Abgehört - neue Musik Erst bebte England, jetzt die ganze Welt

Der Popstar als globaler Kriegsberichterstatter: Der Ja-Panik-Sänger über das neue Album von PJ Harvey. Außerdem: fast perfekter Pop aus Berlin, smarter Punk aus New York und Metal von Mantar.

PJ Harvey: The Hope Six Demolition Project

PJ Harvey: The Hope Six Demolition Project

Von , Tex Rubinowitz und Andreas Spechtl


PJ Harvey - "The Hope Six Demolition Project"
(Island/Universal, ab 15. April)

"The Community Of Hope", der erste Song von PJ Harveys neuntem Album, handelt vom Stadtteil Ward 7 in Washington, D.C., den die Sängerin als "this is just a drug town" beschreibt, in dem die Schule wie ein "shit hole" aussieht. Die beleidigte Antwort der Lokalpolitik ließ nicht lange nach Veröffentlichung der Single im März auf sich warten. Doch hören wir hier wirklich Polly Jean Harveys Worte? Die Antwort liefert sie in den Lyrics im Grunde schon mit: "Here's the Hope Six Demolition Project, stretching down to Benning Road, a well-known 'pathway of death', at least that's what I'm told".

Liest man dazu diesen Text aus der "Washington Post", könnte man meinen, Harvey hat einen Song aus der Sicht eines privilegierten weißen Mannes geschrieben, der auf einer Autofahrt durch die heruntergekommenen und vornehmlich von Afroamerikanern bewohnten Bezirke Washingtons versucht, einer Besucherin die Stadt zu erklären. Ein journalistisches Experiment in Songform.

Harvey hat sich zu den Vorwürfen nicht geäußert, so wie sie überhaupt im Vorfeld der Veröffentlichung vollkommen verschwunden zu sein scheint. Ihre mediale Unsichtbarkeit steht dabei im Widerspruch zu der ungewöhnlich offenen Art und Weise, in der das Album produziert worden ist. Denn es wurde im vergangenen Jahr im Londoner Somerset House bei einer Art Kunstinstallation vor Publikum aufgenommen. Einen Monat lang konnte man die Aufnahmen als Besucher durch Spiegelglas beobachten, wobei die Band das Publikum nicht sehen konnte.

Während sie den Aufnahmeprozess also öffentlich machte, zieht sie sich jetzt vollkommen aus der Öffentlichkeit zurück. Ein selbstbewusster Akt gegen die unsägliche Mode, sich und seine Werke andauernd selbst erklären zu müssen.

In gewisser Weise lässt sich das Album als Fortsetzung von "Let England Shake" sehen, dem wehmütigen Porträt eines verletzlichen und verwirrten Königreiches, das im Rückblick auf die Kriege, Zerstörungen und Verbrechen des letzten Jahrhunderts die Gegenwart zu verstehen sucht. "The Hope Six Demolition Project" ist thematisch weniger eng gefasst und basiert auf Harveys Reisen nach Afghanistan, in das Kosovo und die USA, die sie zwischen 2011 und 2014 mit dem Fotografen Seamus Murphy unternommen hat. Die gesammelten Fotos und Gedichte, in denen auch schon einige Variationen der Lyrics auftauchten, wurden 2015 in dem Buch "The Hollow Of The Hand" veröffentlicht.

Die Songs entwerfen eine düstere Welt der vergifteten Flüsse und zerstörten Gebäude. Ein verwirrter und verwirrender Globus, zerrissen zwischen alten Kulturen, neuen Kriegen und offenen Wunden. Immer wieder wird die im permanenten Kriegszustand dahinsiechende Peripherie dieser Welt wie selbstverständlich dem symbolischen Ort der politischen und kulturellen Macht des Westens gegenübergestellt: Washington, D.C. In der US-Hauptstadt existieren Weltpolitik und extreme Armut auf kleinstem Raum hilflos aneinander vorbei. Das urbanistische Vorzeigemodell Hope VI, nach dem das Album hämisch benannt ist, hat offensichtlich versagt.

Trotzdem begibt sich Harvey nicht auf das künstlerische Glatteis, die großen Zusammenhänge in Songtexten erklären zu wollen, sondern legt ihren Fokus klar auf die kleinen, schrecklichen Details. Wie in dem großartigen Song "Chain Of Keys", einem von Harveys Saxophon angeführter Trauermarsch durch ein verlassenes Dorf im Kosovo, in dem eine alte Frau die leeren Häuser bewacht. "The neighbours won't come back", singt Harvey, die Stimme hoch über den Instrumentals wie eine Beobachterin.

