Abgehört - neue Musik Auf der Harmonie-Achterbahn

Der Schauspieler und Rapper Riz Ahmed trennt sich bitterböse von Britannien. Außerdem: Free-Jazz-Realness von Irreversible Entanglements, Lil Uzi Vert im Steigflug, Granatenschock-Beats von Nazar und ein Pop-Album für Hinhörer.
Riz Ahmed - "The Long Goodbye"

(Mongrel Records, seit 6. März)

Ich bin für Dich in den Krieg gezogen, hab' Dir sogar den größten Diamanten der Welt überlassen - und trotzdem lässt Du mich im Niemandsland stehen: "Britanna's a bitch", so gallig rappt Riz Ahmed in seinem Track "Toba Tek Singh" über sein Heimatland Großbritannien. Der Track, im schroffen Grime-Rhythmus mit südasiatischen Einflüssen, ist Teil der knapp halbstündigen, bitterbösen Trennungs-Suada, die Ahmed als Album mit dem Titel "The Long Goodbye" veröffentlicht hat - der lange Abschied von England.

Toba Tek Singh ist eine der wenigen Städte in Pakistan und Indien, die in der britischen Kolonialzeit nicht mit einem englischen Namen versehen wurden - und außerdem der Titel einer im indischen Raum berühmten Kurzgeschichte, in der ein Psychiatrie-Patient darüber nachsinniert, ob sein Heimatort nach der kolonialen Aufteilung des Landes nun zu Indien oder zu Pakistan gehört. Es geht also um identitätspolitische Fragen und die leidvolle Geschichte der indisch-pakistanischen Migranten, der größten Minderheit in UK. Ebenso wie die schwarze Bevölkerung sehen sich die aus Indien, Pakistan oder Bangladesch stammenden Briten mit wachsendem Rassismus konfrontiert - und dem Gefühl, trotz aller Anstrengungen nur Bürger zweiter Klasse zu sein. Riz Ahmed, in London geborener Sohn pakistanischer Eltern, hat jetzt genug von dieser Demütigung.

Ahmed ist eher als Schauspieler bekannt, er spielte unter anderem in dem "Star Wars"-Film "Rogue One" mit und bekam als erster südasiatischer Darsteller überhaupt einen Emmy für seine Rolle in der und der HBO-Mini-Serie "The Night Of". Seine Karriere als politischer Rapper begann allerdings schon 2006 mit dem satirischen Track "Post 9/11 Blues"; der wachsende Missmut der British Asians in ihrer königlichen Heimat war bereits Thema auf seinem Mixtape "Englistan" von 2016. Der mit heiserer Wut und tiefer Verletzung hervorgestoßene Furor von "The Long Goodbye" ist jedoch schärfer im Tonfall und entsprechend wirkungsvoll.

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Das liegt auch daran, dass Ahmed für seine Abnabelungs-Story das Narrativ einer zerbrechenden Liebesbeziehung wählt. "Britain's broken up with me", konstatiert der 37-Jährige im Spoken-Word-Track "The Breakup", der das Album eröffnet, das "Britain" wird zu "Brittany" oder "Britney" verschliffen, als könnte es sich auch um eine Frau handeln, die ihm den Laufpass gibt, "fuck buddies turned toxic". Sie habe sich, auch in der existenziellen Krise aktueller Brexit-Bewegungen, dazu entschlossen, ihn in abzuspalten: "Says she ain't what she was and our kids don't show no love/ So now she's taking back control/ And she wants me to fuck off", spuckt Ahmed fast schon ins Mikro. Und dann arbeitet er in zumeist kurzen Tracks auf - mal lakonisch, mal zärtlich, mal sauer - was schief gelaufen ist von der kolonialen Vergangenheit bis in die rechtspopulistische Gegenwart. Ein "Here, my Dear" enttäuschter Heimatliebe, harter Stoff.

