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20. Januar 2014, 17:04 Uhr

Zum Tode Claudio Abbados

Am Pult der erste Zuhörer

Von Ralf Dombrowski

Claudio Abbado arbeitete mit den besten Orchestern der Welt, in Berlin, Salzburg oder Mailand etwa. Doch der scheue Maestro gab nicht den Dirigenten-Superstar, seine Leidenschaft galt der Erneuerung und der Jugend.

Wenn es um die Kunst ging, konnte Claudio Abbado unbequem sein. In Mailand beispielsweise, seiner Geburtsstadt, hatte man ihn auf den Konzertpodien der Stadt und bald auch an der Scala mit offenen Armen empfangen. Doch von den späten Siebzigern an war das Verhältnis zunehmend angespannt.

Nach seinem Debüt 1965 mit der zeitgenössischen Oper "Atomtod" des Serialisten Giacomo Manzoni war er Schritt für Schritt in Ämter an der renommierten Bühne hineingewachsen, wurde schließlich Chefdirigent des Hauses, ein strahlender Aufstieg für den jungen Mann, dessen Vater ebenfalls am Ort als stellvertretender Direktor des Konservatoriums wirkte.

Das hieß aber nicht, dass er auch alle Mittel bekam, um seine anspruchsvollen Vorstellungen umzusetzen. Also kehrte Abbado Mailand und der Scala schrittweise den Rücken, zumal längst andere große Orchester und Institutionen in London, Chicago, Wien um ihn warben.

Als er schließlich 2009 nach 23 Jahren Abstinenz noch einmal zwei Konzerte am Haus dirigieren sollte, forderte er als Honorar, die Stadt solle 90.000 Bäume pflanzen. Und so geschah es, geschätzter Gegenwert der Aktion: rund 20 Millionen Euro. Mailand ergrünte und Abbado dirigierte Gustav Mahlers "8. Sinfonie".

Suche nach Innensichten

Ein Lächeln umspielte damals seine Mundwinkel, denn die Mahler-Bäume entsprachen seiner Art, bei Wesentlichem nicht viele Worte zu machen, sondern Tatsachen zu schaffen. Ja, Abbado konnte wettern, etwa gegen Silvio Berlusconi, dessen kulturfernen Regierungsstil er ablehnte. Er konnte schwärmen, wenn man ihn zu Arturo Toscanini oder Wilhelm Furtwängler befragte. Am Pult aber arbeitete er ruhig, konzentriert, intuitiv.

Für die Berliner Philharmoniker beispielsweise, an deren Spitze er 1989 Herbert von Karajan nachfolgte, war es eine große Umstellung von der Korrektheit des Schulmeisterlichen zur Kargheit des Empathischen. Abbado hörte sich in das Orchester hinein, suchte gemeinsam mit den Musikern nach Innensichten der Werke und schaffte es so, in Konzerten einen Sprung auf eine neue Ebene der Empfindung zu vermitteln.

Zuhören war der entscheidende Punkt, das Nachspüren der Melodie, der Harmonie, die ein Stück im Innersten zusammenhält. Abbado versuchte, diesen Kern des Ausdrucks mit seinem Orchester zu erforschen, aus Überzeugung, vor allem aber aus Neugier gegenüber den Möglichkeiten der Gestaltung.

Abbado war fasziniert von Gustav Mahler, mit dessen "Auferstehungssinfonie" er 1965 bei den Salzburger Festspielen den internationalen Durchbruch schaffte und dessen Sinfonien er dreimal komplett aufgenommen hat. Er ließ sich aber auch von Zeitgenossen überzeugen, das Repertoire zu erweitern. Als er 1988 das Festival "Wien Modern" gründete, arbeitete er mit Nono, Berio, Boulez, Stockhausen zusammen.

"Großzügigkeit macht reich"

Die Arbeit mit jungen Musikern war für Abbado Perspektive, nicht Knechtschaft. Während seiner zwölf Jahre als Leiter der Berliner Philharmoniker verjüngte er das Orchester deutlich. Schon 1962, als wenig bekannter Dozent in Parma, stellte er mit Schülern Kammermusikensembles zusammen. In den Siebzigern reiste er nach Aberdeen zu einem Festival für Jugendorchester und war fasziniert. Abbado gründete zahlreiche Orchester mit, im vergangenen Jahrzehnt konnte man ihn häufig am Pult des Lucerne Festival Orchestras erleben - auch so ein junges und engagiertes Ensemble, das dem Kulturapparat die jugendliche Frische der weitgehenden Unabhängigkeit entgegenhält.

"Großzügigkeit macht reich", gab ihm sein Großvater als Motto mit auf den Lebensweg. Abbado löste es ein, indem er sein Können, das er nach eigenen Angaben von Szell, Krips, Bernstein, Furtwängler gelernt hatte, nicht nur in den Dienst der Musik, sondern auch des Nachwuchses stellte oder zusammen mit dem Pianisten Maurizio Pollini in der italienischen Provinz Reggio Emilia Konzerte für Studenten und Arbeiter organisierte.

Neugier, Offenheit, Intuition sind daher Eigenschaften, für die man Abbado in Erinnerung behalten wird. Und Fleiß. Denn spätestens seit den siebziger Jahren wurden seine Arbeiten umfassend dokumentiert. Abbado hat an vielen Stellen des internationalen Kulturlebens prägende Spuren hinterlassen, festgehalten durch Aufnahmen, deren Feinheit, Klarheit, Präsenz begeistern. Abbilder eines erfüllten Künstlerlebens.

Seit der Krebsdiagnose im Jahr 2000 allerdings löste er sich mehr und mehr aus den Verpflichtungen. Konzerte gab er noch gelegentlich, vor allem aus Leidenschaft oder mit dem Bedürfnis, etwas zu bewegen. Ansonsten wanderte er gerne durch Sardinien, streifte durch Bologna, zwei seiner Dependancen der vergangenen Jahre. Vor einigen Monaten meldete sich seine Krankheit mit Vehemenz zurück und Claudio Abbado sagte alle Termine ab. Diesmal jedoch ließ sie sich nicht mehr aufhalten. Am Montagmorgen starb der scheue, große Maestro im Alter von 80 Jahren in Bologna.

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