Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Der Almöhi in uns allen: Paddy McAloon hat sich eine neue Prefab-Sprout-Platte abgerungen. Wie wir sie finden, lesen Sie hier. Außerdem: warum ein neues Album von Justin Timberlake gereicht hätte, warum wir Mazzy Star immer noch lieben, warum MGMT nicht ganz dicht sind - und was Drake depressiv macht.
Von Andreas Borcholte und Jan Wigger

Prefab Sprout - "Crimson/Red"
(Embassy of Music/Warner, ab 4. Oktober)

Bei deutschen Popstars ist es einfach, die Doppelgänger und spitting images zu finden: Mense Reents (Die Goldenen Zitronen) sieht aus wie der sympathische Serienkiller Dexter Morgan, Jochen Distelmeyer wie Vincent Cassel in "Ocean's 13" und "Black Swan". Doch wer ist noch mal Paddy McAloon, der quasi-majestätisch mit Gehstock und Rauschebart über Rasenflächen und Gebirgskämme schreitet? André Bosse gab in der "Süddeutschen Zeitung" endlich die Antwort: "halb Fritz J. Raddatz, halb Harry Rowohlt".

Dass es wirklich wieder Musik des begnadeten Schwärmers geben soll, sprach sich unter Eingeweihten schnell herum: Mal hieß es, die Stücke, die, so wurde gemunkelt, unter dem Arbeitstitel "The Devil Came A-Calling" zusammengefasst werden sollten, seien neu, später einigten sich viele fälschlicherweise darauf, dass "Grief Built The Taj Mahal", "The Old Magician" oder "The List Of Impossible Things" wohl in den Jahren 2004 und 2005 entstanden sein könnten. Das Label korrigiert: "Written and conceived over the last eighteen months by McAloon himself"! Nun, geduldige Stammleser von "Abgehört" (2000 gestartet und noch immer nicht als Buch erhältlich) werden sich kaum wundern, wenn ich "Crimson/Red" als Meisterwerk bezeichne.

Paddy ist der Träumer, der Enthusiast und Romantiker geblieben, dem das Alter nichts mehr anhaben kann. Köstlich, wie McAloon über sein Treffen mit dem Teufel erzählt: "The devil came a-calling, all smiles and flattery/ In his hands a contract, exclusively for me/ When the fifty years are over, I asked what happens then/ He pretended not to hear me, but he offered me his pen/ He showed me a house, it was as big as a star/ He said to me 'Patrick, what d'you think so far?'" Im gloriosen "The Songs Of Danny Galway" trifft McAloon Jimmy Webb, in "The List Of Impossible Things" Francis Hoboken und im äußerst "Jordan: The Comeback"-mäßigen "The Best Jewel Thief In The World" den unübertroffenen Meisterdieb, der - wie der Künstler selbst - dabei zusieht, wie sein Ruf wächst und gedeiht: "Watch your legend grow / The rooftops are for dreamers / You strike and then return Lucerne - Heathrow / The best jewel thief in the world."

Paddys Welt ist ein Königreich jenseits der Tränen, kryptisch, trügerisch, smart, ein Psalm, eine Hymne und ein Gedicht. "Death is untrue, I'm merely sleeping/ I'm waiting for you in a world way beyond weeping/ Join me there soon, until you're mine/ Build me a marble valentine." Als Nächstes hebt er den Schatz der Sierra Madre. (9.1) Jan Wigger

Justin Timberlake - "The 20/20 Experience 2 of 2"
(RCA/Sony, seit 27. September)

Justin Timberlakes Comeback als Musiker im vergangenen Frühjahr mit "The 20/20 Experience" war willkommen und wurde mit aller gebotenen Wärme aufgenommen, auch wenn es musikalisch nicht die hochgesteckten Erwartungen erfüllte. Mit dem zweiten Teil der "Experience" veröffentlicht er nun leider auch noch den Ausschuss der Aufnahme-Sessions. Nein, stimmt natürlich nicht. Offiziell heißt es, Teil zwei repräsentiere die "dunkle, lüsterne" Seite im Kontrast zum Bubblegum-Liebesgeflöt des ersten Albums. In Wahrheit repräsentiert "2 of 2" über weite Strecken lediglich Langeweile. Der Opener "Gimme What I Don't Know (I Want)" shuffelt noch auf einem ganz anständigen, angespannten Funkbeat daher, und auch "True Blood" funktioniert noch recht gut als "Thriller"-Remake, komplett mit irrem Gelächter.

