Arien des Kastraten Farinelli Musik für den depressiven König

Farinelli ist sagenumwoben, sein Gesang soll den psychisch erkrankten Philipp V. von Spanien geheilt haben. Doch bis heute weiß niemand, was der Kastrat dem Monarchen vorsang. Jetzt gibt es neue Erkenntnisse.

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Er kam, sang und begeisterte. Drei Jahre - von 1734 bis 1737 - wirkte Farinelli, der berühmteste Kastrat der Weltgeschichte, an der Londoner "Adelsoper".

"Alle waren hingerissen, entzückt, bezaubert," fasste Charles Burney, ein Pionier der Musikforschung, die Begeisterung zusammen. Der Engländer - kritische Distanz zu einem Untersuchungsobjekt gab es damals in der Wissenschaft noch nicht - schwärmte über die Gesangskunst des Italieners: "Er hatte Vorzüge, dergleichen man weder vor noch nach ihm bei irgendeinem Menschen zusammen antraf."

Burney trug maßgeblich dazu bei, dass Farinelli, der von 1705 bis 1782 lebte und eigentlich Carlo Broschi hieß, schon zu Lebzeiten zur Legende und idealisiert wurde. In einem seiner Bücher zur Musikgeschichte, das Ende des 18. Jahrhunderts erschien, berichtete der Forscher über das erste Zusammentreffen des Kastraten mit dem spanischen König Philipp V., der an schweren Depressionen litt und sich gern in seine Gemächer verkroch. Burneys Aufzeichnung zufolge hörte der Monarch Farinelli in einem Nachbarzimmer singen und war so begeistert, dass er den Virtuosen nach der zweiten Arie zu sich bat, um "ihn mit Komplimenten und Liebkosungen" zu überhäufen. "Von da an wurde die Krankheit des Königs medizinisch behandelt und der Sänger wurde für die Heilung verantwortlich gemacht", diagnostizierte Burney.

Ursprünglich wollte Farinelli drei Monate in Madrid bleiben. Daraus wurden 23 Jahre. Er verabschiedete sich komplett von der Opernbühne und musizierte nur noch für die spanische Königsfamilie. Was genau der Italiener sang, ob über zig Jahre hinweg Abend für Abend ein und dieselben Arien - vier oder acht, beide Zahlen kursieren -, und er wirklich die Depression des Königs linderte, ist ebenso offen wie die niemals zu klärende Frage: Wie klang eine kindliche Stimme im Körper eines erwachsenen Mannes?

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Farinelli: Kinderstimme im erwachsenen Mann

Sechs Jahre bevor er Spanien verließ, schickte Farinelli im März 1753 einen Prachtband an Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich, der heute in der Wiener Nationalbibliothek aufbewahrt wird. Er enthält acht Vokalkompositionen, die der Kastrat als "eine kleine Auswahl" jener Werke bezeichnete, die er "seit vielen Jahren ununterbrochen" am Hofe sang und - wie Farinelli schrieb - später "eine Vorstellung von meinem Stimmumfang und von den weiteren Qualitäten meiner Stimme" vermitteln sollten.

Der italienische Dirigent und Musikwissenschaftler Stefano Aresi hat sich nicht weniger vorgenommen, als Farinelli und sein Erbe vom Ballast der Legenden zu befreien. Er untersuchte das Wiener Manuskript und nahm unter dem Eindruck seiner Erkenntnisse die acht Stücke mit seinem Ensemble "Stile Galante" und der schwedischen Mezzosopranistin Ann Hallenberg erstmals vollständig auf CD auf. Sie stammen allesamt von Komponisten, die fast alle völlig vergessen sind. Eine Weltpremiere ist auch, dass sämtliche von Farinelli hinzugefügten Wiederholungen bestimmter Arienteile berücksichtigt wurden.

Preisabfragezeitpunkt:
12.12.2019, 23:02 Uhr
Ohne Gewähr

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Aresi verzichtete ausdrücklich auf die - verkaufsfördernden - Ohrwürmer von Farinellis Lehrer Nicola Antonio Porpora, Johann Adolph Hasse oder gar Georg Friedrich Händel. Letzterer komponierte in London nichts für Farinelli, weil der für die von Porpora geleitete "Adelsoper" auftrat, die in Konkurrenz zu Händels Musiktheater stand. "Bis heute sind die Arien des Wiener Manuskripts die einzigen, bei denen wir ohne Zweifel davon ausgehen können, dass sie bei den berühmten Nachtkonzerten für die spanische Königsfamilie von Farinelli gesungen wurden", erklärte Aresi dem SPIEGEL. "Burneys Angaben erwiesen sich als äußerst unzuverlässig."

