Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Wäre Schottland unabhängig geworden, Belle and Sebastian wären mit ihrem neuen Album die perfekten Kandidaten für den Eurovision Song Contest. Außerdem: Neue Musik von Panda Bear, Olli Schulz, And The Golden Choir!

Von und


Belle and Sebastian - "Girls In Peacetime Want To Dance"
(Matador/Beggars/Indigo, ab 16. Januar)

Bevor Belle and Sebastian 2014 nach Atlanta reisten, um ihr erstes Album seit vier Jahren aufzunehmen, verkündete der Bandgründer Stuart Murdoch in einem "Rolling Stone"-Interview, die Songs seien von alten Eurovisions-Beiträgen inspiriert; ja, er habe seinen Mitmusikern auf den Weg gegeben, ein Song solle sich zum Beispiel anfühlen wie Zypern 1974, und der nächste dann vielleicht nach Deutschland 1989. Zur Beruhigung sei gleich gesagt: Nichts auf "Girls In Peacetime Want To Dance" klingt wie die von Nino De Angelo gesungene Dieter-Bohlen-Komposition "Flieger" - und Zypern war 1974 gar nicht dabei. Doch der Vergleich hat seinen Charme. Auch deshalb, weil der Indie-Pop ebenso sehr Hort des Melodischen ist, wie es der Grand Prix traditionell einmal war.

Dann und wann kommen Belle and Sebastian diesmal tatsächlich ein wenig cheesy daher: Das Disco-Verständnis, das die Schotten in einigen Songs offenbaren, hinkt etwa so weit hinter dem aktuellen Stand der Pop-Entwicklung her wie es bisweilen die Beats der ESC-Titel aus Moldawien oder Malta tun, doch das macht natürlich gar nichts, weil a) das einen hübschen Nostalgie-Effekt hat und b) ein Retro-Disco-Song wohl bei keiner anderen Band der Welt "Enter Sylvia Plath" heißen und an eine zur Feminismus-Ikone gewordene Poetin erinnern würde. Ein anderer Song, "The Everlasting Muse", könnte im Refrain vielleicht ein Eurovisions-Beitrag für Griechenland sein, mit der Strophe aber eher für Motown antreten.

Sehr selbstbewusst klingt das, und weitgehend frei von den Kitsch-Anflügen, die 2010 bei "Write About Love" noch gelegentlich diagnostiziert werden mussten. Eher drängt sich der Vergleich mit "Dear Catastrophe Waitress" (2003) auf, als die Band nach einer eher schwachen Platte wieder Schwung aufnahm. Was damals der Post-Punk-Ausflug als Lockerungsübung war, ist diesmal der Elektropop-Einfluss von "The Party Line". Wobei die Sorte sensibler Folk-Pop, die seit fast 20 Jahren zur Kernkompetenz der Band gehört, nicht zu kurz kommt. "Ever Had A Little Faith?" könnte musikalisch auf den frühen Klassiker "If You're Feeling Sinister" passen, doch so kinderliedhaft deutlich (und ins Religiöse lappend) waren die Trostzeilen damals nicht.

Dafür tauchen an anderen Stellen die Konflikte der politischen Gegenwart auf, die Bomben im Mittleren Osten, die Boom-Blasen und Bio-Feigen; "If we live by the books and we live by hope/ Does that make us targets for gunfire?", singen sie. Hätte es mit der schottischen Unabhängigkeit geklappt, diese Band hätte ein würdiger ESC-Vertreter werden können. (7.8) Felix Bayer

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Panda Bear - "Panda Bear Meets The Grim Reaper"
(Domino/Goodtogo, seit 9. Januar)

In Berlin sollte sich Noah "Panda Bear" Lennox in nächster Zeit wohl besser nicht blicken lassen. Die Hauptstädter sehnen sich zurzeit zu sehr nach Panda-Nachwuchs. Aber China mauert: Die seltenen Bären werden nicht an europäische Zoos verschifft, nix is'. Angeblich soll sich bereits Angela Merkel persönlich eingeschaltet haben. Unterdessen kann man sich immerhin die ausgestopfte Yan Yan, zu Lebzeiten schwarzweißbefellter Bärenstolz des Berliner Zoos, im Naturkundemuseum ansehen, aber auch nicht mehr lange, denn die Chinesen wollen ihre Leihgabe, Yan Yan bedeutet übrigens "Die Schöne", auch im präparierten Zustand zurückhaben. Menno.

