Abgehört - neue Musik Ground Control to Major Tim

Sakrale Musik für einsame Astronauten: Das neue Album von Tim Hecker strebt nach Erleuchtung in höchsten Höhen. Außerdem: Cleveres Minimal-Sampling von The Field und zwei HipHop-Diven im Neunziger-Rausch.

Von und


Tim Hecker - "Love Streams"
(4AD/Beggars/Indigo, ab 8. April)

Stellen Sie sich mal vor, sie rasen gemütlich mit ihrem Raumschiff durchs All, vielleicht ja auf der Suche nach Kepler 438b, diesem mutmaßlichen Bruderplaneten der Erde, der einen roten Zwergstern umkreist, 500 Lichtjahre von uns entfernt. Sie sind allein, es ist Sonntag, sie fühlen die kosmische Leere um sich herum, keine Wärme, keine Familie, kein menschlicher Trost weit und breit. Sie suchen die Frequenzen ab, lauschen in den Abgrund aus Zeit und Raum, bis plötzlich Orgeln und Chöre erklingen, mit ihrem reinen, hellen, zu den Kirchenglocken und weit darüber hinaus wehenden Klängen, die nach Erlösung und Transzendenz sehnen, Körper und Geist mit Wohlklang fluten.

Sie sind Raumfahrer, Astronaut, ein nüchterner Spaceman im Dienste der Wissenschaft und Moderne, Religion ist Ihnen egal. Aber diese Musik, die aus der fernen Erdvergangenheit zu Ihnen durch den Äther dringt, berührt Sie dennoch, weil Menschen mit dem Geworfensein schlecht umgehen können, nicht nur Hirn und Herz, sondern auch Seele sind.

Doch der Sender ist zu weit entfernt, immer wieder überlagern Störgeräusche, Verzerrungen, elektronisches Knarzen, atmosphärisches Zerren, Nadeln und Brummen, Fetzen anderer Programme, mal eine Marimba, mal eine Pink-Floyd-Gitarre das elysische Aaaah-haaah der Engelschöre. Und doch entsteht durch diesen fragmentierten, scheinbar randomisiert zerhackten Strom der Geräusche eine Verbindung nach Hause, ein "Love Stream" von den urtröstlichen Klänge der kulturellen Heimat. Genauso überirdisch klingt das neue Album des kanadischen Ambient-Musikers Tim Hecker.

"Love Streams" führt einerseits die Erforschung sakraler Sounds weiter, die Hecker zuletzt auf seinem Album "Virgins" einen vorläufigen Höhepunkt erreichte, andererseits ist es aber auch ein kontemplativer Schritt zur Seite, ein Innehalten vielleicht, in dem Hecker den Clash analoger Instrumente, Schlagwerkzeugen, Gebläsen und Stimmen, mit digitalem Equipment konzentriert auskostet und zelebriert. Von der oftmals beengenden Düsternis vergangener Alben, darunter die Schlüsselwerke "Radio Amor" und "Ravedeath 1972" ist hier nichts mehr zu spüren. Hecker, der erneut mit seinen regelmäßigen Partnern Johan Johanssen und Ben Frost in Island aufnahm (aber diesmal nicht in einer Kirche), erinnert in majestätischen, zwischen Mittealter und Medienzeitalter oszillierenden Tracks wie "Obsidian Counterpoint", dem zweigeteilten "Violet Monumental" oder dem progrockenden "Black Phase" an die Experimente, die er 2011 zusammen mit Daniel Lopatin (Oneohtrix Point Never") auf "Instrumental Tourist" anstellte. Nur dass das Staunen über die Natur hier einem Bewundern spiritueller Klangwelten gewichen ist. Es geht nicht hinunter in die Ursuppe kontinentaler Driften, sondern in höchste Höhen. Und irgendwann, in "Voice Crack", nimmt der einsame Astronaut die E-Gitarre in die Hand, um das statische Krachen und Kollern als endlose Impro nachzunudeln.

"Fake church music" nennt Hecker selbst seine ambitionierte, aber ganz und gar nicht humorlose E-Musik. Inspiriert habe ihn diesmal, ganz weltlich, vor allem Kanye West: Die "liturgische Ästhetik" nach dessen lärmenden Album "Yeezus" habe ihn interessiert, also begab er sich auf die Suche nach einer "transzendentalen Stimme im Zeitalter von Auto-Tune". Wenn West also auf seinem aktuellen Track "Ultralight Beam" einen "god dream" beschwört und Gospelchor auf hypermodernen, digitalen R&B-Sound prallen lässt, dann sind, popkosmisch gesehen, Tim Heckers "Love Streams" gar nicht so weit entfernt, wie man glauben könnte. (8.2) Andreas Borcholte

Tim Hecker - Love Streams

Castrati Stack von Tim Hecker auf tape.tv.

