai Weiweis Text in dem Song, den das Musikvideo illustriert, wettert gegen die chinesischen Behörden. Und das Album, auf dem "Dumbass" erscheint, heißt "Divina Commedia" - "Göttliche Komödie" - nach dem gleichnamigen Meisterwerk des italienischen Dichters Dante, einem Spitznamen, den Ais Unterstützer ihm gern geben.

Über seine Qualitäten als Sänger in dem Song äußerte sich Ai Weiwei hingegen recht realistisch: "Er klingt nicht besonders gut, weil ich kein wirkliches Talent habe", sagte der Künstler, "aber ich strenge mich sehr an - und werde weitermachen". Besorgt zeigte sich Ai aber darüber, dass die Verbreitung des Clips in China behindert werden könnte: "Nicht nur meine Songs, sondern auch mein Foto und mein Name sind blockiert." Das sei aber kein Problem, denn "wir leben in einer Zeit fortschreitender Technik, und die Zensur zeigt, dass China genau solche Informationen braucht."

Regie führte der in Hongkong lebende Filmemacher und Kameramann Christopher Doyle ("Der stille Amerikaner"). Das Musikvideo ist ein satirisches Pamphlet gegen den Überwachungsdruck, den die Volksrepublik China auf den Künstler ausübt: Im Anschluss an seine Freilassung hatte "die Staatssicherheit ihre 'Betreuung', wie sie das nennt, intensiviert", schrieb der chinesische Schriftsteller Bei Ling im SPIEGEL.

Der chinesische Regimekritiker Ai Weiwei war am 3. April vor zwei Jahren auf dem Pekinger Flughafen verhaftet worden und dann zunächst spurlos verschwunden. Dagegen hatte es weltweit heftige Proteste von Menschenrechtlern gegeben. Auch die Bundesregierung und die US-Regierung hatten Ai Weiweis Freilassung gefordert, Ai war aus ihrer Sicht wegen seiner Kritik am kommunistischen System festgenommen worden. Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte nach dem Ende seiner knapp drei Monate währenden Haft Aufklärung über den Fall.

Immer wieder klagt Ai Weiwei Probleme in seinem Heimatland an. Zuletzt hatte der Künstler mit einer Installation in Hongkong auf die Knappheit von Babynahrung aufmerksam gemacht.

bos/Reuters/AP