Neue Jazz-Bücher "Operationen am Herzen der Musik"

Das müssen Jazzfans lesen: Ein nützlicher Schnellschuss über Gregory Porter - und eine tiefgehende Biografie über Keith Jarrett, der bald 70 wird.

DPA

Am 12. April 1953, um 3 Uhr nachmittags, bestritt ein siebenjähriger Junge im Woman's Club von Allentown im US-Bundesstaat Pennsylvania ein Klavierkonzert. Das Wunderkind spielte neben Werken von Bach, Mozart und Beethoven ein paar eigene Kompositionen.

Das war der Anfang von Keith Jarretts Karriere, der als junger Mann nicht in der Klassik-Branche landete, sondern in den stilbildenen Jazzbands von Art Blakey, Charles Lloyd und Miles Davis. Später leitete Jarrett seine eigenen Gruppen; vor allem aber profilierte er sich als Künstler, der im Alleingang atemberaubende Improvisationsauftritte wagte. "Jarretts Konzerte sind Besuche in der Werkstatt oder im Kreißsaal, Operationen am Herzen der Musik unter Aufsicht der Öffentlichkeit."

Das schreibt Wolfgang Sandner in einem der drei neuen Bücher, die Jazzfans lesen sollten. Sandner schildert mit dem Background des Musikwissenschaftlers den Lebensweg von Keith Jarrett. Wichtiger als private Anekdoten sind ihm Jarretts Werke. Sandner analysiert Album für Album. Weil er es versteht, Musik in Worten darzustellen, macht er neugierig: Man möchte Jarretts Töne zu Sandners Wörtern hören.

Dass der Biograf Jarretts millionfach verkauftes "Köln Concert" preist, während der Künstler selbst die Aufnahme schrecklich findet - und es darüber zum Bruch zwischen Jarrett und Sandner kam - ist kurios. Der hypersensible Pianist wird am 8. Mai 70. Jarretts Label ECM bringt deshalb zwei Alben heraus: "Creation" enthält Aufnahmen von Solo-Konzerten 2014 in Toronto, Tokio, Paris und Rom. "Samuel Barber/Bela Bartok" birgt Klavierkonzerte der beiden Komponisten, die Jarrett mit Sinfonieorchestern einspielte.

Kinder auf Jazzkonzerten

Während Sandner ein 368-Seiten-Werk vorlegt, bringt Christian Broecking einen Taschenbuch-Schnellschuß über den Sänger Gregory Porter heraus. Den derzeit in Deutschland wohl beliebtesten Jazzkünstler hat der Berliner Soziologe und Jazzexperte ausführlich interviewt. Und weil der 43-jährige Afroamerikaner sehr gebildet und politisch bestens informiert ist, beantwortet er ausführlich Broeckings Fragen, in denen es mehr um den Zustand der Gesellschaft geht als um neue Platten.

Porter tut das oft sehr praktisch. So rät er "Nimm deine Kinder mit, wenn Du ein Jazzkonzert besuchst", als es um die Verjüngung des Jazzpublikums geht. Zu den ewigen Mutmaßungen um seine Kopfbedeckung sagt er: "Ich musste an meiner Haut operiert werden, also war das mein Look für eine Weile." Dann habe er beschlossen, die "Mütze als sein Erkennungszeichen" weiter zu tragen.

Broecking ergänzt seine bisher unveröffentlichten Porter-Gespräche von 2011 und 2013 durch ältere "Interviews mit Künstlern, die Gregory Porter inspiriert haben: Nat Adderly, Oscar Brown Jr., Gil Scott-Heron und Abbey Lincoln".

Ein Spitzendiplomat schreibt über Jazz

Ein Saxofon auf dem Cover des Buches "Apfelindianer" signalisiert, dass es in dem Roman um den Aufstieg eines amerikanischen Ureinwohners zum erfolgreichen Juristen auch um Jazz geht. Der Protagonist Keanu Whiteriver lernt noch in seiner Reservatszeit Klarinette und Tenorsaxofon und macht später während seines Studiums in New Orleans als Jazzmusiker Karriere.

Die fiktive Geschichte stammt vom pensionierten Spitzendiplomaten Karl Theodor Paschke, der 17 Jahre in den USA lebte und sich besonders für die Lebensumstände der Indianer interessierte. Apfelindianer, außen rot, innen weiß, ist eine abschätzige Bezeichnung der US-Ureinwohner für Stammesbrüder, die sich bemühen, in der Welt der Weißen Fuß zu fassen.

