Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Die kann doch nicht singen, die hat nur dicke Lippen? Von wegen. Lesen Sie hier, warum Sie Lana Del Reys zweites Album "Ultraviolence" unbedingt hören sollten. Außerdem: Chrissie Hynde! Kishi Bashi! Alexis Taylor ohne Hot Chip!
Von Andreas Borcholte und Jan Wigger

Lana Del Rey - "Ultraviolence"
(Vertigo/ Universal, seit 13. Juni)

Foto: Universal

Da ist es wieder, das sündhaft rote Kleid. Es dauert keine zwei Minuten im sphärischen Twang-Sound des Album-Openers "Cruel World", bis Elizabeth Grant wieder in die Rolle der Femme fatale Lana Del Rey schlüpft: "Put my little red party dress on/ Everybody knows that I'm the best/ I'm crazy." Und dann erzählt sie wieder ihre Geschichten vom Mädchen, das auf die kaputten Typen reingefallen ist und nun auf die Rückkehr der sexy, aber bösen Buben wartet, im Halbschatten, rauchend, Bourbon trinkend, simmernd und driftend in eine sadomasochistische, suizidale Wahnwelt, in der die Jungs abwechselnd "crazy for her" sind - oder sie schlagen: "He hit me and it felt like a kiss" ("Ultraviolence").

Die Kunstfigur Lana Del Rey ist die Frau, die Chris Isaak in "Wicked Game" besingt, sie ist die Veronica Lake oder Barbara Stanwyck, die mit laszivem Augenaufschlag im Büro des Privatdetektivs auftaucht und ihn, nach Gefahr, Sex und Irrsinn duftend, in düsterste Abgründe lockt. Kein Wunder, dass Feministinnen mit der in Kalifornien lebenden Sängerin nicht viel anfangen können, um es mal diplomatisch auszudrücken. Das Frauenbild, das sie in ihren Songs zelebriert, glorifiziert die Männerphantasien der Pulp-Literatur. Aber indem sie sich selbst in den Mittelpunkt der Song-Erzählungen stellt, degradiert sie die Mannsbilder, "he's got his gun and his bible", letztlich ihrerseits zu Klischees und Abziehbildern. Auch eine Form der Selbstermächtigung, wenn man so will. Aber geschlechterkämpferische Begriffe wie Opfer oder Täter haben in Lana Del Reys schwüler Schattenwelt ohnehin keine klaren Konturen.

Vielleicht ist diese Ambivalenz der Grund, warum ihr nach der Veröffentlichung ihres Debüt-Albums vor zwei Jahren so viel Hass und Misstrauen entgegenschlug, von Männern wie Frauen. Für die einen wollte sie weder ins Schema des freizügigen Pop-Chicks noch in die Rolle der spröden Hippie-Klampferin passen, die anderen ereiferten sich über mutmaßlich aufgespritze Lippen, Lolita-Gestus und mangelndes Gesangstalent. Mit "Ultraviolence", das so viel gefestigter wirkt als das teils grauenhaft prätentiöse "Born To Die", will Lana Del Rey nun auch zeigen: Ihr habt mich nicht untergekriegt. Sie will als Songwriterin ernst genommen werden und pocht auf ihr Recht, sich gegen die zeitgeistige Gier nach Eindeutigkeit zu stemmen. PR-wirksam teilte sie dem "Guardian" mit, dass sie eigentlich am liebsten schon tot wäre, es sei doch alles eine Last: Der Ruhm, das Geld, das Leben. "Money, Power, Glory", so heißt auch einer ihrer neuen Songs, er kommt gleich vor einem Lied mit dem allerdings unzweideutigen Titel "Fucked My Way To The Top".

Im Black-Keys-Gitarristen Dan Auerbach hat Del Rey einen Produzenten gefunden, der ihren Nancy-Sinatra-auf-Prozac-Songs eine dauerhafte Spannung verleiht, ein Wabern und Flimmern aus aneinanderklebenden Gitarrensounds, Pianotönen und Streichern, die zusammen einen gemächlich ins Nirgendwo fließenden Sirup bilden: Es wird einem ein bisschen übel und schwummerig davon, aber man kriegt auch nicht genug. Über allem schwebt eine Ambition, die ihrer öffentlich zur Schau getragenen Lethargie Hohn spricht: "In Shades Of Cool" und der sinistren Fünfziger-Jahre-Ballade "The Other Woman" schraubt Del Rey ihre ansonsten auf klagendes Säuseln beschränkte Stimme in ungeahnte, recht beeindruckende Höhen; die Melodien sind souverän, die Refrains sitzen, die Atmosphäre ist traumwandlerisch. Vor allem die erste Album-Hälfte reiht mit "Cruel World", "Shades of Cool", "West Coast" und "Ultraviolence" eine schwarze Pop-Perle an die andere, auch wenn dieser Noir-Soundtrack natürlich kaum Chancen auf Radio-Airplay haben wird. In "West Coast", einem der besten, suggestivsten Songs, verlangsamt sich sogar der Refrain gegenüber der Strophe - für Produktmanager ein Grund, sich die Kugel zu geben.