Freunde aus Hollywood sind mit von der Liebeskummerpartie: Mindy Kaling spricht auf seine Mailbox, die "Bitch" Britannien solle sich nicht einfallen lassen, ihn aus dem Haus zu werfen, das er gebaut habe. Und wenn er gehen müsse? "If you have to go, take half" - klage die Hälfte der gemeinsamen Güter ein, wie bei einer Scheidung. Schauspielkollege Mahershala Ali leistet Beistand aus dem ebenso leidgeprüften Afroamerikaner-Lager: "Don't do anything stupid" - mach nichts Überstürztes, rät er Ahmed, der danach, in der Rap-Ballade "Can I Live", tatsächlich nachdenklicher wird.

Aber schon im gesprochenen Interludium "Where You From" ist er zurück im erbosten Duktus, wird beinahe zum Stand-up-Aktivisten: "Now everybody everywhere want their country back", erklärt der in London geborene Sohn pakistanischer Eltern, "but if you want me to go back to where I'm from I need a map". Zu zerklüftet und zerteilt ist die koloniale Geschichte seines Herkunftskontinents, als dass sich noch ausmachen ließe, wo er hingehöre, wenn mal wieder die ewig rassistische Frage aufkommt: "Und wo bist Du WIRKLICH her?"

Am Ende seines mitreißend rhythmischen Wutausbruchs findet Riz Ahmed mit dem sitargetriebenen Gangsta-Shuffle "Deal With It" zumindest zeitweise einen trotzigen Frieden. Aber ob die beiden, Riz und Brittany, noch mal wieder zusammenkommen? Manchmal müssen erst mal richtig die Fetzen fliegen, bevor's ans Versöhnen geht. (8.3) Andreas Borcholte

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Riz Ahmed

The Long Goodbye

Label: Mongrel Records
ca. 9,99 €

Preisabfragezeitpunkt

05.12.2022 16.45 Uhr

Keine Gewähr

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Irreversible Entanglements - "Who Sent You?"

(International Anthem/Indigo, ab 20. März)

"Stay on it", bleib dran, gib nicht auf: Das sind die ersten Worte von Camae Ayewa auf diesem Album, nachdem die Band schon zwei Minuten den Kampf der Nachfahren der Sklaven nur als Musik fühlbar machte. Ein treibendes Jazzschlagzeug, das die Becken hart swingend reitet und die Trommeln nur kurz, aber laut rollen lässt wie lodernde Flammen aus explodierenden Ölfässern. Der Kontrabass zieht stoisch, aber frei atmend einen Groove durch. Trompete und Altosax heben bereits ab in Richtung Weltall. Ihr Melodieschweif leuchtet tiefrot in Moll, krümmt die Zeit und dehnt die Taktmaße. Bis wieder diese deutlich artikulierte Altstimme sagt: "You can't save the night/ Here in America" - die Nacht ist nicht zu retten.

"The Code Noir" heißt der Song, nach dem monströsen Gesetzestext unter Ludwig XIV, der ab 1685 das Unrecht der Sklaven regelte (und auch die Juden aus den Kolonien vertrieb). Er eröffnet "Who Sent You?", das zweite Album von Irreversible Entanglements, einer fünfköpfigen Band zwischen Chicago, Washington D.C. und Philadelphia. Es geht um Afrofuturismus, jenen Strang afroamerikanischer Kultur, der das Heil an einem neuen, fremden Ort sucht. Um von der Erlösung nach dem Rassismus zu träumen, aber auch um die Entfremdung in der Mehrheitsgesellschaft auszudrücken. Englisch versteht man es besser: Alienation heißt Entfremdung. Alien überall, zu Hause wie im Kosmos. Im Jazz nennt man an dieser Stelle Sun Ra, aber das ist nur die experimentelle Seite dieser Tradition, zu der auch Mahalia Jackson gehört.

Die Musik von Irreversible Entanglements öffnet die Ohren nach all diesen Seiten: zum Free Jazz (dank der irre guten Band) und zum Hip-Hop wegen der Entschiedenheit der Stimme von Ayewa, die auch unter den Namen Moor Mother Musik macht. An Gospel erinnern die Wiederholungen, die Trance, vielleicht es auch Voodoo. Zugänglicher klang Free Jazz jedenfalls lange nicht mehr.

