Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Feminismus als Entspannungsübung: Jenny Hval propagiert auf ihrem neuen Album den "soft dick rock" als Allheilmittel. Das genaue Gegenteil? Die Protz-Rockoper "Drones" von Muse. Außerdem: Hudson Mohawke! Joco!

Von und


Jenny Hval - "Apocalypse, Girl"
(Sacred Bones/Cargo, seit 5. Juni)

Die Schlacht scheint verloren, bevor manche überhaupt angefangen haben zu kämpfen: "Statistics and newspapers tell me I am unhappy and dying", singt Jenny Hval über einem dümpelnden Swing-Beat in "That Battle Is Over". Die Medien sagen ihr, dass Sozialismus vorbei ist, dass Feminismus vorbei ist, dass es okay ist, zu konsumieren, "that I need man and child to fulfill me/ That I'm more likely to get breast cancer. And it's biology, it's my own fault, it's divine punishment of the unruly". Und trotzdem, erklärt sie später im Geister-Gospel "Heaven", halten wir an der Idee des Himmels fest. Hval, die im norwegischen Bible Belt aufwuchs, weiß, wovon sie spricht: Das Konzept der Wiedergeburt zieht sich wie ein roter Faden durch ihr überraschend hoffnungsvolles neues Album.

Denn nichts ist verloren, zumindest nicht, solange es Künstlerinnen wie Hval gibt, eine der erstaunlichsten Protagonistinnen avantgardistischer Musik. Die vordergründige Schlappheit der Musik hat Methode, "Apocalypse, girl" kommt über weiteste Strecken ohne die gewohnten Klangattribute des Zorns und der Frustration aus. Es ist, als würde Hval die Noise-Elemente ihrer ersten beiden Alben absichtlich eliminieren, zugunsten eines wattigeren Sounds, der zur Prämisse passt, Empfindungen und Gedanken aus dem halbwachen Zustand nach einer OP zu simulieren. Eine eigenartige, aber sehr fesselnde Kokon-Musik entsteht dabei.

Sie soll ein neues, ein anderes Betrachten ermöglichen: Von Geschlecht, Sex, Religion. Und natürlich Feminismus. Hier gilt Hval inzwischen als verlässlich verstörende Stimme, zu ihrem musikalischen Werk gesellten sich in den vergangenen Jahren ein Roman, ein Essayband mit Feminismus-kritischen Texten, dazu journalistische Artikel zu Musik und Kultur, Sound-Installationen und Spoken-Word-Performances.

Mit gesprochenen Worten beginnt auch "Apocalypse, girl", es sind aber nicht Hvals eigene, sondern die der dänischen Dichterin Mette Moestrup: "Think big, girl, like a king, think king size". Mit dieser koital-kapitalistischen Sentenz beginnt sie einen USA-Exkurs. Das Land der Extreme dient als reflektierende Folie für seine heute eher begrenzten Möglichkeiten: "In New York I don't dream/ Here, I see no subculture, no big signs, no big bananas. No big science. No future" - Pop-Art, Performance-Kunst und Punk in einem Satz abgeräumt. Die (Er-)Lösung heißt "soft dick rock". Das Motto ihrer aktuellen Tour-T-Shirts (auch für Männer!) erklärt sie so: "What is soft dick rock? Using the elements of dick to create a softer, turned down sound". Warhols erigierte Banane wird zur schrumpeligen Halbsteifheit invertiert.

Im zweiten Stück des Albums, "Take Care Of Yourself", wird deutlich, dass es ihr dabei nicht ums Schwanzabschneiden geht; Hvals feministischer Ansatz will Augenhöhe zwischen den Geschlechtern herstellen: "In a restless half dream... I grab my cunt with my hand that isn't clean/ I imagine you're doing the same, holding on to your soft dick/ We don't have to fuck, can we just lie here, being?" Mann, Frau, Sex, befreit vom Erwartungsdruck eines harten Glieds, eine schützende Hand über dem flaccid penis als Ausdruck ultimativer Intimität, Potenz der totalen Entspannung.

