Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Hat sich das lange Warten auf ein neues Album der kanadischen Kritiker-Heldin Grimes gelohnt? Leider eher nicht. Außerdem: Sagenhaftes von Anna von Hausswolff, Lo-Fi-Lärm aus Seattle und Neues aus dem Berghain.

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Grimes - "Art Angels"
(4AD/Beggars/Indigo, seit 6. November, nur digital)

Manchmal ist die Wartezeit die schönste Zeit. Eine Zeit, in der die Idee von dem, was da kommen mag, noch vage ist; oft hoffnungsvoll, geformt von Erwartungen. Diese Zeit kann abrupt enden. Und das fühlt sich nicht immer gut an.

Nicht nur, aber auch in der Popmusik ist das Warten ein Leitmotiv. Das Warten auf das Konzert, nachdem man die Karte gekauft hat; das Warten auf die Band, wenn man im Klub steht; das Warten auf eine Überraschung, siehe Dr. Dre, oder auf ein Comeback, siehe Blur; und, natürlich, das Warten auf das neue Album, von dem schon lange jeder spricht: "Anti" von Rihanna, "Swish" von Kanye West und eben auch: die neue Grimes. Jetzt ist sie da, 14 Songs, 49 Minuten, "Art Angels" steht drauf. Hat sich das Warten gelohnt?

Claire Boucher (ein aktuelles Porträt lesen Sie hier), 27, die sich Grimes nennt, hat uns lange warten lassen. Die Wartezeit nach dem tatsächlich visionären "Visions" von 2012 wurde gelegentlich durchbrochen von "Gleich geht's weiter"-Meldungen, von Stücken wie "Go", eigentlich für Rihanna geschrieben, in seinem verhallten Pathos aber im Grunde perfekt für Grimes, oder von einem zauberhaft ungehobelten Demo des Tracks "Realiti". Die hohen Erwartungen kamen, wie so oft, von Seiten der Blogger und Journalisten, die eine Vorstellung von Grimes als neuer Lady Gaga oder gar Madonna formten.

Mit "Art Angels" trifft Grimes diese Erwartungen erst einmal nicht. Mit ihrem vierten Album zeigt Boucher vor allem, dass sie ein Kind unserer Zeit ist, von der Madonnas "Rebel Heart" Lichtjahre entfernt ist und in der Indie und Mainstream sich manchmal so innig umarmen, dass man sich fragt, wer nun wer ist: Zuletzt bei Miley Cyrus' überzuckerten Zuckungen auf "Miley Cyrus & Her Dead Petz", bei The Weeknd, der mit vernebeltem R&B aus den Blogs in die Charts gehüpft ist, und auch bei dem Indie-Heiligtum schlechthin, dem Hype-Generator "Pitchfork", der neuerdings zu einem der größten Verlage gehört.

"Art Angels" ist auf den ersten Blick der erwartete Schritt in Richtung Pop, aber es ist ein tastender Schritt, ein geplanter. Und das hört man. Grimes' viertes Album ist das Dokument einer Gratwanderung, an deren Ziel man nicht mehr so recht weiß, welchen Weg man nun eingeschlagen hat.

Alles beginnt dramatisch, mit einem Opener, der klingt, als hätten der Komponist Jon Brion, John Lennon und Paul McCartney sowie ein minderjähriger Kirchenchorsolist das Intro einer Science-Fiction-Serie aufnehmen wollen ("Laughing and not Being Normal"). So weird, so gut.

Was folgt, klingt jedoch nicht, wie einst "Visions", nach Pop vom Mars, sondern nach heimgekehrter Weltraumsonde: seltsam geerdet.

Da gibt es so etwas wie einen Indie-Sound, der zum Lärm neigt, aber aufpasst, dass alles immer schön hörbar bleibt: Etwa in "Scream", in dem Boucher schreit und die Taiwanesin Aristophanes rappt: Das plätschert nett vor sich hin, dabei hatte man den Tsunami schon kommen sehen.

