Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

So erlösend kann Leiden sein, an der Liebe, an den Missständen auf der Welt oder an der Einsamkeit: Um all das geht es auf den neuen Alben von Majical Cloudz, Killing Joke und der Rapperin Little Simz. Außerdem: Schweden-Pop von Mapei.

Von und


Liebe Abgehört-Leser, natürlich haben wir das allerwichtigste Album der Woche nicht vergessen: Unsere Geschichte über Joanna Newsom und ihr neues Album "Divers" lesen Sie hier.

Majical Cloudz - "Are You Alone?"
(Matador/Beggars/Indigo, seit 16. Oktober)

"Ich höre seit gestern nur noch diesen Song und muss immer wieder weinen", schrieb mir ein guter Freund vergangene Woche, hinzugefügt hatte er einen Link zum YouTube-Video von "Downtown", einem in seiner Schlichtheit ergreifenden Song des zweiten Albums von Majical Cloudz. "Nothing you say will ever be wrong/ Cause it just feels good being in your arms", singt Devon Welsh darin mit seiner abgeklärten, zugleich schwer wehmütigen Stimme, die sich im Refrain zu beschwörender Schwärmerei aufschwingt: "I'm going crazy for you". Hach!

Man könnte sich lustig machen über Welsh, den Kanadier mit dem kurzgeschorenen Kopf, den markanten Augenbrauen und dem stechenden, intensiven Blick, mit dem er sein Publikum zumeist von der Bühne aus in seinen Bann zieht. Dieser Blick, dieses leicht Manische und Obsessive überträgt sich auch auf den Hörer, wenn man Welsh dazu nicht sieht. Ein entwaffnender Effekt. Er macht es unmöglich, sich über das Coldplayhafte, Hymnenartige, im Grunde unerträglich Weinerliche von Majical Cloudz zu erheben. Die Konzentration dieser Klagelieder aufs Trauerklößische ist total; als Instrumentierung reichen Welsh ein sparsamer Drumcomputer-Beat und ein paar sphärisch-ambiente Synthesizer-Sounds. Das Tempo ist schleppend bis somnambul.

In den ganz und gar unaufdringlichen, aber unmöglich zu ignorierenden Breakup-Songs von "Are You Alone" entlädt sich erneut die ganze Traurigkeit des Verlassenen oder unglücklich Verliebten, der längst über den akuten Schmerz, das Schreien, Heulen und Zähneklappern hinaus ist. "I'm broken, I feel it, I am", stellt er in "Heavy" fest, und hat sich in den Wahn hineingesteigert, dass er nur fest genug an die Liebe und das Gute glauben muss, dann wird doch noch alles gut: "But I know/ you hear me, you see me, you can/ You gotta learn to love me/ Cause I am what I am". Nur ein sehr kaltes Herz würde sich da nicht erbarmen.

Welsh sei einer, der es schafft, sich noch inmitten der ausgelassensten Party allein zu fühlen, schrieb der "Guardian" in seiner Rezension des Albums: "Try not to feel so blue" beschwört er sich (und uns alle). Wer sich damit identifizieren kann, mir geht es auch ständig so, findet bei Devon Welsh gänzlich säkularen, aber dennoch heftig transzendentalen Trost. So schön, so umarmend, so erlösend kann Leiden sein. (8.0) Andreas Borcholte

Majical Cloudz - "Are You Alone?"

Silver Car Crash von Majical Cloudz auf tape.tv.

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Mapei - "Hey Hey"
(Downtown/Sony, ab 30. Oktober)

Volvo steht für Schweden. Das ist so, und das ist auch etwas, was der Autohersteller in seiner - wie sagt man? - Markenkommunikation herausstellen will. Allerdings geht es ihm ganz offensichtlich um ein modernes, multikulturelles Schweden: Volvo ließ in einem Werbespot den Fußballstar Zlatan Ibrahimovic zu Sounds von Max Martin mit bosnischem Akzent die schwedische Nationalhymne singen - es gab dafür unlängst eine Goldene Schallplatte.

Im Sommer nun schickte die Lastwagensparte von Volvo die Popsängerin Mapei für eine Internet-Reality-TV-Serie auf Europareise mit einem Brummi. Das ist insofern bemerkenswert, als die in den USA geborene, aber in Schweden aufgewachsene Mapei zuvor einigermaßen große Schlagzeilen machte, als sie im New Yorker Hip-Hop-Radiosender Hot 97 ziemlich deutlich über den Rassismus sprach, den sie in ihrem Vorort von Stockholm und in der schwedischen Gesellschaft allgemein erlebte. Volvo nun als Integrationsbeauftragter?