Irreversible Entanglements ist ein Beispiel, wie höchste Musikalität und schlechteste Laune sich nicht ausschließen, sondern befeuern. Zumindest auf diesem Niveau. Es sind fünf Nummern zwischen jeweils knapp 5 und knapp 15 Minuten. Jede hat psychedelisches Potential. "No Más" beginnt mit einer einfachen Phrase von Trompete und Alto, die sie mal verschoben, mal unisono spielen. Diese Kombi ruft direkt die Geister von Ornette Coleman und Don Cherry auf, die Ende der Fünfzigerjahre in der Freiheit auch die Einfachheit suchten - das Grundlegende, nicht nur das Wilde. Was die Rhythmusgruppe mit Luke Stewart am Bass und Tcheser Holmes am Schlagzeug danach abzieht, eilt den Fünfzigern dann jedoch flink davon.

Die Souveränität von Ayewa/Moor Mother zeigt sich nicht nur darin, dass sie ihre Poesie und ihre Wut wählerisch einsetzt. Sie weiß, was ein Auftritt ist, wann er beginnt, wann er endet. Ein letztes Zeichen für die gespenstische Realness dieses Albums: Trompeter Aquiles Navarro stammt aus Panama, Altist Keir Neuringer ist weiß - antirassistische, identitätspolitische Kämpfe müssen nicht identitär geführt werden. Das geht uns alle etwas an. Und dies zu hörbar zu machen, ist nicht die schlechteste Aufgabe der Kunst. (9.0) Tobi Müller

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Irreversible Entanglements

Who Sent You?

Label: INTERNATIONAL ANTHEM
ca. 24,88 €

Preisabfragezeitpunkt

05.12.2022 16.45 Uhr

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Lil Uzi Vert - "Eternal Atake"

(Atlantic/Warner, seit 6. März)

Offenes Geheimnis: Viele Rapper können nicht gut mit Stäbchen umgehen. In der Geschichte des US-Hip-Hop wimmelt es vor Verweisen auf asiatische Küche, Tischmanieren und Frauen - häufig in einem Tonfall, der Stereotype und rassistische Klischees bedient. Böses schwant einem deshalb, wenn Lil Uzi Vert auf seinem zweiten Album "Eternal Atake" den Song "Lo Mein" anstimmt. Zumindest in Hate-Speech-technischer Hinsicht erweist sich die Sorge jedoch als unbegründet: Das Stück handelt gar nicht von chinesischen Eiernudeln. Und die Stäbchen, die der US-Rapper darin erwähnt, sind auch nicht zur Nahrungsaufnahme gedacht.

Stattdessen ist es so: Die "chopsticks", mit denen Lil Uzi Vert in "Lo Mein" scheinbar hantiert, sind ein Kosewort für das vollautomatische Maschinengewehr, mit dem er in dem Track tatsächlich herumfuchtelt. Der Künstler kümmert sich darum, die Reihen seiner Neider und Feinde auszudünnen - und demonstriert dabei einen Spaß an der Freude, der sich als größte Stärke von "Eternal Atake" erweist.

Lil Uzi Vert ist weniger exzentrisch als Young Thug, weniger exzessverliebt als Lil Wayne und weniger hart als jene Drill-Rapper aus Chicago, an die seine in- und übereinander stolpernden Zeilen immer wieder erinnern. Besser als jeder Konkurrent aber versteht es der Rapper aus Philadelphia, die Eigenheiten seiner offensichtlichen Vorbilder in Hip-Hop-Hymnen zu bündeln, mit denen er sich schon jetzt für die ersten Partynächte nach Corona ins Gespräch bringt. Bis dahin hört man auf "Eternal Atake" einen Künstler, der sich im permanenten Steigflug befindet.

