Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Neneh Cherry feiert ein meisterhaftes Comeback, Beck ebenfalls, auch Laibach können's noch immer. Und Die Heiterkeit bieten zwischen Liebe und Hass nur wenige Auswege.

Von Jan Wigger, und


Neneh Cherry - "Blank Project"
(Smalltown Supersound/Rough Trade, ab 28. Februar)

Nimm das, M.I.A.! Neneh Cherry trat schon 20 Jahre vor der sri-lankischen Agit-Popperin hochschwanger im Fernsehen auf, damals, 1988, mit ihrem genrepulverisierenden Hit "Buffalo Stance" bei "Top of the Pops". Been there, done that - so könnte man Cherrys Karriere tatsächlich gut zusammenfassen: Als Stieftochter des Jazz-Trompeters Don Cherry lernte sie als Teenager die Größen der New Yorker Post-Punk-Szene kennen, David Byrne, Arthur Russell und Ari Up von der legendären proto-feministischen Band The Slits lebten mit ihr in demselben Loft-Komplex auf Long Island, Miles Davis und Ornette Coleman, in dessen Band Don Cherry lange spielte, hingen auch manchmal rum. Der musikalischen Avantgarde und Subversion ist Cherry stets treu geblieben, auch wenn man sich hauptsächlich an ihre kurze Mainstreamphase mit "Buffalo Stance" und "7 Seconds" erinnern mag. Die kosmopolitische Schwedin verknüpft ihren am 10. März bevorstehenden 50. Geburtstag mit einem spektakulären Comeback als Solo-Künstlerin. "Blank Project" ist ihr erstes Album unter eigenem Namen seit dem 1996 veröffentlichten "Man", ihr letzter Coup war 2012 das Free-Jazz-Cover-Projekt "The Thing".

Primärer Anlass für die fünftägigen Aufnahme-Sessions mit Produzent Kieran Hebden (Four Tet) war offenbar eine private Krise, entsprechend düster und lakonisch sind die Texte der zehn Stücke. Allein der Titelsong ist eine bittere Abrechnung mit den Verletzungen, die sich langjährige Beziehungspartner zufügen. "Strip me naked and put me outside", verlangt sie in "Naked", einem der besten Stücke des Albums, dem entwaffnenden Angebot, alles wieder gut machen zu wollen. Es mündet in einen orientalischen Klagegesang. Stilistisch erinnert vieles an der extrem reduzierten Produktion an Cherrys frühe Avangarde-Band Rip, Rig + Panic, in der sie bereits Anfang der Achtziger Post-Punk, Jazz und Beats zu einem faszinierendem Prä-TripHop verschmolz. Die analogen Instrumente von damals sind jedoch Hebdens Elektronik-Klängen gewichen, die kalt, klappernd und nervös den Unmut der oft eher gesprochenen als gesungenen Lyrics spiegeln - ein sparsamer, beklemmender, gleichzeitig mitreißender Sound.

Auch wenn das Nervenkostüm blank liegt, bleibt Neneh Cherry eine Kämpferin, das verrät die leidenschaftliche Entschlossenheit in ihrer Stimme, wenn sie Zeilen wie "Don't touch me, don't stress" me singt ("Everything") oder einfach dreimal über die Schulter spuckt, wenn schwarze Hunde in einer dunklen Ecke lauern und alberner Schicksalsglaube jede Hoffnung zu ersticken droht ("Spit Three Times"). Immer wieder blitzen liebliche Melodien und Refrainfetzen zwischen den kargen Trümmern dieser Trauerarbeitermusik hervor, ein hervorragendes Duett mit der schwedischen Elektropop-Sängerin Robyn (Cherrys musikalischer Tochter, wenn man so will) ist auch dabei. Die asiatisch-arabischen Rhythmen in "Cynical" scheinen auf Diplos Radikal-Experimente mit M.I.A. rückzukoppeln, "Weightless" transformiert den Punk der frühen Tage in elektronische Dimensionen, vieles erinnert an Portishead - doch stellt sich eben gerade beim Herstellen solcher Bezüge die Frage nach Henne und Ei. Die einzige Nachwuchskünstlerin, die sich ähnlich versiert und souverän durch Stile und Genres zu bewegen scheint, ist die Kalifornierin Banks, deren Debüt im Frühjahr erscheinen wird. Am Ende jedoch ist Neneh Cherry, diese singuläre Pop-Erscheinung, the mother of 'em all. Don't get fresh with her. (9.0) Andreas Borcholte

