Nach Jackson-Tod Comeback-Planern drohen Millionenverluste

Das größte Comeback aller Zeiten sollte es werden, über eine Million Fans wollten ihr Idol sehen: Michael Jacksons spektakuläre Konzertreihe in London war innerhalb von Stunden ausverkauft. Der Tod des Stars bedeutet jetzt für viele Unternehmen eine Katastrophe.


London - Was für Pläne! 50 Konzerte in der Londoner O2-Arena. Und wenn das gut ging, im Anschluss gleich eine mehrjährige Welttournee durch Europa, Asien, die Vereinigten Staaten. Es gab Ideen für ein Michael-Jackson-Museum nach dem Vorbild des Elvis-Tempels Graceland, für Musicals in Las Vegas und sogar ein neues Album.

Michael Jackson sei immer noch für ein paar Milliarden gut, glaubten seine finanziellen Unterstützer - trotz der negativen Schlagzeilen wegen angeblichen Kindesmissbrauchs und der zunehmenden Gebrechlichkeit des 50-Jährigen. Die beiden US-Milliardäre Tom Barrack und Philip Anschutz hatten den hochverschuldeten Superstar im Frühjahr 2008 unter ihre Fittiche genommen, seine Ranch Neverland vor der Versteigerung gerettet und das Comeback auf der Bühne geplant.

Anschutz' Firma AEG Live, der zweitgrößte Konzertveranstalter der Welt, organisierte die Konzertreihe in London. Wegen der großen Nachfrage wurden aus den zunächst geplanten zehn Konzerten bald 50. Die Veranstalter wollten den phänomenalen Erfolg der Prince-Konzerte von 2007 in der 02-Arena noch übertreffen. Sie rechneten mit Einnahmen von 115 Millionen Dollar. Die Tournee danach sollte nach Angaben der "Los Angeles Times" sogar 450 Millionen Dollar einspielen.

Die Rechnung ist nicht aufgegangen. Die Zyniker haben Recht behalten. Niemand konnte den Tod Jacksons vorhersehen, aber die Zweifel an seiner Bühnentauglichkeit waren von Anfang an da.

Die Musikbranche hatte den AEG-Coup mit Kopfschütteln quittiert. "Du machst dir etwas vor", hatten Kollegen AEG-Chef Randy Phillips gewarnt. Die Gerüchte über die gesundheitlichen Probleme des Stars rissen nicht ab. Zwölf Jahre lang war Jackson nicht aufgetreten, zwischenzeitlich war er sogar im Rollstuhl fotografiert worden. Beim Buchmacher William Hill liefen Wetten, dass Jackson nie auftreten werde. Auch die Versicherungen lehnten dankend ab - das Risiko schien ihnen zu hoch. Nur 23 der 50 Konzerte hat AEG nach eigenen Angaben versichert bekommen.

Die Zweifler fühlten sich bestätigt, als der Konzertbeginn vom 8. Juli auf den 13. Juli verschoben wurde. Das habe nichts mit Jacksons Gesundheit zu tun, sondern erfolge aus rein organisatorischen Gründen, beeilte sich AEG zu versichern.

Am Ende scheint der Druck zu groß gewesen zu sein. Jacksons Freund Uri Geller etwa glaubt, dass der Stress der Konzertvorbereitungen zum Tod des Sängers geführt habe. "Mit der Herausforderung eines so großen Comebacks konnte er nicht umgehen", sagte Geller der BBC. "Der Druck war gigantisch. Ich glaube, es war einfach zu viel für ihn".

Während der Proben soll Jackson einmal gesagt haben, er sei "richtig sauer" auf die Konzertveranstalter. "Ich weiß nicht, wie ich 50 Konzerte durchstehen soll", sagte er laut "Daily Telegraph".

Die Erwartungen waren tatsächlich riesig. Die Tickets waren innerhalb von vier Stunden ausverkauft. Über eine Million Fans freuten sich auf das Comeback des Jahrzehnts. Tausende kamen am 5. März zu Jacksons bizarrer Zwei-Minuten-Pressekonferenz in London, stundenlang standen sie an, um ihr Idol zu sehen.

Die unvorhergesehene Wende der Ereignisse bringt AEG nun in ernste Schwierigkeiten. Die Rückerstattung der Tickets werde "chaotisch und teuer", prognostizierte Ray Waddell vom Branchenblatt "Billboard". 90 Prozent der Tickets wurden in Großbritannien verkauft, der Rest an Fans in aller Welt. Rund 85 Millionen Dollar muss AEG nun zurückzahlen, dazu kommen die bereits aufgewendeten Produktionskosten von geschätzten 20 bis 30 Millionen Dollar plus ein Zehn-Millionen-Dollar-Vorschuss für Jackson.

Es sieht so aus, als werde AEG auf dem Großteil der Verluste sitzenbleiben. Auch andere Jackson-Gläubiger können ihre Forderungen wohl abschreiben. Der Sänger hinterlässt Schulden von mehreren hundert Millionen Dollar.

AEG wollte die geschäftliche Katastrophe zunächst nicht kommentieren. Man habe mit einer Tragödie zu tun, teilte die Firma mit. Das Unternehmen muss nun schnellstens andere Musiker finden, um die 50 Nächte zu füllen. Für Juli ist es wahrscheinlich schon zu spät.

Ob irgendeine Versicherung für AEGs Verluste aufkommt, ist unklar. Ein Sprecher des weltgrößten Versicherers Lloyds in London konnte am Vormittag immerhin bestätigen, dass AEG bei einigen Lloyds-Mitgliedern versichert ist, konnte aber noch keine Details nennen. Man finde gerade heraus, ob Ansprüche bestünden, sagte er. Eine Auszahlung hängt von der Todesursache und der Versicherungspolice ab.

Der Londoner Buchmacher William Hill musste bislang 15.000 Pfund auszahlen und erwartet, dass die Summe sich noch verdoppelt. Die Wetten auf Jacksons Nicht-Auftritt standen zuletzt bei acht zu eins. Die meisten Wetteinsätze lägen unter zehn Pfund, sagte ein Sprecher.

Das Geschäft mit Michael Jackson ist noch lange nicht vorbei. Es geht nun in die nächste Runde. Die Plattenverkäufe explodieren bereits: Bei der stündlich aktualisierten Verkaufshitparade des Online-Kaufhauses Amazon belegten Michael Jackson und die Gruppe Jackson Five am Freitag alle Plätze von eins bis 15. Beim Apple-Onlinedienst iTunes war Jackson in den Top 15 neun mal vertreten, darunter auf den Plätzen eins bis vier.

Und Buchmacher Hill nimmt bereits Wetten entgegen, welcher Jackson-Song am Sonntag an die Nummer eins der britischen Charts klettert. Favorit ist derzeit "Billy Jean", gefolgt von "I want you back" und "I'll be there".

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.