Der Song "Pop" etwa wird in die Rapgeschichte eingehen als größter multipler Markenorgasmus seit Migos' "Versace": Fünfzehnmal wiederholt Lil Uzi Vert darin den abgekürzten Namen eines Pariser Modehauses - bis einem die Dollarzeichen aus seinen geröteten Augen regelrecht entgegenspringen. Diese Art des delirierenden Luxus-Raps kann nur funktionieren, weil das Produzentenkollektiv Working On Dying die richtigen Beats liefert: aufgedreht und psychedelisch wie die Flaming Lips in den Nullerjahren, übersät mit kleinen Details und scheinbaren Ungenauigkeiten, aber doch immer bereit zum Hit und für den Club.

Völlig egal also, dass Lil Uzi Vert auf "Eternal Atake" nicht mehr als ein Best-of seiner Kassenbons zusammenrappt. Für die Verfeinerung von Klischees und Stereotypen wird es spätere Projekte geben. Wer heute so hoch fliegt wie dieser Typ, braucht fürs Erste nicht in die Tiefe zu gehen. (7.9) Daniel Gerhardt

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Lil Uzi Vert

Eternal Atake (Deluxe) - LUV vs. The World 2 [Explicit]

Label: Generation Now/Atlantic
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Nazar - "Guerrilla"

(Hyperdub, seit 13. März)

Man könnte es sich einfach machen: Für Millennials ist Nazar das, was M.I.A. für die Babyboomer war. So radikal Maya Arulpragasam ihre Biografie voller postkolonialer Verwerfungen in einer neuen Popsprache verknappte, so militant zerpflückt A. S. J. Simões seine Familiengeschichte und verwandelt sie in kaputte Bassmusik. M.I.A. eroberte in den Nullerjahren die Charts und machte den Superbowl zum Stinkefinger-Skandal. Nazar wird garantiert noch die eine oder andere Tanzfläche zerlegen.

Der 25-jährige Produzent stammt aus Angola und lebt nach Jugendjahren in Belgien mittlerweile in Manchester. Seinen Stil nennt er "rough Kuduro" und beruft sich damit auf die Arschwackelmusik, die sich an der Südwestküste Afrikas aus den Hauptbestandteilen "Ku" für culo, also Hintern, und "duro" für hart zusammensetzt. Nazar geht es aber ums Zerlegen. Zwar fügt er der Härte noch Rohheit hinzu, aber vom synkopierten Immer-Weiter des Kuduro-Rhythmus lässt er nur ein Stolpern übrig.

Die Konstante auf seinem Debütalbum "Guerrilla" ist eine Art Granatenschock-Beat, montiert aus Detonationen und metallischem Klicken wie beim Entsichern einer Schusswaffe. Militärjargon ist eine heikle Sache, wenn es um Popmusik geht, aber Nazar lässt einem keine Wahl. Er nutzt ihn so explizit wie exzessiv. Seine Tracks hat er nach der bekanntesten Boden-Luft-Rakete benannt ("Fim-92 Stinger"), nach Vergeltungsschlägen ("Retaliation") und einem beliebten weltpolitischen Placebo ("UN Sanctions"). Sie klingen chaotisch, aufpeitschend und ziemlich faszinierend.

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Man könnte das Revolutionsromantik nennen, und damit kommt M.I.A. ins Spiel. Sollte Nazar mit diesem Rattern und Stottern irgendwann wider Erwarten Popstar werden, wird er sich mit Vorwürfen herumschlagen müssen, wie sie der tamilisch-britischen Musikerin immer noch nachhängen. Nämlich die Vita ihres Vaters als Tamil-Tigers-Rebell und den Sound von Waffen als Radical Chic zu Markte zu tragen.

Bei Nazar ist das ähnlich. Im Grunde ist das Album die Tonspur zu jenem Buch, das sein Vater vor fast 15 Jahren veröffentlicht hat: "Memórias de um Guerrilheiro", die Lebensgeschichte eines Widerstandskämpfers. Alcides Sakala Simões war ein hochrangiger Offizier bei den Truppen der UNITA und kämpfte gegen die sozialistische Regierung der MPLA, die in Angola 1975, nach dem Ende der portugiesischen Kolonialherrschaft, an die Macht kam. Nazars Vater war also Teil einer konterrevolutionären Guerrilla, von Ronald Reagan bewaffnet, vom Apartheids-Regime in Südafrika unterstützt.

