Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Bluesrock, oder was? Sie wissen auch nicht, warum die Black Keys so erfolgreich und beliebt sind? Lesen Sie die Antwort in unserer Kritik des neuen Albums "Turn Blue". Viel wichtiger noch: Hören Sie unbedingt Sleaford Mods! Außerdem: Foxes! Broken Twin!

Von und Jan Wigger


The Black Keys - "Turn Blue"
(Nonesuch/Warner, seit 9. Mai)

Beim wirklich ganz hervorragenden Clubkonzert der Black Keys vergangene Woche in Berlin fragte ein bekannter Labelmacher, seit langem in der Musikbranche aktiv, mich und zwei andere Kollegen, wieso denn jetzt eigentlich plötzlich Bluesrock das große Ding sei. Was er meinte, war der für viele, die Dan Auerbach und Pat Carney noch aus ihrer Anfangszeit kennen, immer noch verblüffende Mainstream-Erfolg der Black Keys. Die Antwort lautet nicht, wie man denken könnte, Pop-Svengali Danger Mouse, der seit 2008 als Produzent dient und so etwas wie ein drittes Bandmitglied geworden ist. Die Antwort lautet, natürlich, dass die Black Keys keinen Bluesrock spielen, was Sänger und Gitarrist Auerbach in Interviews auch gerne und ausführlich darlegt.

Klar, angefangen haben die beiden Junior-Kimbrough-Fans aus Akron, Ohio, die inzwischen zum Rock-Adel Nashvilles gehören, mit kargen, kantigen Blues-Übungen, für die eine Minimal-Instrumentierung aus Schlagzeug und Gitarre völlig ausreichte. Doch schon auf "Rubber Factory" und "Magic Potion", also vor einer etwaigen Katalysator-Funktion Brian Burtons, hatte sich der Sound der Band geöffnet, und zwar in alle denkbaren Richtungen. "Turn Blue", das achte Black-Keys-Album, ist nun der Kulminationspunkt dieser Entwicklung, es ist ein sehr gutes Blues-Album. Und ein hervorragendes Pop-Album.

Welchen Weg Auerbach und Carney zurückgelegt haben, zeigt sich bereits im mehrfach ansetzenden, pausierenden, die Stimmung wechselnden Opener "Weight of Love": Der verkopfte Progressiv-Rock von Pink Floyd klingt darin genauso an wie das entspannte Westcoast-Gegniedel der Eagles und der sanfte Easy-Listening-Elektropop von Air. Der Schmelz der späten Eagles, circa "I Can't Tell You Why" dominiert auch das Titelstück, in dem Auerbach vom Abgrund der Liebe falsettiert: "I really don't think you know/ There could be hell below".

Eine anstrengende und wie man hört sehr hässliche Scheidung war bestimmend für die balladeske Grundhaltung der neuen Songs von Auerbach. Platt gesagt: Der Mann hat den Blues. "Turn Blue" ist daher inhaltlich ein Konzeptalbum im Stile von "Here, My Dear", aber auch musikalisch bleibt der Blues letztlich und bei allem Vorstoßen in stilistisch abseitige Gefilde, der Takt, auf den das Album immer wieder einschwingt. Manchmal ganz offensichtlich, wie in "In Time" oder "It's up to You Now" mit Carneys wuchtigen Drums und schwingenden Bo-Diddley-Rhythmen. Manchmal versteckt unter Beatles-Zitaten ("In Our Prime"), Britrock ("Fever"), Steely Dan ("10 Lovers") oder Sixties-Psychedelia ("Bullett in the Brain").

Die große Kunst der Black Keys auf der Höhe ihres Schaffens besteht darin, dass am Ende eine kohärente - und in diesem Fall sehr seelenvolle, sehr fein abgestimmte Atmosphäre entsteht. Einziger Ausfall: Das wahlweise an Joe Walsh oder den Glamrock von "El Camino" anknüpfende Schlussstück "Gotta Get Away". Andererseits zeigt dieser Fremdkörper sehr schön: Die Black Keys haben sich von ihrem letzten Hit-Album schon wieder meilenweit entfernt. Wie weit sie noch gehen, bleibt interessant. (8.2) Andreas Borcholte

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Sleaford Mods - "Divide And Exit"
(Harbinger Sound/Cargo, ab 16. Mai)

Jason Williamson, so erzählt er es zumindest, sucht sich nach durchzechten Nächten gerne ein besonders versifftes öffentliches Klo, um sich im trüben Wasser seine eigene Visage anzugucken. Diese besondere Art der Morgentoilette hält seine schlechte Laune aufrecht, die er anscheinend dringend braucht, um im England dieser Tage überleben zu können. Zusammen mit Andrew Fearn bildet Williamson das bemerkenswerte Duo Sleaford Mods, deren großartiges neues Album "Divide And Exit" wahrscheinlich dem am nächsten kommt, was man 2014 Punk nennen würde.

