Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Da pumpt das Herzblut: Soul-Erneuerer Matthew E. White begeistert mit seinem zweiten Album. Untröstlich, aber vielversprechend: die Newcomer Isolation Berlin mit ihrer neuen EP. Außerdem: Will Butler! Colleen Green!

Matthew E. White - "Fresh Blood"
(Domino/Goodtogo, seit 6. März)

"Let me look at you, OHHH, I'm pumping fresh blood for you", säuselt Matthew E. White so süß und harmlos, dass man über dieses eher schlimme Sex-Offendertum glatt hinweghört. Aber so funktioniert Soul eben auch, zumal die Schlafzimmer-Variante, die Barry White und Isaac Hayes in den Siebzigern ausformulierten: Sag es durch die heiße Butter, und schon klingen deine wüstesten Gelüste so sweet wie Popcorn.

Matthew E. White hat diese Lektionen aufgesaugt wie Sirup, obwohl er ein Weißer ist, die haben ja qua Definition eigentlich selten Soul. Ausgerechnet der Typ mit der Bart- und Haarkombi, die an Bob Seger und Greg Allmann in den Siebzigern erinnert, ist jedoch ein kompetenter Erneuerer des Genres, was er 2012 mit seinem Debüt "Big Inner" beeindruckend unter Beweis stellte. Derart mit Kritikerlob vollgepumpt, legt White nun mit "Fresh Blood" nach.

Instant-Hits wie "Big Love" fehlen erst einmal, aber davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. White, erneut unterstützt von seiner hervorragenden, an Muscle-Shoals geschulten Spacebomb-Studioband, die zuletzt das Debüt-Album von Natalie Prass zu einem Ereignis machte, ist komplexer, lässt selbstbewusst auch kompliziertere Arrangements zu, bleibt dabei aber immer in einem faszinierenden, eher gemächlich durch zehn Songs rinnenden Flow. Man darf nicht vergessen: White ist zwar erst 32, hat aber schon reichlich Erfahrungen als Vorstand der Free-Jazz-Band Fight The Big Bull gesammelt, bevor er sich und seine Musiker zu einer Art moderne Booker T. & The MGs stilisierte.

"Fresh Blood" ist also vor allem eine musikalische Erlebnisreise in den kalorienreichen, fettsatten Southern Soul: Jeder Bratensauce-schwere Klavierakkord, jeder auf Tabakblättern geblasene Ton atmet hier den Geist von Stax und Memphis. Wichtiger als jede Pose ist White dabei der Respekt und die Aufrichtigkeit seiner - immerhin ursprünglich von Gottesfurcht und Frömmigkeit inspirierten - Musik, wie er in "Rock'n'Roll Is Cold" verrät: "Everybody likes to talk shit", klagt er über den kalten, zynischen Rock. "Gospel licks" hingegen "ain't got no tricks".

Dazu passt dann auch die erstaunliche Tiefe, in die Whites Texte reichen. Denn jenes "fresh blood" aus dem Opener "Take Care My Baby" fließt natürlich nicht nur in die Sexualorgane, sondern auch ins heftig pochende Herz, das sich abmüht, schwerste Wunden zu heilen. "Feeling Good Is Good Enough" und "Love Is Deep" sind ebensolche traurigen, aber nie hoffnungslosen Reflexionen über Liebeslust und -leid.

Doch auch für andere Themen bleibt Raum: "Holy Moly" handelt von sexuellem Missbrauch in der Kirche, "Tranquility" ist ein Song über den Tod Philip Seymour Hoffmans, "Circle Round The Sun" ein Trauerlied über den Verlust nahestehender Menschen. Liebe, Tod, Lust und Leid, Lüge und Wahrheit, es sind die ganz großen Dinge, die White mit seiner klugen, warmen, tröstlichen Seelenmusik behandelt. Und der Mann fängt gerade erst richtig an. (9.0) Andreas Borcholte

Isolation Berlin - "Körper EP"
(Staatsakt/Rough Trade, ab 13. März)

"Schlafen kann ich auch noch, wenn ich tot bin, bis dahin ist noch jede Menge Zeit." Hach, süßer Vogel Jugend. Aber die Euphorie trügt, das haben Isolation Berlin sich bei ihren Post-Punk-Vorbildern abgeguckt. Weil Post-Punk ja aber gerade jeder Hans und Franz spielt, nennt die - logisch - Berliner Band ihren Sound Proto-Pop. Wie man's nennt, ist aber eigentlich egal, denn Isolation Berlin sind in diesem Frühjahr und wahrscheinlich weit darüber hinaus ein Fanal gegen die Bilderbuchwanda-Übermacht aus Österreich.

