Abgehört - neue Musik Irres It-Girl, zahmer Soulboy

Wer wissen will, wie der coolste Indie-Sound der US-Westküste klingt, muss Cherry Glazerr hören. Außerdem: gentrifizierter Post-Dubstep mit Plopp-Effekt von SOHN - und ein betörendes Duett-Album.
Von Andreas Borcholte und Jens Balzer

Cherry Glazerr - "Apocalipstick"
(Secretly Canadian/Cargo, ab 13. Januar)

Im Moment ist Clementine Creevy noch etwas berühmter als ihre Band Cherry Glazerr, aber das kann sich bald ändern. Die erst 19-jährige Kalifornierin ist so etwas wie ein It-Girl der alternativen Westcoast-Szene, sie modelte für Hedi Slimane, als er noch bei Yves Saint Laurent war, ist das Gesicht einer Kampagne der Modekette COS, die überall in L.A. aushing - und spielt in der fiktiven Gitarrenband Glitterish in der Amazon-Erfolgsserie "Transparent".

Nach einem noch recht trashigen DIY-Album von 2014 will sie nun mit ihrer echten Band durchstarten und hat dafür einen neuen Drummer und eine Keyboarderin, beide ehemals bei Dirt Dress, angeheuert. Das einzig verbliebene Urmitglied ist ihr Boyfriend Sean. Mit Secretly Canadian fand sich außerdem ein angemessen cooles Indie-Label als neue Heimat, dort veröffentlichen unter anderem Alternative-Helden wie Whitney, Damien Jurado, Suuns oder The War On Drugs ihre Platten.

Der Sound von Cherry Glazerr stammt aus dem Schrank mit dem Garagenpunk, als Inspiration zur Bandgründung diente laut Creevy ein Konzert der Rumpeltruppe The Coathangers aus Atlanta, das die Sängerin zu der Überzeugung führte: Kann ich auch, will ich auch! Dazu kommen Surf- und Twee-Pop-Einflüsse, The Smiths, Cure und was die Kiste mit den gängigen Indie-Darlings noch so hergibt.

Die guten, in richtigem Maße domestizierten Tunes hat Creevy in jedem Fall, um zum Alt-Rock-Phänomen der Stunde zu werden. Lokale Medien machten sie bereits nach ihrem Debüt als perfekte Vertreterin des aktuellen L.A.-Sounds aus. Die Single "Told You I'd Be with the Guys", zugleich das längste Stück auf "Apocalipstick", begeistert durch ein Killer-Gitarrenriff, nadelnde Synthsounds und einen stetig vorantreibenden Hi-Hat-Groove. Creevy hängt lieber mit Jungs ab und setzt sich im zugehörigen Video breitbeinig Luftgitarre spielend zwischen zwei ältere Daddys. Im Wave-behauchten "Trash People" kokettiert die mit zwölf aus Chicago zugezogene Teenagerin mit drei Tage lang getragenen Unterhosen und gibt an, dass ihr Zimmer wie Aschenbecher stinkt: "Nothing is all pure, nothing is all dirty."

Seinen ganzen Charme entfaltet das Album jedoch erst ab der Hälfte. Wenn der Provo-Überschwang etwas abebbt und Songs wie "Nuclear Bomb", "Only Kid On The Block", "Lucid Dreams" oder, ganz zum Schluss, das Titelstück, eine schwere, metallene, von real empfundener Entfremdung zeugende Epik zeigen, die dennoch nie Creevys brillante Melodien zu erdrücken vermag. So würden wohl Warpaint klingen, wenn sie mal richtig wütend werden. Oder schlicht Spaß haben. (8.0) Andreas Borcholte

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SOHN - "Rennen"
(4AD/Beggars, ab 13. Januar)

Der inzwischen in Los Angeles lebende Londoner Sänger und Produzent Christopher Taylor, alias SOHN, reüssierte 2014 mit seinem Albumdebüt "Tremors" als knuffiger Soulboy des damals gerade noch populären Post-Dubstep. Ähnlich wie der gleichsam experimentierfreudiger produzierende James Blake, bereicherte Taylor, damals noch Wahl-Wiener, das eigentlich aus der komplex rhythmisierten Klubmusik stammende Genre mit dramatisch barmendem Quetschgesang um eine im Folgenden auch als Jammer-, Blub- oder Studentenstep firmierende Variante.

Auf seinem zweiten Album "Rennen" hat er die klanglichen Experimente jetzt noch deutlicher ins Gefüge herkömmlicher Strophe-Refrain-Strophe-Strukturen gefügt. Anders als "Tremors" weiß das Nachfolgewerk weniger durch interessante Gesangseinsätze und erinnerungswürdige Melodien zu gefallen als vielmehr durch originelle Rhythmusgeräusche in selten gehörten Kombinationen. "Dead Wrong" verschränkt beispielsweise das Geräusch fallender Tropfen in einer herrlich hallenden Tropfsteinhöhle mit rhythmischem Klapperschlangengeklapper und dem von kombattierenden Schulkindern mit den Zeigefingern in ihren Mündern erzeugten Plopps in der insbesondere in den Siebzigerjahren populären Plopp-Show von Michael Schanze: Plopp, das heißt Stopp!

