Abgehört - neue Musik Effizienzwunder und eine Maschine im Leerlauf

Wo ist die Angespanntheit, wo der Ehrgeiz? Auf dem neuen Album von Bilderbuch jedenfalls zu selten. Ganz locker wirft Odd-Future-Alumna Syd ein laszives R&B-Debüt hin - und Ryan Adams hat Profi-Herzschmerz.

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Bilderbuch - "Magic Life"
(Maschin Records, ab 17. Februar)

Wer, wenn nicht Bilderbuch, dürfen sich auch mal locker machen? Sich mit einem Softdrink in der Hand aufs Sofa legen und in Ruhe Insta auf dem Handy checken? Schließlich haben die vier Wiener mit "Schick Schock" eines der besten deutschsprachigen Alben der vergangenen 20 Jahre vorgelegt: zwölf Songs, die neu bestimmt haben, was in Sachen Pop, Deutsch, Sex, Sprachwitz geht. Und danach haben sie auch noch mit einem Durchhaltevermögen getourt, das man nicht mehr sportlich, sondern olympisch nennen muss.

So gesehen, dürfen es Bilderbuch auf "Magic Life" durchaus ruhiger angehen. Und dann auch wieder überhaupt nicht. Denn wenn es eine Band gibt, die eben nicht locker lassen darf, deren Songs von Angespanntheit und Ehrgeiz leben, dann sind es nun einmal auch Bilderbuch. Beides, Angespanntheit und Ehrgeiz, war auf "Schick Schock" von Gitarrengegniedel, Autotune-Gieksern und Kalauern überdeckt, aber bewusst nur halbherzig, weshalb die Songs diese einmalige Spannung hatten. Kein Moment ohne Zweideutigkeit: In "Plansch" wurde man ebenso angetanzt wie agitiert, und mit jedem Mal Hören konnte man sich aufs Neue entscheiden, worauf man sich gerade einlassen wollte - die Party oder die Agitprop.

"Magic Life" hat von beidem nicht genug und schafft es schon gar nicht, beides in Balance zu halten. Die schlaffe Vorab-Single "Erzähl deinen Mädels ich bin wieder in der Stadt" war deshalb nicht eine Geste des ironischen Erwartungen herunter Schraubens, sondern eine passgenaue Einstimmung auf das Album: Der Band eilt jetzt ein Ruf voraus, aber fürs Hinterherrennen fehlt ihr gerade die Energie.

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Exemplarisch ist gleich der erste reguläre Track: Bei "I <3 Stress" werden Partyhorn und Naughty-by-Nature-Zitat bemüht, zusammen mit dem nervösen Synthie-Lauf, der unter dem Song puckert, wirkt das aber eher illustrativ als eigenständig zu den Lyrics, die vom zwanghaft stressigen Millennials-Alltag erzählen.

Dieses Parallellaufen von Musik und Text findet sich auf den meisten Songs, weshalb sie sowohl einzeln, als auch in Album-Sammlung erstaunlich eintönig klingen. Kein Wortspiel wie Plansch/Plunge, das hängen bleibt oder auch nur eine Koketterie wie "Nenn mich Maurice Antoinette", die verzückt.

Andreas Borcholtes Playlist KW 7
SPIEGEL ONLINE

1. Balbina: Das Kaputtgehen

2. Laura Marling: What He Wrote

3. Joni Mitchell: Court And Spark

4. Maggie Rogers: Alaska

5. Syd: Body

6. The Internet: Cocaine

7. Bilderbuch: Bungalow

8. Fiona Apple: Criminal

9. Jesca Hoop: The Lost Sky

10. Aimee Mann: Goose Snow Cone

Schon nach der Hälfte der Songs verfällt "Magic Life" ins Selbstzitat, die "Rivers of cash flow" aus "Bungalow" fließen gleich weiter in den nächsten Track "Sprit N' Soda". Besonders, wenn das Album zum Schluss in Reggae-Anleihen absäuft, wünscht man sich die herrlich ins Leere schraubende Gitarre von "Barry Manilow" zurück.

Aber dann gibt es eben doch diesen einen Song, "Bungalow", der das große Bilderbuch-Versprechen einlöst: der tanzbar, verzweifelt und verrückt zugleich ist, der vom Ärger mit dem Girl und dem Akku (!) zu einem unwiderstehlich verschleppten Disco-Groove singt. Dann sind auch Bilderbuch wieder Candy und deshalb: <3 (6.5) Hannah Pilarczyk

Syd - "Fin"
(Columbia/Sony, seit 3. Februar)

Bäm! "There's nothing you can tell me, I'm grown", singt die kalifornische Sängerin Syd Bennett selbstbewusst im ersten Song ihres Debüt-Albums, das kurioserweise "Fin", also Ende heißt. Dabei beginnt gerade jetzt der vielleicht aufregendste Teil einer Karriere, die schon ziemlich weit gediehen war. Mit ihrer Hip-Hop-Band The Internet und dem Album "Ego Death" verbuchte die damals 23-Jährige eine Grammy-Nominierung, ihre Gesangs-, Rap- und Produktions-Skills erhielt sie als Mitglied der Odd-Future-Gang um Tyler The Creator. Im Internet-Song "Cocaine" outete sie sich bereits 2011 als lesbisch und erklärt in Interviews gerne, wie befreiend es für sie war, sich einst ihrer langen Haare zu entledigen. Seitdem gehören ein Mohawk-Schnitt und maskuline Klamotten zu Syds Markenzeichen.