"Ministry of Defence" sampelt kunstvoll Jerry McCain und gipfelt ein weiteres Mal in einem furiosen Saxophon-Solo, das seine Töne voller Abscheu in den dichten Sound spuckt. Nein, Lösungen werden hier keine angeboten. "I took a plane to a foreign land and said I'd write down what I'd find", singt Harvey an einer sehr schönen Stelle. Und genau dann, wenn sie einfach nur Zeugin ist, danebensteht und aufschreibt, entstehen auch die größten Momente des Albums. Denn die schärfste und fruchtbarste Kritik der Zustände war immer schon eine nüchterne Beschreibung der Verhältnisse, die ohne Moral auskommt, weil nur sie zur Kritik der Zustände an sich selbst führen kann.

Als letzter Song schält sich "Dollar, Dollar" langsam aus Field Recordings von Kabul heraus, wo Harvey es nicht schafft, einem kleinen Jungen ein paar Dollar zukommen zu lassen: "Three lines of traffic pass, we're trapped inside our car and all my words get swallowed in the rear view glass." Just in diesem finalen Moment der Platte, an dem ihr die Worte ausgehen, ist sie doch noch von der Beobachterin zur Teilnehmerin geworden. Hätte gar nicht sein müssen. (8.5) Andreas Spechtl

Zum Autor
    Andreas Spechtl ist der Kopf der aus Österreich stammenden Diskurs-Rockband Ja, Panik, deren jüngstes Album "Libertatia" 2014 erschien. Zuletzt veröffentlichte der Songwriter und Musiker sein Solo-Projekt "Sleep". Spechtl lebt in Berlin.
P.J. Harvey - "The Hope Six Demolition Project"

PJ Harvey: The Hope Six Demolition Project auf tape.tv.

Masha Qrella - "Keys"
(Morr Music/Indigo, seit 25. März)

"Every street leads to a new place than the one I used to find", singt die Berliner Musikerin Masha Qrella in "Ticket To My Heart". Es geht auf ihrem fünften (und besten) Album also ums Suchen und Finden, ums Unterwegssein, ohne jemals wirklich anzukommen. Das ist ein gemeinhin sehr desolater Seelenzustand. Der Transitreisende ist entwurzelt, frei von Gewohntem und daher verletzlich. Im Transit schrumpft die Welt auf Primäres zusammen, alle Emotionen sind klar umrissen: Hunger, Durst, Einsamkeit, Zweifel, Ungewissheit, beflügelnde Euphorie und lähmende Angst. Ein Kick, vielleicht der ultimative.

Was "Keys" so gut macht, ist die Tatsache, dass es Qrella (eigentlich Mariana Kurella) gelungen ist, diese Klarheit in all ihrer Ambivalenz in ebenso unkomplizierte Popsongs zu verwandeln. Eine wohltuende, aber auch kompetente und mutige Reduktion aufs Notwendige, das muss man können, sonst merkt der Zuhörer, was der Künstler eben nicht kann. Masha Qrella, einst Mitglied der Postrock-Instrumentalbands Mina und Contriva, ist an einem Punkt in ihrer Karriere angelangt, in dem das künstlerische Selbstbewusstsein größer ist als die Angst, das Seelenleben Fremden zu öffnen. Keine komplizierte Geräuschkulisse stört, die Arrangements sind einfach, aber alles andere als simpel, wie ein Songtitel wie "Simple Song" suggerieren könnte, der über sparsamem Instrumentarium (Orgel, Bass, Drums, Gitarrensolo) und kleiner Melodie dann jedoch eine äußerst komplexe Beziehungslage auffächert.

Qrellas Sound ist auffällig unaufdringlich, aber konzentriert. Man hört Vorbilder wie Air, The Whitest Boy Alive und Saint Etienne heraus, viel eleganten Achtzigerjahrepop, von Grace Jones ("Girls") bis Laid Back oder Double ("White Horses") bis Bryan Ferry ("DJ"), Kitschmusik, für die man den richtigen Ton treffen muss. Qrella ist klug genug, nahezu jeden ihrer eigentlich balladesken, träumerischen Tunes durch gemächliche Klub-Beats und Disco-Rhythmen abzufedern. Das betörte Tocotronic-Chef Dirk von Lowtzow so sehr, dass er "Keys" in einem Blog als "fast perfektes Popkunstwerk" adelte und zu "DJ" allein in seiner Wohnung herumtanzte: "Und jetzt die Handclaps".