Und da gibt es so etwas wie Pop, der sich gern selbst Schmerzen zufügt, indem er Hits andeutet, aber nicht zulässt: "Realiti" ist zu einem Stampfer verkommen, der zwar immer noch einen schwebenden Refrain hat, im Vergleich zum Demo aber an Leichtigkeit verloren hat. Oder "Venus Fly": durchgängiges Tanzflächengeballer, aber nirgendwo eine Hookline zum Festhalten. Am ehesten gelingt noch "Kill V. Maim", einem domestizierten Höllenhund, die spannungsreiche Balance zwischen fauchender Bestie und zutraulichem Plüschtier.

Auf "Art Angels" mangelt es vor allem an der impulsiv wirkenden, abseitigen Pop-Schönheit, die "Visions" ausmachte. Eine sich erst auf den zweiten Blick offenbarende Schönheit, so neu und entrückt, dass man sie noch nicht richtig definieren konnte - und es auch nachträglich nicht will, um ihr keinen Schaden zuzufügen. "Visions" war eine Ansage, "Art Angels" ist ein Kompromiss. Und noch dazu kein besonders guter.

Die letzten Worte auf "Art Angels" deuten an, wie man die Wartezeit zum nächsten Grimes-Album überbrücken kann: mit weniger Erwartungen. "If you're looking for a dream girl", singt Boucher in "Butterfly", "I'll never be your dream girl". Okay. (6.7) Jurek Skrobala

Flesh Without Blood von Grimes auf tape.tv.

Anna von Hausswolff - "The Miraculous"
(City Slang/Universal, ab 13. November)

Wohin würden Sie gehen, wenn Sie ein Wunder erleben wollten? Anna von Hausswolff, die schwedische Musikerin mit dem sagenhaften Namen und der großartigen Fähigkeit, Kirchenorgeln außerweltliche Klänge zu entlocken, würde an einen Ort namens "The Miraculous" gehen. Natürlich verrät sie nicht, wo der sich befindet, aber es gibt ihn: Irgendwo in den Wäldern von Schweden, wo die Natur zu vibrieren scheint, so lebendig ist sie. Dort verbrachte von Hausswolff als Kind viel Zeit und ließ sich von ihren Eltern Folkmusik vorspielen oder mystische Geschichten erzählen.

Das mögen die grimmschen Märchen ebenso gewesen sein wie vielleicht Astrid Lindgrens "Pomperipossa in Monismanien", mit dem sich die schwedische Nationaldichterin in den Siebzigern bitter bei ihrem Staat über dessen Steuergier beschwerte. "Pomperipossa liebte ihr Land, seine Wälder, seine Berge und Seen und seine grünen Wiesen", und Pomperipossa war natürlich Lindgren selbst. So heißt nun nicht nur ein hymnisches Stück auf Anna von Hausswolffs drittem Album, sondern auch ihr neu gegründetes Label, auf dem bald ein schwedischer Künstler mit seinem minimalistischen Drone erscheinen soll. Auf Kassette.

Minimalistisch ist erst mal nichts an "The Miraculous", im Gegenteil: Dominierte noch auf "Ceremony", von Hausswolffs allgemein bejubeltem letzten Album, das Sakrale und Introvertierte, bricht nun ein brachialer, kathartischer Sound heraus, der bisher nur in der zarten Organistin geschlummert haben mag: Die Trommelwirbel und Gitarrenfeedbacks, das schamanische, an Swans und andere Noise-Schwergewichte erinnernde Dröhnen des knapp elf Minuten langen "Come Wander with Me/Deliverance", einem schürfenden, schabenden Trip in die geschichtlichen Sedimente Schwedens.

Denn von Hausswolff, sagt sie, kann die Natur rund um ihr Wunderversteck, so schön sie auch sei, nicht mehr betrachten, ohne dass ihr bewusst ist, wie viele Menschen dort einst ihre Leben ließen, bei einem Aufstand gegen den König vor vielen, vielen Jahren.