"What is it to take care of yourself?", fragt sie, stellvertretend für alle, die im Strudel der Rollenbilder vergeblich nach sich selbst suchen. Heißt das "getting laid? Getting paid? Getting married? Getting pregnant?" oder, kalt und kapitalistisch, einfach nur "fighting for visibility in your market"? Ganz am Endes dieses meditativen Diskurses über Kapital, Kunst und Klitoris, diesem expliziten Anti-Porno, kommt sie im zehnminütigen "Holy Land" atemlos zum Orgasmus. Der Kampf geht weiter. (8.5) Andreas Borcholte

Muse - "Drones"
(Warner, seit 5. Juni)

Hallo? Ist da Mr. Bellamy? Matt Bellamy? Hier sind die Achtziger, wir möchten gerne unsere Scheißmusik und unser geschmackloses Album-Cover wiederhaben. Aber schleunigst, bitte! Schön wär's. Aber hier sitzen wir nun mit "Drones", dem Album-Blockbuster der Woche, einer Platte, die mit so viel Gewalt und Getöse über einen hereinbricht wie ein "Transformers"-Film von Michael Bay: Viel Schauwert, wenig Sinn.

Dabei wollte ich eigentlich endlich mal ein Muse-Album gut finden. Nach all den Jahren dachte ich: 17 Millionen Muse-Platten kaufende Menschen irren ja vielleicht doch nicht, vielleicht bin der Ignorant ja ich! Leider aber lässt "Drones", das siebte und ambitionierteste Album der britischen Band um Sänger und Gitarrist Bellamy, keinen Zweifel mehr zu: Mehr als eine zunehmend grotesk anmutende Kopie alter Prog- und Hardrock-Heroen wird aus Muse nicht mehr.

"Drones" soll so etwas wie das Opus Magnum der stets auf Relevanz und Gesellschaftskritik gepolten Gruppe sein: Ein Konzeptalbum über jene seelenlosen Kampf-Apparate, Drohnen halt, mit denen sich auf Knopfdruck und aus der Ferne morden lässt. Der Protagonist ist eine Art menschliche Drohne, er wird erst von der bösen Geliebten (Bellamys Ex Kate Hudson?) seines Herzens beraubt ("Dead Inside"), dann vom fiesen "Drill Sergeant" (Klischee-Angebrülle inklusive) entseelt und zum "Psycho" ausgebildet und auf Kill-Missionen geschickt ("Reapers").

Die Musik steigert sich dabei ebenso dramatisch in gniedelnde Gitarrensoli, die Drums marschieren, Bellamy heult, als hieße er Dickinson und seine Band Iron Maiden. Das wäre ja gar nicht so übel, ginge nicht gleich wieder alles durcheinander: Je operettenhafter es wird und der Killer sich, schnarch, schließlich zum Rebellen wandelt, der fürs Gute kämpft ("The Globalist"), desto unverschämter werden Queen zitiert und bemüht. Aber auch Marilyn Mansons Horror-Glamrock geistert immer wieder durch die von Def-Leppard- und AC/DC-Produzent "Mutt" Lange in der Muckibude inszenierten Songs. Am Ende der Kitsch-Kakophonie wird sogar Morricone-mäßig zum gefühligen Intro gepfiffen.

Das Schlimme ist ja: Möglicherweise sind die Zeiten wirklich bald wieder so ernst wie Mitte der Achtziger, als der Kalte Krieg selbst unironischsten Pathos ("Russians", "Kayleigh", "Nikita") irgendwie okay erschienen ließ. Aber mit aus Haarmetal-Bombast, "A Kind of Magic", "Killroy Was Here" und ähnlichem Pomp zusammengeklaubtem Bedeutungs-Imitat lässt sich die aktuelle, komplett neue und ungleich komplexere Bedrohungslage nicht abbilden. Umso betrüblicher daher, dass der zurzeit populärsten und erfolgreichsten Rockband außerhalb der USA nicht viel mehr einfällt als an jedem Klischee so lange rumzuzuppeln, bis es nochmal müde jauchzt.

"Are you dead inside", fragt ein gregorianischer Chor im Coda-Stück "Drones" (das, ohne Witz, auf "Amen" endet) - fühlst du dich auch schon ganz taub und abgestorben? Ja, vor allem im Kopf. (2.0) Andreas Borcholte

Muse - "Dead Inside"

Dead Inside von Muse auf tape.tv.

