Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Franz Ferdinand haben sich veralbern lassen: Die Kollaborations-Platte "FFS" ist in Wahrheit ein Sparks-Tribut-Album, meint Gastkritiker Tex Rubinowitz. Außerdem: A$AP Rocky! Sun Kil Moon! The Milk Carton Kids!

Von und Tex Rubinowitz


FFS - "FFS"
(Domino/Goodtogo, ab 5. Juni)

Es gibt Kollaborationen, die entstehen im Himmel (Jeff Koons & Ilona Staller, "Made in Heaven") und landen danach in der Hölle (schmutziger Scheidungskrieg, er bezeichnet sie als Hure, sie ihn als Homo). Es gibt welche, die kommen morgens um 5 aus einer Gaybar im Schmuddelviertel Barcelonas getorkelt (Freddie Mercury & Montserrat Caballé), und dann gibt's welche, die könnten direkt in einem Kinderzimmer entwickelt worden sein (Afrika Bambaataa & John Lydon, "World Destruction"), so putzig ist das, was da zusammengesteckt wurde.

Kollaborationen erfreuen (Kommissar Hunter & Inspektor Issel), und bringen Unglück über die Welt (Lafer & Lichter, Hitler-Stalin-Pakt).

Aber dann passieren auch immer wieder Kollaborationen, mit denen man nun gar nicht rechnet, und die einfach nur schön sind, bei denen man denkt: Genau, passt doch, wieso nicht schon früher?

Jedermanns Lieblingsschotten Franz Ferdinand und jedermanns Lieblingskalifornier, die Gebrüder Mael alias Sparks haben sich unter dem Markennamen FFS (Akronym für "For Fuck's Sake" bzw. eine Schrumpffolienverpackungsmethode namens Form-Fill-Seal) für eine Platte zusammengetan. Drauf findet sich natürlich, wie man es nicht anders von den Sparks erwartet, vorausgaloppierend ein Song namens "Collaborations Don't Work".

Und in diesem Fall stimmt das sogar, ohne dass es gleich das Konzept zertrümmert, denn bei Zusammenschlüssen dieser Art geht es natürlich darum, in welche Richtung es geht, wer der dominantere von beiden Partnern ist - und bei diesem sympathischen Werk gewinnen immer die Sparks: Auch wenn es anfängt wie eine FF Nummer, kommt am Ende ein Sparks-Lied heraus.

Das liegt daran, dass FFs Gitarrenlastigkeit hier vom elektronischen Kirmessound Ron Maels immer wieder beiseite gedrängt wird, und das zickige Falsett von Russell Mael das nasale Raunen von Alex Kapranos gleichsam kastriert. Herrlich marschierende Kracher wie "Dictator's Son", alles erinnert an die Anfangsphase von Sparks, "Kimono My House".

Die ganze Platte klingt, als hätten Franz Ferdinand eine Sparks-Tributplatte aufgenommen, die Ron und Russel produziert haben. "Johnny Delusional" klingt gar wie ein unschwuler Hi-NRG Stampfer à la Eartha Kitt oder Divine. Das macht Spaß wie sonst nichts, außer Masturbation, und das ist offenbar im Titelsong gemeint, "Collaborations don't work, I'm gonna do it all by myself". (9.0) Tex Rubinowitz

Tex Rubinowitz ist Cartoonist, Schriftsteller und Bachmann-Preisträger. Wenn er neben seinen zahlreichen künstlerischen Aktivitäten noch Zeit hat, macht er Musik mit der Band Mäuse.

A$AP Rocky - "At.Long.Last.A$AP"
(RCA/Sony, ab 5. Juni)

Im HipHop geht es ja um Erzählungen, und die Geschichte, die man zu A$AP Rockys dritten Album gerne erzählen möchte, wäre die, dass es ein Requiem für den im Januar unter immer noch unklaren Umständen gestorbenen Steven Rodriguez alias ASAP Yams ist. Der 26-jährige Produzent und Mini-Mogul des New Yorker HipHops war die entscheidende Figur hinter dem sogenannten ASAP Mob, jener Rap-Posse aus Harlem, die als ihr bisher erfolgreichstes Mitglied den als A$AP Rocky bekannten Rapper, Mode-Aficionado, Stil-Gott und Gelegenheitsschauspieler ("Dope") Rakim Mayers hervorbrachte.

"At.Long.Last.A$AP" oder "A.L.L.A.", co-produziert von Yams und HipHop-Svengali Danger Mouse, war aber bereits fertig gestellt, als Rodriguez starb, sodass sich Zusammenhänge zwischen Abschied von Freund und Mentor und einer auffällig melancholischen Nüchternheit des Albums partout nicht herstellen lassen.

