Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Wahnsinn: Dagobert textet wie Distelmeyer! Dafür kehrt sogar Jan Wigger kurz aus dem Sabbatical zurück. Außerdem: Westbams Musik ist egal, sein neues Album aber trotzdem gut, Chuckamuck haben den Späti-Blues - und Thee Oh Sees spielen "American Psycho" in der Sixties-Garage.

Von , Jan Wigger und


Dagobert - "Dagobert"
(Buback/Universal, seit 12. April)

Ich erntete zwölf Scheffel Bohnen und achtzehn Scheffeln Kartoffeln nebst ein paar Erbsen und Zuckermais. Der gelbe Mais und die Rüben waren zu spät angebaut worden und nicht aufgegangen. Mein Gesamteinkommen aus dem Anbau betrug: 8,71 Yen. Hatte ich die richtige Entscheidung getroffen? War meine bloße Existenz mir so unerträglich geworden, dass ich "Abgehört" für immer hinter mir lassen und mich ernsthaft in den japanischen Küstenort Fudai (Danke, Lamia!) zurückziehen musste? Ich hatte nur wenig Musik dabei: Eine Sammlung von Vogelstimmen, Sibelius, Hanns Dieter Hüsch, das "Tracks"-Box-Set von Springsteen natürlich, die "Everytime"-Maxi von Britney Spears (ich hatte viermal "Spring Breakers" gesehen und seitdem mehrere Löcher in meinem Herzen) und - "Dagobert".

Diese Platte machte mich komplett fertig, denn ihre Auswirkungen und Einschläge beeinflussten ganz unmittelbar mein Gefühlsleben. "Morgens um halb vier": Ein ganz tiefes, unstillbares Gefühl, das jeder kennt, der schon einmal geliebt hat. "In unserem Garten": Einer der erschütterndsten, schwärzesten, gemütvollsten Songs in deutscher Sprache seit Ewigkeiten. Immer wenn sich der schweizerische Hungerkünstler in sein verzweifeltes "Dann sind wir nicht mehr alleeeeeeiiin" reindrehte, konnte ich nur noch erzittern.

Mit Schlager haben zutiefst wahrhaftige Zustandsbeschreibungen wie "Für immer blau" oder "Hast Du auch so viel Spaß" selbstmurmelnd allein schon textlich nicht das Geringste zu tun; eher erinnert das alles überragende "Raumpilot" lyrisch an den späten Distelmeyer: "Heute bin ich Raumpilot/ Ich sterbe hier und bin dann tot/ Und morgen bin ich nur noch dieses Lied [...] Und vielleicht kannst du mich manchmal sehen/ Wenn in der Nacht die Winde wehen/ Dann klingt da dieses Lied das ich nun bin." Wenn man überhaupt etwas an "Dagobert" kritisieren möchte, dann die zwei, drei kirmeshaften Momente ("Ich mag deine Freunde nicht", "Ich bin verstrahlt") und die Tatsache, dass "Ich bin zu jung" in der akustischen, nackten Folk-Version viel unverhohlener und ergreifender ist. Ansonsten bitte nicht aufregen, ich bin ja auch gleich wieder weg und übergebe ehrfürchtig an die Gastrezensenten. Aber glaubt an die Echos, die Waldschluchten und die Felsklippen, glaubt an Dagobert! His love will not let you down. (8.8) Jan Wigger

"Ich bin zu Jung"-Clip von Dagobert auf tape.tv ansehen

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Westbam - "Götterstraße"
(Vertigo Berlin/Universal, ab 26. April)

Man muss es nur möglichst demokratisch halten. Jeder bekommt den gleichen Vier-Viertel-Marschtakt, wenige Akkorde in ähnlichen Tonarten und ungefähr das gleiche Tempo. So kann jeder dazu individuell glänzen: Westfalenkind und Mayday-Pionier Westbam hat sich mit seinem achten Album zum 30-jährigen Jubiläum als Techno-DJ einen alten Traum erfüllt und einfach mal stilübergreifend seine Lieblingsmusiker um Gesangstracks angehauen. Und die haben brav zurückgeschickt: Iggy Pop, Bernard Sumner (New Order), Brian Molko (Placebo), Inga Humpe, Richard Butler (Psychedelic Furs), Kanye West, Hugh Cornwell (The Stranglers) - ein Plattenkoffer mit dieser Mischung wäre das Richtige für eine schnafte Uniparty, auf der vom ersten bis zum 19. Semester durchgetanzt wird.

