Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Was für eine Woche: Die Berlinerin Balbina veröffentlicht das deutsche Pop-Album des Jahres! Und den Britpop-Veteranen von Blur gelingt ein erstaunliches Comeback, das Sie sich hier komplett anhören können. Außerdem: Twin Shadow! Martin Gore!

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Balbina - "Über das Grübeln"
(Four Music/Sony, ab 24. April)

"Kuckuck, ist da jemand da? Unter den ganzen Lagen, lagert da was drunter? Oder lagern darunter nur/ Andere Lagen?" Mal ganz abgesehen davon, dass man den ganz und gar entzückenden Ausruf "Kuckuck!" heutzutage leider kaum noch hört, wurde ich mit der Frage nach Balbinas Tiefe und Relevanz im vergangenen halben Jahr erstaunlich oft konfrontiert: "Hallo!? Was ist denn da so toll? Verstehe ich nicht!"

Die einfache Antwort darauf wäre: Muss nicht jeder verstehen, kann aber jeder einfach mal empfinden. Denn so ging es mir auch, als ich im vergangenen Juni zum Glück Balbinas ohne viel Nachdruck oder Anpreisen bemusterte ("Nichtstun"-EP) hörte, so wie man neue Platten so halbneugierig nebenbei im Büro mal hört. Mit dem Nebenbei war es dann aber schnell vorbei, denn schon "Nichtstun" hatte mit allem, was sonst gerade in Deutschland an Popmusik fabriziert wird, nichts zu tun. Da zählte diese junge Frau mit strenger Frisur und schmollendem Gesicht die Polkadots auf ihrem Glockenrock und forderte die Langeweile auf, sich doch endlich mal zu beeilen und das mit dieser unerhörten, von ganz tief unten nach ganz weit oben reichenden Stimme, die manche abschätzig als "torfigen" Alt bezeichnen, die in Wahrheit aber für viele Ohren nur ungewohnt ist im hiesigen Pop-Einerlei. Balbina arbeitet dramaturgisch mit Sprache, zerdehnt und verbiegt ihre oft viel zu langen Sätze und Worte in die Musik, wie es sonst nur HipHop-Künstler tun - oder Gesangs-Enigmata wie Herbert Grönemeyer und Nina Hagen. Beide gehören nicht umsonst zu ihren Vorbildern.

Ganz früher, als Balbina noch in einer Berliner Sozialbau-Siedlung in ihrem Mädchenzimmer hockte und aus dem Fenster träumte, war eher Whitney Houston ihr Idol, die Diva mit der großen Stimme. Stundenlang übte sie, bis sie die R&B-Hymnen Houstons adäquat mitträllern konnte. Aber, wiederum zum Glück, ist aus ihr dann nicht eine der vielen Soulgesang-Epigoninnen geworden, die ein Schattendasein im Background-Chor fristen, zum Glück machten ihr die Rapper aus dem Royal-Bunker-Umfeld Mut, mit ihrer eigenen Sprache, ihren eigenen Reimen zu experimentieren, bis sich langsam, allmählich, mit dem Umweg über ein in alle Stile explodierendes Debütalbum das formte, was nun auf ihrem Majorlabel-Einstand zu hören ist und was ich absichtlich nicht mit einem Etikett überkleben möchte. Ich wüsste auch nicht, was man draufschreiben sollte: Für Kammerpop ist es nicht gediegen genug, für HipHop oder R&B ist es zu klassisch Pop, für Schlager ist es zu widerborstig und spröde.

Balbinas Musik ist tatsächlich das Einzige, woran man herummäkeln könnte, sie tritt manchmal zu sehr hinter die Texte zurück, bleibt zu pianoklimpernd schlicht, wo auch kompositorisch mehr Risiko drin gewesen wäre. Aber das Manko hat Methode, sagt Balbina; komplexe Texte mit komplexer Musik, das kann auch zu viel des Guten sein.

