Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Boogie können sie nicht, aber sonst fast alles, was zeitgeistig ist: Das australisch-schwedische Schwesternduo Say Lou Lou veröffentlicht endlich sein Debüt-Album. Außerdem: Nadine Shah! Young Fathers! Waxahatchee!

Von und Thomas Vorreyer


Say Lou Lou - "Lucid Dreaming"
(Cosmos Music/Membran, ab 10. April)

Über die Inszenierung von Say Lou Lou im Stile der Siebziger wird ja schon länger geredet. Für mich als Rezipienten ging diese Ästhetik irgendwie immer nach hinten los. Statt nämlich die Sex-Symbole und Pop-Ikonen dieser Zeit (Charlies Engel, Amanda Lear) vor meinem geistigen Auge mit reichlich auftoupierter und eingedrehter Lockenpracht auferstehen zu lassen, dachte ich immer nur an Baccara. Naja, Sie wissen schon: "Yes Sir, I Can Boogie". In Deutschland produziertes und daher eher so pseudo-erotisches Spanierinnen-Duo, das (weiß Wikipedia, ich wusste es nicht) zwischen 1977 und 1979 das erfolgreichste Gesangsduett der Welt war? Der Welt!?

Ich dachte also an Baccara und deren glitterige Single-Cover, die bei uns zu Hause immer rumlagen, weil meine Mutter (einst weltgrößter Roger-Whitaker-Fan) mal eine Disco-Phase hatte. Die Baccara-Singles lagen da immer zusammen mit George Baker Selection, Luv und der Goombay Dance Band, und an manchen launigen Familienabenden wurden sie sogar aufgelegt. Ich musste dann leider immer ins Bett, ich war ja erst sieben oder acht. Vielleicht hat mich das vor größeren Schäden bewahrt, wer weiß.

Als unterkühlter, sagen wir warholifizierter Baccara-Verschnitt wären Say Lou Lou Ende der Siebziger wahrscheinlich die Bombe gewesen, in postmoderner Zeit muss man sehen, was aus ihnen wird. Denn so richtig können oder wollen sich die aus Australien stammenden Zwillingstöchter von The-Church-Sänger Steve Kilbey auf ihrem Debüt-Album "Lucid Dreaming" nicht entscheiden zwischen coolem Indie-Act und erfolgreichen Chart-Heroinen.

Seit 2012, als ihr Track "Maybe You" erschien und sofort von den einschlägigen Hipster- und Modeblogs als nächstes großes Ding abgefeiert wurde, gelten Say Lou Lou als die heimlichen Supermodels der Popmusik, das immer wieder mal fachmännisch (oder -frauisch) dahingeraunte Hoffnungsversprechen "Warte mal ab, bis das Say-Lou-Lou-Album erscheint". Und nun ist "Lucid Dreaming" nach knapp drei Jahren Getuschel tatsächlich da (blöderweise zeitgleich mit dem zweiten, ziemlich guten Album der Pariserinnen Brigitte, die das Gleiche auf Französisch machen). Und natürlich hält es dem Erwartungsdruck nicht stand. Wie könnte es auch?

Was aber nicht heißt, dass es missraten oder gar schlecht ist! Im Gegenteil: Bekanntes ("Everything We Touch", "Julian") mischt sich mit durchaus tollen neuen Tracks, darunter das grandios gelangweilte "Glitter", das wunderbar sphärische, flüchtige "Peppermint", in dem es tatsächlich um einen One-Night-Stand zu gehen scheint, von dem nur der Kaugummigeruch als Erinnerungstrigger bleibt. "Beloved" könnte eine Charli-XCX-Nummer sein, die von Say Lou Lou jedoch vom Teenie-Trotz ins Träumerische überführt wird. Gleiches gilt für "Nothing But a Heartbeat". "Games For Girls", die bereits bekannte Klub-Hymne, ist noch einmal mit dem Lindstrøm-Remix vertreten. Alles sehr elegant, alles sehr geschmackssicher: ein funkelndes flirrendes Discokugel-Karussell in Zeitlupe, ein Champagner-Schwips, der bis zum Vormittag hält.

Öde wird es nur, wenn Elektra und Miranda, so heißen die beiden in Schweden lebenden Schwestern, sich in allzu generischen Popballaden-Bombast fallen lassen wie in einen Flokati-Teppich ("Angels (Above Me)", "Wilder than the Wind"); so viel Plüsch hält das fragile Konstrukt aus Disco-Nostalgie, Achtziger-Romantik-Komödien und Neunziger-Glamour dann doch nicht aus. So, und jetzt suche ich die alten Baccara-Singles raus. Vielleicht finde ich auch noch was von T'Pau oder Tiffany. (7.8) Andreas Borcholte

Young Fathers - "White Men Are Black Men Too"
(Big Dada/Rough Trade, seit 3. April)

Verkehrte Welt: Während man sich in Deutschland gerade mal wieder darüber erregte, dass die Preise beim Echo überwiegend nach Verkaufszahlen vergeben werden, echauffierte man sich in Großbritannien jüngst, weil der hoch angesehene Mercury Prize an die Young Fathers ging. Ein Trio aus Edinburgh, dessen Debütalbum "Dead" für eine Independent-Veröffentlichung zwar ordentliche Verkaufszahlen, jedoch keinen Charts-Hit oder zumindest nennenswertes Airplay abgeworfen hatte.