Tatsächlich ist "DJ" (Video auf YouTube ansehen) ein Schlüssel zu diesem schönen Album: "I told my friends I'm a DJ/ I told my friends I'm a man/ I told my friends I was everything/ except the one I am", singt Qrella und gibt zu, als Fake-DJane immer nur zwei Platten aufzulegen: Neil Youngs Seelenschürfwunde "On The Beach" und "a song by Liz Phair", der Indierock-Sexforscherin. Melancholie-satte Identitätssuche zwischen Rock'n'Roll-Lifestyle und Genderfragen: "Let me do the right things again", lautet der Refrain. Schon geschehen. (8.0) Andreas Borcholte

Masha Qrella - "DJ"

DJ von Masha Qrella auf tape.tv.

Mantar - "Ode To The Flame"
(Nuclear Blast/Warner, ab 15. April)

Mantar ist ein Duo aus Bremen, das inzwischen nach Hamburg umgezogen ist. Der Name bedeutet Pilz in der türkischen Sprache. Namensgeber ist vermutlich nicht irgendein schmackhafter Speisepilz und auch nicht das Pilzhaus der Schlümpfe und sicher weder Fuß- noch Scheidenpilz, denn letzteren hat sich ja schon die finnische Skatepunkband Klamydia gesichert, bekannt durch die Hormonhymne "Masturbaatio ilman käsiä" (Selbstliebe ohne Hände).

Mantar machen auch keinen Punk, sondern Metal, den sie selbst als eine Mischung aus frühen Melvins, Motörhead und Darkthrone definieren. Internetbewohner haben ihr vor zwei Jahren erschienenes Debüt so beschrieben: "Wer sich 'Death By Burning' auflegt, beginnt unweigerlich (zumindest) den Kopf zu schütteln und beidhändig Pommesgabeln in die Höhe zu recken, denn angesichts solch schwerer, düsterer und kraftvoller Songs vergeht jedem Beamten sein Schubladendenken. Der Sound geht voll auf die Omme."

Soso. Auf die Omme also. Nun dürfen im Internet alle alles behaupten, zu allem den Kopf oder was auch immer schütteln und Bands sich mit den Melvins und Motörhead vergleichen. Aber wen beeindruckt man damit, wenn nicht auch der Beweis mitgeliefert wird, dass die Nennung solch mächtiger Vorbilder nicht nur kindliches Wunschdenken ist? Ganz schnell sind dann nämlich die Beamten mit ihren Schubladen da.

Mantars Problem ist, dass nichts zusammenpasst, es ist ein bisschen wie Malen nach Zahlen: wackere Ausführung, aber so komisch deutsch zusammengenagelt wie ein Jägerzaun. Es soll Sludge Metal sein, ist aber nicht organisch und so voller Ehrfurcht, dass seltsam steril klingt, was sludgy sein soll.

"Thiz iz Era Borealis/Thiz iz deaz über alles", singt Hanno Klärhardt in "Era Borealis": Das kann man einfach nicht machen, wenn man nicht mehr 13 ist. Amerikanische Akneschleudern lachen darüber vielleicht, aber nicht wir Schubladenbeamte. Ich würde den beiden sympathischen Jungs aus Bremen empfehlen, sich erstens bei der Pilznamensgebung diversifizierend festzulegen, also Beschuhter Scheinschirmling, Sattellolch oder Schleimfußsaftling zu nennen, und des weiteren versuchen, als Hommage an die eigene Herkunft "Bremen Nacht" von The Fall zu covern, dann kommt der ausgestellte deutsche Akzent auch nicht so Klaus-Meine-haft. "Right through Bremen Nacht/ Right on to Bremen Tag/ The sunlit Bremen day/ By Tonsillitis size train station Hof"

Nichts gegen Klaus Meine, aber ich meine, man versteht, was ich meine. (5.0) Tex Rubinowitz

Parquet Courts - "Human Performance"
(Rough Trade/Beggars/Indigo, seit 8. April)

Er kommt durch das Fenster, durch den Fußboden, durchs Dach und durch die Tür: Staub! Gerade am letzten Wochenende mal wieder den halben Sonntag damit verbracht, ihn wegzusaugen, vielleicht war das mit der Wohnung an einer Hauptverkehrsstraße doch keine so gute Idee. Je urbaner die Umwelt, desto mehr zivilisatorischen Abrieb erzeugt das Abtragen modernistischer Sozialutopien durch turbokapitalistische Härte. So kanns nicht weitergehen: "Dust is everywhere - sweep", fordern die Parquet Courts gleich zu Beginn ihres neuen Albums "Human Performance" mantraartig - und lassen den angemessen muskulösen Track in Straßenlärmkakophonie münden, die John Cage erzittern ließe.