Und das ist ja eigentlich das Schönste an Balbina: Hier gibt es nicht dieses Hoppla-jetzt-komm-ich, das deutschen Pop oft unerträglich macht, dieses möglichst exakte In-die-Schublade-passen, damit jeder gleich weiß, woran er ist. Dieses Großpusten von Gefühlen, bis sie nur noch Blasen voll heißer Luft sind. Balbinas Welt ist eine angenehm leise, unaufdringliche Welt des Prokrastinierens und In-den-Tag-hinein-Dösens und -Denkens, des genauen Betrachtens und der alltäglichen Dinge, die sonst keiner beachtet. Es ist die Welt des Mädchenzimmers an trägen Sonntagnachmittagen, wenn die Staubpartikel im Sonnenstrahl zu tanzen beginnen und es viel Zeit gibt, über die Vergesslichkeit von Goldfischen nachzudenken, die egoistische Zeit oder Blumentöpfe, die Kopfzerbrechen machen.

Es ist eine Welt, die einen nicht mit Eindeutigkeiten nervt, sondern die einen weich im Ungefähren, Assoziativen umfängt. Man kann sich fallenlassen in diese Lieder, sie werden das schon aushalten, sie sind robuster, als sie in ihrer Zartheit wirken, einige, "Wecker", "Blumentopf" oder "Goldfisch", sind so solide und anhänglich, dass sie Hits werden könnten.

Wie eine in strahlend weißes Wischundweg-Papier gekleidete Zauberfee stupst Balbina mal den Teekessel, mal den Teddybär an, stöbert nach den Lagen unter der Lebenslage. So mancher Fleck, der dabei aufs Kleid gerät, geht auch mit Seife nicht wieder weg, so sehr sie auch schrubbt. Dann rüttelt sie an den trägen Vorhängen, dann schüttelt sie den Wecker, warum er denn so leise war: Jetzt hat sie schon ihr halbes Leben mit Sinnieren versonnen.

Macht nichts. Aus diesen Tag-Träumen ist jetzt immerhin das klügste und geschmackvollste deutsche Popalbum des Jahres geworden. Hat sich doch gelohnt, die ganze Grübelei. (9.0) Andreas Borcholte

Blur - "The Magic Whip"
(Parlophone/Warner, ab 24. April)

Gefälliger könnte "The Magic Whip" kaum beginnen: Mit "Lonesome Street" eröffnen Blur zwölf Jahre nach "Thinktank" ihr neues Album - und es klingt wie ein Zitat von "There's No Other Way" vom Debüt "Leisure" aus dem Jahr 1991. Kann es sein, dass sich trotz der vielen Projekte von Damon Albarn und Graham Coxons Auf und Ab bei Blur nichts geändert hat? Stehen die Jungs etwa noch immer mit ihren gestreiften Shirts und Trainingsjacken vor Essex' Rotklinker-Reihenhäusern und singen "Parklife" oder eben "Lonesome Street"?

Ganz so leicht ist das zum Glück nicht - und "The Magic Whip" nicht einfach als Eskapismus abzuhandeln. Denn auch wenn man gerne an die Jahre von "The Great Escape" oder "Modern Life Is Rubbish" zurückdenken mag: Blur ist nicht mehr die Britpop-Band von damals, es sind nicht mehr die Neunziger. Zwar klingt "I Broadcast" wie eine Mischung aus "Parklife" und "Popscene"; "Go Out" wie die logische Weiterentwicklung des bisher letzten Albums "Thinktank" von 2003, es könnte aber auch genauso gut ein Überbleibsel der Gorillaz sein. Vor allem der Einfluss von Damon Albarns 2014 veröffentlichtem Solowerk "Everyday Robots" ist auf "The Magic Whip" nicht zu leugnen, zum Beispiel in der Ballade "New World Towers" oder dem wunderbaren "Ice Cream Man". Es waren, es sind diese Kinderlied-Momente, die Blur-Songs so schwebend und schön machen.

Leichtigkeit ist nun nicht unbedingt ein Attribut, das Graham Coxon zuzuschreiben ist, und auch wenn die Platte an vielen Stellen nach Albarn alleine klingt: Ohne die erdende Arbeit des zurückgekehrten Gitarristen wäre "The Magic Whip" wohl ein ganz anderes, vielleicht klanglich modernes, innovativeres Album, vermutlich aber wäre es nie entstanden. Es war Coxon, nicht Albarn, der wochenlang gemeinsam mit Produzent Stephen Street das Demomaterial, das 2013 in Hongkong entstanden war, immer wieder überarbeitet, zerschnibbelt und neu zusammengesetzt hat. Blur 2015, das ist auch Puzzeln für Fortgeschrittene.

