Neil Young in Hamburg Die Transzendenz der Rückkopplung

Der Godfather des Grunge als Rock'n'Roll-Messias: Im Hamburger Stadtpark kam der 62-jährige Neil Young auf der Bühne kein bisschen altersmilde daher. Jan Wigger verneigt sich vor einem der ganz Großen des Rock - und entdeckt in ihm sogar menschliche Züge.

Es gibt genau drei Großereignisse, die man selbst dann vor seinem Ableben einmal live gesehen haben sollte, wenn man sich überhaupt nicht für Rock interessiert: Bruce Springsteen & The E Street Band, Bob Dylan und Neil Young. Der ewige Neil fand erst zuletzt mit der ruppigen Wut-Platte "Living With War" und dem folgenden, absolut soliden "Chrome Dreams II" wieder zur Form von "Sleeps With Angels" zurück. Nun steht er gerade in einem farbbeklecksten, dunklen Jackett und mit im Wind wehenden Haaren auf der mit mehreren Ventilatoren und Wunderinstrumenten verzierten Bühne des Hamburger Stadtparks.

Er lässt seine Electric Band (bei der übrigens Chad Cromwell und nicht etwa das angekündigte Crazy-Horse-Mitglied Ralph Molina am Schlagzeug sitzt) eine erste halbe Stunde spielen, die so brachial und fulminant ist, wie man es sich in seinen flammendsten Träumen nicht hätte ausmalen können: Der zehnminütige "Ragged Glory"-Höhepunkt "Love And Only Love", das gleichfalls zehnminütige "Cowgirl In The Sand", "Hey Hey, My My" in der verstärkten, verzerrten "Into The Black"- Version, mit der Young 1979 den Grunge-Rock erfand. Und ein entfesseltes "Powderfinger", getragen von einem der lässigsten Riffs, die dem mal als Hippie, mal als Folkie, mal als alten Sack beschimpften Kanadier jemals eingefallen sind.

Das mit dem Rücken zum Publikum praktizierte, kurze Anzählen der Songs, das Zusammenstecken der Köpfe und das unerklärbare Verschmelzen von Mensch und Instrument funktionieren mit Bassist Rick Rosas und der Steel-Guitar-Fachkraft Ben Keith fast so wie bei Neils legendärer Backing-Band Crazy Horse. Dabei ist Youngs mal unscharfes, mal schonungsloses, mal gefühlsseliges Gitarrenspiel ohnehin reines Genie und nicht von dieser Welt. Auch wird noch einmal deutlich, wie weit Neil Youngs Rückkopplungen und Elektrifizierungen am heiligen Instrument vom hemdsärmeligen Muckertum entfernt sind: Die Gniedeleien des Meisters dienen keinem Selbstzweck, sondern immer der Transzendenz derer, die Ohren haben, um zu hören.

Natürlich lässt sich der 62-Jährige auch in diesen knapp zwei Stunden irgendwann eine der Akustikgitarren geben, um "Heart Of Gold" zu spielen oder "The Needle And The Damage Done", das den Heroin-Tod des damaligen Crazy-Horse-Gitarristen Danny Whitten in bestürzenden zwei Minuten vorwegnahm: "I sing the song because I love the man / I know that some of you don't understand." Die kleinen, alles entscheidenden Dinge verstehen die meisten Leute ja fast nie, und trotzdem muss man durchhalten: weiter, immer weiter.

Live-Musik mit Live-Malerei

Schon sitzt Neils Ehefrau Pegi Young am großen Klavier, rechts hinter ihr werden auf einer kleinen Staffelei stetig Bilder gemalt, die die Songs illustrieren sollen und am Bühnenrand aufgestellt werden. Etwas später gibt es eine wundervoll gesungene Version von "Unknown Legend" und die beiden ganz neuen, wieder etwas in Richtung "Ragged Glory" tendierenden Stücke "Just Singing A Song Won't Change The World" und "Sea Change" (oder heißt er "See Change"? - über den korrekten Titel gibt es noch Diskussionen unter den Fans).

So erratisch die Songauswahl eines Neil-Young-Konzerts zuweilen auch sein kann, so sinnlos waren letztlich alle vorsichtigen Wünsche und Hoffnungen, die man von zu Hause mitgebracht hatte: "Winterlong"? Zuletzt noch gespielt, heute keine Lust drauf. "Everybody Knows This Is Nowhere"? Gerade wieder von der Setlist gestrichen. "Helpless”? Not in the mood. "The Last Trip To Tulsa"? Ein fast schon lächerlicher Gedanke.

Neil Young hat jedes Recht der Welt, nur das zu machen, was er will. Deshalb gibt es von "Chrome Dreams II" zum Schluss auch nicht den überragenden Track "Ordinary People", sondern das ebenso endlose, in der Live-Version buchstäblich explodierende "No Hidden Path" und als letzten Gruß und einzige Zugabe das Beatles-Cover "A Day In The Life".

Noch während die letzten Töne verklingen, wissen wir plötzlich wieder, was Bruce Springsteen, Bob Dylan und Neil Young zu den Künstlern gemacht hat, denen wir unser Leben anvertrauen: Alle drei haben neben vielen, vielen Meisterwerken zwischendurch auch Schrott veröffentlicht: "Long May You Run", "Shot Of Love", "Human Touch", "Landing On Water", "Saved", "Lucky Town".

Das macht sie menschlich. Auch wenn das Solo von Neil Youngs "Cortez The Killer" unmöglich von einem Menschen eingespielt worden sein kann.

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