Ganz klar, Parquet Courts sind nicht nur deshalb Lieblinge der US-Pop-Intelligenzija, weil sie dank Sänger Andrew Savage so klingen wie eine Neuerfindung der Modern Lovers im Geist des 21. Jahrhunderts und sich vor Punkrock-Heroen von Velvet Underground bis Yo La Tengo verneigen, die New Yorker reproduzieren nicht nur den Lärm vergangener Zeiten, sondern formulieren in ihren rumpeligen Zweiminuten-Statements eine zunehmend eigenständige und sehr smarte, wenn nicht politisch engagierte Reportage aus der prototypischen City.

Perfekt gelingt das in "I Was Just There", in dem es um die Schließung eine Asia-Imbisses in Bedford-Stuyvesant geht, dem von Gentrifizierung zefressenen Zentrum von Brooklyn, in dem die Musiker wohnen: "You look so nice/ Chinese fried rice/ Wouldn't you know/ That place just closed", rappt Savage mehr, als dass er singt, dazu spielt die Band eine verstörend vertrackte Postpunk-Hommage, die an die späten Experimente John Luries erinnert und natürlich an Devo, die großen Dekonstruktivisten des Punk. Mehr New York geht nicht in einer Minute und 51 Sekunden. Nicht alles auf "Human Performance" sitzt gleichermaßen, aber gemessen am qualitativen Quantensprung, den die Band seit dem auch schon hervorragenden Vorgänger "Sunbathing Animal" von 2014 absolviert hat, fangen die gerade erst an. (7.8) Andreas Borcholte

Parquet Courts - "Human Performance"

Parquet Courts: Human Performance auf tape.tv.


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Blind Walker G 14.04.2016
1. Sehr gewagte Aussage
Lieber Borcholte, Velvet Underground und Yo La Tengo als Punkrock zu bezeichnen, da muß der geneigte Leser dann doch schwer schlucken. Ich empfehle dringend intensives Studium des Schaffens dieser beiden Bands.
schmidmeier 14.04.2016
2. Sehr schön,
Dass hier auch mal neue Musik besprochen wird. Gute Idee, SPON! Thomas Schmidmeier
spon-facebook-1659323432 19.04.2016
3.
Zitat von Blind Walker GLieber Borcholte, Velvet Underground und Yo La Tengo als Punkrock zu bezeichnen, da muß der geneigte Leser dann doch schwer schlucken. Ich empfehle dringend intensives Studium des Schaffens dieser beiden Bands.
Tja, lieber Big Walker, was war VU denn sonst, wenn nicht zumindest ein unmittelbarer Vorläufer und Wegbereiter von Punk? Was ist denn z.B. Sister Ray?
ColonelCurt 20.04.2016
4. PJ Harvey - 10.0
PJ Harvey steht so weit über allem, was hier sonst so abgehandelt wird, dass man ihr schlichtweg die 10 geben sollte und nicht noch groß rumdifferenzieren. Hat Jan Wigger seinerzeit bei "Let England Shake" auch so gemacht.
ColonelCurt 20.04.2016
5. Punk/VU
Zum Thema "Haben VU Punk gemacht?" noch so viel: Erstens steht das im Artikel gar nicht, es ist die Rede von 'Punk-Heroen', verstehe ich als Helden der Generation Punk, so wie auch David Bowie, Iggy Pop, Peter Hammill und andere, die in diesem Zusammenhang immer geworshipped werden. Zweitens kommt es auf den Definitionsraum des Punk-Begriffes an, der verwendet wird: Sieht man ihn als begrenzte pophistorische Phase zwischen 1976 und 1979 und bedient sich für früher oder später stattgefundene verwandte Phänomene der Begriffe Proto-Punk bzw. Post-Punk, dann ist VU eben nicht direkt unter Punk einzuordnen. Fasst man den Begriff etwas weiter, dann sind VU natürlich Punk, ebenso wie die Stooges, MC 5, die New York Dolls oder später die VU-Nachfolger Sonic Youth und andere.
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