Die Suche nach offensichtlichen Pop-Hits scheint auch deswegen vergeblich, tatsächlich aber stecken in den einzelnen Songs von "The Magic Whip" so viele Referenzen, Ideen und auch gänzlich untypische Blur-Momente ("Thought I Was A Spaceman"), die schließlich zum doppelten Höhepunkt der Platte kulminieren und versöhnen: "My Terracotta Heart" mit der sanften Coxon-Gitarre und der wundervoll brüchigen Stimme von Albarn - und das düstere "There Are Too Many Of Us", in dem, weltoffen, demütig und erwachsen, viele Menschen in kleinen Häusern besungen werden, statt wie einst mit erhobener Nase das "very big house in the country". "Lonesome Street" bleibt natürlich trotzdem bis zuletzt als Hymne hängen.

Braucht man "The Magic Whip"? Das muss jeder für sich entscheiden, je nach nostalgischer Verbundenheit. Die Band hätte weder dieses Album noch das zugehörige Comeback nötig gehabt. Aber es steht ihnen außerordentlich gut. (8.5) Anika Haberecht

Twin Shadow - "Eclipse"
(Warner, ab 24. April)

George Lewis Jr. macht bei einem Festival mit einer attraktiven Brünetten rum. Und er erzählt von seinen Fantasien über schwedische Blondinen vom Land. Das waren die ersten Eindrücke des mythischen Nebels, den Lewis zu Beginn seiner Karriere über sein Bühnenego Twin Shadow verbreitet hat: Dicke-Eier-Gesten. Als riefe er: "Seht her, ich bin gekommen, um Rockstar zu sein!"

"Forget", sein Debüt von 2010, widersprach diesem stumpfen Machismo dann allerdings. Lewis zeigte sich von seiner filigranen Seite, mit fein arrangierten, nie prollig wirkenden Stücken, es war Pop, der aus dem kargen Schlafzimmer in Brooklyn auf die großen Bühnen drängte. Lewis, auf einmal hoffnungslos romantisch, besang die Liebe mit Metaphern der Vergänglichkeit, gleichsam cheesy und schön, wie Schlösser im Schnee.

Wie passt das zusammen, fragte man sich damals, Lewis, der Macho, und Lewis, der Romantiker? Entstand hier ein neues Zwischenwesen des Pop, das sich an diesen Gegensätzen reibt und ein großes Feuer entfachen könnte? Twin Shadow, ein Prince fürs Hipster-Zeitalter?

Der mythische Nebel um Twin Shadow schwand, je mehr Lewis veröffentlichte. War "Forget" atmosphärisch dicht, "Confess" von 2012 noch in den Schwaden des Debüts entstanden, so wirkt sein drittes Album "Eclipse", das erste auf einem Major-Label, wie eine Turbine, die den letzten Rest des Nebels vertreibt. Diese Turbine geht ganz langsam los, mit einer Kinderklaviermelodie und einem Gesang, den Lewis etwas zu dreist bei Prince geborgt hat, dann aber wird die Turbine so richtig angeworfen, mit einem schmissigen Refrain, der alle Coolness, allen Spleen, all die Reibung, die man von Twin Shadow kannte und die auf mehr hoffen ließ, wegbläst, als wäre nie etwas gewesen.

Twin Shadow will mit "Eclipse" aufs Ganze gehen. So platt das klingt, so platt ist es auch. Lewis zoomt auf die großen Gesten und nicht mehr auf die Schönheit maroder Kleinigkeiten. High-End statt Lo-Fi, Studio mit Pro-Tools statt Wohnung ohne Möbel, Ecstasy statt Kater. Der Wind aus der Turbine bedingt, dass Lewis ganz schön abhebt. Begriffe wie "Power-Pop" und "Sell-out" schwirren durch die Luft. Und immer wieder ein Hauch von Prince, dessen legitimer Nachfolger Lewis mit seiner inzwischen glatt polierten Erzählung aber kaum mehr werden kann. Es gibt Ausnahmen auf "Eclipse", wie etwa die kaputten Synthesizer, die im Titelstück erschöpft die Drum-Machine umarmen. Aber sie verfliegen schnell wieder.

