Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Was es uns angeht, wenn Jack White unter seiner Scheidung leidet? Die Antwort lesen Sie in unserer Rezension vom neuen Album "Lazaretto". Außerdem: Das verführerische Debüt von Sylvan Esso inklusive Prelistening, The Roots und Courtney Barnett.
Von Andreas Borcholte und Jan Wigger

Jack White - "Lazaretto"
(XL/Beggars/Indigo, ab 6. Juni)

Die meisten Leute, sagte Jack White dem "Guardian" , lernten bereits auf dem Spielplatz, wie sich andere Leute anziehen: "Now you can take the easy way out: You can go on in jeans and a T-shirt and say, 'Hey, look at me, I'm real.' Or you can go onstage in a three-piece suit and hat and say, 'I'm real… Or maybe I'm not! What's more interesting?" Eine rhetorische Frage. Leider leben wir aber in einer Zeit, in der von Personen im Entertainment-Geschäft Unmögliches erwartet wird: Sie sollen einerseits den peacock suit tragen und sich exotisch und extravagant geben, andererseits aber auch ganz normale Jeans-und-T-Shirt-Leute wie du und ich bleiben. Die Correctness-Polizei, der große Gleichmacher, wacht akribisch über Verstöße gegen die Norm, und dank der sogenannten sozialen Medien, in der jeder verzweifelt um Aufmerksamkeit buhlt, weiß man viel mehr über das wahre Leben der Stars, als man möchte.

Jack White, von dem man weiß, dass er eine schwierige Trennung von Ex-Ehefrau Karen Elson hinter sich hat und offenbar hart darum kämpfen musste, seine Kinder sehen zu dürfen, pocht auf sein Recht, der vom Twittervolk eingeforderten Wahrhaftigkeit den Finger zu zeigen. Gossip-Exegeten, die in den Songtexten seines neuen Albums nach schmutziger Scheidungs-Wäsche forschen, konterte White vorab mit der (märchenhaften) Geschichte, alle Texte basierten auf spätpubertären Gedichten und Essays, die er mit 19 geschrieben habe und kürzlich auf dem Dachboden wiederfand. Ja, klar. "Lazaretto" soll eben nicht schnödes Pendant zum fast zeitgleich veröffentlichten Break-up-Album von Erzrivale Dan Auerbach und seinen Black Keys sein, sondern ein Kunstwerk im eigentlichen Sinne, ein Imaginationsraum, in dem sich Wahrheit und Fiktion untrennbar verweben.

Das wird bereits im ersten Song klar, einer radikalen Neubearbeitung von Blind Willie McTells Folkblues-Klassiker "Three Women" (Video auf YouTube ) , den White auch textlich wie musikalisch in die Gegenwart übersetzt. Schelmische erste Worte: "I've got three women/ Red, blonde and brunette", singt White in Abwandlung von McTells mehrdeutigem Original ("Yellow, brown and black"). Da kann sich dann jeder seinen eigenen Reim drauf machen, wer die Blonde zur rothaarigen Elson und brünetten Meg White ist. Richtig: Renée Zellweger. Der Rest ist Blues-Pulp-Fiction: "I've got one in California/ And one back in Detroit/ But my woman in Nashville/ Cashes the bottle with her daddy/ All night".

So wird "Lazaretto" zum großen Vexierspiel des "Flim Flam Man", des fahrenden Gauklers und Troubadours, als der sich White gerne stilisiert. "Every time that I'm doing what I want to/ Somebody comes and tells me that it's wrong", klagt er etwas zu selbstgerecht in "Entitlement", um sich dann umso vehementer über jegliches Jeans-und-T-Shirt-Haftigkeit hinwegzusetzen und sämtliche Genre-Vorgaben zu sprengen, selbst das eigene Dogma, nur Vintage-Instrumente und Analog-Equipment zu benutzen. So viel Produktion und Nachbearbeitung, so viel sonische Finesse war selten auf einem White-Album.

Mit verblüffendem, teils großartigem Ergebnis: Das Titelstück ist tief pumpender Funkrock mit nervenzerrenden Irrenhaus-Gitarren, "Temporary Ground" eine zarte Bluegrass-Ballade, "Just One Drink" lehnt sich an die Honky-Tonk-Phase der "Let It Bleed"-Stones an, "Alone In My Home" streckt sich fast schon nach süßlichem College-Pop, kontrastiert mit dem schwerfüßig in Led-Zeppelin-Gefilde trampelnden, instrumentalen "High Ball Stepper", durch den ein gespenstisches Heulen geistert. Mag sein, dass es die Dämonen der jüngsten Vergangenheit sind, die White hier heimsuchen, vielleicht sind es auch die Spirits der alten Blues-Pioniere. Oder Dylan. Oder Young.