In "Primary" wird zu derlei Beatgeflechten etwas richtungslos auf einem Fairlight-Klangsimulator herumgedrückt, während Taylor im Titelstück des Albums zu einer mulmig abgemischten E-Piano-Übung mit unterschiedlich vocoderisierten Fragmenten seiner eigenen Stimme einen Chor bildet. Was dann in etwa so wirkt, als seien ein paar Tonspuren aus unterschiedlichen James-Blake-Stücken beim Engineering durcheinandergeraten.

Alles ganz drollig also, doch verharrt es weiterhin in einer unbefriedigenden Unentschiedenheit zwischen gefallsüchtiger Songschmiedekunst und gleichermaßen konventionellem Avantgarde-Klimbim. Als Klangmöbel in den von Start-up-Angestellten bevölkerten Mittagstischläden der westlichen Welt wird die Musik von SOHN uns jedoch ohne Zweifel durch den Frühling begleiten. (5.7) Jens Balzer

Jens Balzer ist Redakteur im Feuilleton der Berliner Zeitung und hat zuletzt das Buch "Pop. Ein Panorama der Gegenwart" (Rowohlt Berlin) veröffentlicht. Am Donnerstag, den 12. Januar, liest er daraus in der Manufaktur Schorndorf .

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Flo Morrissey & Matthew E. White - "Gentlewoman, Ruby Man"
(Caroline/Universal, ab 13. Januar)

"Look At What The Light Did Now" heißt der erste Song auf diesem Album voller Coverversionen, eine nicht sehr bekannte Nummer des US-Songwriters Kyle Feld alias Little Wing. Bei Matthew E. White, dem Southern-Soul-Erneuerer aus Virginia und seiner Studioband Spacebomb wird aus dem fragilen Folk ein satter, selbstbewusster Groove mit perlender Gitarre, über den White entspannt zu singen beginnt. Nach ein paar Zeilen leitet er, über eingespielten Applaus, zu seiner Duett-Partnerin über - "Flo?" -, dann übernimmt die 21-jährige Britin Flo Morrissey. Was für ein Intro, was für eine Show! White, in den vergangenen Jahren mit zwei hervorragenden eigenen Alben und der Produktion des Debüts von Natalie Prass bekannt geworden, übernimmt hier souverän den Part des Bandleaders und Impresarios.

White nahm vor zwei Jahren Kontakt zu Flo Morrissey auf, nachdem ihr Debütalbum in einer Zeitung neben seiner eigenen Platte besprochen wurde. Zusammen traten die beiden dann gemeinsam mit dem Hazlewood/Sinatra-Klassiker "Some Velvet Morning" im Londoner Barbican auf, daraus entstand dann die Idee, zusammen ein Coveralbum zu machen. Der Vergleich mit Lee Hazlewood und Nancy Sinatra liegt nah, auch in der stimmlichen Konstellation gibt es durchaus Parallelen; vielleicht gibt es deshalb keine weitere Interpretation des berühmten Duos auf "Gentlewoman, Ruby Man".

Stattdessen nahmen sich die beiden einige befrachtete Hymnen vor: Leonard Cohens "Suzanne" wird weich und wabernd in den Spacebomb-Sound eingebettet, "Sunday Morning" von Velvet Underground wird ebenfalls aus der klirrenden Kälte des Originals auf eine sonnenwarme Veranda ausgeführt. Besonders schön gelingt dem Duett-Duo die Unverschämtheit, den "Grease"-Titelsong der Bee Gees mit einem signifikanten Ann-Peebles-Funkriff zu kreuzen und trotzdem plüschig samt zu bleiben. In Frank Oceans "Thinking About You" wird der Synthie-Hook von Yacht-Rock-Gitarren ersetzt, was eine interessante historische Perspektive eröffnet. Weniger gut gelingt die Rückübersetzung von James Blakes Soulderivat "The Colour In Anything" in traditionellere, wärmere Songstrukturen: Da merkt man erst, wie wichtig die kristalline Dubstep-Brüchigkeit bei Blake für die emotionale Tiefe seiner Songs ist.

Auch "Everybody Loves the Sunshine" fügt dem Original von Roy Ayers nichts Nennenswertes hinzu, sondern erinnert mit sanftem Geplätscher fast schon an die Acid-Jazz-Übungen der frühen Neunziger. Aber egal: Hier schwelgen einfach zwei offensichtlich verwandte Musikerseelen im Groove eines eklektizistischen Lieblingslieder-Kanons. Und White, der smarte Südstaatenguru, lässt sein Licht nicht nur auf das Nachwuchstalent Morrissey scheinen, sondern auch auf sein erweitertes Stilspektrum. Grease is the way we are feeling. (7.0) Andreas Borcholte

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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