Mit Westbams Musik muss man sich auf "Götterstraße" also nicht lange aufhalten. Sie ist elegant minimalistisch und reduziert - würden die einen sagen. Die anderen könnten den Sound langweilig und nichtssagend finden, aber das sind dann die, die ohnehin nichts übrig haben für elektronische Musik, deren Markenzeichen Loops und vorhersehbare Dramaturgien sind. Durch die unterhaltsame Auswahl der Gastsänger etabliert sich Westbam jedoch als "DJ's DJ": Wenn der einzige Effekt sein sollte, dass ausgewiesene Technojünger so endlich zu Iggy Pop tanzen, ist das schon ein genialer Coup.

Iggy Pop, dem - wie den anderen auch - Westbam übrigens keinerlei Vorgaben bezüglich der Textinhalte gemacht hat, weil sein Respekt vor dem faltigen Rock-Leguan zu groß ist, hat demzufolge sein persönliches, in seiner Generation und musikalischen Genese angesiedeltes Gefühl zum Techno-Sound ausgedrückt: "One million Germans on dope/ Dancing a dance of hope/ In a logical trance" singt er in "Music", oder auch "I step beyond Rock'n'Roll", denn genau das tut er ja. "I hear terrible iron music, I hear beautiful iron music" - toleranter und poetischer kann ein Urpunk seine zögerliche Faszination gegenüber deutscher "Eisenmusik" kaum ausdrücken.

Richard Butler dagegen beleuchtet in "You Need The Drugs", das man versehentlich fast für eine Drogenhymne halten könnte, wenn man nur den Refrain beachtet, eine kaputte Beziehung im Ausgehmilieu und wie seine Freundin sich beim Gieren nach Drogen erniedrigt. Hoffentlich hören die chemisch aufgeputzen Kids auch genau zu, wenn sie bei einem vernebelten Rave einen der Dance-Mixe vom Song erwischen, die Westbam noch erstellen wird. Andere Gastsänger sind weniger doppeldeutig: Inga Humpe intoniert mit ihrer unverkennbaren Stimme auf "Götterstraße" einfach ein paar Mal "Götterstraße", das mag man oder nicht, und Lil' Waynes "Kick It Like Sensai" ist ein feister Dancetrack, bei dem die Kicks und Moves sich in Text und Rhythmus wiederfinden, mehr nicht.

Er komme aus der Geniale-Dilettanten-Ecke, sagte der Labelgründer (Low Spirit) und alte Technophilosoph Westbam neulich im Interview, und habe mit Musik, die aus zu vielen Noten besteht, eben nichts am Hut, beziehungsweise an der Basecap. Dem ist nichts hinzuzufügen. (7.0) Jenni Zylka

"You need the Drugs"-Clip von Westbam auf tape.tv ansehen

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Chuckamuck - "Jiles"
(Staatsakt/Rough Trade, seit 19. April)

Tja, Schicksal. Als ich vor Wochenfrist an dieser Stelle behauptete, klassische angloamerikanische Musik gehe nicht auf Deutsch, vor allem wegen der Sprache, kannte ich das neue, zweite Album der jungen Berliner Band Chuckamuck noch nicht. Da singt, nein, kräht der Sänger Oska Wald also Zeilen wie diese: Ich sitz' allein zuhaus/ Und alles fällt mir schwer […] Seit fünf Wochen geht bei mir... gar nichts mehr/ Und die Küche steht zwar voller Flaschen/ Aber die sind alle leer". Der zugehörige Song handelt von nichts anderem als dem "Laden unten an der Ecke", in Berlin also dem "Späti", und der "hat alles, was ich brauch'".

