Musizierende Nachbarn in der Coronakrise Fenster zu, verdammt!

Der eine vergreift sich am Klavier an der "Amélie"-Melodie, der andere geigt rudimentär. Unser Autor liebt Musik. Im Corona-Homeoffice wird er allerdings mehr und mehr zum Kritiker seiner Nachbarn.
Ein Verriss von Jurek Skrobala
Musizierende auf dem heimischen Balkon (in Dresden): Enervierend oder tröstlich?

Musizierende auf dem heimischen Balkon (in Dresden): Enervierend oder tröstlich?

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Oliver Killig/ picture alliance/dpa

Neulich wollte ich einen Text schreiben. Ich war bereit, mich im Homeoffice ausnahmsweise mal nicht ablenken zu lassen: Tür zu, Handy lautlos, Zoom deinstalliert. Aber vergebens. Etwas drang von der Straße hoch in mein Arbeitszimmer, ich Horst hatte das Fenster auf Kipp gelassen. Es kam mir bekannt vor und doch seltsam; ein bisschen wie vor Kurzem, als Kylie Minogue ihre Country-Phase hatte. Ein Klavier! Ein Herantasten an die richtigen Tasten. Dann schließlich Töne, die darum rangen, sich zu einem Lied zu fügen. Zu einem Katzenmusik-Remix des Titelstücks aus dem Film "Amélie".

Da kippte etwas in mir. "Amélie", wieso!? Lieber Katzenmusikernachbar, dachte ich, wieso spielst du dir nicht einfach das Lied vom Tod?

Mir fiel der Saxofonist ein, der unsere Hamburger Wohnstraße kürzlich mit der Elbphilharmonie verwechselt haben musste. Von Weitem hielt ich sein Getröte zunächst für eine der Posaunen aus der Johannesoffenbarung. Ich wollte mich schon entnervt aufmachen und wütend durch meinen Kiez thomasbernharden. Doch dann telefonierte ich mit dem Kollegen, der auf den Text wartete, den ich eigentlich schreiben wollte. Er fragte mich: Woher der Hass, Skrobala?

An dieser Stelle könnte der Nachbar jetzt diese dramatische Überbrückungsmusik aus "Wer wird Millionär?" spielen. Wenn er das könnte. Kann er aber nicht.

Ich habe nichts gegen "Amélie", sagte ich ihm. Ich habe eigentlich auch nichts gegen Musiker, die sich verspielen. Der Klavierschülerversuch aus der Wohnung oben, unten oder neben mir hatte allerdings offenbart, dass ich seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie auf einmal etwas gegen meine musizierenden Nachbarn habe. Aber warum? (An dieser Stelle könnte der Nachbar jetzt diese dramatische Überbrückungsmusik aus "Wer wird Millionär?"  spielen. Wenn er das könnte. Kann er aber nicht.)

"Acoustic Distancing", bitte!

Es muss etwas mit "Social Distancing" zu tun haben, dachte ich. Etwas, das die wenigsten mögen. Die meisten halten sich trotzdem dran. Im Treppenhaus, auf der Straße, sogar beim Klopapierkauf. Das soll man so machen, man tut es aber auch aus Respekt und Rücksicht. Schließt diese respektvolle Distanz aber Musik nicht mit ein?

Ich googelte "Acoustic Distancing". 63 Treffer. Nichts darüber, dass man gerade jetzt, da alle in der Stube hocken, seine Nachbarn nicht auch noch mit schlechter Musik beschallen sollte.

Wir leben ja ohnehin nicht mehr zu Hause, sondern im Homeoffice. Die Kinderknete in der Tastatur des Arbeitslaptops macht es schwer genug, nicht an die Decke zu gehen und sich halbwegs zu konzentrieren. Wäre es da nicht rücksichtsvoller, Musik nur bei geschlossenem Fenster zu machen oder zu hören und die Ohren, also auch die Nerven der Nachbarn davon unbeschadet zu lassen?

Das Schöne an Musik ist doch, dass man sich bewusst für sie entscheidet. Zum Beispiel für das Kylie-Minogue-Konzert, um dort zusammen mit anderen Pop-Fans und ein paar geschmacklich verirrten Nashville-Pilgern zu tanzen und zu schwitzen. Und um dort dann all die anderen, die Kylie oder ihren Country-Exkurs kacke finden, nicht zu stören.

Schon klar, gemeinsam bei Kylie schwitzen geht gerade nicht.