Für das textlich misslungene (oder bewusst verächtlich mit Hipster-Schlagwörtern vollgestopfte) "Brooklyn Baby" wollte sie eigentlich Lou Reed als Partner gewinnen, doch angeblich starb er just an dem Morgen, als Del Rey in New York landete, um sich mit ihm zu treffen. Eine makabre Anekdote ganz nach ihrem Geschmack. "Pretty When You Cry", das Herzstück der Platte, beginnt, vermutlich Auerbachs Idee, mit der Harmonie von "Hotel California", jenem Abgesang der Eagles auf die Verkommenheit des Showbusiness in Los Angeles, in dem Lana Del Rey eine der Hauptrollen spielen könnte: You can check out every time you like, but you can never leave. (8.0) Andreas Borcholte

Chrissie Hynde - "Stockholm"
(Caroline/Universal, seit 6. Juni)

Als Peter Handke einmal beim Morcheln suchen mit Gero von Boehm feststellte, dass die Seltenheit verschwunden sei aus der Welt, wusste er noch nichts von den letzten Konzertwochen: Beinahe täglich nannten Berlin-Bewohner ein anderes "bestes Konzert der letzten zwanzig Jahre": Aerosmith (möglich), Black Sabbath (sehr wahrscheinlich), die Rolling Stones (bitte sprechen sie etwas lauter, ich kann sie nicht hören!) oder sogar Prince (pures Gold), für alle, die sich Wien oder London leisten konnten. Ich blieb derweil zu Hause, und würde Borcholte wissen, dass ich jeden Sonntagnachmittag die neue Coldplay höre und "La Grande Bellezza" unerträglich fand, er würde mich rauswerfen, und das, obwohl meine Liebe zu Lana Del Rey noch tiefer wurde, seit sie gesagt hat, dass sie am liebsten schon tot sein möchte.

Doch der Alltag naht mit Chrissie Hynde, die mich immer mal wieder daran erinnert, dass ich von den Pretenders zwar stets angetan war, sie aber nie derart vergöttern konnte wie etwa The Bangles, The Runaways, die Shangri-Las oder die Go Go's. Chrissie Hynde strahlte eine unabweisbare Strenge aus, die einen nervös und flatterig machen konnte - beinahe ist man traurig, dass diese austerity auf dem Weg zu ihrer ersten Solo-LP "Stockholm" irgendwo verloren ging. Björn Yttling (bekannt von den kolossalen Nervensägen Peter Bjorn And John) hat fast an allen Songs mitgeschrieben: Unkomplizierter, allgemeinverträglicher Pop-Rock, dem man zumindest bei "You Or No One" und "You're The One" unterstellen darf, orientierungslose Opfer von Adele und The Gossip einfangen zu wollen. "Dark Sunglasses" erfreut mal wieder qua "More Than A Feeling"-Riff (hier in etwa doppelter Geschwindigkeit), "In A Miracle" mit Olsen-Brothers-würdigen Gaga-Lyrics: "Fly away on the wings of an angel/ Never touching the ground/ Fly away with my heart in your hand." Good heavens!

Auch das teilnahmslos heruntergeschrammelte "House Of Cards" (mit Gratisgebet) ist eine Nullnummer, doch in "Adding The Blue" und dem entwaffnenden "Tourniquet (Cynthia Ann)" wird es stiller und gedankenreicher. "Down The Wrong Way" dann mit Neil Young (im Neil-Young-Modus), "A Plan Too Far" mit John McEnroe. Aber wissen Sie was? So richtig wichtig ist es nicht. (6.6) Jan Wigger

Alexis Taylor - "Await Barbarians"
(Domino/Goodtogo, seit 13. Juni)

Foto: Domino Recording

Der Titel des zweiten Solo-Albums (eine EP nicht mitgezählt) von Hot-Chip-Sänger Alexis Taylor bezieht sich auf ein berühmtes Gedicht des griechischen Poeten Konstantinos Kavafis von 1904, es heißt "Warten auf die Barbaren" und beschreibt mit wütendem Spott die Kapitulation einer hochentwickelten Zivilisation vor brachialeren Kräften. Man ist da schnell in Sarrazin- oder Broder-Land, wenn man so einer Argumentation allzu populistisch folgt, daher brechen wir das Ganze hier mal aufs Musikalische herunter, denn Kapitulation, vor allem vor dem guten Geschmack, findet gerade allerhand statt, vor allem, weil WM ist und allerorten mal wieder nur noch Schlachtengesang und Partygestampf zu hören ist.

