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Zum Tod von Roger Cicero Zwischen den Welten, wie Sinatra

Wie sein großes Vorbild Frank Sinatra versuchte sich auch Roger Cicero als Vermittler zwischen Pop und Jazz. Jetzt ist der große Sänger, der den Swing in die deutschen Charts brachte, mit 45 Jahren gestorben.

Die Popindustrie erwartete von ihm Bestseller wie das Album "Männersachen" oder Lieder wie "Frauen regier'n die Welt", mit dem er Deutschland beim Eurovision Song Contest repräsentierte. Die Jazzfreunde wollten ihn als Scatsänger erleben, der virtuos über Stücke des Tenorsaxofonisten James Moody improvisierte.

Roger Cicero lebte in zwei Welten. Er kannte das Leben in der Jazz-Nische mit Trio-Auftritten in kleinen Klubs für Minigagen. Aber er hat auch den Beifall Tausender genossen. Die Idee, pfiffige Songs in deutscher Sprache mit Bigband-Swing zu kombinieren, lockte 2007 und 2008, nach der Veröffentlichung von "Männersachen", Sieben- bis Siebzigjährige in die Großarenen der Republik. Jazz- und Schlagerelemente wurden miteinander verbunden.

Veteran Paul Kuhn freute sich damals, dass Roger Cicero "als erfolgreicher Bigband-Sänger die Swing-Tradition in Deutschland weiterführt". Aber konnte diese Musik des nun mit keckem Hütchen auftretenden Sängers dauerhaft zünden?

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Roger Cicero: Vom Jazz zum Pop

Foto: Daniel Reinhardt/ picture alliance / dpa

Ein Album mit dem Titel "Beziehungsweise" folgte dem Muster der "Männersachen". Es war weniger erfolgreich, und Roger Cicero fand sich allmählich wieder zurück in die Jazzszene, absolvierte Auftritte mit kleiner Besetzung in Klubs und auf Festivals. Freilich wollte der Sohn des 1997 verstorbenen Jazzpianisten Eugen Cicero weiterhin seinem Vorbild nacheifern: Roger bewunderte Frank Sinatra, seit ihm ein Kommilitone während des Studiums im niederländischen Hilversum das Album "Sinatra at the Sands" vorspielte.

Sinatra, immer Sinatra

Wie sein Idol reizte ihn das Spannungsfeld zwischen Jazz und Pop, und wie Sinatra liebte auch Roger Cicero die Arbeit mit Bigbands. Zum 100. Geburtstag des Amerikaners brachte er deshalb im vergangenen Jahr die CD und DVD "Cicero Sings Sinatra" heraus. Er wählte 20 Stücke aus Sinatras 1000-Titel-Repertoire, ließ sie neu arrangieren. Es war sein "ganz persönlicher Blick auf Sinatra, losgelöst von den Originalen", und er gelang. Das Album war ein Bestseller und ist aktuell für den Musikpreis Echo nominiert, ebenso wie seine Sammlung von neu interpretierten Jazz- und Bluesklassikern, "The Roger Cicero Jazz Experience", die er zusammen mit seiner Tourneeband aufnahm.

Cicero, 1970 in Berlin geboren, trat bereits mit elf Jahren im Vorprogramm von Helen Vita auf. Mit 16 Jahren hatte er mit dem Rias-Tanzorchester seinen ersten Auftritt im Fernsehen, als er 18 war begann er eine Ausbildung am Hohner-Konservatorium in Trossingen, später studierte er Jazzgesang in Hilversum. In Hamburg machte er sich zu Beginn der Nullerjahre einen Namen als Sänger in Bands wie Jazzkantine und Soulounge, trat vor begeistertem Publikum in Musikbars und Jazz-Klubs wie "Angie's Nightclub" und "Birdland" auf. 2005 begann er zusammen mit den Produzenten Frank Ramond und Mathias Haß, Songs für sein erstes Album zu schreiben. "Männersachen" schaffte es bis auf Platz drei der deutschen Charts und verkaufte sich mehr als eine Million Mal. 2007 schaffte es Cicero mit seinem Radiohit "Frauen regier'n die Welt" allerdings nur auf den 19. Platz des Eurovision Song Contests. Im selben Jahr gewann er den Musikpreis Echo.

In Jazzkreisen ist der Star Cicero immer der kompetente, sympathische Kumpel geblieben - freundlich mit einem Schuss Selbstironie. Dass ihn seine Rolle im Popgeschäft belasten könnte, hat er immer bestritten. Mit Roger Cicero verstarb Deutschland vielleicht wichtigster Mittler zwischen zwei Musik-Genres.

Video: Verstehen Sie Haas? Schmalunken im Swingerclub (2007)

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