Als Sängerin steht Jacqueline Mapei Cummings, wie sie mit vollem Namen heißt, für eine der jüngeren großen kulturellen Errungenschaften Schwedens: Hit-Produktionen, die auf virtuose Weise die Welten von Pop und R&B zusammenbringen. Im Falle ihres Debütalbums hat das Studiohandwerk Magnus Lidehäll übernommen, der auch schon für Britney Spears, Katy Perry und vor allem Seinabo Sey gearbeitet hat. Er hat eine Hip-Hop-Vergangenheit, die sich gut ergänzt mit Mapeis Doppeltalent als Sängerin und Rapperin. Die weiß auch ziemlich genau, was sie will: Mapei ist kein Teenager mehr, sondern im für Albumdebütanten schon reifen Alter von über 30.

Herausgekommen ist ein Album mit viele Liebe fürs Detail, vom ersten Vinyl-Knistern beim Opener "Don't Wait" an. Immer wieder hört man Trommeln, die Afrika heraufbeschwören sollen - Mapeis Mutter stammt aus Liberia. Der Big-Beat von "Things You Know Nothing About" nimmt sich das Beste der Neunziger. Die Girlgroup-Melodien in "Change" führen eher in die Sechziger, sie werden dann zum Schluss auf die Spitze gebracht, mit einer Coverversion von "Baby It's You", Burt Bacharachs Komposition für die Shirelles.

Dass "Hey Hey", so gelungen es auch ist, trotzdem eine Aura der vergebenen Chancen umgibt, hat damit zu tun, dass im Pop Timing sehr viel ausmacht. Als ihre Single "Don't Wait" Ende 2013 und Anfang 2014 herumging, wähnte man sie schon als kommenden Star. Doch als das Album in Schweden und den USA Ende 2014 erschien, waren manche Kritiker leise enttäuscht. Nun erscheint es noch mal neu, in Deutschland erstmals, ergänzt durch einige neue Tracks und Remixe, die "Hey Hey" zwar besser machen. Aber reicht es noch, um Mapeis Karriere richtig in Schwung zu bringen? Verdient wäre es. (7.6) Felix Bayer

Mapei - "Hey Hey"

Orphan von Mapei auf tape.tv.

Killing Joke - "Pylon"
(Spinefarm/Universal, seit 23. Oktober)

Wir sind keine Punks, sagte Drummer "Big" Paul Ferguson einmal und beschrieb den Sound von Killing Joke als "tension music", Spannungsmusik, die den Sound imitiere, den die Erde macht, wenn sie kotzt. Wenn das nicht Punk ist, weiß ich auch nicht weiter. Killing Joke ist zudem die einzige mir bekannte Band, die es geschafft hat, alle 15 Alben ihrer Karriere (außer vielleicht "Night Time") mit derart hässlichen Cover-Motiven auszustatten, dass einem allein davon schon speiübel werden könnte.

Das neueste Werk "Pylon" bildet da leider keine Ausnahme, das ist so eine Platte, die man an der Kasse ganz nach unten in den Stapel schiebt, damit die anderen Kunden nicht sehen, was man da für einen Scheiß kauft. Und zuhause will man diese brutal geschmacklose Illustration aus Gestänge und Okkultkram auch nicht vorzeigen. Liegt vielleicht daran, dass ich kein Metalfan bin, die sind an solche Cover-Scheußlichkeiten ja gewöhnt.

Dabei ist das dritte Killing-Joke-Album nach der Wiedervereinigung des Original-Line-ups von 2008 gar nicht so übel wie man es von einer ja doch eher arrivierten Industrial-Metal-Punkband erwartet, die dieses Jahr ihr 35. Bandjubiläum feiert. Und das liegt daran, dass "Pylon" ein Album ist, das sich nicht anbiedert, weder ästhetisch, noch was musikalische Trends betrifft.

Es wummert und wabert also wie einst in den Achtzigern, Gitarrist Geordie schrubbt ein endzeitliches Riff nach dem anderen, unten drunter rattern ein paar hübsch antike Industrial-Synthie-Sounds, und oben drüber Jaz Colemans opernhafter Gesang, der immer ein bisschen nach Schlossgespenst klingt, dessen Wehklagen noch bis in den Keller nachhallt - ein infernalischer Soundtrack für den Galopp der apokalyptischen Reiter. Das wird denkbar monoton bei Songlängen von durchschnittlich fünf bis sechs Minuten, aber auch das ist ja ein Statement zur bleiernen Zeit.

Die könnte wahrlich reifer nicht sein für ein erneutes Aufbäumen von Killing Joke, die ja als eine der ersten dieses speziellen Genres sehr lautstark ihr Faible für epische Untergangsszenarien artikuliert haben. Aktuell kann Texter Coleman aus dem Vollen schöpfen: Flüchtlingskrise, Kapitalismuskrise, globale Krisenherde, erstarkende Extremisten und Nationalisten, allgemeiner Kulturkampf, ungezügeltes Pöbeln, Hetzen und Scheißefinden in Internetforen und sozialen Medien - schlimmer stand es lange nicht um das Gemüt der Welt.

