Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Sind Sie ebenfalls verliebt in Maike Rosa Vogel? Klar, in wen auch sonst. Da stört dann sogar der kreisrunde Haarausfall von Maximo-Park-Leader Paul Smith nicht mehr. Außerdem: Rascheln mit Waldmensch Paul Buchanan - und Weinen mit ABBA.
Von Jan Wigger

Maike Rosa Vogel - "Fünf Minuten"
(Our Choice/ Rough Trade)

Neben einigen kleinen, recht putzigen Missverständnissen zu unseren notorischen Drei-Zeilen-Rezensionen, die wohl aus der fragwürdigen Einstellung resultieren, einfach mal ins Blaue zu mutmaßen (vulgo: zu beleidigen), anstatt die betreffende Person direkt zu kontaktieren, gibt es auch zwei große Fehldeutungen, die mich, euren Mann aus dem Volk, immer am meisten irritiert haben. Irrtum 1: Die Platten, die ich bei "Abgehört" bespreche, werden mir von einer kaltblütigen Redaktion, die jede einzelne Veröffentlichung in Deutschland minutiös und brutalst überwacht, vorgeschrieben. Falsch, ich wähle jede Platte, die ich bespreche, selbst aus. Irrtum 2: In "Abgehört" hat es sich - wie in jedem öden Umsonst-Blatt und auf jeder inhaltlich wie stilistisch fragwürdigen Website - gefälligst nur um die jeweils besprochene Platte zu drehen, siehe "Karstadt Magazin", "Bäckerblume" oder "Rocks". Falsch, denn "Abgehört" ist eine Kolumne (Bedeutung bitte bei Max Goldt nachschlagen), in der es zuweilen um mich (dieser arrogante/ schnöselige/ eingebildete Typ, den ihr noch nie getroffen habt und der privat nur Schlager und Marschmusik hört), zuweilen um Fußball, Kino, Literatur, Trash-TV, Zeitgeschehen und Sachzwänge, und manchmal, aber nur manchmal auch um die vorliegende CD geht. You feel me?

Alles klar, denn heute darf ich mit großem Stolz verkünden, dass ich Maike Rosa Vogel liebe. Nicht erst nach fünf Minuten, sondern nach etwa jeweils 75 Sekunden von "Ich bin ein Hippie" und "Weizenfelder": Zwei ungewöhnlich frei flottierende und Gott sei Dank wahnsinnig uncoole neue Lieblingslieder in diesem jetzt schon viel zu warmen Seuchenjahr. Maike Rosa Vogels Vortrag ist sehr nah, sehr unmittelbar und unstudentisch, sie schlägt die Gitarrensaiten in der Art alter deutscher Protestsänger an und singt Sätze, für die ich ihr gerne jetzt sofort meine "Die Regenschirme von Cherbourg"-DVD und einen ganzen Sack voller lebender Lakritzschnecken schenken würde: "Als wir uns fanden, war ich bereit zur Revolution"; "Die Welt funktioniert anders, sagen Menschen mit Geld/ Und ich sag, ich kümmere mich um die, denen noch was anderes einfällt"; "Dich gewinnen war der größte Bluff meines Lebens"; "Und an einem Abend im Juni hab' ich mir die Formel für den Weltfrieden notiert". Mit "So hab ich dich bei mir" hat diese freundliche Kindergärtnerinnenstimme und absolute Humanistin, die mehrere Welten weg ist von Anna Depenbusch und Co., schon vor Jahren einen der erschütterndsten und universellsten Runterbringer in deutscher Sprache verfasst, doch "Fünf Minuten" - produziert von Sven Regener - ist eine der wenigen Platten, die auch und vor allem vom Glück des Lebens handeln - und trotzdem niemals peinlich sind. Ich glaub, das funktioniert, Charlotte. (8) Jan Wigger
(Nachtrag: Nur allzu gern hätte ich hier die seltene 9/10-Wertung vergeben, aber die neue Phantom Ghost ist sogar noch besser.)