Hudson Mohawke - "Lantern"
(Warp/Rough Trade, ab 12. Juni)

Den Haters den Mittelfinger zu zeigen, um sich drei Takte später zum Kämpfer für die Liebe zu erklären: Wenn es für das neue Hudson-Mohawke-Album einen prototypischen Track gibt, dann wohl "Warriors". Eben noch säuselt Gastsänger Ruckazoid drohend, von wem er sich so gar nichts sagen lasse, dann stimmt ein mächtiger Soulchor an, dass man nur die Schlacht, aber nicht den Krieg verloren habe, schließlich gebe man alles für die Liebe. Das dürfte in der Summe nicht funktionieren, tut es aber - genauso wie das gesamte Album, denn auf "Lantern" geht die Poprechnung ziemlich spektakulär auf: Mehr ist hier wirklich mehr.

Allein klassische HipHop-Beats und ein Gastauftritt von Kanye West oder Pusha T fehlen, ansonsten bietet das zweite Soloalbum von Ross Birchard alias Hudson Mohawke einen kompletten Überblick über die disparaten musikalischen Felder, die der schottische Produzent seit bald zehn Jahren beackert. Elektrolastiger R&B ist dabei ("Resistance", "Deepspace"), dazu auf Siebzigerjahre-Soul-Samples aufgebaute Stampfer ("Ryderz") und nervöse Synthie-Spielereien ("Shadows"). Mit dem Brostep-Knaller "Scudbooks" ist sogar ein Track enthalten, der es mit dem Monsterhit "Higher Ground" vom HudMo-Nebenprojekt TNGHT in klubkompatibler Wucht aufnehmen kann.

Mit dem Gastauftritt von Antony Hegarty im sanften Liebeslied "Indian Steps" ist auch noch ein Ausblick auf kommende Projekte gegeben: Zusammen mit Daniel Lopatin (Oneohtrix Point Never) arbeitet Birchard zurzeit am neuen Album von Hegarty.

Die klug ausgesuchten Gastsänger sind ein Schlüssel dazu, warum sich "Lantern" nicht in seinem Eklektizismus verzettelt. So hält die passiv-aggressive Sexyness von Ruckazoid den textlichen Kuddelmuddel von "Warriors" zusammen, während Irfane der Herzschmerz-Poesie von "Very First Breath" ("Sitting on the train/ Calling your name/ In the night") die nötige Wahrhaftigkeit verleiht.

Der andere Schlüssel ist: Ein tiefer gehendes Interesse an einzelnen Sounds scheint Birchard nicht zu haben. Über das Album verstreut finden sich synthetische Flöten, eine Oboe, dazu Streicher und gleichzeitig ebenso bratzende wie flache Bläser. Erforschen und Rekontextualisieren will Birchard diese Sounds aber offenbar nicht, er setzt sie einfach für einen maximalen Hände-in-die-Luft-Effekt ein. Und solange sich dieser Effekt tatsächlich einstellt, verzeiht man ihm sogar die üblen Achtzigerjahre-Power-Synthies von "Brand New World".

Insofern verhält sich "Lantern" komplementär zu "In Colour" von Jamie xx, dem anderen sensationellen Produzentenalbum des Jahres. Wo Jamie xxs Musik mit exquisiter Nachdenklichkeit besticht, ballern einem Birchards Tracks den Schädel weg. Toll, dass es im Sommer 2015 beides gibt. (9.0) Hannah Pilarczyk

Hudson Mohawke - "Lantern"
Joco - Horizon
(Columbia/Sony, seit 5. Juni)

"You are my cloud/ I wanna fly with you", säuselt die sich aufs Säuseln vortrefflich verstehende Frauenstimme. Wo kommen eigentlich auf einmal all diese jungen Frauen her, die so schüchtern von hinten aus der Kehle singen können? Klingen alle irgendwie gleich. Aber bleiben wir erst einmal bei dieser Textzeile, sie stammt aus "Cloud", was der sechste von 13 Songs auf dem Debüt-Album von Joco ist, das "Horizon" heißt. Wolken! Horizont! Geschnallt?

Als mir also Josepha Carl mit ihrer geübten, aber irgendwie auch wie alle anderen klingenden, ins Entrückt-Verhallte gemischten Stimme diese doofe Zeile mit aller in diesem Genre gebotenen Niedlichkeit ins Ohr säuselte, wollte ich eigentlich aufgeben und "Horizon" als eines dieser am Ende banalen Folk-Pop-Alben abtun, die große Plattenfirmen mal so unter ferner liefen veröffentlichen und die dort auch meistens bleiben.

Ich habe dann aber doch weitergehört. Warum? Was war's? Vielleicht der schöne, von keinem Instrument gestörte Harmoniegesang in "Over The Horizon", vielleicht das unaufdringliche, aber ganz schön dringliche Klavierspiel von Josephas Schwester Cosima (das CO zum JO, geschnallt?), das den manchmal zu luftigen Songs (Wolken et cetera) Schwere und Melancholie jenseits von Behauptungen in Text und Gesangsfarbe gibt.