Und nun auch ein betont weiblicher Sound, der den gerade wiederentdeckten Neunziger-Soul von Aaliyah, TLC, Brandy und Erykah Badu mit zeitgemäßen Trap-Beats und skelettierter Future-R&B-Anmutung ausstattet. Selbst kämpferische Zeilen wie die oben zitierte aus dem schön verstoppten "Shake Em Off" singt Syd mit lasziver Heiserkeit, als wäre sie gerade erst nach einer schwitzigen Nacht in den Bademantel geschlüpft und hätte den One-Night-Stand ohne Kaffee oder Küsschen in die Kälte geschickt. Alles an diesem Album strotzt nur so vor Souveränität einer Künstlerin, die genau weiß, was sie kann und erreichen will. "Fin" sei nicht so deep, sagte sie in einem Interview, eher so ein Zwischendurch-Ding, "maybe get a song on the radio, maybe make some money, have some new shit to perform".

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Also ganz nebenbei mal ein paar nachhaltig berauschende R&B/Pop-Crossover-Tracks rausgehauen, den wogenden Swing von "Know", das Purple-Drank-trunkene "All About Me", für das sich Drake umbringen würde - und "Body", ein süßlich-lüsternes Bettlaken-Rascheln, produziert von Beyoncé-Beat-Lieferant Melo-X, das Syd bereits kühn zur Babyzeugungs-Hymne des Jahres erklärt hat. Ganz zum Schluss, im epischen, in Jazz hineintastenden "Insecurities", lässt sie kurz durchblicken, welcher schmerzhafte und zweifelnde Weg hinter ihr liegt. Aus dem Kampf um ihre sexuelle und künstlerische Identität aber zieht Syd nicht nur die Sensibilität für ihren verführerischen Flow, sondern auch die Chuzpe, in politisch und sozial verspannten Zeiten voll und ganz auf Sinnlichkeit, Lust und Sex zu setzen. Das ist ebenso befreiend wie die Tatsache, dass ihre Songs so universell betören und berühren, dass es völlig egal ist, dass die in ihnen angesprochene, beklagte oder umworbene Person eine Frau ist. (8.1) Andreas Borcholte

Ryan Adams - "Prisoner"
(Blue Note/Universal, ab 17. Februar)

Zur Abwechslung mal gute Neuigkeiten aus Übersee: Ryan Adams hat seine Ehe in den Sand gesetzt. Im Juni 2016 sagten Adams und die Schauspielerin und Musikerin Mandy Moore offiziell "No" zueinander. Gut für Moore, wenn man die chaotische öffentliche Persona ihres Ex bedenkt. Aber auch gut für Adams; seine besten Alben folgten stets nach schmerzvollen Trennungen: sein Solodebüt "Heartbreaker" (von Amy Lombardi), "Cardinology" (von Jessica Joffe) und "Easy Tiger" (von Heroin, Kokain und anderen Substanzen).

Auch "Prisoner" bemüht den großen Löffel, um Adams Seelentiefen auszukratzen. Was zu Tage kommt, ist allerdings neuartig. Die unbedingte Selbstzerfleischung seiner früheren Alben ist einer emotionalen Ökonomie gewichen, die man so wohl nur leben kann, wenn Menschen es nur schwerlich mit einem aushalten - und man den Schlamassel nicht zum ersten Mal durchlebt. Jeder Song taumelt an Nullpunkten, spiegelt aber auch Adams stoische Zuversicht: Man liebt, man lebt, man leidet, aber irgendwann ist der Drops auch wieder gelutscht. Kennt man ja.

Best-of "Abgehört"

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Ähnlich sachdienlich klingt auch die Musik selbst. Verdichtung gehört seit jeher zu Adams Kernkompetenzen, in seiner Musik gibt es keine Ornamente, keine Auswüchse, keinen Zufall. Wenn man also Musiker, nach Leonard Cohen, als "workers in song" versteht, ist Ryan Adams ein Maschinenbau-Ingenieur - und "Prisoner" sein Effizienzwunder.

In 42 Minuten und 52 Sekunden dekliniert er sämtliche Facetten einer gescheiterten Liebe durch, sagt kein Wort zu viel, keins zu wenig, hat sämtliche Töne an der richtigen Stelle und findet auch noch die Zeit, das alles mit einer lupenreinen Achtziger-Stadionrock-Produktion zu garnieren, die jedem Tontechniker eine Freudenträne abringen dürfte.

Kaum zu glauben: "Doomsday", "Shiver And Shake" und "Anything I Say To You" sind drei der besten Songs, die Adams auf sechzehn Alben zustande gebracht hat. Und ja, "Prisoner" ist sein bestes Soloalbum seit "Heartbreaker". Bis zum Rand mit Hall und anderen Gitarrenlehrer-Effekten glasiert, ermüdend routiniert und furchtbar altbacken produziert. Und trotzdem ein Meisterwerk. (8.3) Dennis Pohl

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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