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15. Juni 2013, 08:58 Uhr

Komponisten am Klavier

Neues aus dem Tastenlabor

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Am besten was Eigenes: Interpreten, die auch komponieren, bereichern das Repertoire und schärfen ihr Profil. So wie der junge Pianist Conrad Tao. Oder man gräbt nach Raritäten - das Label Grand Piano findet dabei regelmäßig Großartiges.

Komponieren nützt dem Interpretieren! Was große Dirigenten wie Furtwängler, Klemperer oder Boulez vorführten, sollten auch Solisten tun. Ganz besonders jene, die mit dem orchestralsten aller Instrumente, dem Klavier, umgehen.

Einige junge Pianisten haben diese Lektion gelernt: Der Club/Techno-Liebhaber Francesco Tristano komponiert filigrane Klanggedichte, ebenso wie der deutsche Newcomer Benyamin Nuss. Beide schöpfen aus dem Innovationsfundus des 20. Jahrhunderts und schärfen damit ihre klassischen Interpretationsweise.

Der US-Amerikaner Conrad Tao, 1994 in Urbana, Illinois, geboren, hat sich mit wettbewerbsgewinnenden Virtuosenstücken profiliert, bevor er jetzt eine CD mit buntem Programm vorlegt, eigene Werke inbegriffen. Natürlich kann man als Frischling der Szene nicht ausschließlich mit Uraufführungen debütieren. So rahmte Tao seine Kompositionen mit populären Stücken wie Ravels "Gaspard de la Nuit" und kleinen Perlen von Rachmaninow ein. Dazu als programmatisches Titelstück "Voyages" von der multitalentierten Musikerin Meredith Monk, damit die Gegenwärtigkeit sogleich präsent ist.

Alles wirkt mit allem zusammen: "Als Komponist/Pianist kann ich beide kreativen Impulse bei jeder Aufführung spüren", sagt Conrad Tao, "ich kann gleichzeitig das Konzipieren eines Werkes erfassen und es gleichzeitig realisieren, ihm so seinen Sinn geben." Zunächst hat Tao natürlich seine Performer-Karriere im Blickfeld, doch: "Ich liebe auch die Arbeit im Team. Ich schreibe sehr viel für andere, nicht mit ihnen zusammen, aber es interessiert mich stets, wie andere Künstler mit meinen Ideen umgehen und zu anregenden Ergebnissen gelangen."

Mit iPod und den Beach Boys

So klingen Conrad Taos Stücke eher emsig suchend als siegesgewiss. Er bewegt sich auf dem Terrain, das Etiketten liebende Hörer als "New Classical" bezeichnen, doch bei den stilistischen Eckpfeilern seiner CD - Monk und Ravel - kann man diese Schublade geschlossen halten. Von Repetitionen eines Steve Reich hält er sich fern, Eric Satie hingegen dürfte Tao schon sehr intensiv gehört haben. Nie verlässt er den Boden der Tonalität. Das feinmechanische Wirken ist seine Domäne, nicht die urkräftig in Form gehauene Ton-Skulptur. Und manchmal arbeitet er auch mit dem iPod oder bearbeitet Beach-Boys-Preziosen wie "Surf's Up".

Ein erfolgreicher Pianist seiner Zeit war auch Mili Balakirew (1837-1910), der Mitbegründer der "neurussischen" Komponistenschule, zu der auch Alexander Borodin, Modest Mussorgski und Nikolai Rimski-Korsakow gehörten. Balakirew galt als brillanter Virtuose, der auch effektvolle Stücke schrieb. Bei dem verdienstvollen, seit März 2012 aktiven Label Grand Piano (im Naxos-Vertrieb) erschien jetzt die erste CD einer Reihe mit dem kompletten Klavierwerk Balakirews. Diese CD, eingespielt vom britischen Pianisten und Balakirew-Kenner Nicholas Walker (er nahm bereits in den neunziger Jahren dessen Werke für CD auf), vereinigt drei opulente Sonaten (darunter eine Erstaufnahme), die stilistisch und technisch einen vitalen Eindruck von Balakirews Musik bieten.

Auch Interpret Walker komponierte schon während seines Studiums an der Royal Academy of Music und kultivierte das Image des "perfekten Virtuosen mit bestechender Intelligenz" (BBC). Zwischen barocker Klarheit und Fugato-Strenge, über Anklänge von Beethoven, Chopin und Liszt bis hin zu volksliedseligen Einflüssen russischer Musik reichen die Einflüsse. Alles klingt griffig, nicht übertrieben abenteuerlustig. Für Pianisten allerdings bester Stoff: Das Feuerwerk, das Nicholas Walker hier abbrennt, macht Spaß und liefert den perfekten Einstieg in die volkstümliche Kraft der "neurussischen Schule".

Mehr als 30 CDs sind bisher bei Grand Piano erschienen. Das Label vereint weniger bekannte Komponisten wie Joachim Raff oder Percy Grainger sowie originelle Einspielungen der Klavierwerke von Saint-Saens, Tcherepnin oder Weinberg. Durchweg sind es nicht die großen, teuren Stars, die hier aufspielen, sondern Spezialisten, die sich mit Hingabe diesem Randrepertoire widmen. Auch wenn nicht alle Entdeckungen epochal sind, so garantiert die Könnerschaft der Interpreten doch immer eine authentische Darstellung: eine Schatzinsel des Klavierspiels.


Conrad Tao: Voyages. EMI Classics; 16,99 Euro.
Nicholas Walker: Balakirev - Klavierwerke Vol. 1. Grand Piano/Naxos; 15,15 Euro.

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