Davon erzählen nun auch Songs wie "New Jerusalem", "New Cold War", "War on Freedom", "Autonomous Zone" und "I Am the Virus", die genau das enthalten, was ihre plakativen Titel annoncieren. Hymnischer Höhepunkt ist das fieberhafte, sich in den schwarzen Himmel auftürmende letzte Stück, "Into the Unknown": Lasst alle Hoffnung fahren und stellt schon mal den Eimer bereit. Kotzen ist ja aber auch ein kathartischer Akt. Danach geht's einem meistens besser. (6.9) Andreas Borcholte

Little Simz - "A Curious Tale Of Trials + Persons"
(Age 101/ Rough Trade, ab 30. Oktober)

"I know it don't mean shit to you if I go global", rappt Little Simz in "God Bless Mary" an ihre Nachbarin gerichtet. Mary musste der ehrgeizigen Londoner Künstlerin offenbar immer durch die dünnen Apartment-Wände zuhören, wenn sie ihre Skills mit ihrem ersten selbstgekauften Mikro schliff - irgendwo in Islington im Apartment ihrer Eltern, wo die 21-Jährige auch jetzt noch wohnt. Mary fand das Gerappe von Simbi Ajikawo, so heißt Little Simz wirklich, wohl ein bisschen anstrengend, aber statt tatsächlich mal nach nebenan zu gehen und einen ordentlichen Beef anzuzetteln, denkt sich Simz den Bitch Fight lieber aus.

Diese solitäre Pose hält sie über die gesamten 35 Minuten ihres Debüt-Albums konsequent durch. Wahrscheinlich ist Little Simz die einsamste Rapperin, die es zurzeit gibt. "A Curious Tale of Trials + Persons" erscheint sogar auf ihrem eigenen Label Age 101, aufgenommen hat sie es im Londoner Studio von Red Bull, wo sie nichts für die Sessions bezahlen musste. Eine Selfmade-Frau, keine Frage, die schon diverse Mixtapes im Alleingang veröffentlicht hat und sich lieber mit einem Getränkekonzern einlässt als mit einem großen Label.

Dieser Leckt-mich-Attitüde ist es aber auch zu verdanken, dass "A Curious Tale of Trials" zu den bemerkenswertesten Rap-Veröffentlichungen des Jahres gehört. Es trägt eben die alleinige Handschrift von Little Simz, unbeeinflusst von chartgerechten Plattenfirmen-Wünschen und Publicity-trächtigen Features, eitlen Produzenten-Ideen und was sonst noch zum Tragen kommt, wenn eine junge Künstlerin in diesem Genre versucht, mit Persönlichkeit zu punkten. Wie steinig der Weg zur Veröffentlichung sein kann, konnte man zuletzt bei den Hoffnungsträgerinnen Angel Haze und Azealia Banks beobachten, die irgendwann frustriert und entkräftet den Vertrag mit ihrem Majorlabel kündigten. Entsprechend, aber unnötigerweise erschöpft klangen dann auch ihre Alben.

Little Simz hingegen scheint vor Selbstbewusstsein geradezu zu platzen, so egozentrisch und solipsistisch sind ihre Tracks, die alle unter einem Postulat stehen: "They told her women cannot call themselves kings/ They told her fame isn't made for everyone", heißt es in "Persons", dem ersten Stück, danach geht es in neun ziemlich hitzigen Selbstgesprächen darum, diese These zu widerlegen: Wenn hier einer König (nicht Königin: König!) der Hip-Hop-Welt wird, dann Little Simz, alles nur eine Frage der Zeit: "Everybody should know that I'm killing now", kündigt sie ihren erbarmungslosen Vormarsch an.

Stilistisch bedient sie sich dabei eher bei US-Vorbildern als in der britischen Grime- oder UK-Bass-Szene. Elemente von Trap sind allgegenwärtig, werden aber ständig durch orchestrale Streicher oder gniedelnde Gitarren ergänzt und gebrochen. Wie Azealia Banks kann Simz spielerisch zwischen Rap und Gesang wechseln, ihr Stakkato erinnert an Eminem, noch so einer, der sich zu Beginn gegen alle Odds behaupten musste. Dessen Humor und Hampelmann-Gehabe fehlt Simz jedoch komplett: Ihre Musik ist düster und mit bedrohlicher Spannung aufgeladen, ihre Message ist fierce und verbissen, kippt aber nie ins Karikatureske.

Vielleicht muss man so werden, wenn niemand, nicht die Freunde, nicht die Nachbarn, an den Erfolg glaubt, von dessen Kommen man selbst so überzeugt ist. Schon mit zehn Jahren formulierte Simz angeblich einen Rap-Text, in dem sie fantasierte, innerhalb eines Jahrzehnts ein Star zu sein. Hat noch nicht ganz geklappt, aber wenn sie ihren Drive und ihren kühlen, Verachtung für alles und jeden versprühenden Flow beibehält, ist der Thron vielleicht in greifbarer Nähe. Auch Könige sind bekanntlich sehr einsame Menschen. (7.7) Andreas Borcholte

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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