Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Brummler, Murmler, Hexer! Wie Bill Callahan zur absoluten Meisterschaft gelangt? Lesen Sie hier. Außerdem: Wie die Hype-Bands Haim und Chvrches sich auf Albumlänge schlagen, warum Janelle Monáe eine unheimliche Singularität ist und Neues von Trentemøller.

Von und Jan Wigger


Bill Callahan - "Dream River"
(Drag City/Rough Trade, seit 20. September)

Nach so vielen Jahren und Jahrzehnten Bill Callahan muss die vorsichtige Annahme erlaubt sein, dass die, die den Meister lieben, ihn für immer lieben werden, während jene, die ihn für "spröde", bröckelig und unzugänglich halten, sein Mysterium nie mehr ergründen. Mit "Sometimes I Wish We Were An Eagle" und "Apocalypse" hatte der Murmler, Brummler, Hexer und Chronist die absolute Meisterschaft erreicht. Aus Callahan, der vor endlos langer Zeit "Prince Alone In The Studio" besang und sich mit Turnübungen in erbärmlich billigen Motels die Zeit vertrieb, war der größte amerikanische Songschreiber geworden.

Bill wünschte sich den bleibenden Frieden, die Verheißung, den Anfang der Unschuld und die erfolgreiche Vermischung von Mensch und Tier. Hat man ihn erhört? "Dream River" ist da, und "Dream River" ist brillant, was niemanden mehr wundern darf, der auch nur "The Sing" gehört hat: "Drinking while sleeping, strangers unknowingly keep me company/ In the hotel bar, looking out a window that isn't there/ Looking at the carpet and the chairs/ The only words I've said today are beer and thank you/ Beer…/ Thank you/ Beer…/ Thank you/ Beer…"

Dass Bill Callahan nicht so genau hinsieht, kommt nicht vor, für ihn hat alles eine Bedeutung, ist alles kosmisch. "You looked like worldwide armageddon/ While you slept/ You looked so peaceful, it scared me/ Don't die just yet/ And leave me alone alone alone." So geht der Prophet des komischen Untergangs als weißes Papier in den Tag. Während die Welt um ihn herum zusammenfällt ("The land I love is splitting in two"), sieht er in "The Spring" den wahren, richtigen Frühling in Augen, Körper und Lächeln der Frau. Und ja, er singt es wirklich: "All I wanna do is make love to you."

Die Instrumentierung ist gewohnt exquisit: Fiddle, Flöten, Wurlitzer, Congas, Klavier - so bedrohlich wie nötig, so schön wie möglich. Und nimmt man einmal Callahans Geheimwelt der vergangenen vier Platten (diese eingerechnet), dann war er selten so direkt, so unverstellt wie auf "Dream River": "I never like to land", "I have learned when things are beautiful", "I don't ever want to die." Kommandant und Untertan - es gibt kein größeres Glück. (8.9) Jan Wigger

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Haim - "Days Are Gone"
(Vertigo Berlin/Universal, ab 27. September)

Wir reden jetzt schon so lange über Haim, dass mir die drei Mädels schon wie gute, alte Bekannte vorkommen. Was nichts von der Strenge nehmen soll, mit der man das nun endlich vorliegende Debüt-Album des Schwestern-Trios aus L.A. betrachten muss. Auf Albumlänge muss sich jetzt zeigen, ob Haim nur ein Hype sind oder tatsächlich eine der interessantesten neuen Popbands mit Wachstumspotential.

Haims Stärke, das leicht vermurkste Berliner Konzert vor einigen Wochen mal außen vor, ist ja eigentlich der Live-Auftritt: Zwischen den explosiven, Haare wedelnden, ekstatisch grimassierenden Shows mit Trommel- oder Gitarren(!)-Soli und dem etwas dünnen, fragileren Sound der bisherigen Singles und EPs gab es bisher eine auffällige Diskrepanz. Nicht zuletzt deren Beseitigung (sowie extensives Touren) führte dazu, dass sich das Erscheinen von "Days Are Gone" immer wieder verzögerte. Produzent Ariel Rechtshaid, geübt an der Schnittstelle zwischen Pop und Rock (Vampire Weekend, Charli XCX), tüftelte mit den Mädchen bis zum Schluss am richtigen Klang des Albums.