Doch auch ohne solche blödsinnigen Frontstellungen wäre es großartig, was die vier Hauptstädter aus ihrer Teenage Angst, ihrer Großstadt-Exklusion herauspressen. Mit Sänger Tobias Bamborschke, einem verkrachten Schauspielstudenten, verfügen sie zudem über einen Frontmann, der seine Verachtung für alles und sich selbst mit hinreißender Theatralik zu inszenieren weiß und ältere Semester gar an den jungen Rio Reiser erinnert, auch stimmlich. Zu bewundern war das unlängst beim Auftritt der Band bei der schönen Veranstaltung The One Hit Parade , ab Freitag sind Isolation auch mit ihrer EP auf Tour. Ein Album soll bald folgen.

"Aquarium" hieß ein früher Song der Band, im zugehörigen Video schlich Bamborschke durch triste Straßen seiner Stadt, die man in Berlin, zumal im Winter, nicht lange suchen muss. Um Einsamkeit ging es damals, und um Einsamkeit nach der gescheiterten Zweisamkeit geht es immer noch, am schönsten in Stück "Isolation Berlin": "Wie ein Vollidiot stolper' ich hilflos durch den Schnee/ Ich hab so vieles ausprobiert/ Mein Herz tut immer noch so weh/ Wie eine kraftlose alte Raupe, quält sich die U-Bahn durch die Stadt/ Nach Pankow und zurück/ Ich hab' die ganze Scheiße satt." Bei solchen Zeilen muss man den richtigen Ton treffen, um nicht affiger Prätention anheimzufallen, aber Bamborschke balanciert souverän auf schmalstem Grat - bis zum erschütternden Ende des Songs.

Die Melancholie, das Herzeleid und die Lust am eigenen Untergang ("Prinzessin Borderline") weicht aber inzwischen immer mehr einer generellen Wut, die sich in Songs wie "Körper" und "Meine Damen und Herren" lautstark äußert, das Private ist kurz davor, politisch zu werden: "Ich muss aus meinem Körper raus." Es scheint, als würde sich etwas buchstäblich häuten wollen im fiebrigen, noch unfertigen Klang dieser Band. Das wird noch sehr, sehr interessant. (8.0) Andreas Borcholte

Will Butler - "Policy"
(Merge Records/Cargo, ab 13. März)

Clever? Ja. Hyperaktiv? Vielleicht. Erfolgreich? Gewiss. Will Butler hat kürzlich eine Woche lang Songs zu aktuellen "Guardian"-Artikeln veröffentlicht und dabei Griechenlands Schuldenkrise, ukrainische Separatisten, die Wasserkrise in São Paulo, ein neu entdecktes Schwarzes Loch im All und die Anhänger der Terrormiliz "Islamischer Staat" besungen, die jahrtausendealte Kunstschätze in einem Museum im irakischen Mosul zerstört haben. Und jetzt erscheint mit "Policy" das Debüt-Album des Arcade-Fire-Bassisten. So macht man Langzeit-PR!

Mit seinem Solo-Projekt lebt sich Butler, der sonst eher im Schatten seines großen Bruders und Frontmanns Win steht, kreativ aus, und zwar so richtig. Es gibt kaum ein Instrument, das der Kanadier nicht selbst für "Policy" eingespielt hat. Butler ist ein Zappelphilipp, der einfach nicht stillhalten kann. Kein Wunder, dass nur schlappe acht Songs auf der Platte sind: Rein ins Studio, schnell wieder raus. Niemals aufhören, immer weitermachen.

Für den "Guardian" hat sich der potenzielle ADHS-Patient am Pool aktueller Nachrichten bedient, auf "Policy" geht er ähnlich opportunistisch vor. Wenn er die Bäckersfrau "Anna" besingt, die morgens vor Sonnenaufgang mit der Arbeit beginnt, dann klingt das wie eine Reminiszenz an Human League. Oder - mit etwas Fantasie, wie eine liebliche Version von DAFs "Mussolini".