Lennox indes könnte sich bei etwaigen Berlin-Besuchen zum Glück ins tierische Incognito flüchten, denn wie ihm laut "Pitchfork"-Interview ein portugiesischer Heiler unlängst klarmachte, gehören neben dem Bären auch der Adler und der Wolf zu seinen schützenden Totem-Tieren. Dem grim taxidermist könnte Panda Bear, der angeblich überlegt, diesen alten, soften College-Spitznamen endlich mal abzulegen, also beispielsweise im Wolfspelz begegnen. Oder er behauptet einfach, er wäre Cro, der genießt hierzulande ja Welpenschutz.

Oder er spielt den Häschern einfach die kaleidoskopisch-kosmische, lässig vor sich hinscheppernde Beschwörungsmusik gegen den Tod vor, die der Animal-Collective-Urlauber auf seinem fünften Solo-Album gesammelt hat. Dabei gibt sich Lennox nur noch halb so experimentell-distanziert wie noch auf "Tomboy" (2011), sondern kehrt stattdessen sein Beach-Boys-Faible hervor, in Reinkultur zu bewundern beispielsweise im wunderschön geharften, engelsgleich gesungenen "Tropic Of Cancer", einer Art Aussöhnung mit dem wohl grimmigsten aller Reaper, dem Krebs, der vor rund zehn Jahren Lennox' Vater hinraffte.

Nein, wirklich, Sie brauchen keine Angst vor diesem Album zu haben! Es steckt voller sphärisch-kauziger Sound-Etüden wie "Davy Jones' Locker" oder "Lonely Wanderer" und spielt alte Dub-Platten rückwärts ab. Die meisten Stücke aber sind erstaunlich leicht zu konsumierende, knuddelige Pop-Songs mit sich lustig überlappenden Stimmen ("Boys Latin"), Space-Funk-Grooves ("Come To Your Senses")m oder hübsch pluckerndem Achtziger-Synthie-Soul ("Crosswords"). Manchmal, nicht immer, versteht man sogar, was Lennox singt. Wird, pardon, noch ganz zutraulich auf seine alten Tage, dieser Panda. (7.9) Andreas Borcholte

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Olli Schulz - "Feelings aus der Asche"
(Trocadero/Indigo, seit 9. Januar)

Wenn es um Olli Schulz geht, ist man immer schnell in der Defensive. Was, dieser Kasper da aus dem Fernsehen, der noch alberner als Joko und Klaas zusammen ist? Böhmermanns nerviger Sidekick aus der Radiosendung? Genau der. Und der macht Musik? Ja, damit hat er angefangen, damals in Hamburg, das kann er richtig gut. Jetzt ist Schulz 40, hat sich aufs Fernsehen eingelassen, auf Business-Meetings, auf Quoten, Likes und Boulevard. Ausgerutscht und auf die Fresse gefallen ist er nicht, aber es war wohl knapp.

Die Musik war immer da, und sie soll ihm jetzt aus der Sinnkrise helfen. "Feelings aus der Asche" enthält sowohl persönliche Songs über bröselnde oder endende Beziehungen ("Mann im Regen", "Das kann hässlich werden") als auch klug-ätzende Betrachtungen über den Stand der Dinge und der eigenen Berühmtheit ("Passt schon", "Boogieman"). Auch so ein klassisch sentimentaler Song von Vater zu Kind ist dabei, ein auf dramatischen Piano-Akkorden stolzierendes Pathos-Stück namens "Als Musik noch richtig groß war". Das kommt dann schon etwas überraschend und klingt weniger nach Schulz als nach Uhlmann, und dieser merkwürdige Ernst, dieses in der Vergangenheit gründelnde, das macht dieses Album zu einer schwierigeren Angelegenheit als das hervorragende, vor zwei Jahren veröffentlichte "SOS - Save Olli Schulz", das zwischen Melancholie und Clownerie genau den richtigen Ton fand.