Der lässt nun leider immer noch das richtige Live-Gefühl vermissen, dafür überzeugen Haim mit den bisher unbekannten Songs: "If I Could Change Your Mind" ist ein Ausflug in den weichen Funk von Prince circa der Achtziger, inklusive Handclaps und glitzernden Synthie-Fontänen. Das balladeske "Honey & I" kehrt die Mainstream-Rock-Einflüsse der Band hervor, hier kommen noch mal alle Fleetwood-Mac-Vergleiche zum Tragen, getragen von einer fast unverschnittenen "Jack and Diane"-Gitarre.

In der zweiten Hälfte wird es dann richtig interessant, wenn die jüngste Schwester Alana die Vocals im Titelsong übernimmt - und das von jeher faszinierende Haim-Hybrid aus Bananarama-Pop und R&B-Groove noch einmal mit einer dieser zittrigen, aber immer verführerisch warmen Hymnen auf den Punkt bringt. "My Song 5" demonstriert dann aber mit kühl-maschinellem Stotter-Beat und sinistrer Tonalität, welche Richtung das Projekt Haim beim nächsten Album nehmen könnte, als eine in Rock geerdete, moderne Version des in den Neunzigern einflussreichen R&B/Pop-Trios TLC.

Einigermaßen nahtlos fügen sich bekannte Songs wie "Falling" (immer noch das bisherige Meisterstück der Band), "Forever" und "Don't Save Me" ins Gesamtbild. Schwächstes Stück, außer der etwas zu konventionellen Bombast-Schlussnummer "Running If You Call My Name", bleibt das anbiedernde Shania-Twain-Geschunkel der jüngsten Single "The Wire".

Sängerin und Gitarristin Danielle, die auch die meisten Texte schreibt, bleibt treibende und tragende Kraft von Haim, indem sie mit brütender Mädchenzimmer-Melancholie für ein Gegengewicht zur fröhlichen Funkyness der Musik sorgt. Haim haben die Songs, das musikalische Talent und ein familiär geprägtes Gespür für den Poprocksoul der Achtziger, um in der herrschenden Geschmackslage erfolgreich zu sein. "Gone" sind lediglich die Tage des Hypes. (7.7) Andreas Borcholte

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Chvrches - "The Bones Of What You Believe"
(Vertigo Berlin/Universal, seit 20. September)