Wer nach der vorab veröffentlichten Single "Anna" mit dem ulkig im Falsett hicksenden Will ein reines Synthie-Pop-Album erwartet hat, wird von "Policy" eher enttäuscht sein. Kreuz und quer latscht Butler durch den Stilgarten und pflückt Versatzstücke. "Take My Side" streckt sich nach dem Who-Klassiker "My Generation", und in "Finish What I Started" gibt er sich am Klavier gefühlvoll wie ein Lennon-Schüler. "Son of God" kommt dem Sound jüngerer Arcade-Fire-Stücke nahe, "Witness" hingegen wildert im "Sha-la-la-la"- und Handklatsch-Fundus der Shangri-La's. Nach weniger als 28 Minuten ist der Schnelldurchlauf durch die Pop-Historie vorbei. Puh.

Trösten können immerhin Butlers Texte, in denen es manchmal schön absurd wird: "If you come and take my hand/ I would buy you a pony/ We can cook it for supper/ I know a great recipe for pony macaroni", singt er in "What I want". Oder: "I can feel my heart beat out of my chest/ I apologize if I get heart blood all over your nice floral dress." Sympathischer Spinner. (6.8) Anika Haberecht

Anika Haberecht ist Kollegin bei SPIEGEL ONLINE, legt Platten bei der Hamburger Veranstaltung Lost in Music  auf und ist auf Byte.FM mit der Sendung "Alles Pop?" zu hören.

Colleen Green - "I Want To Grow Up"
(Hardly Art/Cargo, seit 6. März)

Früher, als das Geld noch lockerer saß, habe ich Platten im noch heute großartigen Plattenladen meines Vertrauens, Michelle Records in Hamburg, gerne mal nach Cover gekauft: Was cool aussah, kam mit. Viele Entdeckungen habe ich so gemacht, aber leider auch viele Fehlgriffe. Colleen Greens zweites Album für Hardly Art wäre eine Platte gewesen, die ich ob ihres pink-disparaten Covermotivs sofort eingepackt hätte. Und sie hätte mich auch nach dem Auflegen nicht enttäuscht.

Colleen Green ist 30, liebt die Achtziger-Alternativpopper Descendents (siehe Albumtitel) und weigert sich, erwachsen zu werden. Dieses Dilemma drückte sie bereits vor zwei Jahren auf ihrer ziemlich guten LP "Sock It To Me" aus, mit "I Don't Want To Grow Up" leistet sie sich aber nicht nur eine richtige Band mit zugehöriger Sound-Reife, sie gibt sich noch souveräner in ihrer allgemeinen Verunsicherung. Was natürlich sehr schön anzuhören ist.

Gleich zwei Songs, die ungefähr so vordergründig naiv nach vorne krachen wie einst die Hymnen der leider erwachsen gewordenen Juliana Hatfield, deren neues Album nur noch nostalgisch ist, widmet Green Dingen, die schlecht für sie sind ("Gotta stop doing things that are bad for me"), und kasteit sich dafür, nicht zu wissen, was sie vom Leben will und es einfach nicht schafft, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Die Stimmung schwankt zwischen Tschaka-Motivation und totalem Fuck-up ("I want to do drugs right now") - alles wie im echten Leben halt.

Gleichzeitig gibt es aber auch lustigere Songs wie "TV", in dem sie das Fernsehen als Alibi lobt, nicht nachdenken zu müssen und Konversationen aus dem Weg zu gehen. Selbsthass und Ironie liegen da stets nah beieinander, so wie im "Deeper Than Love", das aus dem gewohnten Krachpop-Punk-Schema mit subtileren Düster-Elektro-Elementen ausbricht. Es werde ja eh alles nichts mit dem Traummann und dem geordneten Leben, "cause I'm shitty and I'm lame and I'm dumb and I'm a bore/ And once you get to know me you won't like me anymore". Kurzum: Die richtige, tröstende Platte, wenn du dir einfach mal wieder einen Kindergeburtstag wünschst. (7.5) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.