Das klingt nicht nur, als sollte Brit-Newcomer Jake Bugg sich da mal ein bisschen Straßenbelag abrubbeln, sondern auch nach den Stones, als ihnen noch alles scheißegal war. Außer dem Blues, versteht sich. Und den haben, oh Wunder, auch diese drei Jungs, die vor kurzem noch die Schulbank drückten, verinnerlicht wie zuletzt vielleicht Nils Koppruch, er möge in Frieden ruhen. Chuck Berry, Ramones und Sixties-Garagenrock von den Flamin' Groovies bis zu den Black Lips, im letzten Stück ("Laufe Laufe") sogar ein bisschen Tex-Mex-Folklore, bilden die Grundlage für diese burschikos verschrammelte, auf wenigen beherzten Akkorden rausgehauene Musik, die so gar nichts mit aktuellen Poptrends zu tun hat, sie ist nur auf sympathisch naive Art "heartfelt", wie der Engländer sagt, und muss deswegen also schon mal aus Prinzip umarmt werden. Und worum geht's so? Um den Laden an der Ecke, um den Roadtrip mit dem Hippiemädchen nach Amsterdam ("Hitchhike"), um Teenager-Sturm-und-Drang ("354 722 384") und um Schwärmereien vor dem Fernseher ("Scully"). Zu befürchten war, dass Highclass-Produzent Moses Schneider den Jungs die Ecken und Kanten zu sehr abschleifen würde, doch der, so erzählt es Staatsakt-Labelboss Maurice Summen, ließ die Band einfach ihr Proberaum-Setting im Studio wieder aufbauen und alles erstmal laufen.

Im lustigen Kopfnicken nach Hamburg, dem "Fischsong", hört man sogar noch einen Rest der großen, charmanten Chaotik, die die erste (Mono-)Single "Autofahrn" und das Debüt-Album ausmachte. Avanciertes Gegenstück zu all dem ungestümen Lärm ist das auf so etwas wie einem dilettantischen Dub-Rhythmus aufgebaute "War was", das im Mittelteil in geisterhaft-psychedelische Ambient-Geräusche zerfällt und auch im Text eher kafkaesk-kryptisch wirkt: "Ist es wahr, was sie sagen/ Hat man dich wirklich erschlagen", singt Wald, nebenbei Comic-Zeichner und Cover-Artist, in bester Beefheart-Paranoia. Bekannte Berliner Labelbesitzer und Pop-Koryphäen wie Martin Hossbach munkeln bereits, Chuckamuck könnten auch in UK ganz groß werden. Das wär ja mal was. Who the fuck are the Palma Violets? (7.5) Andreas Borcholte

"Hitchhike"-Clip von Chuckamuck auf tape.tv ansehen

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Thee Oh Sees - "Floating Coffin"
(Castle Face/nur Import, seit 19. April)

Vielleicht ist es nur folgerichtig für einen Mann, der auch schon mal ein schwules, deutsches Techno-Industrial-Nebenprojekt mit dem Namen Zeigenbock Kopf (sic!) unterhielt, was natürlich ein Fake war, sich jetzt endlich mal als psychopathischer Mordballadier zu outen. John Dwyer ist neben Ty Segall einer der Köpfe des Sixties-Garagenrock- und Psychedelic-Revivals aus San Francisco. "Floating Coffin" ist seine ungefähr dreizehnte LP mit Thee Oh Sees (innerhalb weniger Jahre), und vielleicht ist es seine bisher beste.

Darüber ließe sich trefflich streiten, denn stilistisch sind Thee Oh Sees ebenso sprunghaft wie in ihren Veröffentlichungsterminen. Allein die letzten beiden Alben "Carrion Crawler/The Dream" (2011) und "Putrifiers II" (2012) umrissen eine Bandbreite zwischen ausdefiniertem Krautrock und kratzigem, ungehobeltem Garagenpunk. Auf "Floating Coffin", dem ersten Album, dass er auf seinem eigenen Label Castle Face veröffentlicht, fügt Dwyer nun diese beiden letzten Aspekte zusammen - und poliert den Sound seiner Band gerade so weit auf, dass man ausnahmsweise mehr als sonst von den Texten versteht. Und was man da zu hören bekommt, ist so beunruhigend wie makaber faszinierend. Von "Night Crawlern" ist da die Rede, "Toe Cutters" und "Thumb Busters", Songs, zu denen Thee Oh Sees ihre zum Markenzeichen gewordenen schweren Fuzz-Riffs schwingen und, wie im Zehennagelschneider-Foltersong, bedenklich ins Psychotische taumeln lassen. Es ist ein irrer Killer, der hier in seinem schwimmenden Sarg durch ein Feld voller verrottender Erdbeeren stakt. Immer wieder türmen sich die Gitarrenriffs zu bedrohlichen Wellentürmen auf, rollen unaufhaltsam voran wie eine Höllenfeuer schnaubende Dampflok, die von Satan persönlich mit Skeletten befeuert wird. Dazu ertönt dann ein irres Lachen, wie in "Tunnel Time", einem mit lieblichem Psycho-Flötenspiel verzierten Song, der davon handelt, wild durch die Gegend zu morden.