Ein so großer, tragikomischer Chanson wie "Koks & Nutten" findet sich leider nicht auf "Feelings aus der Asche", das dafür mit musikalischer Opulenz auftrumpfen will, vor allem im grauenhaft anschwellenden Titelstück, ganz am Ende. Was für ein Kontrast zu, nur als Beispiel, "Phase", dem zweiten Song des Albums, einer nur vordergründig unbeschwerten Dreieinhalbminutennummer über ein rücksichtsloses, männerfressendes Mädchen, von dem man sich fernhalten sollte, was natürlich nicht klappt. Hier zeigt sich Schulz einmal mehr als der mitfühlende Beobachter der conditio humana, der ihn zu einem der besten deutschen Songwriter macht. Leider sind diese Momente auf "Feelings aus der Asche" seltener zu finden als früher, was vielleicht am mangelnden Abstand zur eigenen Befindlichkeit liegt. Take it easy, altes Haus. (6.9) Andreas Borcholte

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And The Golden Choir - "Another Half Life"
(Cargo Records/Cargo, seit 9. Januar)

Da steht man dann also, auf den Gleisen, auf denen noch nie ein Zug gefahren ist. Und dann kommt doch einer herangerast: "The train came fast, I was alone", stellt Tobias Siebert am Ende seines Songs "My Brothers Home" fest. Da steht er dann also, alleine auf weiter Flur, fragt sich, warum sein liebster Ort plötzlich eine Baustelle ist ("Dead End Street"), fröstelt bei dem Gedanken, seinen Himmel zu verlieren ("My Heaven Is Lost"), dessen Göttlichkeit bei Siebert eine distinktiv weibliche ist - ein warmer Zufluchts- und Zärtlichkeits-Hort, dessen Schönheit perfekt ist, der aber auch trügerisch und trickreich wie eine Droge ("My Daily Dose") oder ein über die Ufer getretener Fluss namens "Angelina" sein kann, dessen Reißen man sich nicht erwehren kann. Da steht man dann nicht mehr, da fließt man erst, dann sinkt man. Verloren allemal.

Tobias Siebert war ehemals Mitglied der unter Kritikern beliebten Bands Klez.E und Delbo; seit 2009 bastelte der Berliner jedoch an seinem Solo-Projekt And The Golden Choir, dessen Debüt-Album nun nach fünf Jahren Arbeit endlich erschienen ist. Man kann diese im besten aller Sinne unmodische Musik als Gospel bezeichnen, man könnte sie auch dem immer etwas frömmelnden Folk-Genre zurechnen. Im sehnenden Auf-und-Ab der Kompositionen und in Sieberts klagendem Gesang klingt viel Pathos aus Radioheads früher Zeit an, verstecken sich Bon Ivers Schratigkeit, Talk Talks Verspultheit, Antony Hegartys Heiligkeit, gleißen die unberührt-weißen Schneeflächen der Fleet Foxes.

Siebert spielt alle Instrumente selbst, neben Drums, Piano, Violine und Gitarre auch Exotisches wie die Waldzither und den Dulcimer-ähnlichen Sanitur. Die Instrumente nimmt er einzeln auf, presst die Playbacks auf Vinylschallplatten, die er bei seinen Konzerten als Begleitung auflegt - ein Mann, alleine mit Turntables und Gitarre auf der Bühne, der klingt, als wogte hinter ihm ein ganzes Orchester hinter ihm. Aber das ist natürlich der Sinn dieser hell leuchtenden, zu den Engeln singenden Musik: Sie soll ihn umfangen und schützen, diesen untröstlichen Mann, gegen die Leere, die Kälte, den haltlosen Fall ins Nichts. Und uns auch. (7.4) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
malzi1967 30.05.2015
1. Der Richtigkeit halber
sei hier erwähnt, dass das grandiose, genial zurückhaltend produzierte Album "SOS-Save Olli Schulz" im März 2012 veröffentlicht wurde und somit vor 3(!) Jahren erschien.
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