Laibach - "Spectre"
(Mute / Goodtogo, ab 28. Februar)

Auch Laibach gehören natürlich zu jenen Bands, über die seit Bestehen der Zeit wahnsinnig viel Müll verbreitetet wird: Lieber nachplappern, weil die Geschichte in ihrer Vollständigkeit zu komplex und der Wikipedia-Eintrag eindeutig zu lang ist, um ihn sich zwischen zwei Death-Cab-For-Cutie-Platten mal eben reinzuziehen. Fakt ist außerdem: Laibachs Beatles-Cover "Across the Universe" gehört zu den zwei, drei besten Neuinterpretationen aller Zeiten, wenn es nicht sogar die allerbeste ist. Ebenso gern erinnern wir uns an die gnadenlose Laibach-Version von Dylans "Ballad of a Thin Man" und das herrisch-ätzende "Leben heißt Leben", basierend auf dem Bierzelt-Hammer von Opus (Ja, Leute, des is amoi a goiles Liadl!), beiläufig entwendet in einer Zeit, als es noch keinen DJ Ötzi gab. Seit "NATO" (oder seit "Jesus Christ Superstars") gab es allerdings keine wirklich überragende Laibach-Platte mehr, was sich auch mit "Spectre" nicht entscheidend ändert. Das genialische "The Whistleblower" wird trotzdem ein Klassiker! Im bedrohlich pochenden "Eurovision" ahnt man das Auseinanderfallen der europäischen Idee voraus, "Koran" ist die überraschende, sinistre Pianoballade, nicht frei von Gespenstern: "I believe in a better world / I believe in a better place / I believe in brotherhood, equality and freedom / I believe in happiness for all..." Und dann wird man als militanter Pazifist noch ständig missverstanden, weil die Liebe im Gesicht so groß ist, dass man die Tränen nicht mehr sieht. "We are fascists in the same way that Hitler was a painter." Gilt noch immer. (6.8) Jan Wigger

Beck - "Morning Phase"
(Caroline / Universal, ab 28. Februar)

"Ist das wieder so 'ne Phase, oder bleibt das jetzt für immer so steh'n?" Das sangen die Lassie Singers so herrlich deprimiert, 1992 war das, ein Jahr bevor Beck Hansen mit "Loser" weltberühmt wurde. Danach durchlief er zahlreiche Phasen, die postmoderne, die brasilianische, die schratige; zuletzt brachte er ein Notenheft heraus, mit unveröffentlichten Songs zum Selberspielen. Becks neuestes Album heißt "Morning Phase" und ist keine bloße Ansammlung von Songs, sondern beschreibt präzise eine Stimmung. Es ist keine allzu klare: "Woke up this morning" sind zwar nach einem kleinen Orchester-Intro die ersten gesungenen Zeilen, doch danach kommt nicht die Erkenntnis des Blues, sondern ein verwaschenes Gefühl, als wolle der Schlaf nicht so recht aus den Augen weichen. Es ist auch keine allzu fröhliche Stimmung: "Somewhere unforgiven I will wait for you" singt Beck zu tiefem Bass und unheilvollen Streichern, in der Mitte des Albums. Und dann, in "Wave", geht es noch tiefer runter, bis es nur noch zu einem verhallten "Isolation, isolation" reicht. So dräut der Morgen einer durchwachten Nacht, mit "innerem Aufruhr und Ungewissheit". Das ist Becks Beschreibung der "Morning Phase"-Stimmung. Doch handelten die Songs davon, wie man aus ihr herauskäme, wie es eben doch besser wird. Dafür steht zum Beispiel "Blackbird Chain" mit seinen Byrds-Akkorden, oder das simon-and-garfunkelnde "Turn Away". Wichtige Musiker von "Morning Phase" spielten bereits 2002 auf dem Liebeskummer-Album "Sea Change" mit, als Beck schon einmal die Gags wegließ. Sie fielen ihm schnell wieder ein, und auch diesmal hat er schon ein ganz anderes nächstes Album angekündigt. Wieder so 'ne Phase also, aber diese Stimmung, dieses Gefühl, alles bliebe jetzt wirklich für immer so steh'n, das hat Beck auf diesem Album meisterhaft eingefangen. (8.5) Felix Bayer