Es geht also, ähnlich wie auf dem nicht minder majestätischen neuen Album von Joanna Newsom, um Schichten, Auftürmungen von Zeit und Ereignissen, die einen Flecken Erde mal zum Schlachtplatz, mal zur Erlebnisstätte kindlicher Unschuld machen. Diese Transzendenz von Raum und Zeit spiegelt von Hausswolff nicht nur durch die Auflösung traditioneller Songstrukturen und mit ihren intensiven Gesängen über Märchenhaftes und Allegorisches, sondern auch mit allerlei analog erzeugten Naturgeräuschen. Ein schrilles Piepen zum Beispiel, das Vogelgezwitscher evozieren soll, entsteht, wenn man Orgelpfeifen unter Wasser entlüftet.

Aufgenommen wurden solche Wunderklänge in der nordschwedischen Stadt Piteå mit einem 9000 Pfeifen starken Konzertortgel-Ungetüm, das dort im holznüchtern skandinavisch gestalteten Musiktempel Acousticum steht und der Musikerin und ihrer Band zur Verfügung stand. Mit ihrer harfespielenden Kollegin Newsom hat Anna von Hausswolff nicht nur das Faible für Folklore und exotische Instrumente gemein, sondern auch den künstlerischen Impetus, das Ätherische, Ungreifbare mit Musik emotional erfahrbar zu machen. Allerdings auf schwarzmagischere, im Doom und Gloom der schattenreichen europäischen Kultur- und Kriegsgeschichte wühlende Weise als die Kalifornierin.

Kein Märchen kommt ohne Monster aus, aber auch die Schönheit darf nicht fehlen. Mit "Stranger" mündet dieses nach Asche, Rost und Knochen schmeckende Album dann doch noch auf einer besänftigend warm fließenden Folk-Ballade. Mirakulös. (8.5) Andreas Borcholte

Evocation von Anna von Hausswolff auf tape.tv.

Car Seat Headrest - "Teens Of Style"
(Matador/Beggars/Indigo, seit 30. Oktober)

Car Seat Headrest ist nun wirklich einer der bescheuertsten Bandnamen der jüngeren Historie, gerade deshalb wird man ihn sich gut merken können. Sollte man vielleicht auch, auch wenn der Thrill ja bekanntlich erst anfängt, wenn man besagte Kopfstütze im Auto entfernt - und beim Unfall ein Schleudertrauma riskiert, Rock'n'Roll.

Damit kennt sich Will Toledo, der erst 22 Jahre alte Selfmade-Musiker hinter Car Seat Headrest ganz gut aus. Seit er 17 ist, veröffentlicht er herrlich schrammelnde und Lo-Fi-lärmige Songs über Teenage Angst und alles, was so dazu gehört, wenn man in einer amerikanischen Kleinstadt aufwächst und sich irgendwie anders fühlt als die anderen. Kennt man ja. Für Teens Of Style, seinem Debüt auf dem renommierten Indierock-Label Matador, stellte Toledo quasi ein Best-of aus seinen bisher neun (!) auf Bandcamp veröffentlichten Alben zusammen und nahm die alten Sachen neu auf. Sein "richtiges" Label-Debüt mit neuem Material soll nächstes Jahr erscheinen.

Bis es so weit ist, kann man sich mit der gitarrenstarrenden Hüsker-Dü-Hommage "The Drum" in Melancholie suhlen oder zum Strokes-artigen Banger "Something Soon" lebensmüde mit dem Kopf nicken. Auffällig ist Toledos Sinn für die einfachen, aber hartnäckigen kleinen Melodien, die er mit scheinbarer Leichtigkeit durch den auf Fuzz und Distortion gestellten Verstärker jagt. Die Vorbilder sind immer klar erkennbar: Guided By Voices, Pavement natürlich, dazu viel Hall und die süße, tollkühne Verpeiltheit der Sixties-Psychedelik.