Und noch eine Band, die, ähnlich wie Haim, das ganze Jahr unter reichlich Erwartungsdruck gesetzt wurde: Chvrches, sprich: Churches, also Kirchen, kommen aus Schottland und werden allerorten als britische Antwort auf das kanadische Elektropop-Duo Purity Ring in Stellung gebracht. Problem dabei: Purity Ring ließen mit ihrem grandiosen, kalt glänzenden Debüt "Shrines" keine Fragen offen, so dass Chvrches-Sängerin Lauren Mayberry sich zwar redlich abmühen kann, so kindlich unschuldig zu klingen wie Megan James, aber mit Befindlichkeiten aus dem "Hello Kitty"-Schlafzimmer leider doch nie deren Abgründigkeit erreicht. Den Mangel an Tiefe machen Chvrches (manchmal singen auch Mayberrys Kollegen Iain Cook und Martin Doherty) durch konsequente Hinwendung zum Massengeschmack wett. "The Mother We Share" ist ein Hipster-Schlager aus dem Lehrbuch, komplett mit Synthie-Flächen und "Oh-oh, oh-oh"-Chören. "Gun" zeigt mit Hi-NRG-Beat und wummernden Elektro-Bässen, wie weit ihrer Zeit voraus die Schwedin Robyn vor drei Jahren war. "Tether" holt die überwunden geglaubten Jan-Hammer-Elektro-Toms aus der Mottenkiste und lässt die Keyboards ein Achtziger-Sperrfeuer entfachen, das ist in seiner Retro-Konsequenz ganz schön wahnsinnig. Man fragt sich, ob man nicht auch einfach ein paar alte Platten von Laura Branigan, Berlin oder den Twins auflegen könnte. Aber das ist der Fluch des Alters. Für Spätgeborene, wie ich sie beneide, die nach Pop-Romantik suchen, dürfte gerade wenig so zeitgeistig klingen wie "Lies", "Under The Tide" oder "Science/Visions" - Gebrauchs-Emo für den iPod, zu dem man Clubmate schlürfen oder schüchtern-schluffig tanzen kann. In "Night Sky" versuchen sich Chvrches auch noch am xx-typischen Zwiegesang. Intimität oder Dringlichkeit mag aber partout nicht aufkommen, zu wuchtig und mit Sounds überladen sind die Stücke. Und wenn man die klebrige, zunächst eindrucksvolle und laut krachende Synthie-Pelle einmal abhat, bleiben dürftige Kompositionen übrig. Schlager 2.0 eben. Aber auch das muss man natürlich erst mal können. (6.5) Andreas Borcholte

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Trentemøller - "Lost"
(In My Room/Rough Trade, seit 20. September)

Der silberhelle Anders Trentemøller, immer mal wieder zu Gast in dieser Kolumne, ist Produzent, DJ, Entrepreneur, Weltenveränderer und Weltenentferner in einer Person. Nach einem endlos erfolgreichen Schwung von Remixen, Compilations, Studioalben und Remixen wussten wir alle, dass er sich für "Lost" eine Gästeliste zusammenstellen kann, die der image- und trendbewusste Probehörer (entweder vegan, stinkreich oder voll bis zum Stehkragen) ohne weiteres Nachdenken abnicken kann. Low sind Low in "The Dream" (es gibt überhaupt keinen Hinweis darauf, dass wir es hier nicht mit dem Eröffnungstrack einer ganz normalen Low-LP zwischen "The Curtain Hits The Cast" und "Things We Lost In The Fire" zu tun haben), Kazu Makino ist die Göttin und Allmächtige, die wir von Blonde Redhead kennen, und Raveonettes-Sänger Sune Rose Wagner der Mann im Schlangenei, der den harten, schallenden Beats in "Deceive" entgegenhaucht. Trentemøllers alte Weggefährtin Marie Fisker erdet das zunächst liebliche, dann sonderbare "Candy Tongue", Jana Hunter (Lower Dens) schimmert bläulich im rauschenden "Gravity", und Jonathan Pierce (The Drums) macht "Never Stop Running" zu einem sehr hübschen New-Romantic-Stück alter Prägung. Weil nur "Constantinople" doof ist, dürfen sie ihr Hab und Gut weiter auf Trentemøller verwetten. Bis die Nacht sich neigt. (7.5) Jan Wigger

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Janelle Monáe - "The Electric Lady"
(Atlantic/Warner, seit 13. September)

Wie eindimensional und gleichförmig die meisten aktuellen Popalben sind, merkt man erst, wenn man einen aus der Zeit gefallenen Brocken wie "The Electric Lady" vor sich hat. Über eine Stunde Musik schaffen auch andere, diese aber so opulent und vielseitig, mit so viel Detail und akribisch gestaltetem Wohlklang auszustatten, das kann im Moment wohl nur Janelle Monáe, und zwar über alle Genre-Grenzen hinweg. Aus der Zeit gefallen, das bezieht sich nicht nur auf die Science-Fiction-Welt, die Monáe schon 2010 für ihr Debüt "The ArchAndroid" um sich herum kreierte, es beinhaltet, im Gegenteil, auch eine Rückbesinnung auf eine Ära, in der musikalisches Können und ein fetter, orchestraler Sound den Mainstream definierten, im virtuosen Jazz ebenso wie im streichersatten Soul oder, leider, auch im überproduzierten Art-Rock - die Siebziger also.