Aber eine Kurskorrektur ist ja immer möglich. Und so findet sich auf ihrem neuen Album "White Men Are Black Men Too" mit "Nest" ein Song, der nicht nur wie eine ideale Hymne für einen Werbespot klingt, sondern eben genau das ist, Streicher und Chor inklusive: Beinahe wäre "Nest" nämlich in einer Eistee-Kampagne von Nestlé zum Einsatz gekommen. Bands wie Empire of the Sun (Vodafone) oder Caesars (Apple) könnten, höhö, ein Lied davon singen, dass man mit dem Soundtrack penetranter Anzeigen-Clips auch als Indie-Act über Nacht erfolgreich werden kann.

Statt süßem Tee vertonten Young Fathers allerdings kritisch das unethische Marketing, mit dem das Schweizer Unternehmen Anfang der Siebziger in zahlreichen afrikanischen Ländern warb. Aggressiv propagierte Nestlé dort seine Milchpulver, die junge Mütter, statt eigener Brust, ihren Neugeborenen verabreichen sollten. Bis heute leiden zahllose Menschen an den Folgen dieser Mangelernährung. Glaubt man der Band, hat das Unternehmen den Subtext gar nicht bemerkt, wollte aber zu viele andere Änderungen am Song vornehmen. Young Fathers zogen ihn zurück.

Alloysious Massaquoi, Graham Hastings und Kayus Bankole sind eine dieser Gruppen, die Haltung demonstrieren. Alle drei sind gleichzeitig Rapper, Sänger und Produzenten. Natürlich wollen sie ins Radio und auf die ganz großen Bühnen - aber zu ihren eigenen Bedingungen. Allein der Albumtitel ist ein Statement, eine bewusste Provokation des multiethnischen Trios: "White Men Are Black Men Too", will sagen: Alle Menschen können rassistische Strukturen reproduzieren und Gewalt ausüben - unabhängig von ihrer Hautfarbe. Young Fathers nutzen das Aufmerksamkeitsmoment, das ihnen durch den Mercury Prize zukommt, bewusst aus: Wer aktuell über sie sprechen will, muss eben auch Rassismus thematisieren.

Parallel schicken sie Pop auf eine Achterbahnfahrt. Die Drums scheppern, die zu Beats montierten Gitarren sind bis zur Schmerzgrenze verzerrt. Süßlichere Sounds wie Xylofon oder Piano schlingern, der Mix ist roh. So kraftvoll und unbeugsam muss Musik vielleicht klingen, wenn sie die tristen Bilder unserer Zeit transportieren will. In minimalen Texten, die viele Leerstellen offen lassen, verbinden die drei das eigene Leben auf Tour mit extremen Existenzängsten, Ferguson, Nestlé und anderen politischen Themen. Da das sehr direkt und gleichberechtigt im Vordergrund abgemischt wurde, geht nicht alles sofort ins Ohr, muss man sich manchmal erst durch ein dichtes Lärmwerk arbeiten. Aber schnell schälen sie sich dann heraus, die herrlichen Melodien, die epischen Panoramen in der Nussschale, das bittersüße Netz der Assoziationen. Ein Feuerwerk, keine Nebelkerze. (8.3) Thomas Vorreyer

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Nadine Shah - "Fast Food"
(Apollo/Alive, seit 3. April)

"Check your pulse when I speak", fordert Nadine Shah in "Stealing Cars", dem Herzstück ihres zweiten Albums "Fast Food", als wäre sie diese Mucksmäuschenstille gebietende Walküre, die man hinter der Theatralik ihrer Diamanda-Galas-Stimme vermuten könnte. In Wahrheit soll Miss Shah aber eine überaus lustige und lockere Person sein, heißt es. Nur in ihren Songs kommt halt eine melancholische Seite zum Schwingen - und schrappt dabei immer wieder am Bodensatz des Daseins entlang, wühlt Dreck und Blut und faulige Erinnerungen auf. Auf welch eindrucksvolle Art und Weise ihr das gelingt, zeigte Shah vor zwei Jahren auf ihrem zu Recht und auch von uns bejubeltem Debüt "Love Your Dum And Mad".

"Fast Food" ist nun das, gemessen an der langen Entstehungszeit des Debüts, recht schnell hinterhergeschobene zweite Album, das ja immer nur enttäuschen kann. Eigentlich. Tut es aber nicht, weil es nicht vorgibt, die gleiche Tiefe in Anspruch zu nehmen wie eine Sammlung von Songs, deren Entstehung bis in die Teenagerzeit zurückreichen. Herzblut fließt auch hier reichlich, aber es gerinnt schneller. Es geht nicht um die große, erste Liebe und das langsam heilende broken heart, sondern um die kleinen Affären und Begegnungen, die nur oberflächliche Narben und Schrammen hinterlassen. Amouröses Fast Food halt.