Was man Lewis lassen muss: Er hat ein Gespür für Melodien. Das Pathos gehört ihm, kein Zweifel, er verkauft es nur nicht mehr so charmant nebenbei wie auf seinem Debüt. Er haut es einfach raus. Es ist, als klebten an den "Eclipse"-Stücken auf kleine "Sale"-Aufkleber: Alles muss raus. (4.2) Jurek Skrobala

MG - "MG"
(Mute/Goodtogo, ab 24. April)

Als hätten wir es nicht geahnt: Natürlich war es Vince Clarke, der beim ziemlich guten Gore/Clarke-Kumpelprojekt VCMG für die Techno-Roughness, die Clubtauglichkeit zuständig war. Martin L. Gore, das ist der Mann fürs Ambiente. Das zeigt sich nun auch auf dem, logischerweise nur noch MG betitelten, ersten Solo-Album des Depeche-Mode-Mitgründers, zählt man ein 2003 veröffentlichtes Cover-Album nicht mit. Man stelle sich Gore vor, 53, etwas abgeschlafft nach der anstrengenden "Delta Machine"-Tournee, zuhause im gut gekühlten Kellerraum-Studio in Santa Barbara: Boah hat der Gahan wieder genervt mit seinen Allüren! Noch schlimmer geworden, seit er clean ist. Und Fletch, pfff, auch keine große Hilfe mehr! Kümmert sich nur noch um seinen eigenen Kram, statt zwischen mir und Dave zu schlichten, wird auch langsam größenwahnsinnig, seit ich ihn im Studio mehr ranlasse. Der Frust muss raus!

Also legt sich Gore zur Beruhigung nochmal seine Lieblingsplatten von Eno und Jean-Michel Jarre auf. Dabei kam dann wahrscheinlich ein Stück wie "Islet" heraus, oder das nachfolgende "Crowly": Seltsam retrospektiv wirkender Proto-Techno, der "Equinox"-Soundsphären mit Horror- und Science-Fiction-Film-Soundtracks ("Creeper", "Spiral", "Stealth") verwurbelt. In "Brink" werden dann nochmal, construction time again!, die alten "People Are People"-Sounds reanimiert, Keyboard-Gelichter wie in "Elk" hatten allerdings Level 42 vor 30 Jahren auf "True Colours" schon besser drauf.

Vielleicht ist die Erwartungshaltung aber auch zu groß, die Marke Depeche Mode zu erdrückend, um einem eigentherapeutisch wirkenden Hobbykeller-Projekt wie "MG" die nötige Luft zu lassen. Von 16 zwischen drei und vier Minuten dudelnden, durchaus sympathischen, aber auch ganz schön egalen Tracks vermag einzig die "Europa Hymn" vollkommen zu überzeugen. Mit ihren angeschrägten Synthie-Flächen, "Popcorn"-Geblubber und Prä-Notwist-Beatgeklapper weist sie in die gute alte Zeit der Achtziger und frühen Neunziger, als das Wort Europa noch einen romantischen Klang hatte. Ach, damals war ja auch die beste Zeit von Depeche Mode, oder? Passt. (4.0) Andreas Borcholte

Best-of "Abgehört"

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
rosie_ 21.04.2015
1. Vielen Dank
In einer Kolumne mit dem Titel "Die wichtigste Musik der Woche" den Satz "Balbinas Musik ist tatsächlich das Einzige, woran man herummäkeln könnte..." unterzubringen, zeugt schon von sehr, sehr viel Humor. Bzw. ich will doch sehr hoffen!
bphorst 21.04.2015
2. Martin Gore
Wenn man schon Counterfeit 2 als bislang einziges Soloalbum von Martin Gore betitelt, könnte man wenigstens noch Counterfeit EP von 1989 nennen, welches seine erste Soloveröffentlichung war.
benutzernamentyp 23.04.2015
3.
Von wem wird dieser Titel verliehen - das versuche ich gerade verzweifelt herauszufinden. Oder ist das einfach so gesagt? Versteh ich nicht.
fccopper 23.04.2015
4. Braucht man
diese Blur Rezension? welche Art Musik macht Balbina jetzt eigentlich?
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