Das Konzept ist so simpel wie effektiv: Williamson bellt im heiseren East-Midlands-Straßenköter-Dialekt Hasstiraden auf alles und jeden sowie Anekdoten über seine Toilettengewohnheiten, groß und klein, während Fearn dazu auf dem Laptop einfache, antreibende Beats erstellt, die dann weitgehend unvariiert durch zweineinhalb oder drei Minuten lange Songs pluckern.

Manchmal muss Fearn das Live-Programm der Sleaford Mods auch allein bestreiten, wenn Williamson, wie neulich in Brighton, zu besoffen vom Vorabend ist und einfach nicht auftaucht. Fearn, der gerne mal mit Hand in der Hosentasche an seinem Pult steht und betrunken im eigenen Groove schwankt, spielte "Divide and Exit" dann einfach von CD ab. Die Reue über den verpatzten Gig währte nicht lange. Unlängst beschwerte sich die Band, zurzeit auf kleiner Deutschlandtour, auf Twitter darüber, dass die Vorband 90 Minuten lang spielte: "What ya doing?".

Bei den Sleaford Mods, die weder Mods sind, noch aus Sleaford kommen, sondern aus der Nähe von Nottingham, kriegt jeder sein Fett weg - oder wird, um im Fäkalzusammenhang zu bleiben, den Williamson so gerne bemüht, mit Scheiße beworfen: Die Banker und Spekulanten, die in Londons Bürotürmen ihr Geld zählen, ebenso wie der Adel, Corgi-Hunde, Internet-Junkies ("All you zombies, tweet, tweet, tweet") oder die bärtigen Hipster, die durch "Beard Britain" schlurfen ("You visionless cunts").

"Tied Up in Nottz", der bisher bekannteste Song des Duos, zu dem es auch ein hinreißendes Video gibt, in dem Williamson und Fearn mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs sind, fasst am besten zusammen, worum es hier geht: In England, dem Land mit der größten Milliardärsdichte, vermehrt sich nicht nur der Reichtum einiger weniger, die Armut und Frustration der Masse wird proportional größer. Aber was soll man machen, wenn das System nicht mehr zu stürzen ist, weil die ideologischen Alternativen fehlen? Ein postmodernes Dilemma. Jüngere gehen vielleicht trotzdem, wie unlängst bei den London Riots, auf die Straße und plündern Elektronik-Läden aus, ältere, wie Williamson und Fearn, kotzen ihre Ohnmacht, ihr Gefühl, von der Gesellschaft geknebelt zu sein, inzwischen seit 2007 musikalisch heraus, irgendwo im erweiterten Postpunk-Kosmos von Wire, The Streets, dem visionären Debüt-Album von Trio, "Trainspotting" und den Sozialschockern von Alan Clarke.

England, das signalisiert die Aufmerksamkeit, die diese beiden kaputten, dauerbedröhnten, chronisch schlecht gelaunten Geezer bekommen, ist moralisch mal wieder so am Boden, heruntergerockt vom Neoliberalismus und Turbo-Kapitalismus, dass sogar Typen wie die Sleaford Mods zu Helden werden. Der Kampf geht weiter. Mindestens am nächsten Pub-Tresen. (9.0) Andreas Borcholte

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Broken Twin - "May"
(Anti/Indigo, seit 25. April)

Okay, bis auf den Zwerg, den sogar ich von den anderen zu unterscheiden in der Lage war: Kann sich irgendjemand auch nur ein Drittel der 4800 "Game of Thrones"-Charaktere merken, oder den Gesichtern gar komplette Vor- und Nachnamen zuordnen? Die schweren Nachschlagewerke und komplizierten Stammbäume, die man heutzutage oft zum Seriengucken braucht ("Und wer war nochmal der?"), teilen die Gesellschaft. Dabei ist es anderswo noch so einfach: Doro Pesch spielt zwei einmalige Jubiläumskonzerte: Eine "Classic Night mit Orchester" und eine "Vollgas Rock'n'Metal Show". Dazu erscheint eine neue, exclusive Doro-"Event Box" mit Heckscheibenaufkleber und limitierter Wanduhr!