Ein würdiger Enkel ist White, der neben Kanye West zu den großen Idiosynkraten und Innovatoren der aktuellen Popmusik gehört, allemal. Wenn "Blunderbuss", Whites erstaunliches Solo-Debüt von 2012, das Gift war, ist "Lazaretto" die Galle. Bitter, black and blue. (8.0) Andreas Borcholte

Sylvan Esso - "Sylvan Esso"
(City Slang/Universal, ab 6. Juni)

Taumelnd bewegen wir uns dem Sommer entgegen, wohlwissend, dass diese Jahreszeit gleich mehrere Gefahren in sich birgt: etwa juchzend-glucksende Plattenbesprechungen, in denen rücksichtslos Bezug auf schönes Wetter, singende Vögel, tanzende Schmetterlinge, Herzen in Aufruhr, Grillabende und öffentliche Badeanstalten genommen wird. Oder Passt-doch-gerade-so-gut-Rezensionen, die umständlich Bezug auf die Fußball-WM nehmen, wobei Begrifflichkeiten wie "das runde Leder", "König Fußball", "Fußi auf Balkonien genießen", "zu Hause vor dem Bildschirm mitfiebern", "die Daumen drücken", "WM-Fieber" und "Unsere Jungs anfeuern" den Autoren/die Autorin augenblicklich als vollkommen ahnungslos outen und disqualifizieren (Weltmeister wird übrigens Argentinien, Deutschland scheidet kläglich im Achtelfinale aus).

Zuletzt gibt es auch das notorische Abgehört-Sommerloch nicht mehr, denn dieser Tage erscheinen so viele Alben, dass nicht einmal Platz für Conor Oberst, Chrissie Hynde, Kasabian, Owen Pallett, Joe Henry, Hercules & Love Affair, Camper Van Beethoven, Gruff Rhys, Kishi Bashi oder Clap Your Hands Say Yeah bleibt. Stattdessen muss man noch mehr hören und verwerfen als sonst, und in einem seltenen Anflug von feuriger Güte habe ich mich tatsächlich dafür entschieden, auch einmal Borcholte-Musik zu bewerten. Sylvan Esso sind Nick Sanborn (früher bei Megafaun) und Amelia Meath, letztere bekannt von den sehr guten Mountain Man, die sie, liebe Werber, eventuell noch von der letzten Leslie-Feist-Tour als "nervige Vorgruppe" kennen.

"Sylvan Esso" ist ein schlaues, charismatisches, ja stellenweise sogar verführerisches Debüt, und ich vermute, dass man sich zu dieser Musik bewegen soll. Ich meine sogar, in "Coffee" geht es primär ums Tanzen, während "Uncatena" unter anderem erklärt, wie das Schwimmen uns verändert. "Did you ever say it?/ Oh no/ Did you ever say it?/ No/ All I want from you's a letter/ And to be your distant lover/ That is all that I can offer at this time": Ob in "Dreamy Bruises" oder "Dress", überall sind Sanborns schwere, die Luft verschluckenden Bässe zu hören (dazu Soul, R&B und Reste von Gemäuer-Folk), nur Amelias klare, eisstatuenhafte Stimme bleibt davon unberührt: "The modern wolf/ He's kinder/ But see him weep/ It's a reminder." Für Menschen, die sonst schon alles haben. (6.9) Jan Wigger

The Roots - "…And Then You Shoot Your Cousin"
(DefJam/Universal, seit 16. Mai)

"MCs more worried about their financial backin'/ Steady packin' a gat as if something's gonna happen/ But it doesn't, they wind up shootin' they cousin, they buggin", rappte KRS One vor 17 Jahren gegen die Kommerzialisierung von HipHop. "Step Into A World" hieß das Stück mit dem ironischen Untertitel "Rapture's Delight", bei dem ausgerechnet Millionär Puff Daddy mitrappte. Damals hatten die Anfang der Neunziger gegründeten Roots gerade ihr erstes Album mit sogenanntem conscious rap veröffentlicht, "Illadelph Halflife". An der skeptischen Haltung der Roots wie auch an der Zwiegespaltenheit des HipHop zwischen Protest-/Straßenkultur und Kommerzialität hat sich nicht viel geändert, außer dass Rapmusik heute vor allem in den USA, aber auch in Deutschland (siehe Kollegah und Kollegen) den Mainstream-Pop dominiert.