Vor allem mit Stephen Malkmus und vielleicht Conor Oberst eint Toledo die Vorliebe, seine Texte möglichst unverklausuliert zu halten, er ist im besten aller Sinne prosaisch: "Like a child I am speaking to no one, spitting words out like dirt", singt er schön lakonisch in "No Passion". Inspiriert zu dieser Eindeutigkeit habe ihn die Verzweiflung, aus Michael Stipes verkünstelt-absurden R.E.M-Texten schlau zu werden. Muss man einfach lieben, den Mann. (7.5) Andreas Borcholte

Various - "Ostgut Ton/Zehn"
(Ostgut Ton, seit 30. Oktober)

Die Bedeutung des Berghain für die Entwicklung von Techno kann man gar nicht groß genug einschätzen. Nicht nur, weil es diesem Klub wie keinem anderen gelungen ist, maximale Sichtbarkeit für diese Musik herzustellen, ohne musikalische Kompromisse einzugehen. Sichtbarkeit kann aber auch ein Problem für die Entwicklung jeder Subkultur sein: Manchmal ist es gut, im Licht der Öffentlichkeit zu stehen, aber eben nicht immer.

Dem Berghain würde dieser Balance-Akt nicht gelingen, wenn das ästhetische Programm des Klubs nicht so entschieden wäre. Von Anfang an hat das Berghain (und sein Vorgängerklub, das Ostgut) an den geraden und großen Techno geglaubt, diese Musik, die Anfang der Nullerjahre deutlich in die Jahre gekommen zu sein schien: Diese Musik hätte auch langsam verbleichen können. Im Ostgut und im Berghain wurde sie jedoch gesandstrahlt und in frischer Schönheit wieder unter die Leute gebracht. Darum ging es und darum geht es.

Zehn Jahre gibt es das dem Klub angeschlossene Label Ostgut Tonträger nun. Zum Geburtstag ist eine opulente Box mit 30 Stücken von ebenso vielen Produzenten erschienen, verteilt auf zehn Maxis, das Ganze wunderschön ausgestattet (Wer das Vinyl unausgepackt ins Regal stellen will, kann sich auch noch eine Triple-CD dazu besorgen).

Elektronische Tanzmusik wird hier entlang der beiden Linien erzählt, die jedes Klub-Wochenende hat: Techno für die große Tanzfläche im Berghain; House für den kleineren Dancefloor in der Panoramabar. Alle Resident-DJs sind dabei: Efdemin mit einem schönen, minimalen Loop-Techno-Stück, Marcel Dettmann, der große Brutalist des Berghain, der Veteran Luke Slater alias Planetary Assault Systems; Answer Code Request hat ein melancholisches Stück Techno beigesteuert. Von Nick Höppner kommt ein federleichter, hypnotisch-perkussiver House-Track.

Der Erfolg des Berghain ist ja im Grunde einfach zu erklären: der Laden ist der Star. Das DJ-Geschäft dreht mittlerweile längst wieder so heiß wie Ende der Neunziger, es hat sich ein neues Star-System etabliert, das die großen Klubs der Welt bespielt, jeden Abend einen anderen. Schaut man sich die Liste der Ostgut-Künstler an, stehen dort zwar einige Namen, die in diesem Zirkus eine wichtige Rolle spielen, aber sie sind eben mit dem Berghain und über das Berghain berühmt geworden - sie sind seine Botschafter.

Fast keiner der Berghain-Künstler ist jedoch wegen seines großen Namens hier gelandet. Das Berghain sucht sich die Leute aus, die passen, und gibt ihnen im Klub die Möglichkeit zu wachsen. Einige sind aus Brandenburg, andere aus Westdeutschland, wieder andere aus England. Wer im Klub bestehen kann und eine eigene musikalische Idee hat, wird in die Familie der Label-Künstler aufgenommen. Die, die selbst Musik machen und nicht nur spielen.

Dass Subkultur-Gemeinschaften auch Ersatzfamilien sind, ist oft schon behauptet worden. Meist läuft es darauf hinaus, dass die Muster, vor denen die Beteiligten überhaupt in eine Subkultur geflohen sind, bei wachsendem Erfolg doch wieder reproduziert werden. Im Berghain ist es anders. Weil es so ist, läuft der Laden. (8.7) Tobias Rapp

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
sorosch 10.11.2015
1. Anna von Hausswolff
Hätte nicht gedacht, hier etwas über Anna von Hausswolff zu lesen.
almostvoid 11.11.2015
2. musik usw
die neue cd von japanerin Pinky Doodle Poodle ist viel viel besser als was hier meistens los ist -[die schwedin ins dufte aber dass zu wenig]
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