Vielleicht war es auch eine mir qua Herkunft sympathische, sehr norddeutsche Sprödigkeit, die alles dann doch noch vor dem Absturz ins allzu Eindeutige, Kitschige rettet. Wobei Schleswig-Holstein ja nun das "Land der Horizonte" ist und die musizierenden Schwestern vom Popkurs der Itzehoer Versicherung gefördert wurden: Am Ende ist "Horizon" nur eine virale Kampagne des Fremdenverkehrsamts, um mehr Menschen in den strukturschwächelnden Norden zu locken?!

"You don't know nothing about me", warnt Josepha Carl gerade noch rechtzeitig in "We Clash". Na gut, man möchte die beiden Hamburgerinnen dann doch näher kennenlernen. Die Belohnung dafür, und ein Versprechen, ist das letzte, auf Deutsch gesungene und daher sehr intime Stück "Winter". (6.9) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 18 Beiträge
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hilfe-deutsche-sprache&#1 09.06.2015
1. Jenny Hval
... eine leiernde Stimme, die auf die Nerven geht.
philbird 09.06.2015
2. Zugegeben...
...ich fand ihre Rezensionen schon immer aufgeblasen und pretentiös. Für mich persönlich haben sie heute aber den Vogel abgeschossen. Jenny Hval finden sie total supi. Und das neue Muse Album wirklich schlimm? Hallo? Gehts noch? Jenny Hval leiert ein ganzes Album nach Belanglosigkeiten herunter. Bellamy bringt das beste Muse Album seit "Origin of Symmetry" raus, besingt dabei aktuelle dystopische Themen, zitiert Queen, findet endlich den ursprünglichen Sound wieder und sie finden alles scheisse und ausgelutscht? Ist kein Problem, Musik ist eben äusserst subjektiv. Die Reaktionen auf Rezensionen, aber eben auch. Schade (1.0)
Daso de Ennige 09.06.2015
3. Genial gute Kritiken...
Ich habe es immer schon so gemacht, wenn Borcholte gut bewertet lohnt sich das Anhören nicht, außer man ist total gut drauf und möchte das unbedingt ändern. Aber ein Totalverriss ist eine klare Empfehlung mal rein zu hören. Meine besten Entdeckungen der letzten Jahre lagen hier immer im Punktebereich von 0 bis 3..... Wenn man das konsequnet so macht, dann ist die Kolumne hier eine echte Granate.
sonic29 09.06.2015
4. Borcholte hat leider recht
Höre grade die neue Muse-Scheibe und kann die Empfindungen des Rezensenten nachvollziehen: Handwerklich perfekt und trotzdem unerträglich. Auch an und für sich gelungene Songs wie "Reaper" werden mit geklautem AC/DC - Riff entwertet. "Dead inside" klingt 1:1 wie Marilyn Manson und "Defector" ist eine schon fast peinliche Queen - Kopie. Und so geht es immer weiter... Konnte allerdings mit Bellamys Gesang (so wollen wirs mal nennen) ohnehin nie viel anfangen. Aber "Origin of Symmetry" ist wirklich ein ordentliches Muse-Album gewesen - das einzige (?)
sonic29 09.06.2015
5. Borcholte hat leider recht - Muse betreffend
Höre grade die neue Muse-Scheibe und kann die Empfindungen des Rezensenten nachvollziehen: Handwerklich perfekt und trotzdem unerträglich. Auch an und für sich gelungene Songs wie "Reaper" werden mit geklautem AC/DC - Riff entwertet. "Dead inside" klingt 1:1 wie Marilyn Manson und "Defector" ist eine schon fast peinliche Queen - Kopie. Vielleicht ist die Platte aber auch gar nicht ernst gemeint und sollte als Parodie (auf ProgRock) betrachtet werden. Unter diesem Aspekt betrachtet vielleicht doch eine zumindest einigermaßen unterhaltsame Angelegenheit. Konnte allerdings mit Bellamys Gesang (so wollen wirs mal nennen) ohnehin nie viel anfangen und war daher kein ausgesprochener Muse-Freund. Aber "Origin of Symmetry" ist wirklich ein ordentliches Muse-Album gewesen - vielleicht das einzige (?)
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