Aber dafür kann man sich, wenn man wie mein Nachbar Klaviermusik mag, zusammen mit anderen, die auch Klaviermusik mögen, zum Beispiel die live gestreamten Wohnzimmerkonzerte von Igor Levit  ansehen und hören. Es wird schon einen Grund haben, weshalb sogar Levit, einer der begabtesten Pianisten seiner Generation, das Klavier dafür offensichtlich nicht auf seine Terrasse geschoben hat.

Musik ist etwas sehr Persönliches und Intimes. Dass U2 das nicht begriffen haben, als sie vor einigen Jahren ein ganzes Album ungefragt in die Bibliotheken aller iTunes-Nutzer implantierten: geschenkt. U2 halt. Aber dass meine Nachbarn das nicht verstehen, also vor allem ein gewisser, Sie wissen schon, das nervt!

Warum brüllt niemand "Ruhe!" - und ich auch nicht?

Als er erneut ansetzte, seine unfreiwillige Zwölftonmusikadaption von "Amélie" zum Schlimmsten zu geben, verließ ich das Haus. Der Nachbar gegenüber hatte mittlerweile seine Akustikgitarre im Fenster ausgestellt, eine augenfällige Drohgebärde. Ich joggte durch einen Park an der Elbchaussee, die ein Bewohner offenbar für den Ballermann hielt. Von seinem Balkon aus ballerten die Beats jedenfalls bombastisch. Das klang ungefähr so unangenehm wie die Alliteration aus "bombastisch", "Beats", "ballern" und "Balkon". Hat er das vor Corona auch schon so gemacht? Oder hat ihn das Bedürfnis übermannt, seine Mitmenschen angesichts der Krisen-Tristesse in Partystimmung zu versetzen?

Beim Laufen fiel mir ein Witz ein, den ich vermutlich auf Twitter gesehen hatte, so nach dem Motto: In Italien singt jemand auf seinem Balkon, und alle anderen Balkone stimmen mit ein, wie schön! Hier in Deutschland hingegen brüllt schon beim ersten Verdacht auf Musik jemand "Ruhe!" in den Innenhof.

Vielleicht doch auf ein sozial distanziertes Bier treffen?

In meinem Innenhof ist das nicht so. Niemand ruft zur Ruhe. Stillschweigend wird hingenommen, dass irgendein Nachbarskind sich zurzeit der Tour de Force widmet, seine Geige unter unvorstellbaren Qualen für das Instrument zum Schreien zu bringen. Bei offenem Fenster, versteht sich.

Das Joggen brachte mich also wieder zurück auf den Thomas-Bernhard-Weg. Ich könnte ja selbst "Ruhe" brüllen. Wieso mache ich das eigentlich nicht?

Weil es zu spießig wäre, einerseits. Und weil ich dann für mich beanspruchen müsste, selbst nie laut zu sein. Aber hatte ich in den letzten Wochen nicht auch schon laut Musik bei rücksichtslos gekipptem Fenster gehört, sogar Metalcore, aus Recherchegründen – nicht unbedingt konsensfähiger als "Amélie"?

Hey Nachbar, wieso "Amélie"?

Hey Nachbar, wieso "Amélie"?

Foto: ddp images

Plötzlich machte sich eine Mischung aus Verständnis und Mitgefühl für den Katzenmusikernachbarn in mir breit.

Vielleicht hat er schlicht vergessen, das Fenster zu schließen? Vielleicht will er nur unbeholfen ein bisschen Trost spenden, so wie vermutlich der Posaunen-Saxofonist? Vielleicht will er einfach nur gute Laune verbreiten wie der Ballermann von der Elbchaussee?

Vielleicht ist er aber auch einsam. Ist das Herantasten an die richtigen Tasten möglicherweise ein zaghafter Hilferuf? Die Sehnsucht, in Zeiten der Isolation Kontakt aufzunehmen. Vielleicht hat ihn einfach nie jemand gefragt: Hey Nachbar, wieso "Amélie"?

Ja, wieso. Wieso!? Als ich lese, was ich statt des Textes, den ich schreiben wollte, geschrieben habe, überlege ich kurz, wo die Oropax liegen, und denke dann: Mach das verdammte Fenster zu, Katzenmusikernachbar, ich schreib’s nicht noch mal!

Bitte.

Und lass uns doch dann gerne mal auf ein sozial distanziertes Bier treffen. Ich geb aus.

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