The Field - "The Follower"
(Kompakt/Rough Trade, seit 1. April)

Eigentlich braucht ein Künstler nur eine gute Idee. Das reicht. Ist sie gut genug, wird irgendwann ein Stil draus. Auf Musik übertragen: eine Soundästhetik. Bei dem Techno-Produzenten Axel Willner, einem in Berlin lebenden Schweden, ist das so. Seit dem ersten The-Field-Album, dem programmatischen "From Here We Go Sublime", verfolgt er eine ganz bestimmte künstlerische Vision, die man Loop-basierten Ambient-Techno-Pop nennen könnte, wenn es nicht ein Wortungetüm wäre, das den warmen, eleganten und sofort als The-Field-Tracks erkennbaren Stücken so gar nicht gerecht würde.

Alle The-Field-Stücke kreisen um ein oder zwei Samples aus alten Popsongs. Bei den ersten The-Field-Platten waren die Samples noch erkennbar, da benutzte Willner etwa "I Only Have Eyes For You" von den Flamingoes, "Everybody's Gotta Learn Sometime" von The Korgis oder "Hello" von Lionel Richie. Inzwischen erkennt man sie zumeist gar nicht oder erst nach einer Weile. Die Samples bilden das organisatorische Zentrum jedes Stücks. Die Rhythmusspur, den Bass und die verschiedenen Effekte, die Willner benutzt, all das gibt es auch noch. Aber der Zauber kommt aus dem Sample, das Willner dann dreht und wendet, wieder und wieder loopt, manipuliert und verhallen lässt.

"The Follower" heißt das neue Album, und es sieht aus wie alle anderen: eine schöne grafische Übersetzung des Umstands, dass Willner an einer schlüssigen Soundästhetik arbeitet. Es ist das wahrscheinlich Rhythmus-orientierteste der Reihe. Das erste, das Titelstück, könnte großer Techno für die große Halle sein, aber auch die anderen Stücke haben deutlich stärkeren Schub als früher. Die Samples sind auf Sekundenlänge heruntergeschrumpft, ein kurzer Gitarrenton, aus Pink Floyds "Shine On You Crazy Diamond" ("Pink Sun"), ein Frauenschrei ("The Follower"), ein ätherischer Seufzer ("Monte Veritá") - aber die Magie ist noch da.

Diese Musik entfaltet einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Ist es das menschliche Element, das diese Stücke durchzieht und das diese Maschinenmusik mit heller Wärme von innen leuchten lässt? Ist es das Gefühl, das diese Stücke eben nicht in der ewigen Gegenwart einer Tanzfläche spielen, sondern auf geheimnisvolle Weise auf eine Vergangenheit zurückgreifen, die man gleichwohl nie wirklich zu fassen bekommt? Oder ist es ganz banal der Umstand, dass man Willner beim Sampler-Spielen zuhören kann wie einem Gitarristen bei einem Solo? Alles ein bisschen, wahrscheinlich. Kann auf jeden Fall noch ein paar Alben so weiter gehen. (8.0) Tobias Rapp

Kamaiyah - A Good Night In The Ghetto
(Stream oder Download via www.soundcloud.com/kamaiyah)

"I got niggas, I got niggas, I got niggas, OWWW": Das ist so eine Zeile, bei der man sehr vorsichtig sein muss, wenn man sie unbedacht euphorisch im Club mitgrölt, zumal als weißer Mann jenseits der Vierzig. Gut, da muss man im Club sowieso mit allem Möglichen vorsichtig sein, wenn man sich überhaupt noch hintraut, aber das ist ein anderes Thema. Kamaiyah aber ist eine junge Rapperin aus Oakland, die im vergangenen Jahr mit ihrer Single "How Does It Feel" Wellen schlug und nun ihr erstes Album in Form eines Mixtapes veröffentlicht hat.

Für ältere HipHop-Interessierte wie mich ist "A Good Night In The Ghetto" genau das Richtige, denn Kamaiyah war zwar noch ein Baby, als ihre Heldinnen Missy Elliott, Aaliyah, TLC und, ja, Bay-Area-Ikone MC Hammer Hits hatten, ihr Sound ist dennoch so Neunzigerjahre-retro - Bummm-klackerlackerlacker-Beats, wabernde Zapp-Bassläufe und irrlichternde P-Funk-Synthies inklusive - dass er prädestiniert dazu ist, den ganzen kommenden Sommer zu beschallen. Neunziger-HipHop dominiert schließlich, wenn alles andere versagt, noch jede Party in den letzten Zuckungen. Wird allerdings auch mal höchste Zeit, dass dem gemeinen HipHop-DJ mal was anderes an die Hand gegeben wird, als immer nur "O.P.P.", "I Got 5 On It" oder "Hip Hop Hooray". Ich meine, Jesus.