Aber das soll keinesfalls die Geschichten schmälern, die Rocky, ebenfalls 26, hier erzählt, und schon gar nicht den künstlerischen Fortschritt, den er demonstriert: Mit frisch geschliffenen Rap-Skills breitet er gleich im Opener "Holy Ghost" seine Probleme mit der bigotten Kirche aus, auf dem Lonesome-Cowboy-Twang eines Gitarrenriffs, das an Action Bronsons Monster-Single "Easy Rider" erinnert. Gespielt wird es vom bisher unbekannten Songwriter Joe Fox, den Rocky, der Legende zufolge, in London entdeckte und unter seine Fittiche nahm. Er ist, als Sänger und Gitarrist, gleich auf sechs der 18 Stücke zu hören, darunter auch "Pharsyde", das auf dem Wackelpudding eines Danger-Mouse-Spaghetti-Soundtracks die Gentrifizierung in Harlem anprangert.

Aber alles bleibt laid back, bleibt zurückgenommen und gediegen. Auf offensichtliche Hits, anscheinend ein neuer Trend im US-HipHop, verzichtet Rocky, wichtiger schien ihm ein homogener Flow des Albums zu sein; man kann "A.L.L.A." als Ganzes, als geschlossene Straßenerzählung über Bitches, Kiez und Existenzielles durchhören wie zuletzt Kendrick Lamars "Good Kid, m.a.a.d. City" oder Drakes Mixtape "If You're Reading This It's Too Late". Im Klub dürfte trotzdem der eine oder andere Track landen, vor allem Up-tempo-Nummern wie das "Pretty Flacko"-Sequel "Lord Pretty Flacko Jodye 2" oder "Electric Body", bei dem Schoolboy Q. die Gastraps beisteuert.

Überhaupt Gäste: Es sind nur wenige Namen, aber die haben es in sich. Kanye West persönlich veredelt den slow swingenden HipHop-Szene-Diss "Jukebox Joint", Krawallnudel M.I.A. ist auf dem trunkenen "Fine Whine" zu Gast, und im programmatisch betitelten Schlussstück tritt schließlich noch der in der Szene als cooler Wise Guy verehrte Mos Def auf.

Etwas zu offensichtlich auf den Crossover in den Pop-Mainstream schielen "Everyday" (mit dem in der Presse bereits bestaunten Gast-Ensemble Mark Ronson, Miguel und Rod Stewart!) und das ebenfalls bereits als Single veröffentlichte Drogen-Gedusel "L$D". Ansonsten ist der Stand der Geschichte: A$AP Rocky? Still on the way up. (7.8) Andreas Borcholte

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The Milk Carton Kids - "Monterey"
(Anti/Indigo, seit 15. Mai)

"Lost the thread on every dream/ That's what freedom's come to mean", singen Joey Ryan und Ken Pattengale, die Milk Carton Kids aus Eagle Rock, auf ihrem neuen Album, eine Art nüchternes Update zum Simon-&-Garfunkel-68er-Klassiker, in dem sich die beiden Song-Protagonisten mit Zigaretten und Mrs.-Wagner-Pies bewaffnet auf die Suche nach "America" machten. Ryan und Pattengale starten ihre mystical journey nicht von Saginaw aus, sondern von der Westküste, im "ash & clay" von Monterey, wie es im Titelsong mit einem Nicken zum Titel des vorigen Albums heißt.

Die Milk Carton Kids haben sich seit "Ash & Clay" (2013) zu einer festen Größe in der Neo-Folk-Szene entwickelt, die es in den USA ja anders als hierzulande, wo so etwas gerne behauptet wird, wirklich gibt. Joe Henry spielt seit Langem den Paten für die beiden Kalifornier, er schrieb auch für "Monterey" eine Art poetisches Vorwort. Billy Bragg mag ihre politischen Untertöne vom verwesenden American Dream, Jack White soll ein Fan sein, die Coen-Brüder, T-Bone Burnett und, ähem, Marcus Mumford, allesamt Bewahrer der Americana-Tradition.

Ryan und Pattengale bedanken sich für das in sie gesetzte Vertrauen mit einer ganz und gar zauberhaften Platte, aufgenommen auf Tournee, auf kleinen Bühnen und Kirchen, live auf Hockern mit Akustikgitarren und viel melancholischer Transit-Stimmung. Noch kräftiger, noch wehmütiger sind ihre Melodien ("Shooting Shadows", "Getaway"), noch hinreißender harmoniert ihr Gesang; neben Simon & Garfunkel und den Everly Brothers, den ewigen Vorbildern jedes singenden Männerduos, klingen auch frühe Crosby, Stills und Nash durch, und im überraschenden Opener "Asheville Skies" variieren sie im gepickten Gitarrenspiel sogar die düstere Eagles-Hymne "Hotel California". Musik, so traurig, so tröstlich wie ein flackerndes Licht auf dem dark, desert highway. (7.7) Andreas Borcholte