Nicht umsonst ist Allround-Genie Prince gleich im ersten Song von "The Electric Lady" Gastsänger; der Funkrock-Fusionist aus Minneapolis ist so etwas wie ein Pate für Monáe, die sich mit "The ArchAndroid" zur Pop-Singularität jenseits von Lady Gaga und Beyoncé stilisiert hat - und dieses Renommee nun eindrucksvoll zementiert. Monaé entsteigt ihrer Heimat Kansas wie Dorothy ins wundersame Oz, einer Musiklandschaft, in der gniedelnde Gitarren-Soli und perlende Piano-Fillings durch die Luft flirren, Gospelchöre und Bläser-Sektionen an jeder Ecke jammen und jedes groovende Gänseblümchen das Buddha-Lächeln Barry Whites trägt. Und der Zauberer? Ist natürlich George Clinton.

"The Booty don't lie", singt Monáe im Duett mit Freundin und Kollegin Erykah Badu in "Q.U.E.E.N." - ein Bekenntnis zum Groove, zum ewigen Bewegungsdrang des R&B-Genres. Diese "electric lady" hat es jedoch nicht nötig, ihren Wumms mit twerkenden Hinternbewegungen Ausdruck zu verleihen; die Sexyness ihrer Musik entspringt allein ihrem kompositorischen Talent und ihrer Fähigkeit, P-Funk, Soul, Funk und orchestralen Jazz-Pop ("Suite V Electric Overture") zu einem durchaus zeitgemäßen, sehr erwachsenen Sound. Das könnte ihr vor allem beim jungen Massenpublikum zum Verhängnis werden: "I want you to love me and hold me, til I need no more", fleht sie, zugänglicher als beim Debüt, in der nerdigen Jazz-Ballade "It's Code", aber ihre androide Perfektion dürfte es schwermachen, sie zu umarmen, zu sehr hinter musikalischen Mätzchen versteckt und distanziert bleibt sie, selbst in herzerweichenden Liebessehnsüchten wie "Victory" oder dem blue-eyed Soul von "Can't Live Without Your Love". So mag man sich zwar vor der beherzten Ingenieursleistung Monáes verneigen, sucht aber auf dem Hochglanzkörper der unheimlichen, elektrisierenden Maschinenfrau nach dem Schweißtropfen, der Menschlichkeit verrät. (8.0) Andreas Borcholte

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 4 Beiträge
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klarostorix 24.09.2013
1. Alter Bridge
Darf man auch mit einer Vorstellung des neuen Albums von Alter Bridge mit dem Titel "Fortress" rechnen?
infinitejest 24.09.2013
2. Gute Sache...
...das mit den 5 reviews.
burli82 25.09.2013
3. optional
Ich hätte mich über eine Besprechung vom neuen MGMT Album gefreut. Insbesondere von Hr. Wigger...kommt da wohl noch eine?
fraumüller 27.09.2013
4. 5 unglaublich poppige Alben
diese Auswahl ist sowas von langweilig und streamlinig und aufs Geratewohl hingerotzt. Wenn man nicht wirklich auf die Englischen Lyrics achtet (und welcher Musikkonsument in Dland macht das schon?) dann kann man bei so einer Playlist nur noch einschlafen. Ist so ein Popkram wirklich das, was die jungen Leute heute so hören in ihren Reihenhäusern oder morgens auf dem Weg zu ihrem Bankjob? Bloß nix was die Ohren mal zum zuhören veranlasst, keine wirklich schmissigen Hooklines, keine Misstöne, keine Aufreger, nichts was der Doktor nicht verschreiben würde. Danke, aber nein danke.
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