Im Barock war es gang und gebe, dass Kompositionen immer wieder unterschiedlichen Gegebenheiten angepasst wurden. Auch darauf nahm Aresi Rücksicht. Anzahl der Musiker und ihre Verteilung im Raum basieren auf Dokumenten des spanischen Hofs. Hallenberg wird gerade einmal von zwölf Instrumentalisten begleitet - in einem Opernhaus der Zeit waren es deutlich mehr. Dadurch wirkt die Begleitung der Mezzosopranistin sehr zart bis asketisch, was manchen Hörer, der barocken Überschwang gewohnt ist und erwartet, enttäuschen könnte.

Der kammermusikalische Charakter ist pure Absicht. "Ich habe viel Wert auf historische Sorgfalt gelegt", sagt der Italiener. Außerdem muss fest davon ausgegangen werden, dass es der Königsfamilie vor allem um die sagenhaften Fähigkeiten Farinellis ging, dem sie ein üppiges Salär zahlte. Aresi setzt deshalb ganz auf die Stimme und Virtuosität Hallenbergs, die all die halsbrecherischen Verzierungen und Sprünge atemberaubend sicher vorträgt. Der Italiener meint: "Man muss bereit dazu sein, die allgemein akzeptierte Vision von Farinellis künstlerischer und musikalischer Persönlichkeit hinter sich zu lassen." Hallenberg, Aresi und sein Ensemble haben es getan - und taten gut daran.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
melnibone 07.10.2019
1. Schon mal die Farinelli-Grundschule ...
in München besucht. Wer kennt sie nicht. ´In Spanien, das er ursprünglich nur für fünf Monate hatte besuchen wollen, blieb er schließlich fast fünfundzwanzig Jahre (1737–1759´. Also nicht drei Monate.
Pummelix 07.10.2019
2. Sopran = "Kinderstimme".
Meistens allerdings sang Farinelli Alt, also nicht Kind. :-) Bitte Alt nicht verwechseln mit alten Liedern. :-)
sauber! 07.10.2019
3. @melnibone
´In Spanien, das er ursprünglich nur für fünf Monate hatte besuchen wollen, blieb er schließlich fast fünfundzwanzig Jahre (1737–1759´. Also nicht drei Monate. Ich finde im Spiegel-Text aber nur dies: "Ursprünglich wollte Farinelli drei Monate in Madrid bleiben. Daraus wurden 23 Jahre." Hat da etwa jemand die Farinelli-Grundschule geschwänzt, weil: das passt ja gar nix!
alan.ito 07.10.2019
4.
Ist leider nicht sauber durchrecherchiert. Es gibt eine CD, "Les Temps des Castrats" , auf der neben vielen Kontratenören (geschulte Kopfstimmen) auch eine bearbeitete Tonaufnahme des letzten päpstlichen Kastraten an der Sixtinischen Kapelle aus der Zeit 1900-1910 zu hören ist. Nicht wirklich gut, aber vorstellbar. (Kultureller Hintergrund: in der katholischen Kirche war es Frauen jahrhundertelang nicht verstattet, sich stimmlich vernehmen zu lassen. Deswegen Kastraten ... Als Chopin, zeitlebens Liebhaber hoher Frauenstimmen, Anbeter der iltalienischen Oper, starb, brauchten seine Freunde eine Sondererlaubnis des Pariser Erzbischofs, um bei der Einsegnung in der "Madeleine" seine Freundinenn singen zu haben - hinter einem Vorhang, sodass sie nicht als Frauen zu sehen waren - es hätten auch Kastraten sein können, die da sangen...) Die Stimme von Kastraten war zwar im Prinzip kindlich geblieben, trug aber weiter, wegen der in aller Regel wesentlich kräftiger entwickelten Lunge und des Bauches - und damit auch des mit musizierenden Zwerchfells. Gleiches jedoch können kräftig gebaute Damen (z.B. Montserrat Caballé) ebenso... Deren Stimmen unterscheiden sich dann anwendungspraktisch nicht von dem, was Kastraten taten und konnten. Manchmal gibt es sogar Variationen der menschlichen Kehlkopf-Region, in der selbst zeugungsfähigen Männern eine sehr hohe Singstimme verbleibt. Aus der A-Cappella-Gruppe der Münsteraner "Sechszylinder" konnte der Countertenor Thilo außer der Alto-Stimme auch Sopran singen, nicht mit der Kopf- sondern mit der Bruststimme. Thilo hat Kinder.
spontifexmaximus 07.10.2019
5. Es gibt viele
Es gibt inzwischen viel Stars unter den Counter-Tenören, und Altisten, die inzwischen auch Sopran-Partien übernehmen können: Franco Fagioli, Jakob Orlinski, Andreas Scholz, Philipe Jarousky, u. v. a. Die Renaissance wurde zweifellos vom großartigen Jochen Kowalski eingeleitet.
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