Roots-Mastermind Questlove fragte sich unlängst in einer Reihe von Essays für den Kulturblog "Vulture" ", ob dieser Triumphzug nicht auch seine Schattenseiten hat, wenn alles, was "schwarze" Kultur einmal ausmachte, unter dem Kommerzlabel HipHop nivelliert, wenn nicht negiert wird. "…And Then You Shoot Your Cousin" folgt dieser Argumentation, indem es sich konsequenter noch als der finster-geniale Vorgänger "Undun" (#803485) gegen die Genre-Konventionen sperrt. Der Kontrast zwischen der fidelen Hausband des Late-Night-Talkers Jimmy Fallon und der HipHop-Band The Roots könnte nicht größer sein, zumindest auf den ersten Blick. Andererseits beweisen Questlove, Rapper Black Thought und der Rest des Kollektivs aus Philadelphia auch hier einmal mehr, wie virtuos und versiert sie sich durch sämtliche Stile bewegen, von Free-Jazz-Anklängen ("Black Rock") über Noise und Experimental-Pop ("The Coming") bis hin zu Soul und R&B ("Tomorrow").

Die Grundstimmung ist pessimistisch und düster, wenn Black Thought sich mokant durch die gängigen - und dadurch ausgehöhlten - Topoi (Armut, Ärger mit Frauen) rappt: "I'm down to 95 dollars, that's the extent of my riches/ Out of 99 problems, 98 of them is bitches" ("When The People Cheer"). Am Ende bleibt nur die Sehnsucht nach Auslöschung, göttlicher Läuterung und Neugeburt ("The Unraveling"). Ein phantastisches, engagiertes, sehr unterhaltsames Requiem auf eine musikalische Bewegung also, ergänzt durch drei Fremdstücke (Michel Chions "Dies Irae", Mary Lou Williams' "The Devil" und Nina Simones Filmsoundtrack "Middle Of The Night"), die sich in den Flow dieses mit 34 Minuten recht kurzen Konzeptalbums einschmiegen. The Message, revisited. (7.3) Andreas Borcholte

Courtney Barnett - "The Double EP: A Sea Of Split Peas"
(Caroline/Universal, ab 6. Juni)

"Es ist gut, jeden Tag ein kleines Ziel zu haben." Ein typischer Altersheim-Pflegerinnen-Satz, ausgesprochen im nursing home des verkitschten, klischeehaften und ärgerlich deutschen Dieter-Hallervorden-Films "Sein letztes Rennen", aus dem man so unglaublich viel mehr hätte machen können. Kaum mehr machen können hätte Milos Forman aus "Man On The Moon": Er ist perfekt.

Auf den Philippinen sieht Jim Carrey (in seiner besten Rolle) aus wie Ed Kowalczyk, und ganz am Ende, aufgebahrt, wie Neil Tennant ohne Haare. Danny DeVito ist natürlich der junge David Crosby, und Courtney Barnett, ja, auch sie hätte damals dort mitspielen müssen, auch eine Andy-Kaufman-Figur, ein weiblicher Mick Jagger, oder Carrie Mathison bei der Gartenarbeit, "Avant Gardener", "Anonymous Club", "Canned Tomatoes (Whole)", so viele Ideen und memorable Sätze in nur zwölf Songs: "I may not be 100% happy but at least I'm not with you", oder dieser eine Absatz in "History Eraser": "I found an Ezra Pound and made a bet that if I found a cigarette I'd drop it all and marry you/ Just then a song comes on: 'You Can't Always Get What You Want', the Rolling Stones, oh woe is we, the irony!"

Und wehe Euch, Schriftgelehrte und Pharisäer: Courtney Barnett erscheint uns auf "The Double EP: A Sea Of Split Peas" nicht nur als weniger untote Version einer anderen Courtney (nein, nicht Courtney Love, sondern Courtney Tidwell!), sondern auch als erschöpfte Cousine der frühen Chan Marshall und Nina Nastasia. Die zwei Gesichter des Oktobers, aus Melbourne, 24 Jahre jung, durch den Verzerrer gejagt und gefangen zwischen Mythos, Macht und Marmelade. Wer singt ihr ein paar Triffids-Lieder, wenn sie nachts mit dem Taxi nach Hause fährt? (7.2) Jan Wigger

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.