In diesen Miniaturen geht es durchaus deftig zur Sache. Etwa in "Fool", einer auf nadelnder Gitarre aufsattelnden Verhöhnung eines Verflossenen, der sich wohl für besonders clever hielt, ausgerechnet gegenüber Shah, die als Nachfolgerin von Nick Cave und P.J. Harvey gefeiert wird, mit Einflüssen wie Cave und Kerouac zu prahlen und auf unverstandenes Softie-Schaf im Wolfspelz zu machen: "You, my sweet, are a fool. You, my sweet, are plain and weak", ätzt sie ihm nach. Auch in "Matador" und "Nothing Else to Do" gibt sie, zwar bruised and battered, die am Ende Überlegene. Manchmal ist aber auch sie selbst diejenige, die im Staub zurückbleibt, enttäuscht, benutzt, "washed up", wie es in einem Song heißt. Dann bleiben die Phantasien vom Vamp, der die Männer mit der High Heel zerdrückt, tatsächlich Träume einer Pulp-Heroine: "Oh, it's criminal, I'm stealing cars in my dreams", singt sie in "Stealing Cars", dem zentralen und besten Song des Albums. Trommeln, Gitarren und Gesang, mehr braucht es zumeist nicht, um diese Noir Storys zu illustrieren.

"Living" ist dann, ganz am Ende, der Cliffhanger, ein erster Ausblick auf Shahs nächstes Album über das Leben als mittelloser junger Mensch im turbokapitalistischen, eigentlich längst lebensfeindlichen London unserer Zeit. Dann wird diese furchterregende, faszinierende private Auto-Exploitation auch noch politisch. (8.5) Andreas Borcholte

Waxahatchee - "Ivy Tripp"
(Wichita/Pias Cooperative/Rough Trade, seit 3. April)

Ich mag ja Künstler, deren Platten eine zusammenhängende, immer nur kurz unterbrochene Tagebucherzählung sind: Man hört länger nichts voneinander, dann gibt's ein Update, eine Art singender, klingender Brief über die neuesten Lebenslagen. Katie Crutchfield, die sich einst als Punk-Riot-Grrrl durch die Hardcore-Klubs ihrer Heimatstadt Birmingham, Alabama, polterte, ist so eine Künstlerin. Ihr erstes Album "American Weekend" handelte vom Umzug nach Brooklyn, dem kaputten, zügellosen neuen Leben in der City. "Cerulean Salt" war dann der Kater, es ging um Ernüchterung und verlorene Unschuld; und nun kommt mit "Ivy Tripp" der große Mitte-Zwanzig-Blues: Während Freunde, besonders die aus der traditionell geprägten Heimat, sich ins Früh-heiraten-und-dann-viele-Kinder-Schema fügen, stellt man fest, dass der alternative Lebensstil, für den man sich entschieden hat, auch so seine Schattenseiten hat. Einsamkeit, Rastlosigkeit, Heimatlosigkeit, dazu das Bewusstsein, zu ewiger Berufsjugendlichkeit verdammt zu sein. Davon handeln sarkastische, mit Verachtung in der Stimme vorgetragene Songs wie "Grey Hair", "Stale by Noon", "The Dirt" oder "Less Than" - Momentaufnahmen aus dem Alltag einer älter und weiser werdenden Antiheldin.

Weil "Ivy Tripp" so nachdenklich geraten ist, halten es viele Kritiker für das bisher beste Waxahatchee-Album, dabei ist es genauso gut oder schlecht wie die beiden vorherigen. Gut, weil Crutchfields Musik einige der schönsten und schmerzhaftesten Coming-of-Age-Texte enthält; schlecht, weil sie sich musikalisch nicht von ihren Neunzigerjahre-Vorbildern lösen mag, was allen drei Alben einen zuweilen anstrengenden Retro-Charme aufpresst: Liz Phair, The Breeders, Juliana Hatfield, Throwing Muses, all diese alten Emo- und Slacker-Heldinnen marschieren auch auf "Ivy Tripp" wieder wacker durchs Unterholz. Dem Zeitgeist entspricht das natürlich gerade sehr (siehe Sleater-Kinney-Comeback), und natürlich ist's letztlich Geschmackssache - aber schöner wär's, wenn Katie Crutchfield ihre interessanten und berührenden, durchaus heutigen Sorgen auch in Musik gießen würde, die etwas weniger nach 1995 klingen würde. Nächstes Mal bitte nicht das recycelte Briefpapier. (7.7) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
infinitejest 08.04.2015
1. Fehlt da nicht die wöchentliche Playlist?
...schade, finde ich nämlich immer inspirierend.
freddykruger, 09.04.2015
2. Bedauerlich
Leider wurde die neue Brian Wilson vergessen. Wohl nicht trendy genug.
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