Kamaiyah stemmt sich also gegen den Hustensafttrance-Trap-Trend aus Atlanta und Umgebung, der den eher jugendlichen, progressiven US-Rap zurzeit beherrscht, aber sie macht das mit sympathisch lässiger Geste, als würde sie eben, wie im Titel suggeriert, eine entspannte Block-Party auf den Treppenstufen feiern. Ihre Arrangements und Themen sind so unaufgeregt und zurückhaltend wie ihre lakonische Stimme, aber die Hooks? Sind pures Gold. "I've been broke all my life/ Now I wonder/ How does it feel to be rich" (aus "How Does It Feel") ist so eine Zeile für die HipHop-Ewigkeit, aber auch das Manifest jedes Hennessy-aus-der-Flasche-Trinkers, "Out The Bottle", hat Hymnen-Qualitäten: "Woopty-woop-de-woop" grölen Männerchöre im Hintergrund: Whooomp, there it is, möchte man da fast zurückalbern.

Im schön träge dahingluckernden "Niggas" geht es übrigens darum, dass Kamaiyah sich nicht von irgendwelchen Boyfriends an die Leine legen lassen will, sie pocht auf ihr Recht auf Selbstbestimmung und Promiskuität: "He says that he wanna be my girlfriend/ But he can't tie me down/ Because I don't wanna be his girlfriend/ At least not right now". Muss man nicht verstehen, rappt sie, "but this is how I'm living". Herrlich. Einziger Stargast ist Westcoast-Veteran YG, der ihr im gemeinsamen Track weise rät: "Don't fuck it up, girl". Genießen wir den Moment. (7.8) Andreas Borcholte

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Azealia Banks - "Slay-Z"
(kostenloser Download via Twitter @AZEALIABANKS)

Jaja, die Neunziger, die kommen nicht nur wieder, die sind schon längst wieder da. Nicht nur politisch (Srebrenica-Prozesse, Streit um Berg-Karabach!), sondern natürlich vor allem modisch und musikalisch. Haben Sie sich auch schon dabei ertappt, zur aktuellen Esprit-TV-Werbung unwillkürlich mitzuraven? Pump up the Jam und so? Erwischt.

Azealia Banks ist nicht nur eine der unbequemsten und talentiertesten Musikerinnen, die sich gerade in der US-R&B-Blase bewegen, sie ist sogar so eigensinnig, dass sie aus Protest gegen die manipulative Industrie gerade keinen Plattenvertrag hat. Was sie nicht davon abhielt, ihr jahrelang von Universal verzögertes, letztlich aber sehr gutes Debüt-Album "Broke With Expensive Taste" in Eigenregie zu veröffentlichen. Auf Tournee triumphierte sie dann als versierte Entertainerin, die ihre Highspeed-Raps mit Gesangsparts kontrastierte, die eine House-Diva erblassen lassen würden. Jetzt legt Banks mit dem kokett betitelten Mini-Album "Slay-Z" nach - und, wer hätte das gedacht: Es bebt geradezu vor Neunziger-Reminiszenzen. Mitproduziert hat der aufstrebende Jungkanadier Kaytranada.

"Along The Coast" eröffnet das Album zunächst mit einem gemächlichen Swingbeat, aber schon in "The Big Big Beat", einer fröhlichen House-Pop-Hymne, wird Banks zu Betty Boo, eine Pose, die sie später in "Queen Of Clubs" gleich nochmal einnimmt, komplett mit Trance-Techno-Rampe ins Nirwana: Rhythm is a dancer, y'all!

Interessant wird es, wenn Banks ihre Eurodance-Skills mit ihrem Rap-Verständnis mischt, wie in "Skylar Diggins", ein harter Battle-Track, der mit enervierender Penetranz auf einem 2Unlimited-Zitat aufsattelt: Für Azealia gibt es buchstäblich no limit. "Cant't Do It Like Me" heißt denn auch programmatisch der beste Track, eine konzentrierte, geschmeidig dahinhuschende, sehr zeitgemäße Trap-Nummer, in der sich Banks zur männermordenden Ghetto-Queen Bee aufschwingt: "Bitches can't do it like me", wobei offen bleibt, ob's dabei ums Rappen oder Bumsen geht.

Egal. "Broke With Expensive Taste" war eleganter und subtiler, "Slay-Z" nähert sich dafür der streitbaren Twitter-Persönlichkeit an, als die Banks in der Szene gefürchtet wird. Dort ist sie zumeist so in your face wie das Nacktbild mit ihren frisch silikongepimpten Brüsten, das als Covermotiv dient: Oh Gott, Titten! Gibt aber natürlich auch eine "cleane" Version für die Medien. Darauf wäre in den Neunzigern nun wirklich niemand gekommen. Die waren nicht immer geschmackssicher, aber wohltuend weniger verklemmt. (7.5) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
oesiblog 05.04.2016
1. Gratulation
Das vorgestellte Album ist nah dran an der Symphonie für Hunde. Siehe und höre: https://oesiblog.wordpress.com/2015/04/23/symponie-fuer-hunde/
morgen_wurde 05.04.2016
2. Johan Johanssen?
Gemeinst ist nicht etwa Johann Johannsson? https://de.wikipedia.org/wiki/Jóhann_Jóhannsson
popeypope 05.04.2016
3. The Field
sorry, das macht Pegmayer auch. Und irgendwie stilsicherer. Nur hat der kein arriviertes Label wie Mute oder Rough Trade als PR-Backbone
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