Paschke ist dem Jazz lebenslang als Förderer und Musiker verbunden. So gründet er während seiner Zeit an der Botschaft in Kinshasa eine Band mit kongolesischen Musikern. Als Konsul in New Orleans organisiert er die Ehrenbürgerschaft der Jazz-Geburtsstadt für Klaus Doldinger. Von 1981 bis 1984 fungiert Paschke als Genschers Pressesprecher und reist mit seinem Altsaxofon im Gepäck um die Welt.

In sein Buch bringt Paschke nun seine Erfahrungen ein: Wie sein Protagonist Instrumente kauft, übt, lernt zu improvisieren und sich vom alten Jazz verabschiedet, um sich modernen Spielweisen zuzuwenden, nachdem er John Coltrane gehört hat. Nach der Lektüre von "Apfelindianer" kommt eine Frage auf: Weshalb gibt es unter den bekannten Jazzmusikern eigentlich keinen Indianer? Weiß jemand eine Antwort?

Drei neue Bücher für Jazz-Fans:

Wolfgang Sandner: "Keith Jarrett - eine Biographie" (Rowohlt/Berlin), 368 Seiten, 22,95 Euro.

Christian Broecking: "Gregory Porter - Jazz, Gospel & Soul" (Broecking Verlag), 140 Seiten, 16,99 Euro.

Karl Theodor Paschke: "Apfelindiander - Der Werdegang eines jungen Ureinwohners im Amerika des 20. Jahrhunderts" (Public Book Media Verlag), 727 Seiten, 24,90 Euro

Kommende Auftritte von Gregory Porter:
28.5. Hamburg, Moderator bei der Echo-Jazz-Verleihung
1.7. Berlin,
2. 7. Straubing,
3. 7. München,
4. 7. St. Goarshausen,
25. 7.Kiel,
Konzerte mit dem Metropole Orchestra; Tickets: 01806 626280 und (040) 4132260


Zum Autor
Hans Hielscher war erschüttert, als er 1955 - als Teenager in Ostberlin - vom Tode Charlie Parkers hörte. Sein Idol kannte er von den Radio-Sendungen der "Voice of America". Später hat er als Auslandsredakteur und -Korrespondent beim SPIEGEL immer wieder über Jazz geschrieben. Über den berichtet er seit seiner Pensionierung für den KULTUR SPIEGEL und auf SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Hans_Hielscher@spiegel.de

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
jazzer 26.04.2015
1. Gregory Porter
ist kein Jazzmusiker. Nur deshalb auch sein Erfolg in Deutschland.
cipo 26.04.2015
2.
"Weshalb gibt es unter den bekannten Jazzmusikern eigentlich keinen Indianer? Weiß jemand eine Antwort?" Schon einmal von Jim Pepper, Oscar Pettiford oder Frank Trumbauer gehört, Herr Hielscher? Pepper stammte von Kaw- und Creek-Indianern ab, Pettiford von Choctaws und Cherokees und auch Trumbauer war ein halber Cherokee. Darüber hinaus sollen u.a. auch Kid Ory, Don Cherry, Jon Hendricks, Miles Davis, Charles Mingus und Charlie Parker "Native Americans" unter ihren Vorfahren gehabt haben.
madtv 26.04.2015
3. Gregory Porter
ist ein sehr solider Sänger der auch gut Jazz singen kann, aber er ist weder einzigartig noch sonderlich innovativ. Ich wunder mich immer wieso jemand wie Jose James nicht ebenso bekannt ist.
criticos 26.04.2015
4. Eine Soulnummer wie
Gregory Porter als bekanntesten Jazzmusiker zu verkaufen - gerade darin besteht das Problem des ggw. Jazz. Gerade eben wurde ein angebliches Jazzfestival durch David Sanborn eröffnet, der einen Soul-/ Funkact im Stil der 1970ern mit einem äußerst primitiven Powerbeat (muscle drummer) abgelieftert hat. Zum Abschluss eine Kinoschnulze -- das Publikum war begeistert.
Sam_Dicamillo 26.04.2015
5. Authenticjazzman
Jazz Sänger sind/waren : Eddie Jefferson, King Pleasure, Mel Torme', Chet Baker, ( hatte auch native american vorfahren), Curtis Stigers, ein absoluter Weltmeister in Skat Gesang, sogar Sinatra, Portet ist keiner.
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