"Nothing's Inside Of Me" jubeln helle Frauenchöre in "Maze Fancier" - das Leben ist ein Labyrinth, aus dem es kein Entrinnen gibt, und in dir drin breitet sich mit diesem Bewusstsein erst die Leere und dann der Wahnsinn aus. Am Ende folgt mit "Minotaur" dann noch eine von traurig-angeschrägten Streichern getragene Ballade, in der Dwyer mit nach verhallter Pixies-Stimme von einem Leben erzählt, dass nur noch mühselig von Pillen in der Balance gehalten wird: "I get sick at my work every day" - ein Amokläufer kurz vor dem Ausrasten. "Floating Coffin" ist ein süßer, schwarzmetallisch glänzender Candy-Stick aus dem Rockabilly-Diner der lebenden Punk-Leichen: Wenn du dran leckst, kommst du in die Hölle. Aber du kannst nicht anders. (8.0) Andreas Borcholte

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
hohlzahn 23.04.2013
1. ...
Mensch. Ich weiß ja nicht, was bei oder mit Ihnen los ist (Britney Spears?!?), aber Ihre Worte zu Herrn Dagoberts Erstlingswerk sind so warmherzig - ich muss Ihnen einfach zustimmen. Nenne ich doch eine Kopie davon seit Kurzem mein Eigen, und laufe seitdem mit einem Grinsen im Gesicht durch die Welt. Gut, hin und wieder kommen einem die Tränen. Aber Kleinödchen wie "Ich mag Deine Freunde nicht" machen das Leben wieder leichter. Lassen wir uns nicht von den Unwissenden davon abbringen, diese Platte so zu finden, wie sie schlicht und ergreifend ist: schlicht&ergreifend wunderbar.
neu_ab 23.04.2013
2.
Deutschland hatte mal echt coole Acts: Kraftwerk, Can, Tangerine Dream, diverse andere Krautrockbands. Doch dann kamen die Berufsschwurbler mit abgebrochenem Philosophiestudium der "Hamburger Schule" daher, & seitdem ist es nur noch peinlich um die deutschen Sangeskünste. Von den musikalischen Fähigkeiten dieser ältlichen Jungs an den Instrumenten will ich mal gar nicht erst anfangen... ;)
infinitejest 23.04.2013
3.
JW auf der Durchreise mit dreissig Scheffel Gemüse und guter Musik im Gepäck, da leg ich glatt nochmal 9 Yen drauf.
popeypope 23.04.2013
4. keine...
....von den o.g. platten ringt mir mehr als ein müdes lächeln ab. Wo zum Teufel sind die wirklich aufregenden Platten, die boundaries sprengen,, harte beats und inhalt transportieren, wie es seinerzeit z.B. die Pop Group oder On-U produktionen schafften? Ich sehe das nirgendwo
Svante07 24.04.2013
5. Ja klasse Musik!
Derartiges Geschwurbel in Schülerbandmanier wie von Chuckamuck war tausendfach schon da und auch bei Westbam mit den geklauten Rhytmen schlafen einem die Füße ein. Die psychodelische Grütze von Thee Oh Sees ist auch nicht mehr als ein verklebter Klangteppich. Ich frage mich, was sind das für Rezensenten und wo sind die Musiker? Was solls, Zeit vergeudet, aber Geld gespart. Danke!
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