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Soul-Star Terry Callier: Der große Stille

Foto: FABRICE COFFRINI/ AFP

Zum Tode Terry Calliers Erst Liebe machen, dann Revolution

Rächer auf Kamillentee: Der sanfte Terry Callier hat sich nie von politischen und persönlichen Katastrophen unterkriegen lassen. In seinen Songs vereinte der Sänger Wärme und Kampfkraft, Soul und Jazz - und wurde so zum Idol junger Dancefloor-Musiker. Jetzt ist er im Alter von 67 Jahren gestorben.

Ist er denn gar nicht wütend? Fast zwei Jahrzehnte saß er in Chicago fest und fasste seine Gitarre nicht an. Er musste mitansehen, wie andere an seinem Back-Katalog Geld verdienten und wie die nachfolgende Generation unter dem heiligen Begriff Soul schmierige Liebeslieder herausbrachte.

Und was tut Terry Callier, als man ihn auf seine verlorenen Dekaden der achtziger und neunziger Jahre anspricht? Nippt am Kamillentee und lächelt. Die zwei Jahrzehnte ohne Musik sieht er überhaupt nicht als verloren an: Als Computerprogrammierer habe er ein passables Einkommen gehabt, neben dem Job zog er als Alleinerziehender seine Tochter groß. Was sei schon so ein bisschen Musik gegen das Glück des eigenen Kindes?

Das Gespräch, in dessen Verlauf dem großen Vergessenen des Souljazz kein Funken Zorn abzuringen war, fand im Jahr 1998 in Hamburger statt. Terry Callier hatte gerade beim Jazz-Traditionslabel Verve unterschrieben, mit "TimePeace" sein erstes reguläres Album seit 19 Jahren veröffentlicht und spielte auf einer Comeback-Tournee aufwühlende Konzerte. Wer ihn damals auf der Bühne sah oder mit ihm sprach, war danach vor allem eines: glücklich. Das Soul-Prinzip der Verwandlung von Missständen in musikalische Schönheit hat er auch in seinen späten Jahren perfekt beherrscht. Da vielleicht sogar noch besser als je zuvor.

Seine Wurzeln hat Terry Callier im bürgerrechtsbewegten Chicago der sechziger Jahre. Hier sang er als junger Bursche in Doo-Wop-Chören, schon mit 17 lud ihn das legendäre Blues-Label Chess zu Aufnahmen ein. Dann entdeckte er den Folk für sich, spielte in Cafés und Beatnik-Läden. 1968 erschien (mit einiger Verzögerung) sein erstes Album: "The New Folk Sound of Terry Callier". Er war befreundet mit den großen Chicagoern Sängern und Songwritern Jerry Butler und Curtis Mayfield, die damals für den politisch bewegten Soul standen. Mit dem nicht minder radikalen Revolutions-Souler Gil Scott-Heron ging er Anfang der siebziger Jahre auf Tournee.

Coltrane bläst Callier politisches Bewusstsein ein

Sein Erweckungserlebnis aber hatte Terry Callier nach eigener Aussage, als er ein Konzert von John Coltrane zur Zeit von "A Love Supreme" besuchte. Vor dem Auftritt sah der kleine Terry erstaunt, wie Schlagzeuger Elvin Jones sein Drumkit festnagelte. Nach dem Auftritt wusste er weshalb. Coltrane hatte das Publikum im wahrsten Sinne des Wortes weggeblasen, der Raum hatte gebebt wie bei einem Urknall. Gebet, gesellschaftspolitisches Statement und tonale Entfesselung: Das machte sich auch Terry Callier zur Aufgabe. Allerdings ging er sie mit größter Sanftmut an.

Das Großartige an der Musik von Terry Callier: Man kann dazu Liebe machen. Aber auch Revolution.

Anfang der Siebziger erschienen drei bahnbrechende Alben von ihm auf dem kleinen Label Cadet, einem Subunternehmen von Chess. Auf dem mittleren Werk mit dem Titel "What Colour is Love?" gab es zur Eröffnung den Song "Dancing Girl", eine fast zehnminütige Nummer, in dessen Verlauf er sich von den himmlischsten Höhen in die düstersten Ecken der urbanen Wirklichkeit Chicagos sang. Callier flüsterte und schrie, wechselte den Rhythmus, verlor aber niemals den Atem. Und endete in der Frage: "Tell her what you wanna do: Boogie Bop oder Boogaloo?"

Als ob man sich entscheiden müsste: Boogie, Bop und Boogaloo waren in Calliers Musik immer genauso präsent wie Folk, Soul und Jazz. Meist in ein und demselben Song.

Kein Wunder, dass seine wie schlafwandlerisch zwischen den Genres schwebenden Songs Anfang der neunziger Jahre von der britischen Acid-Jazz-Szene um DJ Eddie Pillar wiederentdeckt wurden. Anfänglich waren sie nur auf Samplern präsent, später gastierte der Künstler live bei einschlägigen Veranstaltungen. So wurde eine ganze neue Generation britischer Dancefloor-Musiker auf ihn aufmerksam. Der große stille Alte spielte mit Drum'n'Bass-Pionieren wie den genialen 4 Hero ebenso wie mit dem Stadion füllenden TripHop-Unternehmen Massive Attack.

Am schönsten aber war die Tatsache, dass Terry Callier nach seinem Comeback wieder regelmäßig auf Tour ging. Mit Gil Scott-Heron bildete er über das letztes Jahrzehnt gleichsam eine Art letztes Aufgebot des politbewegten Soul - und zugleich Scott-Herons Gegenstück. Während der letztes Jahr verstorbene Sänger und Songwriter auf der Bühne den Wut-Souler gab und das eine oder andere Konzert wegen Drogen-Haftstrafen absagen musste, kam Terry Callier als Rächer auf Kamillentee daher. Er schloss die Augen, lächelte und führte sein Publikum in neue Regionen. Ein aufs andere Mal. Mit Folk, Jazz und Soul. Mit Boogie, Bop und Boogaloo. Wir waren so glücklich.

Am Sonntag verstarb Terry Callier, der große Versöhner, nach langer Krankheit in seiner Heimatstadt Chicago im Alter von 67 Jahren.

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