Taylors Musik, vor allem die, die er ohne Joe Goddard und Hot Chip, also mit seiner Alternativband About Group oder solo aufnimmt, ist so etwas wie die Antithese zum barbarischen Gegröle auf den Fanmeilen: sensible, verschüchterte Reflektionen über die fragiler werdende Gesundheit ("Close To The Elderly"), über überreife Beziehungen ("Am I Not A Soldier"), Suche nach Spiritualität ("Elvis Has Left The Building") und der guten, alten Musik ("Immune System"), kurzum: Worüber man so nachdenkt, wenn die Lebensmitte bald überschritten ist.

Taylor spielt hier alles selbst, zumeist ist es ein Flächen legendes E-Piano oder eine irrlichternde Gitarre, denen er bewusst synthetische Töne entlockt. Sie kontrastieren mit einem flehentlichen, manchmal fast cartoonhaft krummen Gesang, der immer wieder an einen anderen großen Introvertierten der Popmusik erinnert, Mark Hollis. Es ist erstaunlich, wie viel Wärme und Intimität Taylor, einem James Blake nicht unähnlich, zwischen diesen skelettierten Pop- und R&B-Songstrukturen entstehen lässt. "Everyone Knows what I Mean", singt er in "From The Halfway Line" und meint: Die klaffenden Lücken und Leerstellen, die er in seinen Skizzen lässt, kann sich der geschulte Pop-Konsument selbst mit biographischer Referenz und Melodie füllen. Auch das natürlich eine Art der Kapitulation. Aber eine sehr sympathische. (7.2) Andreas Borcholte

Kishi Bashi - "Lighght"
(Joyful Noise/Cargo, seit 16. Mai)

Foto: Cargo Records

"Wer sich Helene Fischer wünscht, stirbt!" hat jemand mit Kreide auf eine große Tafel geschrieben, die steht jetzt neben dem Tresen. Ich denke: Nein, sterben müssten all die Goody-Two-Shoes-Sepp-Blatter-Schiedsrichter-Verschwörungstheoretiker, die einem einmal mehr die Fußball-WM verderben (Schlimmer sind nur noch die unnötig ostentativen "Ich interessiere mich übrigens überhaupt nicht für Fußball"-Posts). Und: Wer auch nur noch ein einziges Mal sagt oder gar öffentlich aufschreibt, dass ein bestimmter Song "für Gänsehaut sorgt", "an vergangene Urlaube erinnert", "ganz schön harter Tobak" sei oder "nicht kleckert, sondern klotzt", der stirbt auch.

Arjen Robbens Fratze glänzt noch im Laternenlicht, ich weine mit Spanien, es musste ja irgendwann so kommen, und jetzt kommt es sogar noch besser: Endlich darf der brav gescheitelte, gepflegte, unverdächtige, politisch korrekte Indie-Scenester mit unheilbarem Patrick-Wolf-Syndrom ohne schlechtes Gewissen Popmusik hören, die ganz offensichtlich von den Moody Blues, Rondo Veneziano und dem Penguin Cafe Orchestra beinflusst wurde!

K. Ishibashi erfüllt alle Credibility-Kriterien (Bedenkenträger: wegtreten!), denn er herrscht sonst über die Band Jupiter One und tourt regelmäßig mit Regina Spektor und der ulkigen Pferde-Combo Of Montreal. Auf "Lighght" wird viel gefiedelt, denn Ishibashi spielt die Violine zu entweder absurd überzuckerten oder hochdramatisch durch die Wälder gleitenden Hubba-Bubba-Glop-Tracks. "Philosophize In It! Chemicalize With It!" soll wohl der Hit sein, doch am besten sind "Carry On Phenomenon" und die Realitätsüberprüfung in "Bittersweet Genesis For Him And Her": "Critically acclaimed but sadly underrated/ Fortune definitely favored us, but no one celebrated/ Our wits were splitting." Nicht die Antwort auf alle Fragen und sicher auch jede Menge nerviges Wes-Anderson-Klientel unter den Fans, aber: Ach, schon schön. (7.3) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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