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Die Heiterkeit - "Monterey"
(Staatsakt / RTD, ab 28. Februar)

Alle lieben Die Heiterkeit, und so kommt es, dass ich noch nie eine negative Rezension über die Band gelesen habe. Oder gab es eine im "Plastic Bomb"-Magazin? In "Fit For Fun"? Bei "Karius und Baktus"? Auf "Monterey" (27.800 Einwohner, Heimat von Sammy Hagar, und ein schöner Albumtitel; zum Vergleich: die neue Saltatio Mortis heisst "Live auf dem Mittelaltermarkt") entfernen sich Rabea Erradi, Stella Sommer und Anna-Leena Lutz noch weiter von den verblichenen Bildern ihrer Vergangenheit, ganz nach dem Motto von Felix Magath: "I don't know what we has done in the past, I doesn't care." Die Heiterkeit weiß immer mehr, als sie sagt, und sie weiß auch mehr Dinge über uns als wir selbst. "Es wird Ernst, ab jetzt gilt es, wir bringen neue Lieder / Ich fühle es stärker, stetig wachsend, so so / Und das, was immer geschah / Geschieht wieder, es liegt ja auch nah." Wie schon auf dem Debüt "Herz aus Gold" ist es Stella Sommers Stimme, die die eitlen Träume unserer Phantasien stört: Nein, sie singt nicht wie Nico (höchstens wie Nico auf "The Marble Index"), es ist auch keine Daria-Morgendorffer-Depression oder das Luxus-Lallen der hochwohlgeborenen Tochter reicher Eltern. Vielmehr hat Sommer einen klandestinen und äußerst unverwechselbaren Weg gefunden, sich mitzuteilen, der zwischen Liebe und Hass nur wenige Möglichkeiten zur Flucht bietet. Man muss sich entscheiden, auch für das tolle "Daddy's Girl", den Jungen mit dem goldenen Haar, den "Kapitän" und das Unwohlsein, für nie ganz aufgelöste, delikate Situationen: "Ich liebe dich wie einen Bruder, wie einen Bruder, leider wahr / Und du sagst das macht nichts, ich hatte keine Ahnung, wie alt du bist." Leider wahr ist auch, dass Die Heiterkeit weiter mit elaboriert ausformulierten Beleidigungen ("Indie-Geschrammel", "Selbstmordmucke", "Denen geht's wohl zu gut!") wird leben müssen. Dabei streiten sie mit Kühnheit und Zuversicht - dass es sich anders anhört, ist das Geheimnis. (7.0) Jan Wigger

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
angst+money 25.02.2014
1. also wirklich
ausgerechnet die neue Beck, bei der ich mir schon sicher über 10 Kalorien beim Sprung zur Skip-Taste abtrainiert habe. Demnächst werden sicher auch die ersten Reviews mit Attributen wie "erwachsen" oder "reif" um sich werfen, oder - wie es in den 80ern noch hieß - "gut gemacht". (Zitate aus dem Pop-Thesaurus zum Stichwort "langweilig")
sample-d 25.02.2014
2. |
"Seit "NATO" (oder seit "Jesus Christ Superstar") gab es allerdings keine wirklich überragende Laibach-Platte mehr, was sich auch mit "Spectre" nicht entscheidend ändert." Tja - da liegt die Einschätzung wohl im Auge des Betrachters... Für mich sind die neueren "WAT" und "Volk" die wichtigsten / überragenden Platten.
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