Klimawandel-Version von "Die vier Jahreszeiten" Der Winter ist auch nicht mehr das, was er mal war

Vor fast 300 Jahren komponierte Antonio Vivaldi seine "Vier Jahreszeiten"- nun verfremdete das NDR Elbphilharmonie Orchester den Klassikhit: Die Musiker wollen auf den Klimawandel aufmerksam machen.
Spruchband in der Elbphilharmonie: Zwischendurch gab es immer wieder Beifall

Spruchband in der Elbphilharmonie: Zwischendurch gab es immer wieder Beifall

Foto: Peter Hundert/ NDR

Anders als Schriftsteller, Theatermacher oder Popstars haben Musiker ein Problem, wenn sie sich auf der Bühne politisch äußern wollen: Mal eben ein Statement gegen Rechtsradikalismus vor Mozarts Requiem? Oder ein Appell für den Weltfrieden zwischen den Sätzen der Hammerklaviersonate? Wäre eher schwierig.

Musiker des Hamburger NDR Elbphilharmonie Orchesters haben für dieses Problem nun eine ganz eigene Lösung gefunden: Unter der Leitung ihres Dirigenten Alan Gilbert gab das Ensemble am Samstag ein Gratiskonzert mit Antonio Vivaldis "Die vier Jahreszeiten", das mit dem Stück selbst sehr wenig, aber mit der neuen "Mission" des Orchesters (Gilbert) ziemlich viel zu tun hatte. Statt des Originals ("Four Seasons") wurde eine modifizierte Version ("For Seasons") aufgeführt, die an die Klimakrise erinnern und das Publikum entsprechend aufrütteln sollte. "We've heard all about climate change", lautete die Parole auf einem Spruchband in der Elbphilharmonie, "now it's time to listen".

Ein Stück, das alle Wetterphänomene abbildet

Wahrscheinlich eignet sich kaum ein anderes Werk der konzertanten Musik so gut für ein solches Experiment wie Vivaldis vor fast 300 Jahren komponierter Klassikhit. Vier kurze Violinkonzerte - für jede Jahreszeit eines - bilden allerlei Wetterphänomene ab, Sommerhitze, Donnergrollen und Frühlingsstürme, dazu Vogelgezwitscher und sogar Hundegebell. Das Schöne daran: Auch wenn man diese Geräusche nicht dechiffrieren will, klingen die "Vier Jahreszeiten" trotzdem wunderbar. Selbst hartnäckige Verächter der Musik des frühen 18. Jahrhunderts ("Barockgepingel") werden bei Vivaldi schwach.

Die Musiker des Elbphilharmonie Orchesters haben Vivaldis Programmmusik allerdings äußerst ernst genommen. Das Kreativstudio "Kling Klang Klong" aus Berlin erhielt einen Auftrag, den wahre Klassikfans wahrscheinlich für die denkbar größtmögliche Sünde halten: "Kling Klang Klong" sollte alle möglichen Daten über den Klimawandel sammeln und diese in einen Algorithmus umwandeln, mit dem das Stück kräftig verfremdet wurde. Konkret: Da zum Beispiel die europäische Vogelpopulation in den letzten dreißig Jahren um etwa 15 Prozent kleiner geworden ist, wurden 15 Prozent aller Noten in Vivaldis Vogelmotiven einfach wegrasiert.

Und da sich die Wetterphänomene in den Jahreszeiten mehr und mehr vermischen, wurden auch Vivaldis Melodien aus den vier Konzerten munter durcheinandergewirbelt. Im Frühling klingt nun schon der Sommer an. Und der Winter ist bekanntlich auch nicht mehr das, was er mal war.

"Irgendwie klang es ganz anders als Vivaldi"

Da Berechnungen allein noch keine Musik ergeben, wurde der Datensatz erneut bearbeitet, diesmal von einem leibhaftigen Musiker, dem Hamburger Soloposaunisten Simone Candotto. Herausgekommen ist dabei ein durchaus hörenswertes Stück, was am Anfang noch etwas an Vivaldi erinnert, am Ende aber eher an die Musik gemäßigter Neutöner wie Arvo Pärt oder Alfred Schnittke. Candotto lässt sogar Blechbläser des Elbphilharmonie Orchesters mitspielen, die beim barocken Original nur zuhören dürfen.

Das Publikum in der Elbphilharmonie dürfte allerdings die vielen kleinen und großen Manipulationen am Original kaum nachvollzogen haben. "Irgendwie klang es ganz anders als Vivaldi", sagte ein etwa 16-Jähriger beim Herausgehen, "aber irgendwie war es auch ganz toll."

Und eben das könnte auch das Dilemma des ganzen Abends sein: "For Seasons" klingt gar nicht nach Krise. Das Drama, das dieses Stück eigentlich illustrieren soll, scheint sogar konsumierbar zu sein. "I hope you enjoy the music!", hatte Gilbert vor dem Konzert den Zuhörern gewünscht. Offensichtlich war das der Fall: Zwischendurch gab es immer wieder Beifall, am Ende sogar Standing Ovations.

Ob das Werk weitere Aufführungen erlebt, ist allerdings ungewiss. Noch gibt es keine konkreten Pläne, womöglich ergeht es "For Seasons" so wie den meisten Novitäten der Neuen Musik: Sie werden ein paar Mal gespielt und dann vergessen. Der Klimawandel allerdings bleibt uns erhalten. Kritiker des ganzen Projekts hatten denn auch schon vor dem Konzert daran erinnert, dass weltweit tätige Regie-Stars wie Gilbert persönlich sehr viel mehr gegen die globale Erwärmung tun könnten, wenn sie nicht ständig von einem Konzert zum nächsten fliegen würden. Angeblich aber, so ließ der Maestro jetzt verlauten, will er in Zukunft häufiger mit der Bahn fahren.

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