Sun Kil Moon - "Universal Themes"
(Caldo Verde/Rough Trade/Beggars/Indigo, seit 29. Mai)

Kollege Wigger schrieb zu "Benji", der letzten Veröffentlichung von Mark Kozelek aka Sun Kil Moon, es sei ein verschwommenes, gläsernes Album, "das mit dem Schlag deines Herzens verschmilzt", tatsächlich ein Satz, der mich noch lange begleitet hat. Denn obschon ich wusste, was Wigger meinte, wurde mir doch ganz trübsinnig bei dem Gedanken, dass es nur wenige Alben gibt, die sich derart mit dem eigenen Wesen synchronisieren. Zumeist ist es jene prägende Musik aus den formenden Jahren der Adoleszenz, die sich in die DNA einzuschreiben scheint, die dafür sorgt, dass man die Hüfte beim Gehen auf ganz eigene Weise wiegt.

Mark Kozeleks Platten, das ist vielleicht eine Besonderheit unter vielen, sind aber alles andere als solche Ausrufezeichen. Die oft über die Zehn-Minuten-Grenze hinweg mäandernden, dabei Stile und Tempi immer mal wieder wechselnden Songs des ehemaligen Red-House-Painters-Sängers sind keine Teenage-Angst-Ausweise oder Rock'n'Roll-Statements, sondern im Grunde nichts als - mal laut, mal leise, aggressiv oder sanft - vertonte Notizbucheinträge.

Aus diesen fragmentarischen Kritzeleien und Skizzen bildet er einen lakonischen, eher schwermütigen Gesang aus der chain gang des Lebens, springt dabei von sterbenden Nagetieren am Straßenrand zur Musik von Maurice Ravel und Godflesh - und lässt nebenbei noch einfließen, dass er Zeit in der Schweiz verbringen würde, weil Regisseur Paolo Sorrentino ihn gerade angerufen und gebeten habe, in seinem neuen Film mitzuspielen. Der, "Youth" heißt er, wurde übrigens gerade in Cannes uraufgeführt, aber Kozelek fiel mir nicht weiter auf, vielleicht wurde er am Ende wieder rausgeschnitten, wer weiß.

Der stream of consciousness erstreckt sich auf "Universal Themes" über acht Songs und knapp 70 Minuten, in denen Kozelek mit seiner jammernden und knödelnden Stimme singt, die mich immer an Adam Duritz von Counting Crows erinnert. Was aus dem wohl geworden ist? Dazu spielt er Gitarre, gerne auch elektrisch verzerrt wie im großartigen Beziehungsschrott-Blues "With A Sort of Grace I Walked To The Bathroom to Cry". Die Drums spielt Steve Shelley von Sonic Youth, und mehr braucht es auch gar nicht, um diese Erzählermusik zum Leben zu erwecken.

Es geht dann später auch noch um die Erbärmlichkeit von New Yorker Hipstern ("Cry Me A River Williamsburg Sleeve Tattoo Blues") und in "Ali/Spinks 2" nicht nur um den legendären Boxkampf, sondern auch wiederum um Ravel, Ry Cooder, Kozeleks ewige Besessenheit mit den Doors und "True Detective" auf DVD. In "This Is My First Day and I'm An Indian and I Work at A Gas Station", dem letzten Stück, in dem Springsteen, Mellencamp, Nelson und Petty zitiert werden, geht es nicht nur um Kozeleks uraltes Klapp-Handy, es gibt auch ein zufälliges Treffen mit Jane Fonda und eine Unterhaltung über ihren Vietnamfilm "Coming Home" und Papa Henry. Americana, ultra-klassisch. (8.5) Andreas Borcholte

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
MrBuddyCasino 02.06.2015
1.
Man denkt, ein überdurchschnittlich gut geschriebener Text in dieser Rubrik, wie kommts? Dann die Überraschung, gezeichnet Tex Rubinowitz. Er sei willkommen!
ANDIEFUZZICH 02.06.2015
2. Unter deutschen Duschen...
...was singen sie denn Es wird nie mehr sein, wie es einmal war. Die Resonanz hier spricht für sich, praktisch selbsterklärend...
harry_beau 04.06.2015
3. Hervorragende Neuerscheinungen
Zitat von ANDIEFUZZICH...was singen sie denn Es wird nie mehr sein, wie es einmal war. Die Resonanz hier spricht für sich, praktisch selbsterklärend...
Natürlich nicht so superduperultrawichtig wie das hier besprochene Banalstmuzakpotpourri, aber dafür einfach unheimlich gut: Rolf Kühn Unit - Stereo
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