Aber schon bei diesem mit 9:33 Minuten epischem Song stellt sich die Frage, warum eigentlich jedes Stück (mit einer Ausnahme) teilweise weit über fünf Minuten lang sein muss? Weil auf iPod-Speichern sowieso genug Platz ist? Weil Musiker mit der Abschaffung des physischen Tonträgers eine Lizenz zum stundenlangen Anöden erhalten haben? Warum kann eine total okaye Ballade wie "Amnesia" nicht nach fünf Minuten einfach enden, sondern muss noch zwei Minuten in anderer Tonalität und Rhythmik weitergehen? Das nervte schon auf der ersten "Experience", doch jetzt, mit noch schwächeren Songs, wird dieses Mätzchen, das sich Timberlake gemeinsam mit Produzent Timbaland ausgedacht hat, zur Tortur.

Gemessen an der Spielzeit der beiden Alben (rund zweieinhalb Stunden), fiel den beiden nicht mehr viel Aufregendes ein: "Take Back The Night", der schamlose Jackson-Rip-off, ist noch eines der stärksten Stücke. "Murder" (mit Jay-Z) bringt wenigstens ein bisschen modernen Standard in die insgesamt eher rückwärtsgewandte Bandbreite der auf traditionellem Soul und Funk aufbauenden Musik. Tiefpunkt des Albums ist jedoch das Countrysoul-Schunkelstück "Drink You Away" auf einem Gitarrenloop, den Kid Rock wohl "knackig" nennen würde.

Ähnlich lagerfeuergemütlich wird es am Ende nochmal mit "Pair Of Wings", einem Hidden Track, der dankenswerterweise mehr nach Nick Drake als nach Ugly Kid Joe klingt. Ein Folk-Album, das wäre doch, nach Timberlakes Mini-Rolle im grandiosen "Inside Llewyn Davis" der Coen-Brüder, der logische nächste Schritt. Aber bitte ohne Timbaland. Und nicht länger als 33 Minuten. Dann gibt's auch wieder Liebe. (4.9) Andreas Borcholte

"Take Back The Night"-Videoclip auf tape.tv ansehen 

Mazzy Star - "Seasons Of Your Day"
(Rhymes Of An Hour/Rough Trade, seit 27. September)

Ich dann irgendwann so zum Promoter: "Und? Wann dürft ihr die neue Mazzy Star verschicken?" Promoter: "Geht raus." Dann, weil Fan, wochenlang gehört, aber nicht gewusst, was dazu schreiben, denn "Seasons Of Your Day" klingt ja exakt wie alle anderen Mazzy-Star-Alben auch. Okay, die letzte, zauberhafte Platte "Among My Swan" ist 16 Jahre alt (16 Jahre!?), doch Hope Sandoval, der feuchte Traum (igitt!) fast aller männlichen Musikjournalisten, bis Chan Marshall "Moon Pix" herausbrachte, haucht und flüstert und barmt noch immer mit ihrer Jeisa-Chiminazzo-Stimme, und dass David Robacks Gitarrenspiel das Wort "ökonomisch" erfunden hat, wissen wir ja schon seit "She Hangs Brightly". Ich tat dann etwas, das ich so gut wie niemals tue: Ich fragte nach einem Info-Schreiben! In dem dann nicht viel mehr stand, als dass Mazzy Star existieren - und stellen Sie sich vor: Der Promoter konnte nichts machen, die Band selbst wollte ja nicht mehr Informationen herausgeben, schon gar keine Hintergründe zu den Aufnahmen oder Lyrics! Trotzdem (oder gerade deshalb) bleiben für mich vier unsterbliche Momente: die fabelhafte Eröffnung "In The Kingdom", das schroffe, sich im eigenen Können fast verlierende "Flying Low", die samtene, sanftmütige Gitarrenschlacht zwischen Roback und dem leider verstorbenen Bert Jansch auf "Spoon", und dieser eine Song, in dem Hope Sandoval die Strophe von Duran Durans "Hungry Like The Wolf" fast eins zu eins übernimmt, weil sie glaubt, damit durchzukommen. Ihre Rechnung wird aufgehen. (7.6) Jan Wigger

Drake - "Nothing Was The Same"
(Cash Money/Universal, seit 27. September)

"This is nothing for the radio/ But they'll still play it though/ Cuz it's the new Drizzy Drake, that's just the way it go", rappt Drake, grammatikalisch gewagt, im ersten Stück seines dritten Albums, es ist die arrogante, aber aber auch seltsam resignative Erkenntnis eines Künstlers, der es innerhalb von nur vier Jahren aus der Obskurität an die Spitze der US-Charts geschafft hat - und auf dem Rap-Thron momentan nur von Jay-Z bedroht wird, nachdem sich Kanye West mit "Yeezus" auf einen experimentelleren, weniger populären Weg begeben hat.

Die Karrieren von Aubrey Graham und Kanye West sind sich in ihrem Verlauf nicht unähnlich, beide stehen auf dem Zenit ihres Ruhms und reflektieren, was das alles gebracht hat und vor allem wie es jetzt weitergehen könnte. Der Kanadier Drake war von diesen beiden extremen Rap-Persönlichkeiten immer der Sanftere, weniger Paranoide. Doch auf "Nothing Was The Same", seinem bisher besten Album, zeigt er sich von einer so zynischen, depressiven Seite, dass ein radikaler Lebens- oder Karrierewechsel unmittelbar bevorzustehen scheint.

