Zum Tode von Mory Kanté Er traf den Nerv der Zeit

Puristen warfen Mory Kanté Ausverkauf von Tradition vor, er sah sich als Modernisierer. Sein Mix aus westafrikanischen Klängen und Pop wurde in Klubs weltweit gespielt - und fand in "Yéké yéké" zur Perfektion.
Westafrikanischer Musiker Mory Kanté: "Warum sollte man uns das Moderne verbieten?"

Westafrikanischer Musiker Mory Kanté: "Warum sollte man uns das Moderne verbieten?"

Foto: Rafael Marchante/ REUTERS

Als ihm mal wieder vorgehalten wurde, dass er afrikanische Musik mit westlichem Pop verwässere, empfahl Mory Kanté mal, doch bitte in ein Flugzeug nach Afrika zu steigen und dort in irgendeinem Dorf, auf dem Versammlungsplatz, der Stammesmusik zu lauschen - um sich an der Gewissheit zu erfreuen, etwas Authentisches zu erleben.  

Dem Musiker Mory Kanté, der nun mit 70 Jahren gestorben ist, war diese Strenge, bei allem Respekt für Traditionen, zu eng: Die Welt entwickle sich weiter, erneuere sich beständig, und das alles sei eben inspirierend, sagte er mal. Es "dürfe nicht sein, dass man die Augen der Afrikaner schließe: Warum sollte man uns das Moderne verbieten?"

Dennoch spielte das Traditionelle in Mory Kantés Leben von Beginn an eine tragende Rolle. In dem Dorf Albadaria, im Süden von Guinea, Westafrika, kam er am 29. März 1950 in einer Familie mit angeblich 37 Geschwistern zur Welt.

Mory Kanté in den Neunzigern: Es folgten Konzertreisen rund um die Welt.

Mory Kanté in den Neunzigern: Es folgten Konzertreisen rund um die Welt.

Foto:

David Redfern/ Redferns

Seine Eltern entstammten bedeutenden Familien von Griot-Musikern, einer alten westafrikanischen Kultur, in der mittels Musik epische Texte über Geschichte und Tradition vorgetragen werden. Insbesondere sein Großvater mütterlicherseits, den Mory Kanté später als den wohl wichtigsten Einfluss auf sein Leben bezeichnete, war ein legendärer Griot. Er besuchte eine französische Schule und wurde als Siebenjähriger von Guinea nach Mali zu seiner Tante, ebenfalls eine bekannte Griot-Musikerin, geschickt, um sich in den Traditionen der Griot ausbilden zu lassen.

Den Begriff "Weltmusik" konnte er nicht ausstehen

Mali war eine junge Republik, die erst 1960 die Unabhängigkeit von Frankreich erlangt hatte und in der Mory Kanté zahlreichen musikalischen Stilen und Genres ausgesetzt war; zu all den vielen afrikanischen Traditionen kamen hier angloamerikanischer und französischer Pop und Rock: Klänge, die den Teenager elektrisierten und nachhaltig prägen sollten. Es ist kein Wunder, dass er begann, sich das Gitarrespielen beizubringen.

Zum Ende der Sechziger begann Kanté, mit Bands und Orchestern in Nachtklubs aufzutreten. Er war 21, als er eingeladen wurde, sich der landesweit bekannten Rail Band anzuschließen, deren Sänger der berühmte Salif Keita war. Als dieser 1973 die Gruppe verließ, rückte Mory Kanté nach. Mit ihm als Stimme wurde die Rail Band in ganz Westafrika populär und Kanté ein Star. Damals brachte er sich selber bei, Kora zu spielen, eine Art komplexe Harfe mit 21 Saiten.

Der große Durchbruch mit "Yéké yéké"

Um als Solist ungebundener mit Genres und Stilen jonglieren zu können, verließ Kanté 1978 die Rail Band. Sein erstes Soloalbum "Courougnene" erschien drei Jahre später, eingespielt in Los Angeles. Die Platte war kommerziell erfolgreich, aber brachte ihm neben viel Lob auch erste Kritik von Puristen, die Mory Kanté den Ausverkauf von Traditionen vorhielten.

Mit dem Umzug nach Frankreich 1984 erfüllte er sich einen Traum, auch wenn er ohne Aufenthaltsgenehmigung kam. Aber sein Timing war perfekt, die sogenannte "Weltmusik" - ein diffuser Begriff, den Mory Kanté nie ausstehen konnte – wurde in jenen Jahren weltweit von einem großen Publikum entdeckt. Insbesondere in Frankreich war das Interesse daran groß und Kanté, der unablässig tourte, wurde auch dort bald zum Star. Weil er auf seinen Alben beständig afrikanische Klänge mit Funk, Jazz und Pop kreuzte, hatte er schnell den Spitznamen "Electric Griot" weg.

Der große Durchbruch gelang Mory Kanté 1987 mit seinem Song "Yéké yéké", in dem all seine Einflüsse in Perfektion zusammenfinden und exakt den Nerv der Zeit treffen. Mehr als fünf Millionen Mal ging die Single weg, rauschte in ganz Europa und in vielen anderen Ländern rund um die Welt in die Charts. Es war die erste afrikanische Single überhaupt, die die Millionengrenze durchbrach.

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Ein hochmelodischer Song der sogar in Europas Techno-Klubs für Euphorie auf den Tanzflächen sorgte. Das dazugehörige Album "Akwaba Beach" entwickelt sich zum bestverkauften afrikanischen Album aller Zeiten. Letztlich rückte Mory Kanté mit diesem Triumph die Musik seiner Heimat weltweit ins Rampenlicht - und machte klar, dass Tradition und Moderne ziemlich gut miteinander kombiniert werden können.

Es folgten Konzertreisen rund um die Welt, Auftritte von New York bis Tokio. Aber mit den Jahren besann sich Mory Kanté zunehmend wieder auf seine Wurzeln, zog zurück nach Guinea und führte auch seine Musik wieder zu den Traditionen seiner Familie zurück. In seinem Heimatland richtete er in dem Dorf Nongo eine moderne Konzerthalle sowie zwei Aufnahmestudios ein. Die Welt bereiste er weiterhin, war für die Vereinten Nationen tätig und hielt an Universitäten Vorträge über Musik und Kultur.

Sein letztes Album "La Guineenne" erschien 2012. Auf die Frage, was seine liebste Reiseroute sei, antwortete der Weltbürger Kanté dem britischen "Guardian" vor einigen Jahren: "Jede Rückreise nach Afrika".

Am 22. Mai ist Mory Kanté mit 70 nach langer Krankheit in der guineischen Hauptstadt Conakry gestorben.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version waren zwei Instrumente verwechselt worden: Das 21-saitige Harfen-Instrument heißt korrekt Kora. Wir haben das korrigiert.

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