Maximo Park - "The National Health"
(Vertigo/ Universal)

Im Jahre des Herrn 2005 ersann Paul Smith, ein belesener, listiger Typ mit kreisrundem Haarausfall und phänomenaler Plattensammlung "A Certain Trigger", bis heute die beste und kompletteste LP der inzwischen längst verkohlten Jugendbewegung "England brennt". Nach dem famosen "Our Earthly Pleasures" begann mit der unwirschen, dumpfen Unterwasseraufnahme "Quicken The Heart" und Smiths wunderbar ereignislosen Solo-Meditation "Margins" (die den Kids wenn schon nicht zu hoch, dann doch wenigstens zu lahm war) der Abschied auf Raten. Die Presse ist streng mit "The National Health", dabei handelt es sich um eine sehr gute Platte: Das dräuende, tastende "When I Was Wild" ist als Skizze viel zu schade, mit "The National Health", "Hips And Lips", "Banlieue" und "Wolf Among Men" gibt es "ordentlich auf die Zwölf" (das sagt man heute so), "The Undercurrents" und "This Is What Becomes Of The Brokenhearted" (angeblich eine Klavierballade, kann man ja einfach mal so hinschreiben) sinnen dem Schicksal der Zurückgebliebenen nach. Auf die gesonderte Nennung von einzelnen, besonders schönen Zeilen Smiths verzichten wir wie immer, denn auf den Text eines Songs zu achten, gilt in Deutschland als "prätentiös" und wird für gewöhnlich mit der Todesstrafe geahndet. (7) Jan Wigger

Paul Buchanan - "Mid Air"
(Newsroom/ Alive)

Nur sehr gelegentlich gab es Platten von The Blue Nile, einer schottischen Vereinigung aus Waldmenschen, Naturforschern, Anachoreten und Atemkünstlern, geführt von Paul Buchanan, den ich mir heute so vorstelle wie einen aus Notwehr schweigenden Bibliothekar, der außer ausgewählter moderner Klassik, Minimal Music, Vogelstimmen und den hermetischen, hingetupften Lautäußerungen von David Sylvian, Mark Hollis und Peter Gabriel überhaupt keine Klangfarben mehr braucht, um den Tag schneller verstreichen zu lassen. Buchanan schrieb einmal "Tinseltown In The Rain" und "From A Late Night Train", doch heute herrscht Stille, denn auf "Mid Air" hört man außer Klavier, verwehten Streichern und dieser noch immer aufs Äußerste wohlklingenden Laienbruder-Stimme nicht einmal mehr das Rascheln der Laubbäume. "Life goes by/ And you learn how to watch your bridges burn/ Didn't I tell you everything I wanted?". Wer Paul Buchanan adoriert, bewegt nun langsam, ganz langsam seinen linken Arm um 5 Millimeter nach oben. Mehr geht leider nicht. (8) Jan Wigger

ABBA - "The Visitors (Deluxe Edition)"
(Polydor/ Universal)

Dass "The Visitors" das traurigste, düsterste und hoffnungsloseste ABBA-Album überhaupt ist, wird zwar oft und vollkommen zu Recht behauptet, aber um die volle Dimension des Grauens zu erfassen und zu begreifen, wie stark die bandinterne Erosion voranschritt, wie tief die Gräben und die Furchen wurden, nachdem alles gesagt und getan wurde, sollte man die Lyrik von "The Visitors" vielleicht doch noch einmal mit "Ring Ring" und "Waterloo" vergleichen. Zieht Thomas Hermanns und Georg Uecker diese Platte eigentlich nicht unglaublich runter? "The Visitors" ist aberwitzig, unglaublich und unverwüstlich, hier werden Enttäuschungen, Zerwürfnisse und verwaiste Seelenlandschaften nicht nur skizziert, sondern bis ins Letzte abgesteckt (denken Sie an Gertrude Stein!), trotz der jederzeit schmeichelnden Musik, die einen permanent in Sicherheit wiegen will. Das göttliche "The Day Before You Came" gibt es neben anderen Ausgrabungen und einer Bonus-DVD erneut als Zugabe, zudem trieb man irgendwo das ultraseltene "From A Twinkling Star To A Passing Angel" auf, wohl als Schlusspunkt einer Bühnendichtung, die letztendlich fast so deprimierend ist wie Chris Wares graphic novel "Jimmy Corrigan - The Smartest Kid On Earth". Aber ist auch alles wirklich so passiert? Nun ja, Sie kennen meine Maxime: If it's true, it's craperoo. (9) Jan Wigger

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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