Die Beats von Leib- und Magenproduzent Noah "40" Shebib sind noch ambienter und sparsamer, die Beats tropfen in Zeitlupe, wenn es sie überhaupt gibt, denn manchmal ist es nur eine geisternde Hi-Hat, die einen Track zentimeterweise vorwärtsdrückt, das einzig treibende Element bleibt Drakes nüchtern vorgetragener, desillusioniert klingender Rap. "I'm on my worst behaviour", warnt er im gleichnamigen Stück, und entschuldigte sich unlängst in Jimmy Kimmels Show bei seiner Familie, bevor er "Too Much" darbot, eine recht gnadenlose Abrechnung mit seiner Mutter: "I hate the fact that my mom cooped up in the apartment, telling herself that she's too sick to get dressed up and go do shit like that's true shit", heißt es darin. In "Furthest Thing" knöpft er sich mit berührender Hassliebe seinen Vater vor und geißelt dessen Alkoholismus: "When he put that bottle down, girl, that nigga's amazing."

Drakes öffentliche Beefs und Battles mit Verflossenen oder Rivalen sind legendär, auch seine unberechenbare Redseligkeit, ob in seinen Tracks oder auf Twitter, teilt er mit Kanye West. Während man aber beim Hit-Album "Take Care" noch das Gefühl hatte, Drake fühle sich als Teil einer Community, spricht aus den Texten des neuen Albums zunehmende Verlorenheit. "Started from the bottom, now I'm here", rappt er im zweiten Track über ein irrlichterndes Horrorfilm-Keyboard-Sample: Trostloser war es auf dem Gipfel des Erfolgs wohl noch nie.

Achso, na ja, ein paar Radio-Hits sind dann natürlich schon vorhanden, so ganz verweigern will sich Drake dann doch (noch) nicht: "Hold On, We're Going Home" zum Beispiel, aber selbst in diesem vordergründig fröhlichen Liebesreigen gerinnt jede Farbe zu Grau. "Don't talk to me like I'm famous, I'm just trying to connect to something", klagt er müde in "Connect". Hilferufe aus der Festung der Einsamkeit. (7.9) Andreas Borcholte

MGMT - "MGMT"
(Columbia/Sony, seit 13. September)

Und noch mehr Todessehnsucht, lustig verpackt und mit Kinderchören und Laserstrahlen-Moogsounds versüßt. "That'a a fine time to die", heißt es in "Alien Days", dem ersten Song des dritten MGMT-Albums, der klingt, als hätte Jeff Wayne seine Musical-Version von "War Of The Worlds" nicht 1978, sondern ein Jahrzehnt früher veröffentlicht. Fuzzy und entrückt, schamanisch-psychedelisch und weihrauchschwenkend kehren Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser zurück, um nach "Congratulations" noch einmal nachhaltig klarzumachen, dass die Indiedisco-Hits "Kids" und "Time To Pretend" ihres Debüts peinliche Irrtümer waren. So geradlinig und allgemeingültig werden die beiden New Yorker wohl nie wieder, was natürlich völlig in Ordnung ist, so lange weitaus schillerndere Alben wie "MGMT" dabei herauskommen. "Cool Song No. 2" klingt, als hätten sich Nine Inch Nails mit den Electric Prunes in einem Zeitstrudel ineinander verheddert. "Mystery Disease", noch so ein apokalyptischer Hippie-Alptraum, marschiert mit stetem Drumbeat, während drumherum das große Herumprobieren an den Analog-Keys losbricht. "Introspection" ist eine angemessen verhallte, mit Stereoskopie-Effekten spielende Coverversion der bis dato wahrscheinlich nur dem Kollegen Wigger und ein paar anderen Nugget-Schürfern bekannten Sixties-Garagenband Faine Jade. Die große Innerlichkeit also, mal wieder, aber eben anders: Denn was erkennen MGMT nach einem tiefen Schluck aus dem Schierlingsbecher der eigenen Seele? "Your Life Is A Lie", "I Love You Too, Death" und "A Good Sadness": düsterste Suizidgesänge, verquirlt mit so viel Willy-Wonka-Süße, dass selbst Brian Wilson einen Zuckerschock kriegen würde - bis hin zu den böse grinsenden Clowns aus "Plenty Of Girls In The Sea" mit Drehorgelgeräuschen, die zum Wahnsinnsgekreisch anschwellen. MGMT sind nicht ganz dicht, so viel wusste man ja schon 2007. Aber die wahren Hits, Kids, die mit den fiesen Widerhaken, die haben sie erst jetzt. (7.6) Andreas Borcholte

"Cool Song No. 2"-Videoclip auf tape.tv ansehen 


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.