Abgehört im Radio

Mittwochs um Mitternacht (0.00 Uhr) gibt es beim Hamburger Webradio ByteFM  ein »Abgehört«-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte. Seit 1. Januar 2022 sendet ByteFM in Hamburg auch auf UKW (91,7 und 104,0 MHz).

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Das sind Widersprüche, die Nazar nicht auflöst, sondern mit den Mitteln der Clubmusik verstärkt. "Guerrilla" kündet davon, wie die Traumata von einem fast 30 Jahre währenden Bürgerkrieg nicht nur in Geschichte und Politik eines Landes nachwirken, sondern vor allem im Privaten. Das Stück mit dem sprechenden Titel "Why" schickt schneidende Synths auf die Harmonie-Achterbahn, das Klicken und Krachen wird immer undurchdringlicher, und ein Häckselwerk aus Stimmfetzen deutet an, dass die Antwort auf das Warum nicht so einfach ist. Oder kaum weiterhilft, selbst wenn man eine findet.

Um nicht noch mehr Kriegsmetaphorik zu bemühen: ein Album wie ein Presslufthammer mit gestörter Luftzufuhr. Erschütternd und beeindruckend. (8.7) Arno Raffeiner

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Nazar

Guerilla

Label: HYPERDUB
ca. 20,11 €

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Der Englische Garten - "Bei Tag und Nacht"

(Tapete Records, seit 13. März)

Es ist sehr traurig, dass Bernd Hartwich das Erscheinen dieses sehr guten Albums nicht mehr erlebt hat. Er ist am Mittwoch im Alter von 53 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Bernd Hartwich war viel mehr als der Bassist dieser Münchner Band. Sein musikhistorisches Wissen, seine Leidenschaft für ausgefeilte Arrangements, sein unerschütterlicher Glaube an die Kraft des Popsongs, all das steckt überall in der Produktion dieses dritten Albums von Der Englische Garten.

Bernd Hartwich gründete die Band Mitte der Nullerjahre zusammen mit Axel Koch. Da war er schon seit fast zwei Jahrzehnten eine feste Größe in der Musikszene Münchens, als DJ, als Plattenverkäufer, vor allem aber als Kern der Merricks - der einfallsreichsten Indie-Pop-Band des Landes. Deren Sternstunde war das Album "The Sound of Munich" von 1997, auf dem sie den Disco-Sound, den Giorgio Moroder und Co einst im Musicland-Studio aufnahmen, rekonstruierten.

Noch im Februar teilte Tapete Records eine von Hartwich zusammengestellte Playlist zum Englische-Garten-Album - mit Grundbausteinen seines Musikverständnisses wie Madness oder Dexy's Midnight Runners, mit Ska und Samba-Soul, mit Fundstücken aus Nordost-England oder Katalonien. Der Titel der Liste: "Long live Music".

In diesem Sinne gilt es, "Bei Tag und Nacht" zu feiern. Zunächst einmal, so sind die Zeiten halt, zu Hause. Aber irgendwann dann wieder draußen, auf den Straßen und in den Clubs. Denn diese Orte stehen im Zentrum des sozial bewussten Hedonismus, den der Sänger und Songwriter Axel Koch hochhält. Mit nostalgischen Untertönen, wie in "München '70", wo an die "Leute mit Gitarren und Tüten voll Gras" erinnert wird. Oder mit Trotz, wie in "Mitten in der Nacht", wo einer zwar kein Geld mehr hat, aber "dann wird halt heute auf Kredit getanzt". Die Bläser treiben die Lieder voran, aber überall in den Arrangements lassen sich feine Details entdecken. Es ist Pop für Hinhörer - so wie Bernd Hartwich einer war. (8.3) Felix Bayer

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Der Englische Garten

Bei Tag und Nacht

Label: Tapete / Indigo
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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.