Es geht also auch simpel, und Majke Voss Romme kann zehn traurige Lieder davon singen. Denn es stimmt ja auch: Bei den ersten Hördurchläufen klingt "May" beinahe ereignislos, vom massiven This-Mortal-Coil-Einfluss (das muss doch jemand hören!) abgesehen. Dann merkt man, wie tröstlich es doch ist, dass hier so wenig passiert (bei "Game Of Thrones" passiert pro Folge ja viel zu viel): Diesem Wintermädchen, natürlich eine Dänin, reichen Piano, Streicher und eine Frostgitarre, um dir den Tag zu versauen.

Die Platte hat sie ernsthaft "May" genannt, weil dieser Monat in eine so hoffnungsvolle Jahreszeit fällt - dabei könnten Lieder wie "Roam", "Sun Has Gone" und "Out of Air" jedes wichtige Staatsbegräbnis untermalen. Doch alles schließt ab mit "No Darkness", einer wiederum betrübten Nummer, die wohl irgendwie als Comic-Relief-Ding dienen soll: "And there will be no darkness/ There will be no darkness/ I will fill your space with light." Majke Voss Romme hat auch Stina Nordenstam, Marissa Nadler und Nico gehört und bestimmt die großen Existenzialisten gelesen. Gehen sie also unbesorgt zu den Konzerten: Handtaschenpublikum ist hier nicht zu erwarten. (7.4) Jan Wigger

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Foxes - "Glorious"
(Columbia/Sony, seit 9. Mai)

Wir werden selbst schon ein bisschen müde, immer wieder das vermeintlich nächste Pop-Wundergirl anzukündigen. Aber eine haben wir noch, mindestens. Die 23 Jahre alte Britin Louisa Rose Allen, nicht zu verwechseln mit Lily Rose Allen, deren neues Album wir letzte Woche besprochen haben, schmiss 2012 ihr Musikstudium, um, Sie ahnen es, Musik zu machen. Sie kennen Foxes, so nennt sich Allen, weil sie sonst wahrscheinlich mit Lily Allen verwechselt würde, wahrscheinlich schon, wenn Sie regelmäßiger Radiohörer sind, sie war nämlich die Stimme des elegisch-ekligen EDM-Hits "Clarity" von Zedd. "Glorious" ist nun ihr zumindest in England mit Spannung erwartetes Debütalbum nach ein, zwei Singles und der inzwischen bei den jungen Pop-Damen üblichen Verspätung.

Allen verfügt stimmlich über hinreichend Drama und Tragik, um ihren Texten Tiefe zu Bedeutung zu verleihen, obwohl sie kaum mehr als Poesiealbum-Lyrik sind, Teenager-Träumereien halt. "Glorious" ist ein klassisches Mädchenzimmer-Debütalbum mit schön leeren, aber seelenvoll dahingeschmachteten Zeilen wie dieser hier aus "Let Go for Tonight", das leider etwas zu sehr nach Ellie Gouldings Smasher "Lights" schielt: "I wanna drive out into the open/ Looking for reasons I never find". Aber was würde aus Teenager-Euphorie oder -Herzschmerzpein, wenn es als Soundtracks nicht im Emotionsbombast schmachtende Alben wie "Glorious" gäbe? Das muss man erstmal authentisch genug hinkriegen, ohne allzu sehr nach Kate Bush und ihren vielen Epigonen zu klingen.

"Let the young hearts fool around, break away/ They make mistakes and live for them", singt Foxes über einem schön vorandrängelnden House-Piano in "Night Owls Early Birds", einem der besten Stücke neben den bereits bekannten Singles "Youth" und "White Coats". Ist halt nicht alles perfekt auf diesem von Liam Howe (Marina And The Diamonds, FKA Twigs) und Jonny "Ghostwriter" Harris (u.a. Say Lou Lou) produzierten Sturm-und-Drang-Album. Sehr sympathisch. (6.6) Andreas Borcholte

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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